Applaus verlängernde Massnahmen für Komponierende

Nicht neu, aber bemerkenswert, leider nicht einmal für die hessische BILD: „Komponist Kreidler fordert auf den Darmstädter Ferienkursen 2018: ‚Weg mit dem Applaus’“! Recht hat er. Und doch auch nicht. Zum einen kann Applaus die Stimmung, das Nachhören, Nachdenken nach einem eindrucksvollen Stück oder einer eindrucksvollen Aufführung zerstören. Zum anderen ist Applaus oder im Extremfall Pfeifen und Buhen der einzige Moment, den das Publikum im Normalfall zur interaktiven Mitwirkung in einer Aufführung hat.

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Das ist per se Konvention. Selbst wenn ein Stück seinerseits damit interagiert oder das Publikum anderweitig miteinbezieht, ist der Rahmen eines Konzerts in der Regel gesetzt. Das hat nichts mit bürgerlich oder aufklärerisch zu tun: wenn eine Aufführung, ein Auftritt, ein Abschnitt einer Aufführung vorüber ist, es gefiel oder missfiel, gibt es Publikumsreaktionen, sei es Schnalzen, Schreien, Stampfen, Rufe, Trampeln oder eben Klatschen.

Wir kennen alle die Gelegenheiten, wo Klatschen unerwünscht ist: in bestimmten sakralen Kontexten, nach Bachschen Passionen, nach dem ersten Akt Parsifal oder im ehemaligen Verein für musikalische Privataufführungen des Wiener Schönbergkreises. Ich für meinen Teil fand das nach den Passionen oder eben dem ersten Akt Parsifal so maniriert, dass ich froh war, wenn sich doch Applaus die Bahn brach – da bin ich zu katholisch geprägt, wo direkte Regungen, nicht erst durchreflektiert wie bei protestantisch Geprägten, also Jubel und Applaus immer schon in gewissen Zusammenhängen eingebettet sind, von der erfolgreichen Papstwahl bis zum ausdrücklich durch den Pfarrer angeregten Beifall für das Brautpaar oder die Musikaufführenden.

Komponistinnen und Komponisten, die nicht oder nur selten auf der Bühne als Interpreten stehen, könnten tatsächlich ein hinreichender Grund für ein Applausverbot sein. Die besonders schüchternen oder auch stoffeligen Kolleginnen und Kollegen unter uns schaffen es nicht einmal auf die Bühne. Man kennt zur Genüge Situationen, wo die Solisten, die musikalische Leitung oder das Ensemble suchend und winkend ins Publikum blicken und der/die Komponist/in nicht auszumachen ist. Ganz selten liegt das daran, dass er oder sie den Saal nicht betreten konnten oder wirklich wütend über die Aufführung wären. Wenn man nur schüchtern ist, steht man dann doch irgendwann verdruckst auf. Oder man hat ohne Lesen dieses Textes bereits die erste und sehr riskante Applaus verlängernde Massnahme verinnerlicht: solange nicht in Erscheinung treten, bis das Herauswinken fast vorüber ist.

Die Königsdisziplin beherrschen nur ganz wenige KollegInnen: tatsächlich den Wunsch der Personen auf der Bühne Dich auf dieselbige zu bitten verstreichen lassen und dann doch noch aufspringen, am Besten vom Publikum „da ist sie/er doch“ „gefunden“ werden und zu guter Letzt sich nach vorne oder gar auf die Bühne bemühen. Man kann sich dann so richtig im verzweifelten Suchen der Musiker, im Auffinden durch das Publikum und dem nochmals aufbrandenden Applaus allseits geliebt fühlen. Wobei Personen, die einen bei dieser Show bereits öfters miterlebten, werden irgendwann unschöne Anekdoten darüber verbreiten.

Wie in der Musik besteht im Applausverlängern die Kunst in der Variation bzw. der Anpassung des Verhaltens an die Situation. Wenn sich alle kennen und gern haben, dauert der Applaus in Aufführungen Neuer Musik mit anwesenden Komponisten in der Regel 20 bis 30 Sekunden: jeder huscht schnell auf die Bühne schüttelt jemand die Hand, verneigt sich kurz und applaudiert seinerseits dem Ensemble und verlässt dabei schon wieder die Bühne. Wenn wenigstens jemand Bravo ruft, kann man sich etwas mehr geliebt als die anderen vorkommen. Wenn man externer Gast ist und auf eine ihren Guru mehr als die anderen feiernde Festivalfamilie stösst, ärgert man sich vor allem dann, wenn das nach dem Slot des eigenen Werkes passiert. Geschieht die lokale Liebesbezeugung davor und möchte man damit halbwegs gleichziehen und weiß man, dass das die Qualität des eigenen Stückes und/oder der Interpreten nicht automatisch von sich bewirkt, ist es Zeit für massvoll eingesetzte Applaus verlängernde Massnahmen.

