Der Nebenjob des Professors: Amazon-Playlist-Psychologe

Natürlich ist es ganz normal, wenn bei den ganzen Anbietern von Musikstreaming-Diensten mehr oder weniger Prominente Menschen sogenannte Playlisten kuratieren, wie es so heißt. Früher einmal hätte man gesagt: „Mach‘ mir doch mal eine Mix-Kassette. Ich habe Kummer.“ Nur hätte man da seine beste Freundin oder seinen besten Freund – oder im Zweifel auch jemanden, der einfach ziemlich viel Ahnung von Musik (ggf. sogar ein/e Freund/in ist) hat – gefragt. Nur hat man den eigentlich nicht „Kurator/in“ genannt, sondern einfach Stefan, Christoph, Petra, Schwester oder Bruder.

Werbung

Sorry, das geht echt nicht mehr. Der Kurator, die Kuratorin muss da ran. Und jetzt wie bei Amazon sogar der Präsident der Gesellschaft für Musikpsychologie himself. Amazon kündigt das folgendermaßen an:

„Mit der Hilfe des führenden Musikpsychologen Prof. Dr. Michael Oehler der Universität Osnabrück und einem Team aus wissenschaftlichen Mitarbeitern entstand die wissenschaftlich geprüfte Playlist ‚Liebeskummer heilen‘ [Achtung: Ist ein Link der zum Angebot von Amazon führt und vermutlich automatisch einen Kauf und ein Abonnement auf Lebenszeit auslöst, ich sags ja nur zur Sicherheit], die alle Eigenschaften eines positiven Heilungsprozesses fördert.“

Ja, wissenschaftlich geprüft. In dreieinhalb Stunden wird da Liebeskummer geheilt. Den Begriff  des „Wissenschaftlichen“ darf man, nein, muss man dabei sehr ernst nehmen. Dazu ist es beispielsweise extrem gut, zu differenzieren. Das erzeugt den Geist des Wissenschaftlichen. Man muss sortieren, mixen – mischen und ordnen. Das darf man sich durchaus wie im Labor eines großen Arzneimittelherstellers vorstellen, der Wasser als „Heilwasser“ verkauft. So etwa sieht Wissenschaft im Bereich der Musikpsychologie aktuell aus:

„Das wissenschaftliche Team identifizierte vier unterschiedliche Phasen, die nach einer Trennung auftreten: Trauer (‚Mein Leben ist zu Ende‘), Verdrängung (‚Seht her, mir geht‘s gut‘), Akzeptanz (‚Ich muss damit leben‘) und Weitermachen (‚Auf zu neuen Zielen‘). Um diese Emotionen mit Musik zu verknüpfen, wurden diese Phasen in zwei unterschiedliche emotionale Profile zusammengefasst. Trauer und Akzeptanz definieren dabei die melancholischere ‚Alone Again‘-Phase, während die scheinbar positiv wirkende Verdrängung und die optimistische neue Zielsetzung in der ‚Move On‘-Phase stattfinden. Danach wurden Songs gesucht, die die Charakteristika dieser emotionalen Phasen abbilden.“

Kennerinnen der Musikgeschichte wird das Prinzip nicht unbekannt vorkommen. Das ist so etwas wie: „Durch Nacht zum Licht“. Nur halt auf „wissenschaftlich“. Wenn man so differenziert, kann man übrigens auch an Eingemachte gehen. Was also heißt das konkret? So in Beats per Minute (BPM)?

„Songs, die der Phase ‚Move On‘ zugeordnet sind, sind im Durchschnitt 10 bis 20 BPM (Beats pro Minute) schneller als Lieder der Phase ‚Alone Again‘ …“

Jetzt mal langsam. Und dann noch langsamer – Obermegasuperhypergrave. Genau und bei den Stücken der Phase „Alone again“ dann noch langsamer.

Na, klar. Tippfehler. Kommt schon vor. So! Der Professor und sein Team können punkten.

„Die in der Playlist vereinte Musik der Phasen ‚Alone Again‘ und ‚Move On‘ unterscheidet sich wissenschaftlich messbar in wesentlichen akustischen Parametern wie beispielsweise dem Tempo.“

Das ist neu. Das habe ich nicht gewusst. Gut, dass wir Musikwissenschaftlerinnen haben, die solche Sätze beipacken können. Sogar Professorinnen und Präsidentinnen. Musikpsychologievermittlungspsychomarketing. So was. In der Art.

Es fehlt nur noch der Hinweis darauf, ob klinische Studien schon nachweisen konnte, dass am Ende des Hörens wenigstens auch der Liebeskummer geheilt ist. Also auch wirklich richtig belastbar nachweislich. Denn die Sache ist im Zweifel ja nicht umsonst. Und für gewöhnlich bedeutet geprüft: „Geprüft“, gerade wissenschaftlich gesehen.

Arbeitsplatz einer Soundkünstlerin. Foto: Hufner

Arbeitsplatz einer Soundkünstlerin. Foto: Hufner

Abwarten: Sicher wird sich Hans-Georg Maaßen in seiner BILD-Kolumne eingehend dazu äußern. Und abwarten, wie unsere Kuratorinnen von Idagio und Grammofy darauf reagieren werden. Und übrigens – in Richtung Moritz E. – es ist sozusagen nur aktuelle Musik dabei, zwar handelt es sich um keine Uraufführungen, aber fast. Sicher einiges dabei, was jemand noch nie gehört hat.

Chefmitarbeiter bei | | + posts

seit 1997 chefökonom der kritischen masse und netzbabysitter der nmz.

Werbung

Martin Hufner

seit 1997 chefökonom der kritischen masse und netzbabysitter der nmz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.