HochX – Live Protokoll der Eröffnungsderniere eines neuen alten Theaters

Im gleichen Raum wie das Münchner i-camp, wo z.B. das legendäre pianopossibile Urständ feierte, eröffnet nach des ersten politisch gewollter Schliessung nun politisch gewollt das neue HochX Samstag letzter Woche. Heute, am Dienstag drauf, war schon die Derniere der ersten Produktion. Ich tippte frisch von der Leber weg meine Eindrücke auf Facebook mit. Hier die Zusammenfassung!

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20.9.16, 20:11 Uhr
Sitze im HochX, früher icamp und guck mir die erste Doppelproduktion an. Ruth Geiersberger hockt schon auf der Bühne und sagte gerade. Hallo zu Beginn von lost yesterdays der Gruppe Interference. Zwar aufgemöbelt der Raum, es soll ein Altenheim sein. Wie Ruth sagt, haben alle ihre Pflichten erfüllt. Gegenüber Stadt und Theaterakademie, die Förderer dieses Stücks ist. Zu angenehmer Tangomusik räkeln sich drei Damen. Leider gleich wieder vorbei. Jetzt Geiersberger hinter Blunenvase und möchte sich mit der Off Stimme Mario auf den Weg machen. Oops, da ist Mario im Ringelpullover. Nachher mehr. Gerade löchrig der Text. Mal sehen…

20.9.16, 20:17 Uhr
Eine der räkelnden Damen im HochX ist übrigens ein Mann im Pelz. Geiersberger heisst im Stück Hartnagel. Wohl alte Dame, die nicht ins Heim will. Und dennoch ihre gewohnte Umgebung fürchtet. So wie wir Münchener Künstler, wo man gern lebt und mit weniger als 1300 Euro netto als bitter arm gilt. Gott sei Dank wieder etwas Tango von Jacopo Salvatori, der die Textlöcher schliesst und meine prekäre Stimmung hebt.

20.9.16, 20:24 Uhr
Nachdem ein Kassettenrekorder die Bühne weinen ließ, bevor das antiquierte Ding in einer Schublade der Bühnenwohnzimmerschrankwand verschwand, was für ein Tippungetüm, wird das Gestern in einer Handtasche gesucht. Übrigens brummt die Bühnentechnik ungewohnter als zu icamp Zeiten. Ausser dass das Publikum dank Theaterakademienähe jünger ist, sitzen auch viele Tanten im Publikum. Die Szene ist weitestgehend wohl am Samstag zur Eröffnung da gewesen. Heute also Familientag.

20.9.16, 20:33 Uhr
Und nun endlich wieder Tango im HochX. Das ist jetzt nicht die ernsthafte Musik von Jacopo, wie er sie auch drauf hat. Aber sehr passgenau, wunderbar grad die Tuba zwischen Begleitung und Melodie, fein gebrochen. Man wünscht sich jedenfalls mehr davon und Jacopo den Mut, mehr für Bühne und Film zu wagen, sofern sich diese Welt auf ihn einlassen mag. Derweil Frau Hartnagel auf Bühne dahindämmert, denke ich bei den Klängen Salvatoris an Moritz Eggerts erste Biennale Marionettenopernsounds mit leichter Wehmut. Hat nix mit dem HochX zu tun. Aber mit der Musik. Böse Nostalgie…

20.9.16, 20:36 Uhr
Die Offstimme Mario im HochX ist nun eine die Bühne aufräumende OnStimme. Oder doch eher ein Zivi, äh, jemand im freiwilligen sozialen Jahr? Jetzt gibt’s Kaffee und Ruth aka Hartnagel singt Bärenmarkejingle. Steht nicht auf Fördererliste…

20.9.16, 20:47 Uhr
Jetzt heisst es, das Zimmer sei ihr Zuhause, das auf der Bühne. Das icamp war zeitweise tatsächlich auch für mich sowas wie ein Zuhause. Gerade nach den Zeiten an Hochschulen war es für mich wichtig, auf das Chaos der Freien Szene zu stoßen, wenig Personen meiner Studienzeit dort zu treffen, sondern ganz neue Kollegen. Ob dies die Akademienähe des HochX auch zulassen wird? Das war der subversive Unterschied damals, als der Theater Verein das icamp inne hatte, zumindest in den ersten Jahren. Wie in Koinzidenz sagt die Bühne, zeigen sie mir den Weg hinaus. Wenn HochX dies für die jungen Künstler ist, das Hinaus aus der Akademie, dann wär’s fein. Wenn dies aber nur Hinaus aus der Stadt, in die Welt meint, als Sprungbrett, dann wäre es ausser Karriere fördernd zu wenig. Denn es braucht eben Räume, wo man scheitern darf und muss, um nach den Studien frei zu werden. Dazu braucht es Distanz zum Vorher. Wenn das hier so sein wird, wie gesagt, wäre es trefflich…

20.9.16, 21:03 Uhr
Die Bar im Vorraum, sehr gelungen, ordentliche Klos, alles sehr aufgeräumt, langsame Kasse vor Stückbeginn.

