Die unerwünschte Verbindung zwischen Musik und Nationalismus (Gastartikel von Jake Bellissimo)

Die unerwünschte Verbindung zwischen Musik und Nationalismus: eine amerikanische Perspektive

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“Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug
zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt
sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch
klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur
Identifikation mit unserem Land anregen.”

Letzten Monat habe ich diese Passage im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt gelesen. Erstmal klingt das für mich sehr beängstigend. Ich dachte, dass sie nicht die gesamte Kultur kontrollieren können, aber als ich es las, habe ich mich an ein französisches Gesetz erinnert: das “Toubon Gesetz”, das besagt, dass eine gewisse Quote Kunst in Rundfunk und Fernsehen auf Französich sein muss.

Natürlich sind diese Gesetze unterschiedlich und haben verschiedene Perspektiven, aber sie stellen eine wichtige Frage: was ist Nationalität, und spielt sie eine Rolle in der Musik?

Die Überlappung von Nationalität und Musik (oder Kunst) ist seit jeher ein wichtiges Thema… und das nicht ohne Grund. Vor der Industrialisierung war jegliche Musik ein Produkt ihres Landes. Sprache, Alltagsleben und Gesellschaft waren entscheidend für die Entwicklung der Musikstile.

Musik hatte schon immer einen grossen Einfluss auf die Weltpolitik, aber seit dem 20. Jahrhundert sehen wir die Integration von verschieden Musikkulturen in vielen Bereichen: Jazz hatte einen grossen Einfluss in Berlin, Rock n’ Roll hat weltweit Karriere gemacht – und viele Musikwissenschaftler wurden von einer neuen Manie ergriffen: Aufzeichnung.

Aufzeichnung war eine Erweiterung dieser Kunstform, sodass eine neue Art Musikwissenschaftler existieren konnte. Alan Lomax war ein gutes Beispiel für dieses Phänomen: ein Mensch, der Volkmusik mit Aufnahmen bewahrt hat. Obwohl diese Praxis von Musikwissenschaftlern einen herablassenden Nachgeschmack hatte, sind die Auswirkung auf die Weltgeschichte unleugbar: zum ersten Mal hatte die Volkmusik (und “Performance practice”) ein Archivierungssystem. Die schriftliche und mündliche Überlieferung war immer schon wichtig, aber falls viele Menschen einer Kulturgemeinschaft sterben, kann Aufzeichnung dabei helfen ihre Musik zu erhalten.

Das ist der Grund, warum ich denke, dass traditionelle Kunstformen bedeutend sind. In einer Welt der Globalisierung ist Kunstkonservierung ein Werkzeug gegen Kulturimperialismus (falls wir nur populäre Musik hören möchten, könnte amerikanische und britische Musik dominieren). Aber an diesem Punkt endet meine Übereinstimmung mit den oben genannten Gesetzen.

Kultur- und Kunstkonservierung ist ein ganz anderes Thema als Nationalismus, und das ist das, was sehr erschreckend an den erwähnten Gesetzen ist. Die Steuerung von Kunst und Kultur ist einer der ersten Schritte auf dem Weg zum Faschismus, und es hat nie funktioniert.

Aus amerikanischer Perspektive ist die Wichtigkeit der freien Meinungsäußerung offensichtlich. In den USA haben viele Menschen gekämpft, um in der Lage zu sein “Fuck Tha Police” sagen zu können, und das ist ein wichtiger Punkt unserer Redefreiheit (auch wenn das Polizeisystem immer noch korrupt ist). Das Gesetz der AfD richtet sich gegen diese Idee und nimmt fälschlich an, dass man Kultur steuern kann. Das funktioniert nicht. Künstler und Komponisten haben in der Regel einen Grund, wenn sie etwas Negatives sagen (und auch wenn sie keinen hätten, wäre es dennoch ihr Recht).

Aber das ist mein Punkt: Redefreiheit ist zu unterscheiden von Kunstkonservierung. Die Gesetze der AfD und Frankreichs erwecken den Anschein, als sei es das Gleiche. Hier beginnt das Problem: wenn man denkt, es ist das Gleiche, kann die Tür für Xenophobie geöffnet werden. Mit dieser Möglichkeit kann eine politische Partei diese Idee in Faschismus transformieren, und das ist sehr gruselig.

Ist The Tallest Man on Earth schwedische Musik? Ist Jens Lekman auch schwedische Musik? Oder in Deutschland: ist Sibylle Baier eine eine deutsche Musikerin? Alle drei Musiker singen auf Englisch, und ihre Musik ist stärker von amerikanischer, als von deutscher oder schwedischer Musik beeinflusst.

Warum ist das wichtig? Wir können wissen woher Musik kommt, aber Kultur (besonders durch das Internet) ist so kompliziert zu bestimmen. Kunst kommt von der Bevölkerung, und wenn eine Volkserfahrung sehr kompliziert ist, dann ist die Identität es auch. Es ist wichtig traditionelle Musikformen zu konservieren, aber wir müssen verstehen, was das bedeutet.

Wir können Kultur konservieren ohne Faschismus, und wir können lokale Musik ohne Xenophobie unterstützen. Das ist der Grund, warum ich viel Jazz-Musik und sogar Surf-Rock von deutschen Menschen in Berlin gehört habe: Nationalität ist nur ein Etikett, das keinen Platz in der Musik hat.

Wenn wir Kultur bewahren möchten, können wir das durch Musikwissenschaft und staatlich finanzierte Programme erreichen. Das ist wichtig, um unsere Herkunft und unser nationales Erbe zu verstehen und in der Lage zu sein, diese Praktiken fortzusetzen.

Aber zu sagen, das sei das Gleiche wie nationale Identität ist naiv und ignoriert die Komplexität der Kultur im 21. Jahrhundert.

Und ich glaube nicht, dass wir es zulassen können, dass Angst (und irrationale Mentalitäten) gewinnen.
…Aber: was denken Sie?

Jake Bellissimo

Buchtitel Friedrich Georg Jünger.

Buchtitel Friedrich Georg Jünger.

Author profile

Composer and Arranger, Violist, Music Producer

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