Das Individuum im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Das Individuum im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

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Walter Benjamin schrieb Anfang des letzten Jahrhunderts einen seiner berühmtesten Aufsätze, der die Medientheorie bis heute entscheidend prägt: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit”.
Inzwischen ist aber ein neues Zeitalter angebrochen: das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Individuen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß.

Das Überwinden der eigenen Sterblichkeit durch das Hinterlassen von Zeichen ist – schon seit den frühesten Höhlenmalereien – einer der wichtigsten Aspekte der menschlichen Kultur. Menschen reproduzieren sich biologisch, aber dies reicht ihnen nicht. Ein Großteil des menschlichen Strebens – das Streben nach Macht, Einfluss, Ansehen, sportlichen Erfolgen, künstlerischer Anerkennung usw. – dient daher letztlich dazu, Zeichen der eigenen Existenz zu hinterlassen. Die Pharaonen ließen Pyramiden bauen, die Kirchenväter ließen Künstler für sich schuften, die Fürsten bauten Paläste und ausgedehnte Parkanlagen, die Generäle wurden in Statuen verewigt…alles Beispiele für das Verlangen nach einer nie wirklich erreichbaren Unendlichkeit des Individuums.
Aus der Dynamik dieses Strebens beziehen menschliche Gesellschaften ihre Energien, sie befeuert unsere Träume und Sehnsüchte und wegen ihr werden Kriege geführt und Dynastien begründet.

Dass dieses Streben nicht nur den Herrschern, Mächtigen und Hochbegabten eigen ist, sondern auch den “Normalbürgern” zeigen schon die Graffitis im alten Rom. „Kilroy was here“ in all seinen Formen entstand zeitgleich mit der Schrift. Die Porträtmalerei war ein frühes Mittel der Selbstverewigung der wohlhabenden Schichten, doch erst mit dem Aufkommen der Fotografie war dies quasi allen Menschen möglich, allerdings immer noch mit Hindernissen: Bilder mussten entwickelt werden und waren alleine privat in einem Fotoalbum verfügbar, es gab noch keinen Weg, ein “hier bin ich” als Existenzbeweis in die weite Welt hinauszuschreien.

Mit dem digitalen Zeitalter hat sich dies geändert: zum ersten Mal ist es allen Menschen auf diesem Planeten möglich, sich mittels Smartphones und allerlei Gadgets zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu „verewigen“ und dies sofort einem potentiell unendlichen Publikum mitzuteilen. Der Bewohner einer brasilianischen Favela kann selbst mit einem billigsten Smartphone jederzeit eine Polizeiaktion in seinem Viertel filmen und bei youtube oder Facebook ins Netz stellen. Wenn Madonna sich bei einem Auftritt versingt, ist dies sofort auf hunderten von Videos zu sehen, und dass innerhalb von Sekunden, nachdem es passiert ist mittels z.B. “Facebook Live”. Es dauert nur Sekunden, eigene Bilder und Tweets hochzuladen, und beim Anschauen einer Webseite poppt schon die Eingabeaufforderung für einen Kommentar auf.

Die meisten Menschen scheinen sich inzwischen nur noch zu spüren, wenn sie im Minutentakt ihre Aktivitäten dokumentieren oder ihren Senf zu einem beliebigen Thema abgeben, wobei die Grenze zwischen “privaten” und “öffentlichen” Tätigkeiten zunehmend verschwimmt. Eine Demonstration wird von Journalisten gefilmt, aber gleichzeitig filmen die Demonstranten die Polizisten und die Polizisten filmen die Demonstranten. Jeder dokumentiert jeden, und mittels Drohnen, Wanzen und eingebetteten Kameras ist dies immer mehr überall und jederzeit der Fall. Wir werden bald ein Stadium erreichen, in dem jeder unserer Schritte und Aktivitäten dokumentiert wird, von der Wiege bis zum Grabe, und wir werden die Art dieser Dokumentation teilweise mitbeeinflussen wollen, alleine schon aus Eitelkeit.

Das hat Konsequenzen für das Selbstverständnis von Künstlern. Künstler sind “Zeichensetzer”, auch ihre Motivation bezieht sich teilweise aus dem Wunsch nach Verewigung. Obwohl es aus Scham selten laut ausgesprochen wird: die meisten Komponisten sehnen sich z.B. nach der Aufmerksamkeit der Nachwelt, fürchten sich vor dem Vergessenwerden, begründen Stiftungen und Archive, um ihr Werk zu erhalten und zugänglich zu machen. Dies war früher ein Privileg – erst durch den Akt der künstlerischen Schöpfung (und vor allem der Befähigung dazu) hatte man eine Chance auf Zeichensetzung, allen anderen Menschen war diese Art von Zeichensetzung nicht möglich. Dies hat sich eindeutig geändert: Milliarden von Menschen können sich jederzeit Milliarden von anderen Menschen präsentieren, ohne dazu ein besonderes Talent zu haben. Jeder kann ein youtube-Star werden, wenn er im richtigen Moment das richtige filmt oder das richtige sagt. Dieser Ruhm währt natürlich nur kurz, aber das ist gar nicht entscheidend, die “15 Minutes of Fame” sind eine stets erneuerbare Währung im Jahrmarkt der weltweiten Nabelschau, selbst schon vergessene Prominente bringen sich mit einem witzigen Tweet zum richtigem Thema plötzlich wieder in den Fokus, aber auch falsche Tweets zum falschen Thema bleiben als Spuren im Netz zurück und können jederzeit eine Affäre auslösen, wie es zum Beispiel James Gunn passierte.

