Teil 2 _ Cough City New Music Festival

9. Juli
Die Zeitverschiebung gefällt mir. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich um sieben Uhr morgens ausgeschlafen und habe Hunger.
Das Frühstück im Hotel gefällt mir nicht. Ungefähr genauso wenig wie deutsches Hotelfrühstück. In Deutschland soll man Vollkornbrot mit Marmelade fressen. Oder Vollkornbrot mit langweiligem Gouda. Hauptsache, es macht keinen Spaß.
Hier in den USA frisst man Zucker mit Zucker. Hauptsache, es macht krank.
Ich lehne beides ab – ich will Fisch mit Erdbeerzahnpasta, das macht keinen Spaß UND krank.
Meine Zimmerkarte ist weg und ich muss eine neue beantragen. Ich habe sie gestern Abend neben mein Bett gelegt und jetzt ist sie einfach nicht mehr da.
Meine Zimmernachbarin ist mir sympathisch, aber ich bin traumatisiert von Viktoria, meiner Zimmernachbarin während eines Meisterkurses für Violine. Viktoria, damals 16 (ich 15), war psychisch vollkommen fertig und hat meine Sachen beschädigt und gestohlen. Aus „Neid“, wie sie später sagte – worauf sie neidisch war, weiß ich nicht.
Vielleicht auf meine Hässlichkeit. „Du bist zu dünn, das ist hässlich“, hat sie mich ständig behelligt, ohne dass ich es wissen wolle.
Außerdem hat sie mutwillig (und sehr ungeschickt) das Klo mit einer ganzen Rolle verstopft und theatralisch durch die Gegend geschrien, ich sei das gewesen.
Nachts wollte sie Gespräche darüber führen, dass sie sich gerne schneidet. Oder sie musste, weil sie zwanghaft war, unbedingt irgendwelche Sachen suchen, die sie nachts gar nicht brauchte. Lärmend und fluchend und weinend. Manchmal hat sie sogar ihre Mutter angerufen und sie dafür ausgezählt, dass sie bestimmte Sachen nicht finden konnte.
Was ich beim Meisterkurs gelernt habe, weiß ich nicht mehr so genau. Aber Terror – Viktoria werde ich nie vergessen.
Vielleicht ist die fehlende Zimmerkarte ein erster Hinweis auf eine Wiederholung. Ich traue niemandem und ich werde meine Wertsachen sogar mit ins Bad nehmen, wenn ich dusche.
Ich muss also diese neue Karte beantragen und verliere Zeit. Dann muss ich zur Begrüßung dorthin fahren, wo die Proben und der Kurs stattfinden.
Wegen der fehlenden Karte verpasse ich meine Straßenbahn. Ich frage einen Mann, wann die nächste kommt. Die fährt seeeehr selten, behauptet er und guckt mitleidig. Höchstens in 20 Minuten kommt die nächste!
Dann muss ich eben rennen. Ich renne entlang der Gleise und nach fünf Minuten kommt die nächste Straßenbahn. Der Mann hat mich verarscht. Es geht so weiter. Alle geben mir falsche Informationen. Unter anderem hat das zur Folge, dass ich beim versehentlichen Schwarzfahren erwischt werde.
Trotzdem komme ich nur drei Minuten zu spät!
Bei der Begrüßung erfahre ich, dass ich noch einmal alle Einzelstimmen ausdrucken soll und mehrere Partituren. Diese sollen auch gebunden sein.
Wieso habe ich das alles vor zwei Monaten geschickt? Haben die Musiker noch gar nicht geübt? Ich kriege Angst und vorauseilenden Hass. Brav latsche ich zum Copyshop und tue, was mir gesagt wurde. Ich komme mir so bescheuert vor.
Mein Stück wird heute noch nicht geprobt. Bei den Proben der anderen darf man nicht zuhören, also habe ich frei. Nur am Abend ist eine offene Probe des Kastanienmanns.
Bis dahin latsche ich mit einem anderen Teilnehmer durch Houston. Der arme muss Touristenbilder von mir machen mit Hydranten und Mülltonnen. Ich bin bestimmt sehr peinlich.
Die offene Probe ist langweilig. Aber die Musiker spielen sehr gut. Das Stück von Maroney ist ersteinmal genau so zahm, wie ich es erwartet habe. Und es wirkt naiv, vor allem wenn es spannend werden soll. Es wird nie extrem. Ich frage mich, ob das Absicht ist. Vielleicht will er uns alle verarschen. Thank you so much!
Maroney rechtfertigt sich vor uns, dass er „Lackenmann“ und seine Freunde zwar toll findet, aber eben auch schöne Musik mag. Und dass sich zahlreiche „Quotations“ im Stück befinden… vielleicht sind die an allem schuld. Ich werde es noch herausfinden.
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