Am besten setzt man sich entgegen der vom Veranstalter erhaltenen Platzkarte ganz nach hinten, sollte einmal nicht freie Platzwahl angesagt sein. Das führt mitunter schon zum oben beschriebenen erfolglosen Suchen des/der Komponisten/in durch die Personen auf der Bühne, wenn diese wissen, wo man eigentlich sitzen sollte. Springt man dann schnell auf, hat man die Sympathien der Leute da vorne noch nicht verspielt. Im Gegensatz zum Lokalmatador hat man nun den längeren Weg. Erreicht man die Bühne zum Beispiel von der rechten Seite, dann geht man am Besten links nach vorne. Auch wenn man Rechts sitzt, quält man sich durch die Sitzreihe nach Links. Oder man rennt noch besser an der hinteren Reihe nach Links und erst vor der vordersten zuletzt nach Rechts.

Ganz sportlich Springen auf die Bühne. Das mag allseits „Ohoho“-Rufe auslösen, wenn das Manöver halsbrecherisch wirkt. Sollte man nicht im ersten Anlauf heraufkommen, dann muss man sich sehr sicher sein, dass die Personen auf der Bühne einen heraufziehen und das nicht lächerlich für das Publikum aussieht, sondern einen Anflug von Mitleid mit dem/der Elfenbeinturmkünstler/in hervorruft. Und ganz wichtig: sich nicht zu schnell retten lassen, sondern fast noch einmal herunterpurzeln.

Wenn Stufen auf die Bühne führen und man lieber diese geht, wie gesagt, erst über die gegenüberliegende Seite nach vorne Gehen. Und dieses Gehen nicht schlurfend, es sei denn, man ist bewegungseingeschränkt. Aber auch nicht rennend. Oder so rennend, wenn man etwas zu untergross und übergewichtig ist, dass auch hierbei ein Ohohoho-Moment über die plötzlich an den Tag gelegte vorsichtige Sportlichkeit im Saal aufbrandet. Selbst wenn man kerngesund ist, sollte man einigermassen bestimmt, aber nicht rennend nach vorn gehen oder langsam traben.

Sollte man am Veranstalter oder dem berühmtesten Komponisten im Saal oder nur dem Lokalmatador vorbeikommen, kann man ihm kurz die Hand schütteln. Allerdings erfordert das sehr viel Selbstbewusstsein in dieser Situation des Tunnelblicks. Aber das kommt immer gut an, weil man als sich gleich Verbeugender quasi dem/der Vorgängerin seine Referenz erweist. Sollte diese Person zudem sich zuvor schlecht gegenüber einem verhalten haben, kann man sie hübsch vor dem Publikum ärgern. Nur als altersstarrer Mensch würde man sich dem vor so vielen Menschen zu verschliessen trauen.

Nochmals zu den Stufen: niemals zwei nehmen, einer nach der anderen nehmen, nicht zu langsam, aber doch bedächtig – betritt man doch für das Publikum auch eine Art Schafott, mag es auch das des Erfolgs sein. Wenn man gekonnt beim Erklimmen der Stufen stolpert, sich wieder aufrafft, hat man wieder etwas Zeit gewonnen und Sympathien, dass man noch lebt.

Ist die Bühne über einen kurzen Umweg über den Hinterbühnenbereich zu betreten, kann man das oben Beschriebene auch im Saal anwenden. Wenn man dann kurz vor Betreten der Bühne nochmals fünf Sekunden Luft holt, ähnelt das latent dem Stufenstolpereffekt. Wer selbstbewusst ist, lässt sich zehn Sekunden dafür Zeit. Das Publikum und die Interpreten wissen ja, dass man unterwegs ist. Sie machen sich dann kurz Sorgen, ein wenig wie beim Magier, der seine Assistentin in der Kiste zersägt und man kurz die Luft anhält, bevor dann die einzelnen Körperteile hoffentlich bald zu winken beginnen.

Auf der Bühne sollte man sich auch ein bisschen verirren. Selbst wenn man dem Konkurrenten im Saal seine Referenz erwies, so darf man auf der Bühne einmal noch die falsche Gasse wählen. Dann aber muss man in die richtige einfädeln. Und hier beginnt die nächste Applaus verlängernde Massnahme: die Arme Richtung Solisten oder Dirigenten nach vorne werfen, dabei stehen bleiben, dann die Hände ans Herz. Oder umgekehrt. Nun geht es stracks nach vorne weiter. Bevor man sich verneigt, jedem Solisten die Hand schütteln oder einen trockenen Wangenkuss oder ein entsprechendes Schulterklopfen vornehmen. Der musikalischen Leitung die Hand schütteln, irgendwas sagen, nochmals um den Hals fallen. Dann den ersten Pulten des Ensembles danken, ruhig von Pult zu Pult gehen und die Hände schütteln. Daraufhin nochmals dem Hauptinterpreten die Hand schütteln.

