Teil 4 _ Cough City New Music Festival

11. Juli 

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Morgens ist eine einstündige Masterclass. Für Marimba, munkelt man. Ich habe es so verstanden, dass sie für die Instrumentalisten sein soll, aber auch „open“ für die Komponisten ist. Meine Bockigkeit möchte, dass ich mich verweigere. Ich bleibe also in meinem Zimmer und werde depressiv. Auch das Zuckerfrühstück lasse ich ausfallen. Ich hätte dort zwar die Wahl zwischen Kokos- und Blaubeerjoghurt, aber beide sind zu süß. Weil angenommen wird, dass „die Leute“ es so süß wollen. Ich kenne „die Leute“ nicht. Es fällt mir schwer, mich gegen Mittag zu duschen und ich bekomme Pennergefühle.

Nachher berichtet mir einer der Teilnehmer, dass er die Masterclass interessant fand. Und dass es um grafische Notation gegangen sei. Der Trompeter habe auf ein live entstehendes „Painting“ reagieren müssen. Außerdem habe es ein Ratespiel gegeben: „Von welchem Komponisten ist diese grafische Partitur?“ Man konnte eine Orange gewinnen!!!!!! Ich weiß zwar nicht, was grafische Notation speziell mit Marimba zu tun hat, aber ich weiß, dass sich die Leiterin der Masterclass zur Zeit mit grafischer Notation beschäftigt, um ihren Doktortitel zu bekommen. Ich hätte hingehen sollen, Bockigkeit hin oder her, dann könnte ich jetzt besser darüber reden.

Um 19 Uhr wird der erste Teil der Teilnehmer aufgeführt. Keiner kommt. Es sind acht Stücke. Manche funktionieren. Aber insgesamt bin ich fassungslos. Es klingt, wie amerikanisches Frühstück schmeckt. Ich höre Zucker mit Zucker mit Zuckerguss. Diese Tendenz zur Filmmusik mit gezähmten Minimal – Anwandlungen! Diese ewigen gebrochenen Durdreiklänge und rauf- und runtergenudelten Durtonleiterausschnitte! Warum nicht gleich die ganze Tonleiter? Vielleicht sitzt im Publikum jemand, der noch nie eine Tonleiter gehört hat? Und dazu diese Einfachheit und Vorhersehbarkeit auch in rhythmischer Hinsicht! (Kann man durchlaufende Sechzehntel überhaupt einen Rhythmus nennen?)

Außerdem immer wieder diese Reihungsform: „Seht her, ich habe viele Ideen. Und was könnte ich damit Besseres machen, als sie einfach blockhaft aneinander zu klatschen!?“ Nichts ist verwoben. Ich wünsche mir keine Ferneyhoughs herbei, nein… aber das hier ist einfach zu schlimm. Es wirkt hilflos und stümperhaft und tut mir sehr, sehr weh. Ich meine: Das sollen doch FERTIGE Stücke sein und keine Ideensammlungen, oder?

In den Gesprächen mit den Teilnehmern habe ich immer wieder herausgehört, dass die Angst, dem Publikum nicht zu gefallen, groß ist. In vorauseilendem Gehorsam wird sich dem Geschmack eines Publikums angepasst, von dem man annimmt, dass es dumm ist. Ist die amerikanische Zuckermusik also ein Ausdruck von Verachtung?

Das dumme Publikum, das keine Wahl hat, verantwortlich zu machen für den gefälligen eigenen Stil, ist einfach nur bequem. Ich bin mir sicher, dass das Publikum dumm bleiben wird, wenn man es weiterhin dafür hält. Haben Komponisten da nicht eine Verantwortung?

Nach dem Konzert stehe ich allein an der Metrostation. Die anderen waren so müde und ich wollte nicht, dass sie auf mich warten müssen, nur weil ich noch ein Ticket kaufen muss. Eine vermutlich drogensüchtige Frau quatscht mich an und verwickelt mich in ein Gespräch, das ich nicht will. Ich kann nicht weg, weil auf der einen Seite die Gleise sind und auf der anderen ein Geländer. Die anderen Seiten sind versperrt durch sie und ihren Kumpel. Sie tun so, als würden sie nicht zusammen gehören, sind aber zu ungeschickt, das zu verstecken. Beide kommen mir immer näher. Ich sage, dass ich jetzt „leider weg muss“, weil ich mir in dem Restaurant neben der Metrostation „Kaffee kaufen“ will. Die Frau sagt: „Oh, ich komme mit, ich helfe dir!“ Der Mann: „Ich arbeite dort und dort gibt es keinen Kaffee. Du brauchst nicht hinzugehen.“ Sie wirkt nicht, als wolle sie mir helfen und er sieht nicht so aus, als würde er dort arbeiten. Ich sehe, dass die Frau dem Mann ein Zeichen gibt, als sie denkt, dass ich auf mein Handy schaue: Kehle durchschneiden. Ob sie mich umbringen wollen, weiß ich nicht. Vermutlich wollen sie mich nur ausrauben. Dann kommt die Bahn. Auch dort lassen sie mich nicht in Ruhe. Ich  schreibe eine Notiz in mein Handy und gucke mir einen Mann aus, der vertrauenswürdig aussieht. Ich tue, als sollte er mir helfen, einen Ort bei Google Maps zu finden. Eigentlich zeige ich ihm meine Notiz, in der ich um Hilfe und Begleitung zu meinem Hotel bitte. Er versteht sofort. Die Drogenleute kapieren es nicht. Sie steigen natürlich mit uns zusammen aus und laufen hinter uns her, ich bin also nicht paranoid.

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1 Antwort

  1. Thomas sagt:

    Endlich mal was interessantes in diesem Blog, gerne mehr davon!

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