Netrebko & Eyvazov: Theaterverbot für Klassik-Hooligans?

Russische Künstler und ihre Präsenz bzw. Absenz machten die ersten Festspielwochen in Salzburg und Bayreuth zu emotionalen Garküchen. Als Anna Netrebko ihre zweite Adriana Lecouvreur konzertante Vorstellung auf den Salzburger Festspielen aufgrund einer Erkältung absagte und vor Beginn der Aufführung der Kaufmännische Direktor der Festspiele Herr Crepaz obendrein die Indisponiertheit Yusif Eyvazovs ankündigte, der trotzdem auftrat, brannten im Auditorium die Sicherungen durch. Nicht die der Saalbeleuchtung, sondern die der Bussi-Bussi- und Chi-Chi-Zuhörerschaft. Einige der Wohlsituierten oder sich für wohlerzogen Haltenden, die einige hundert Euro in ihre Tickets investiert hatten, um sich ein paar Stündlein zur höheren Klassik-Fan-Entourage zugehörig fühlen zu dürfen, drehten komplett am Rad.

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Was geschah
Laut Salzburger Nachrichten grummelte es bereits bei der Ansage, dass für Anna Netrebko die formidable Chinesin Hui He einsprang. Als Crepaz auf den Gatten Netrebkos, Yusif Eyvazov, zu sprechen kam, war von wohlsituiert und wohlerzogen nichts mehr zu spüren. Man zerriss ostentativ seine Eintrittskarten und schrie üble Schimpfworte ins Publikum. Mancher Schreihals, der die Star-Russin erleben wollte, rief, Eyvazov solle doch nach Haus gehen oder wäre besser sowieso daheim geblieben. Daheim heißt im Falle: Aserbaidschan. Im Falle der pöbelnden Rufer: offen zutage tretende Ausländerfeindkeit.

Eingefleischten Fussballfans würde solch ein Verhalten des Publikums nur ein müdes Lächeln abringen. Im Bereich der Oper und der Klassik ist dies allerdings Regeln sprengend. Buh-Rufe gelten hier schon als grenzwertig, aber gerade noch zulässig. Fäkalsprache und gar Ausländerfeindliches hingegen sind eigentlich ein No Go.

Wie ticken etliche Klassik-Fans?
Ein solches Gebaren wie in Salzburg mit besagten zerrissenen Karten und unverhohlen geäußerter Ausländerfeindlichkeit ist selbst auf der Wiener Staatsoperngalerie unüblich. Eher ist es ein Zeichen dafür, wie etliche Besucher von Klassik-Festivals ticken: gibt man sich im Jubel völkerverständigend, ist man bei Unmutsäußerungen auf Teufel komm raus extrem diskriminierend. Man ist schlichtweg rechtsradikal veranlagt und hält dies nicht einmal mehr aus Respekt vor den Künstlern oder zumindest aus anerzogenem Anstand zurück.

Theaterverbot?
Nun sind die westlichen Gesellschaften der nördlichen Hemisphäre aktuell in weiten Teilen tatsächlich ins rechte Spektrum gerückt, machen der italienische Innenminister oder der US-Präsident rechtspopulistische Diskriminierung gesellschaftsfähig und zu ihrer Staatsräson. Dennoch gibt es keinen Grund, das zu akzeptieren. Personen, die sich in Fussballstadien extrem daneben benehmen, werden auch schon mal mit Stadionverboten belegt. Nachdem missmutige Gestalten der absagenden Netrebko und ihrem Gatten in sozialen Medien vereinzelt gerne ein generelles Fernbleiben von den Bühnen wünschen, könnte man diesen Wunsch auch umdrehen, wenn offen Ausländerfeindlichkeit lauthals wie in Salzburg geäußert wird: Hausverbot mit saftigen Bearbeitungsgebühren. Wenn die Hausordnung das noch nicht zulässt, könnte man sie bald mal anpassen.