20.9.16, 21:35 Uhr
Weiter geht’s im HochX mit Audiogramm, eine Stadtteilkomposition von Clara Hinterberger. die wohl Giesing, der Stadtteil, wo das Theater liegt, einfangen soll. Auf der Bühne vermooste Aquarien, in einem kniet die weibliche Stimme und flüstert über eine seltsame Sache. Aus dem Off neben dem Theaterraum Chorfetzen. Nun tanzt die Stimme, Ines Hollinger, auf der Bühne zu einem fröhlichen Weltuntergangslied.

20.9.16, 21:42 Uhr
Ah, der Miniorchestergraben, im icamp damals zugedeckt, lässt im HochX aus einem kühlen Grunde ertönen. Jazz, Applaus, Wiehern, Rauschen, Spielautomat, Münchner Volkssängerin aus der Au, Pop aus der Au, Bohren, etc. Alles in kurzer Abfolge aus der Ätherkonserve. Wieder Wiehern, mei, wir alle mögen Ende September Brauereipferde in München, Oktoberfest und so. Die Stimme sagte was, wie vorm Karussell auf der Auer Dult, dazu TV Bandmucke der 60er. Worum geht’s? Muss gestehen, wenn ich tippe, nicht immer alles Gesagte zu verstehen. Aber muss man wohl auch nicht.

20.9.16, 21:46 Uhr
Im HochX flüstert nun ein adretter Jungdamenchor ausm Graben, trifft sich auf einen Ton. Erinnert mich an die zeitgenössische Musik aus dem grünen Musik Oberstufen Chorbuch. Nun ein schönes Ostinato und was quasi russisches als sich einschleifende Melodie. Und wo es sich entwickeln könnte, dampft der Chor schon nach draußen ab. Ein Bass singt das eben gehörte gepresst nach, jemand klopft mit Sticks draußen auf Stühle, Heizkörper…. Wo bleibt der Chor?

20.9.16, 21:52 Uhr
Nun, gerade verklang im HochX ein Zweitonchorsound. Aus dem Lautsprecher singt ein alter Giesinger. Irgendwas ist schrecklich. Aber warum? Ein wenig wünscht man sich nun die Interviews aus der Zuspielung von Helga Pogatschars Dritten Mann underground surround, das wäre zumindest mal was humorvolles. Dagegen peinliches Dazusingen zur Konserve von der Sprecherin. Und just verliess ein bekannter, Glatzen tragender Schauspieler der Freien Szene den Zuschauerraum.

20.9.16, 21:56 Uhr
Nun geht’s ums Tun und die einfache Sache in ihm. Was? Glockenbach statt Giesing? Oder ist das zerzauste Textmaterial nach Gertrude Stein? Nun Echos zwischen Chor und Sprecherin. Wird daraus was? Nö, wieder das Lied von vorher und voiceover, zart zwar. Aber warum nicht lieber nur Musik? Mehr Redegramm als Audiokilo.

20.9.16, 22:02 Uhr
Im HochX hält die Moderne mit Sinustönen Einzug. Huhu dazu der Chor. Und die schöne Melodie nun mit Text, ein Schlaflied in Moll. Das mag manchen schrecken. Aber ich las heute, dass Leute, die auf traurige Musik stünden, empathischer seien. Gott sei Dank Überleitung in rihmsche Trommel und Tutuguriatmung mit Stöhncluster. Dazu die Trommel mit Gerüst, wie bei der Biennale dieses Jahr im Einstein, wohl gruselig im Metrum unmerklich schwankend. Giesinger Urwald. Gackern. Wieder Wiehern? Nachher mehr.

20.9.16, 22:08 Uhr
Im HochX ein stehender Chorcluster, elektronisch erweitert. Licht im Publikum aus. Wächst so das Moos besser in den Aquarien? Nein, Klirren, Babyschrei, blblblbl des Chores, Gerüst und Stuhlklappern mit Sticks, die Hinterbühnentür öffnet, Chor raus, aber Sprecherin wieder da, raunend von Fortfahren, Sache, und so. Bogenform? Wenn sich alles mehr Zeit nähme, dann wär da was. Ein weisser Bär verlässt Graben und Raum. Aus. Toller Chor, interessante Sounds. Und sonst? Das Hoch vorm X muss noch arbeiten.

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