Dabei streift man kurz die Aufmerksamkeit des Publikums. Aber man verneigt sich mit dem Rücken zum diesem erst vor dem ganzen Ensemble. Und egal ob das gut spielte oder nur Schrott fabrizierte: nach der ersten Verbeugung gleich nochmal, ja, nach links, mittig, nach rechts. Und jetzt kommt er, der große Moment, wo man nicht so sehr den Erfolg des Stückes, die Zuneigung des Publikums oder dessen Hass geniessen sollte. Nein! In dem man sich vor dem Publikum verneigt, verbeugt man sich vor sich selbst und allen korrekt angewandten Applaus verlängernden Massnahmen.

Dann geht man meist mit den Interpreten gemeinsam ab. Am besten als Letzter. Im Backstage gibt man denen kurz einen „wartet ab“ Zeichen und geht nochmals allein raus und verbeugt sich nicht nur in eine, sondern mehrere Richtungen, bei Orchesteraufführungen auch nochmals zum Orchester. Wenn die Interpreten zurückkehren, oder noch besser, man bittet sie nun seinerseits auf die Bühne zurück, auch wenn sie vor Übertölpelung durch die Einzelaktion gar nicht mehr rauswollen. Denn nun beginnt das Blumenstraussspiel!

Wenn die Blume überreicht wird, der Blumenstrauss über einen kommt, hat man es auf ärmeren Festivals oft mit etwas tranigen Blumenverteilerinnen zu tun. Jedes Applaus-unbewusste Ensemble bekommt 2/3 seiner Blumen oft erst beim Abgang. Gerade wenn die Blumenverteilerinnen oder Blumenverteiler herumdümpeln, nimmt man auch das zum Anlass, mit großer Geste die Blume oder den Strauss entgegen zu nehmen. Hat man ein nur eine Blume, kann man mit der Hand vor den Augen ins Ensemble oder ins Publikum lugen und wem auch immer diese Blume zuwerfen. Oder man zerlegt das Gebinde, so es locker genug ist, und verteilt Einzelteile dessen langsam an die zu Beglückenden, auch wenn das rein zufällig Ausgewählte sein sollten. Wenn der Strauss nicht aufzulösen ist: bitte nicht über die Reihen oder Pulte nach hinten werfen, sondern persönlich zum letzten Pult gehen und der entsprechenden Person den Strauss überreichen und nicht zu schnell, nicht zu langsam wieder nach vorne. Dann ist der Applaus so überdehnt, dass man nun brav mit dem Bühnenpersonal das Podium verlässt.

Was soll man machen, wenn es sich um eine Wiederholungsaufführung handelt und man eigentlich den Usancen gemäß nicht unbedingt nach vorne gebeten wird? Im Gegensatz zur Königsdisziplin des Anfangs, des Nichtgefundenwerdens und dann doch noch Auftretens, muss man sich hier schneller nach vorne begeben, ja, sollte am Rand und sehr weit vorne sitzen, egal wie schlecht dort die Akustik ist. Da genügt es auch vielleicht, nur an den Bühnenrand zu kommen und von dort aus das Ensemble zu grüßen und sich vor dem Publikum zu verneigen. Sollte man eine direkte Treppe zur Bühne haben, dann kann man auch von der Gegenseite den verlängernden Weg riskieren. Wichtig ist, dass man dabei schon von den Personen auf der Bühnen wahrgenommen wird. Was das Heraufspringen oder Treppensteigen betrifft, kann man sich geschickt tölpelhaft verhalten. Geht es kurz über die Hinterbühne, sollte man im Verborgenen nicht zögern, erst auf der Bühne dann seine Massnahmen exerzieren.

Denn für durch den Veranstalter unerwünschte Applausentgegennahme gilt dasselbe wie für das Konkurrenten-Gratulieren: alles was vor dem Publikum sichtbar abläuft, wird der Veranstalter und werden die Interpreten bei Verletzung der Konvention aus Höflichkeit dulden. Alles was unsichtbar bleibt, findet dann auch nicht statt. Also, das Ziel muss sein, ob nun gewolltes oder unerwünschtes Verneigen, alles für das Publikum Sichtbare und unglaublich huldvoll oder Mitleid heischende Aussehende so lange als möglich durchexerzieren. Wobei es nie zu lange dauern darf. Und von Mal zu Mal eben zu variieren ist, nicht dass die Masche zu schnell auffliegt. Nur wenn vom Rang eines Raas oder Hihm – oder so ähnlich – ist, dann darf man sich hierbei die immergleiche Wiederholung einer sanctissima ecclesia zugestehen. Doch auch hier gilt: früh übt sich! Also rauf aufs Podest, aber bitte mit Weih(l)e.

Alexander Strauch.
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