Daniele Gatti: Heilige und Dirigenten I

Im Juli 2018 erhoben Musikerinnen in einem Artikel der Washington Post Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den Dirigenten Daniele Gatti. Als sich wenige Tage im Concertgebouw Orchester Amsterdam Stimmen einstellten, dem Gatti damals als Orchesterchef vorstand, welche ihm unangemessenes Verhalten mit Orchesterkolleginnen vorhielten, kündigte ihm das Orchestermanagement. Kaum fünf Monate später ernennt ihn das Teatro dell’Opera Rom zu seinem neuen musikalischen Leiter. Wie kann das sein? Die Vorwürfe, die er vehement bestreitet, sind noch nicht geklärt, des Postens bei einem der weltbesten Orchester verlustig, mit Konzertabsagen unter anderem der Berliner Philharmoniker, die das mit seiner maladen Gesundheit begründen, und wie ein Phönix wiederauferstanden?

Werbung

Die New York Times fragte in Rom nach – die Antwort der Oper: die Vorwürfe aus der Washington Post lägen 20 Jahre zurück, es gäbe keine reguläre Strafverfolgung und man habe die Vorwürfe geprüft. Die Times fragte auch in Amsterdam nach: Rom hatte sich überhaupt nicht beim Concertgebouw gemeldet. Das hatte immerhin das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks getan, wo Gatti im Herbst gastierte. Und hatte nur die Antwort bekommen, dass man aus rechtlichen Gründen schweigen müsse.

Man versteckt sich also gegenseitig von Orchester zu Oper zu Rundfunkanstalt hinter ängstlicher Verantwortung. Ja, Daniele Gatti streitet die Vorwürfe ab, in München meldeten sich keine negativen Stimmen aus dem Orchester, im linkspopulistischen Rom bzw. rechtspopulistischen Italien hält man sowieso nichts von metoo, wenn es sich nicht gerade günstig verwerten lässt. Gattis Amsterdamer Entlassung passte dem Teatro dell’Opera dafür wunderbar in den Kram, da man sich einen Dirigenten mit diesem künstlerischen Renommee nie hätte leisten können.

Apropos Renommee: Alicia Berneche, eine der beiden Frauen, die ihm offen sexuelle Übergriffe vorwarfen, sagt gegenüber der Times, dass Gatti der erste Dirigent von Rang war, dem sie als Neuling 1996 an der Lyric Opera in Chicago begegnete. Am ersten Tag am Theater habe Gatti ihren Busen gegrabscht und seine Zunge gegen ihren Willen in ihren Hals gesteckt. Sie fragt, wann kommt seine Buße?

Man hat den Eindruck, dass die Klassik-Szene selbst bei schwersten Vorwürfen gegen Dirigenten mit ihnen lieber weiterarbeitet als mit den Opfern, wie es sich im Falle Gattis zeigt. Die Opfer, oftmals Sängerinnen, müssen sich von Engagement zu Engagement einem knallharten Wettbewerb aussetzen, die renommierten Dirigenten hofiert man dagegen weiterhin, wenn auch eine Etage tiefer. Wenn das so läuft, keine gerichtlichen Anklagen und Urteile existieren, bleibt nur beten und hoffen.

Das bringt mich auf die folgende Idee: Daniele Gatti begann seine Karriere als Musikdirektor des Orchesters der Accademia Nazionale di Santa Cecilia. Nachdem sich die Musikszene in Sachen metoo so langsam weiterentwickelt wie die verschleppten Tempi der wiederentdeckten Renaissance in Aufführungen des musikalischen Cäcilianismus, könnte man die Oper Rom ebenbürtig nach einer Heiligen umbenennen, solange Gatti dort musikalischer Leiter ist. Damit hat die Accademie mit St. Cäcilia eine Heiligen-Schwester. Für den Dirigenten fühlt sich dann der kleine Karriereknick versüsster an, wo ihn die Heilige an seine Anfänge erinnern wird. Allerdings mit einem gewaltigen Wermutstropfen: Santa Maria Goretti. Diese ist keine Muse, sondern die Schutzpatronin der Vergewaltigten.

Bevor Goretti aus der Nähe von Ancona Anfang des 20. Jahrhunderts an den Folgen eines schweren Sexualverbrechens verstarb, verzieh sie noch ihrem Täter, der nach vielen Jahren im Gefängnis sich durch Goretti religiös gerettet fühlte. Goretti wurde in den 50ern heilig gesprochen. Vielleicht widerfährt dann Gatti irgendwann Ähnliches, wenn er sein Dirigat dieser Heiligen widmen sollte und anerkennt seine, wenn auch sehr viel geringere, Schuldigkeit gegenüber seinen mutmasslichen Opfern. Das wäre neben öffentlichen und medialen Untersuchungen die beste Folge: Annahme und Akzeptanz der eigenen Schuld. Möge ihm Santa Maria Goretti dazu beistehen.