Los ging es mit dem von der Bühne pöbeln des iranischen Cembalisten Mahan Esfahani 2016 in der Kölner Philharmonie. Nun 2019 Salzburger Festspiele. Eine andere Reaktion, wie sie Netrebko und Eyvazov gerade zeigen: komplettes Ignorieren, drei Tage vorher und wieder drei Tage später reüssierte die Gattin mit ihrem Mann im selben Haus. Eigentlich die beste Art und Weise, als Künstler mit solchen Diskriminierungen umzugehen. Allerdings scheint das Salzburger Malheur doch nachhaltiger zu sein, als es einem lieb sein will: Eyvazov sagte Auftritte in der Arena von Verona ab, Netrebko ihr Bayreuth-Debüt. Offiziell wegen eines Erschöpfungszustandes. Vielleicht aber auch wegen der vollkommen unerwartet und massiv hereinbrechenden Diskriminierungssituation in Salzburg?

Ignorieren als bessere Strategie
Wenn Ignorieren die Strategie ist, dann erklärt das auch die vielen Geburtstags- und Hochzeitspostings Netrebkos aus Aserbaidschan, ausgerechnet von dort, wo man ihren Gatten sich wohl nach Haus zurück wünschte: beide suchen Solidarität in ihren multinationalen Familien bei lange geplanten Feiern. Denn allen Unkenrufen zum Trotz kollidieren die Feiern datiert vom 6. bis 8. August nicht mit den abgesagten Auftritten in Verona und Bayreuth. Es ist zu befürchten, dass sich zu den Erkältungen nun eine Erschöpfung hinzugesellt, die man einerseits ihren übervollen Kalendern zuschreiben könnte. Aber eben auch den Salzburger Ausfällen gegenüber Eyvazov.

Ein übervoller Kalender scheint auch Valery Gergiev sein Bayreuth-Debüt verhagelt zu haben, er sich dadurch die Konzentration und weitestgehende Probenanwesenheit dort verunmöglichte, was in etlichen negativen Kritiken äußerte: auch wenn beim Nachhören und Nachsichten des BR-Streams ein durchaus sinnvoller Zug und Drive der Gesamtgestaltung erfahrbar ist, so wackeln viele, zu viele Details in der tückischen Akustik Bayreuths.

Ist Russland involviert?
Mit schierem Unverständnis reagierte die russische Kulturpolitik auf diese Kritiken. Ruft sie nun ihr Stimmwunder zurück? Wirre Mutmassung! Anna Netrebko ist Frau genug, um ihre stimmlichen Grenzen zu kennen und ihr Künstlerinnen-Kapital, ihre Stimmbänder zu schonen. Mag ihr Absagen gerade verwundern, so sang sie wunderbar die Adriana Lecouvreur. Mag sie vor ein paar Jahren nur mit Teleprompter ihr Rollen-Debüt in Dresden geschafft haben, zeigte sie mit ihrem Liederabend an der Staatsoper in München, dass sie reif für das deutsche Fach ist.

Nachdem Christian Thielemann der Begleiter ihres Elsa-Debüts war und auch jetzt Lohengrin in Bayreuth dirigiert, wäre eine sicherere Netrebko zu erleben gewesen. Nach den gesundheitlichen und diskriminierenden Verunsicherungen in Salzburg ist es allerdings bei weitem nun die weiseste Entscheidung, den August 2019 lieber im Kreise seiner Familien zu verbringen. Und ja, feiere sie Geburtstage und Hochzeiten genau jetzt! Es gibt nichts schöneres im Leben, abgesehen von so tollen Abenden wie die von Netrebko und Eyvazov – seine schwächere Stimme als die seiner Frau: geschenkt! – in Adriana Lecouvreur.

