King Crimson und die Reduktion auf das Wesentliche

Vorgestern war ich im Konzert von King Crimson in München. Wer die Band nicht kennt: sie sind eine Art „Grateful Dead“ der Prog-Rock-Szene – seit nun gut 50 Jahren schart die inzwischen 72-jährige Gitarrenlegende Robert Fripp (übrigens seit ebenfalls fast einem halben Jahrhundert glücklich verheiratet mit der New-Wave-Sängerin Toyah Willcox) immer wieder neue und stets sehr gute Musiker um sich, um die Band (in der er ursprünglich auch „nur“ Gitarrist und ein Bandmitglied von vielen war) als „King Crimson“-Projekt am Leben zu halten.

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„King Crimson“ spielte 2x in der Philharmonie im Gasteig und konnte den Saal beide Male problemlos bis auf die letzten Plätze mit Zuschauern füllen. Auch als weitere Stationen der Tour sind stets große Säle aufgelistet, in Städten wie Amsterdam und Paris. Die Zuschauer waren durchaus auch ergraut, aber nicht ergrauter als das typische Klassikpublikum (und meistens wesentlich jünger als zumindest Robert Fripp). Auch junge Zuschauer waren zu sehen, und zwar deutlich mehr als bei einem typischen Klavierabend im Herkulessaal, bei dem die einzigen jungen Menschen Klavierstudenten sind.

Warum das so bemerkenswert ist, dass ich darüber erzähle? Hierzu muss man die Musik von „King Crimson“ ein wenig kennen. Es handelt sich hier um eine besonders experimentierfreudige Band im Genre des sogenannten „Progressive Rock“ (Prog Rock), das seit einigen Jahren eine bemerkenswerte Renaissance erlebt. „King Crimson“ waren hierbei schon in den 70er Jahren Vorreiterband, die schon sehr früh verschiedenste Einflüsse amalgamierte und in ihrer experimentierfreudigsten Phase sogar fast eine Art Free Jazz mit Heavy Metal-Elementen spielte und selbst bei quasi „rockigeren“ Titeln wie „21st Century Schizoid Man“ nie vor komplexen Rhythmusstrukturen und dissonanten Riffs zurückschreckte. Man kann sich kaum eine Band vorstellen, die weiter von dem entfernt ist, was man allgemein als „Mainstream“ bezeichnet.

Das Konzert in München begann mit dem Stück „Lark’s Tongue in Aspic“ (der Link führt zu einer Aufnahme aus dem legendären „Beat Club“ im deutschen Fernsehen – Wahnsinn, dass so eine Musik mal zur besten Sendezeit lief, wo uns heute Walzerzombies quälen) und bestand aus einer Mischung älterer und neuerer Stücke. Keinerlei Bühnenshow, die Musiker stehen/sitzen einfach nur da und spielen, einzig und allein beim letzten Stück des Abends färbt sich das Licht Rot, das war’s. Keine Ansagen, kein Herumalbern mit dem Publikum, es geht nur um die Musik (die es lautstärke- wie energiemäßig in sich hat, mit einer komplexen Rhythmusgruppe aus drei Drumsets, die fast ständig verschachtelte Rhythmen spielen). Tausende Menschen lauschen musikalisch durchweg anspruchsvoller Musik, applaudieren wild, sind treue Fans.

Was funktioniert hier, was bei „Neuer Musik“ oft nicht funktioniert? Geschenkt – „King Crimson“ nehmen den Vorteil mit, als Band eine lange Geschichte zu haben, das zieht treue Fans an, die die Stücke aus zahlreichen Einspielungen fast auswendig kennen. Aber dennoch waren sie nie „kommerziell“, haben sich in ihrer langen Bandgeschichte komplett zunehmend unabhängig von den üblichen Popmusik-Kompromissen und Deals mit „Major Labels“ gemacht und füllen dennoch als äußerlich unscheinbare Männer fortgeschrittenen Alters die Säle. Sie sind genauso „klassische Musik“ des 20. Jahrhunderts wie die sogenannte „Neue Musik“.

Das typische Klassik-Publikum kennt viele Klischees, warum die Neue Musik „böse“ ist, u.a. weil sie angeblich keinen Hörgewohnheiten entspricht und zu „atonal“ ist. „King Crimson“ beweist spielend, dass das alles Bullshit ist: ist über lange Strecken sind sie ebenfalls „atonal“, Fripp hat z.B. Vorlieben für dissonante Riffs die sich in komplexen Taktwechseln entgegen der „Hörgewohnheit“ unendlich transponieren, das ist weder traditionell noch eingängig, dennoch schütteln Tausende Menschen beim Konzert begeistert die Köpfe im (meistens 5/8 oder 7/8) Takt.

Man muss ab und zu mal solche Konzerte besuchen um zu begreifen, dass es manchmal einfach nicht mehr braucht, als konsequente Musik und gute Musiker, um ein gutes Konzerterlebnis zu vermitteln. Wo sich die meisten E-Komponisten heutzutage in Konzepte flüchten, in denen das eigentliche Musikerlebnis, ja das Gehörte an sich immer weniger eine Rolle spielt (siehe zum Beispiel die letzte Münchener Biennale), wird bei „King Crimson“ einfach nur (gut) gespielt, und es überzeugt. Auch das kann gehen, und das ist auch gut so.

In der Reduktion auf das Wesentliche liegt (vielleicht) auch eine Chance für das, was in den nächsten Jahrzehnten „Neue Musik“ sein wird. Man muss „King Crimson“ nicht mögen, um das zu erkennen.

Moritz Eggert

Kein ergrautes Publikum, anspruchsvolle Musik – es geht! Foto: Moritz Eggert

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