Heilige und Dirigenten – Santa Maria Goretti

Author profile
Komponist | Website

KomponistIn

Werbung

3 Antworten

  1. Paul Peking sagt:

    Warum soll Rom „linkspopulistisch“ sein? 5 Stelle sind nicht links. Nie gewesen, jetzt noch weniger.

  2. Peter Knipfer sagt:

    Anmerkung des Autors des wohl fälschlich kommentierten Blogs: Sie wollten wohl hier kommentieren, gerne dort nochmals versuchen, bei Moritz Eggert, – hier ging es um Daniele Gatti! Hier der korrekte, zu kommentierende Text: https://blogs.nmz.de/badblog/2019/01/27/erneutes-lob-der-provinz/. Liege ich falsch, dann bitte ich meine Intervention zu entschuldigen, Alexander Strauch

    Mich als ebenfalls jugendlichen noch-Schüler (18 Jahre) verwundert ehrlich gesagt die positive Resonanz:

    Meiner Ansicht nach sollte Musik immer das Ziel haben, „U-Musik“ zu sein – und das sage ich als durchaus musikalisch nicht uninteressierter Mensch (ich höre v.a. Mahler, Schostakowitsch, Bartok, Hindemith, Berg hat auch einige Werke nach meinem Geschmack komponiert. Von den „neueren“ Komponisten v.a. Esenwalds, Pärt, Rutter und wegen der tollen Werke für Solo-Viola Ihre Kollegin Gourzi – sie alle eint, dass ich mich von ihnen unterhalten fühle.)

    Daher habe ich so meine Schwierigkeiten mit Ihrer Herngehensweise, mit dieser Aktion sich mal vom Elfenbeinturm herab auf das Niveau des Pöbels herab zu begeben, um uns das Wesen der wahren Kunst zu vermitteln (entschuldigen Sie bitte die Polemik…). Ok – das war sicherlich nicht Ihre Absicht und sehr überspitzt ausgedrückt, daher entschuldigen Sie das bitte, sollten Sie sich angegriffen fühlen, aber ich wusste nicht, wie ich meine Botschaft in andere Worte hätte verpacken können.

    Auch mit Ihrer Forderung, die Operspielpläne zwanghaft mit Neuer Musik füllen zu wollen, habe ich meine Probleme: Ich bin mir sicher, dass die allgemeine Vernachlässigung neuerer Opern weniger mit dem (2018) hinter dem Titel der Oper zusammenhängt, als dass eine aktuelle Oper mich einfach nicht unterhält. Mich zumindest hat ein intellektuell-provokantes Werk der zeitgenössischen „E-Musik“ noch nie so angesprochen wie z.B. Oedipus Rex oder Bergs Woyzeck. Im Gegenteil: Ich finde Ihre Art und Weise der Provokation eher gezwungen und von einem zu intellektuellen Ansatz geprägt. Das Argument, Musik habe ja jederzeit neue Elemente aufgewiesen und die großen Meister wurden zu Lebzeiten auch nicht verstanden, halte ich fpr verfehlt. Die Möglichkeiten, die Grenzen zu sprengen, sind meiner Ansicht nach ausgereizt – mich können Sie nicht dazu provozieren, Ihnen eine Watsche zu geben. Ich glaube, dass ich damit für einen Großteil meiner Generation sprechen, die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dieser Musik ist zumindest an meiner Schule (nicht-musisches Gymnasium) im Musikunterricht prinzipiell vorhanden, das fehlende Interesse für zeitgenössische Musik auf die Ignoranz der jungen Leute zu schieben, halte ich daher für zu kurz gedacht.

    Ich will Ihnen keinenfalls zu nahe treten, aber andererseits will ich Ihnen nicht unnötig Honig ums Maul schmieren, was ja sicherlich auch nicht die Absicht bei dieser Aktion war. In dem Sinne würde ich mich freuen, wenn Sie hierauf antworten könnten oder mich sogar vom Gegenteil überzeugen könnten!

  3. Lieber Peter Knipfer, auf welchen Artikel von mir beziehst Du Dich? Ich kann mich nicht erinnern, je dem Publikum grundsätzlich Ignoranz vorgeworfen zu haben, vor allem nicht den „jungen Leuten“, ich möchte auch nicht die Opernspielpläne „zwanghaft mit Neuer Musik“ füllen, sondern die Angst vor genau dieser Musik verringern, indem sowohl Kompositionen wie auch Spielpläne aktueller und auch welthaltiger werden. Das sind Perspektiven und Anregungen, Diskussionsgrundlagen vornehmlich, aber keine Dogmen. Und vor allem nicht „vom Elfenbeinturm“ herab, denn der hat mich nie interessiert…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.