Anna Netrebko und Yusif Eyvazov gemeinsam in „Adriana Lecouvreur“ in St. Petersburg, 2017; Quelle: Kanal von Polina Glušniova: https://www.youtube.com/watch?v=sTJjYJGs4IE

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1 Antwort

  1. Francesca sagt:

    Deutliche Mißfallensäußerungen gehören zum „Klassik“betrieb wie zu allen öffentlichen Veranstaltungen. Sänger müssen nun einmal mit Buhrufen rechnen, auch die berühmte Netrebko und ihr Ehemann. Abgesehen davon, daß Netrebko keinesfalls reif ist für das deutsche Fach, wie nicht nur ihre Teleprompter-Elsa sondern auch ihre Aufnahme der Vier Letzten Lieder von Richard Strauss zeigten (gerade bei Wagner und Strauss ist es unabdingbar, die deutsche Sprache zu beherrschen), so beweist diese Sängerin in den letzten Jahren einen deutlichen Mangel an Disziplin, Absagen häufen sich.

    Anders als in Bayreuth, wo man Karten für die Aufführung kauft, egal wer singt, wurde diese Adriana Lecouvreur als „Netrebkoevent“ verkauft. Das Publikum wollte nicht in erster Linie Francesco Cilea sondern Anna Netrebko. Nur deshalb waren die Karten so exorbitant teuer. Der Erfahrung nach sind die Zuschauer von Netrebkoevents in erster Linie Netrebkofans, viele Opernliebhaber sehen die derzeit berühmteste aktive Opernsängerin mittlerweile sehr kritisch und können dem Netrebkohype nichts mehr abgewinnen. Netrebko ist eben, so wie Placido Domingo, oder Luciano Pavarotti in seinen letzten Jahren, ein „Klassikstar“ der auch denen bekannt ist, die nichts mit Opern am Hut haben.

    Netrebkos Gatte Eyvazov ist noch ein ganz anderes Kapitel. Selbst Kritiker die Netrebko an und für sich wohl gewogen sind, würden ihn nicht als großen Sänger bezeichnen. Jeder weiß, daß er seine Karriere nur seiner Ehefrau zu verdanken hat. Netrebkos wegen, sind manche Fans bereit, ihn zu akzeptieren, man nimmt ihn eben mit, wenn man Netrebko erleben will. Und die Rufe „Geh nach Hause“, als rassistisch zu interpretieren, ist denn doch ein bißchen sehr übertrieben. Solche Rufe („Geh doch nach Hause“) müssen sich beim Fußball auch „biodeutsche“ Fußballer gefallen lassen, wenn sie schlecht spielen.

    Lustig auch die Bemerkung über die „Solidarität der multinationalen Familie“. Niemand hat Netrebko gezwungen, so viele Termine einzuplanen, und niemand hat sie gezwungen, sich die Stimme mit zu schweren Partien zu ruinieren. In dem Zusammenhang sehe ich eher die Intendanten und Dirigenten in der Verantwortung. Ich wünschte, ein Intendant würde einmal so konsequent sein, sich dem Netrebkokult verweigern und Sängern eine Chance geben, die mehr können. Schon Christa Ludwig machte sich vor ein paar Jahren über den Hype um Netrebko lustig und meinte, es gebe jede Menge bessere Sängerinnen. Aber die Intendanten wollen eben das volle Haus, und das garantiert der Name Netrebko. Und wenn man Netrebko will, muß man eben auch ihren Gatten mitnehmen. Böse Zungen behaupteten schon, Netrebko hätte nur deshalb in Bayreuth abgesagt, weil sie beleidigt darüber war, daß man ihren Ehemann nicht den Lohengrin singen lassen wollte. Im Nachhinein war es ein Glück, das den Wagnerianern Netrebko versagt blieb. Man munkelt auch, daß sie sich die Rolle dort nicht zutraute, weil man in Bayreuth keine Teleprompter hat, und ohne dieses Hilfsmittel wäre sie bei ihrem Dresdner Lohengrin völlig verloren gewesen. Es gibt übrigens viele Österreicher, die es doch sehr merkwürdig finden, daß Netrebko, die schon seit Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft hat (quasi geschenkt bekam), bis heute nicht einmal ein wenig Deutsch spricht. Schon gar nicht genug, um im deutschen Fach bestehen zu können.

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