Daniele Gatti 2019 beim BRSO – Nein, so nicht, Herr Pont!

Nein, nein und nein! Liebes Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und lieber Manager Nikolaus Pont. Ich nehme Ihnen nicht ab, dass Daniele Gatti unbedingt einzuladen ist. Ihre Position, „es gibt Geschichten, die man gelesen hat, das stimmt, aber letztendlich handelt es sich bei Daniele Gatti um einen rechtlich gesehen unbescholtenen Menschen und Musiker“, mag rechtlich einwandfrei sein. Genauso könnten Sie allerdings auch ein Glitzer-Medley von Michael Jackson ohne kritische Zwischentöne während der Medley-Aufführung begründen. Die klassische Musik, das Musikbusiness der klassischen Musik möchte junge Menschen gewinnen, das Schöne, Gute und Wahre den nachfolgenden Generationen weitergeben. Und benutzt dazu doch Persönlichkeiten, deren moralische Integrität angegriffen ist, deren moralische Integrität noch nicht wieder vollkommen hergestellt ist.

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Es geht bei den Vorwürfen nicht um Drogen, Steuern, Beleidigung oder Faustkämpfe. Es geht um die Anschuldigung, das Machtverhältnis „Dirigent“ vs. „Untergebene“ ausgenutzt zu haben, um drastisch ausgedrückt neben jeder Paragrafenreiterei als Mann mit seinen Körperteilen in die Körperöffnungen der Untergebenen mutmasslich einzudringen. Würde das Ihren Angehörigen widerfahren, würden Sie es auch vor allem als moralische Frage begreifen, um drastisch zu bleiben?

Zur Erinnerung hier die beiden, gravierenden Vorwürfe:
a) Alicia Berneche, 1996: Gatti bot Coaching an, sie folgte ihm in seine Gaderobe und statt zu proben, fand sie seine Hände an ihrem Hinterkopf und seine Zunge in ihrem Rachen wieder (“his hands on my rear end, and his tongue down my throat.”). Dass sie das schwer bewegte, bestätigte der recherchierenden Washington Post der Freundeskreis der Sängerin: „One of Berneche’s friends confirmed to The Post that the singer had talked about the experience at the time.“

b) Jeanne-Michèle Charbonnet, Sopran, erlebte Ähnliches in Bologna, 4 Jahre später: sie stieß ihn weg und rannte aus dem Raum („I pushed him off and ran out of the room”). Auch hier bestätigte die Glaubhaftigkeit zum Zeitpunkt der Tat ein Freund der recherchierenden Washington Post: „A friend of Charbonnet’s told The Post that she had told her about the incident, many years later.“

Daniele Gatti entschuldigte sich nach dem Erscheinen des Washington Post Artikels zuerst, sagte schließlich nichts mehr, verlor seinen Concertgebouw-Posten, streitet sich hinter verschlossenen Türen mit dessen Management. Geklärt ist bisher: nichts.

Hütet Euch vor Musiker-Zungen!

Wenn man bei den Ein- und Auslassungen Gattis bleibt, sind eigentlich auch diese nur „Geschichten“ im Sinne des BRSO-Managers. Aber Herr Gatti ist eben Dirigent, in seinen besten Jahren, weltberühmt, vertraglich höchstwahrscheinlich schon längerfristig an seine BRSO-Engagements gebunden. Wäre er irgendein BRSO-Orchesterwart, den diese Frauen beschuldigt hätten, wäre er mutmasslich längst zum Rundfunkorchester versetzt, suspendiert oder gekündigt worden.

Auch von den beiden Sängerinnen und potentieller Absagen oder Probleme mit ihnen als aktive, vertraglich gebundene Persönlichkeiten muss sich das BRSO-Management nicht mehr fürchten: Alicia Berneche tritt in Europa gar nicht in Erscheinung, obwohl sie eine beachtliche US-Karriere hinlegte, vor allem mit zeitgenössischer US-Musik. Jeanne-Michèle Charbonnet ist zwar immer noch sehr aktiv, aber spielt für das BRSO anscheinend keine Rolle. Ob sie eine „Unbedeutende“ ist? Sie sang 2008 die Goneril in Aribert Reimanns „Lear“, 2005 eine vielbeachtete Isolde in Wagners Tristan und Isolde in Genf, 2010 spielte sie mit Valery Gergiev die Strausssche „Elektra“ ein.

Wie man sieht: vollkommen unbedeutende Sängerinnen. Ironie aus! Herr Pont, wollen Sie hier ernsthaft behaupten, diese beiden Sängerinnen hätten es nötig, sich namentlich in die Washington Post-Zeilen zu begeben, weil sie wenig Karriere in ihrem Leben gemacht hätten? Das sagen Sie nicht. Aber indem Sie sich das Engagement Daniele Gattis schönreden, die beiden Sängerinnen zumindest in den Berichten zu ihrer Pressekonferenz nicht erwähnt werden, aber Ihrer Argumentation in der Sache breit Platz gegeben wird, wirft sich die Frage auf, warum Sie zum Ausgleich nicht zumindest die noch aktive Jeanne-Michèle Charbonnet die kommende Spielzeit einladen? Nein: sie ist bei einer einfachen Google-Suche und Programmrecherche leider nicht im Zusammenhang mit Ihrem Orchester in aktuellen Engagements zu finden!

Dafür beschäftigten Sie letztes Jahr Daniele Gatti. Und jetzt eben wieder. Und 2020 auch wieder, und 2021? Das wissen wir in einem Jahr. Wie gesagt: rechtlich ist Ihnen nichts vorzuwerfen. PR-technisch werden Sie dafür auch in Schutz genommen. Aber was ist mit Ihrer Moral? Was ist mit dem Schönen, Guten und Wahren der klassischen Musik? Und warum Herrn Gatti besser behandeln als einen verfehlenden Orchesterwart? Wollen Sie damit klassische Musik für junge Menschen beliebter machen, wo genau dieses Musikgenre eine heilige Aura hat, ihre jugendlichen Stars als unberührbare Engel oder ganz liebe, nette Burschen und Madeln von nebenan vermarktet werden? Warum dann eben nicht Jeanne-Michèle Charbonnet einladen und mehr als eine Dirigentin große Konzerte dirigieren lassen?

Es ist wohl der Diridari, der ja vollkommen moralfrei ist, siehe unsere Münchner Fussballmanger, siehe die Cum-Ex und Cum-Cum, die man am besten nicht englisch aussprechen sollte in Zusammenhang mit meinem ernsten Thema. Herr Pont: ich bin von Ihnen masslos enttäuscht und irgendwie ekelt mich das „nur Geschichten“-Gedöhns noch massloser an. Da hilft der hübsche Disclaimer überhaupt gar nichts: „Gatti sei zur Verantwortung zu ziehen, sollten sich die im Raum stehenden Vorwürfe als richtig herausstellen.“ Engagieren Sie zumindest die Sängerinnen oder lassen Sie das Gedöhns einfach bleiben!

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