Jeder Mensch ist nun potentiell “Künstler”, die Vision von Beuys wird aber zur Schreckensvision, da es gar nicht um den schöpferischen Akt oder das Verständnis seines eigenen Zaubers geht, sondern alleine um das Präsentieren des Aktes an sich. Das kann ein alberner gefilmter Tanz sein, ein Video-Mem oder ein “Rant” zu irgendeinem politischen Thema, die Qualität liegt in der Zeichensetzung an sich, nicht notwendigerweise im Inhalt des Zeichens. Das “witzige” Internet-Mem kann vollkommen inhaltslos sein, es zeigt vielleicht ein Katzengesicht oder besteht aus einem amüsanten Spruch, Hauptsache es wird geteilt und als Zeichen wahrgenommen. Auch Internetkommentare sind vor allem Zeichensetzungen, die vornehmlich der Selbstbestätigung, keineswegs der Kommunikation dienen. Daher drehen sich vor allem Diskussionen um brisante Themen meistens im Kreise, da es den Diskussionsteilnehmern hauptsächlich darum geht, ihre eigene Meinung als Spur der eigenen Existenz unter etwas setzen zu können, eine Aufgabe, die inzwischen auch sehr leicht Bots übernehmen können, da diese Repetition mittels simpler Algorithmen leicht herzustellen ist.

Wie groß diese Armee der Selbstdarsteller im Vergleich zu Berufskünstlern ist, hat die ausgedehnte Debatte um die Reform des Urheberrechts gezeigt. Die meisten hauptberuflichen Künstler hatten ein leicht verständliches Interesse daran, die Verwertung ihrer schöpferischen Leistungen gerechter zu machen, die Angst vor “Uploadfiltern” mobilisierte aber unzählige Hobbykünstler (Podcaster und Videoblogger z.B.) und deren Follower, denen es gar nicht um die Entlohnung sondern allein um die schnelle und möglichst unkomplizierte Zeichensetzung geht – da wird das Urheberrecht und die damit einhergehende mögliche Limitierung der Selbstdarstellung als größere Gefahr empfunden, als dass tatsächlich von ihren schöpferischen Leistungen abhängige Menschen darben.

Was das für Konsequenzen für die Kunst der Zukunft hat, ist noch nicht in vollem Umfang abzusehen, aber es ist schon jetzt zu bemerken, dass es Veränderungen gibt. Auffällig ist ein erhöhtes Aufkommen von Komponistenkollektiven oder Ensembles, in denen die Individuen zurücktreten, die mediale Dokumentation und Verewigung aber als Kollektivarbeit verstanden wird, von der alle profitieren. Der Akt der Verewigung wird also zum ästhetischen Eigenwert, der mehr Bedeutung bekommt, als die Behauptung einer individuellen Position. Ebenso fordert die Gesellschaft zunehmend die Identifikation mit einer übergeordneten Idee ein, die den Namen einer Partei tragen, oder auch als eine politisch korrekt empfundene Haltung sein kann. Eine kompromissbereite oder abwartend reflektierende Position gilt als schwach, starke, einfache und klare Worte dagegen als überlegen, selbst wenn diese im Falle von Populismus eindeutig als manipulativ, außerordentlich dumm oder komplett erfunden zu erkennen sind. Parteien und Peer Groups nehmen also Stellvertreterfunktion ein und ermöglichen eine kollektive Zeichensetzung, derer man sich jederzeit durch copy und paste – zum Beispiel durch das Teilen einer provokanten Meldung auf sozialen Medien – zum schnellen Lustgewinn bedienen kann.

Als ein exemplarisches Werk in der Neuen Musik, das dieser Entwicklung Rechnung trägt, kann zum Beispiel „Acceptance“ von Alexander Schubert betrachtet werden. In diesem Stück erklingt kein einziger Ton Musik, stattdessen stellt der Komponist einer Musikerin eine Aufgabe, die diese zu erfüllen hat und die ausführlich als “Zeichen” dokumentiert wird. Auch die Aufgabe selber ist ein “Zeichen”: die Klarinettistin Carola Schaal muss mit ihren eigenen Händen und mit wenigen Hilfsmitteln Holzkreuze zusammenbauen, die sie um einen Bergsee herum im Verlauf mehrerer Tage aufstellt. Alexander Schubert dokumentiert diese Aktion mit seiner Videokamera, das ist alles. Der symbolische Charakter des Kreuzes wird hier schon durch die Nüchternheit der Aktionen (man sieht vornehmlich, wie Carola Schaal beim Kreuzebauen flucht oder erschöpft schweigt) vollkommen negiert, er wird auch nicht als Eigenwert benutzt. Auch die potenziell selbstreinigende Kraft der archaisch anmutenden Aktion wird nicht weiter thematisiert, man sieht Carola Schaal nur während der Aktion, nicht geläutert danach. Am Ende des Videos deutet Schubert mittels einer grafischen Simulation an, dass es ihm um eine rein visuelle Idee ging, die allerdings nicht konkret realisiert wurde, stattdessen aber ist das Video selber die Verewigung des Versuchs einer Verewigung, die wiederum durch Teilen auf sozialen Medien oder durch die Aufführung auf einem Festival verewigt wird. Ein Spiegel im Spiegel sozusagen, das Medium reflektiert seine eigene Medienwerdung, eine sich selbst replizierende Endlosschleife. Ob diese Endlosschleife der Selbstdokumentation das letzte Wort in der Kunst sein wird, werden die kommenden Jahre zeigen.

Moritz Eggert

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