RetteOper – Operette!

Neue Musik, höre auf zu klagen! Dir geht es wunderbar. Zwar schrumpfen Deine originären Rundfunk-Klangkörper, verwelken Deine Netzwerke. Aber wie weit öffnest Du Dich anderen Musikrichtungen, machst Dich über Dich selbst lustig, förderst und forderst den Nachwuchs heraus, den man Dir permanent für abhanden gekommen erklärt. So forderte Enno Poppe und sein ensemble mosaik gestern mit Werken junger Kollegen und einer Kollegin fröhlich heraus, es war einmal wieder musica viva: Poppe (Schrank und Salz) selbst ließ Keyboard-Orgel mit schwelgerischen Oboen-Soli, Terzen am Rande von Soul und arabischer Musik, mikrotonal abtauende Klangeisberge, Ragtime- wie Walzerschnipsel und sich selbst als Dirigenten tanzen. Eduardo Moguillansky (Zähmungen 2# Bogenwechsel)bespannte die Bögen eines Streichtrios mit Tonband statt Pferdehaaren, Elena Mendoza (Gramatica de lo indecibile) buchstabierte mit schlichten Tonhöhen die Stille, Martin Schüttler (Gier) geizte nicht mit dem Hinterherhören wunderbarer echter- und unechter Doppelrohrklänge, Stefan Prins (Fremdkörper mp3 pdf) offenbarte lyrische Dror-Feiler-Qualitäten und Leopold Hurt (Erratischer Block) brachte seinen erratischen Block-Findling aus dem elbischen Norden endlich, endlich in die deutsche Zithercity und ihre Muffathalle. Saal voll, Bier ohne Ende, nur die Sandwichs waren zu Ende und aus der Ampere-Nachbarhalle dröhnte anderer Pop zu Poppe – was ja immerhin im Wortstamm zueinanderpasste, na ja. Was soll man da klagen!

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Leopold Hurt (Foto: Niels Rohenkohl)

Ganz anders die Operette!! Die Intendantin Elisabeth Sobotka gab am 16.2.12 in einem Interview mit der „Kleinen Zeitung“ zu Protokoll:

„Einen guten Operetten-Tenor oder eine Diva zu bekommen, ist heutzutage unheimlich schwer. Die jungen Leute setzen sich nicht mehr gern mit Operette auseinander, im Studium gehen sie zumeist eher in Richtung Barockmusik oder Neue Musik. Ebenso schwierig ist es, Regisseure zu finden, die das Genre Operette ernst nehmen und zeitgemäß machen, ohne es zu verraten.“

Alte und zeitgenössische Musik haben es demnach besser als die Operette? Während die Alte Musik Szene ihrer Eigenbrötlerei nun entwachsen ist, selbst in Nowosibirsk vorbildlich gepflegt wird, die Neue Musik aus ihrer Nische und Kürzungsanfälligkeit sich doch immer wieder neu erfinden kann, sterben der Operette tatsächlich noch eher die Zuschauer weg als dem auch nicht unproblematischen Klassik-Konzert und der Oper, die mit ihrem Glanz immer wieder auch jüngeres Publikum anziehen.

Jetzt müsste die gesamte Komponistenschar jubeln, scheint es doch ein Terrain zu geben, auf dem vorerst Misserfolg und Kollegenächtung garantiert ist: Schreibt neue Operetten! Kokettierte die Neue Wiener Schule mit Bergs Lulu (Lieblingsrolle von Anneliese Rothenberger!) oder Schönbergs Von Heute auf Morgen mit dem Genre, verschwand es bis auf manche Funkopern oder z.B. Killmayers Yolimba, die aber weniger Operetten denn komische Opern sind. Geht es in Operetten doch nicht um lustig oder traurig, Drama oder Komödie, sondern den Spiel mit der Oberfläche, durchaus am Rande des Abgründigen. Irgendwie schreit das nach Neuer Musik und ihren Techniken, ihrer Kritikfreude, die man so beissend am sozialen Geschehen ohne Lamentieren ausleben könnte. Warum nicht auf dem höchsten Materialstand beider Genres mal ausprobieren? Ob die Neue Musik wirklich zur Operetten-Wiederbelebung taugt, das wäre erst zu probieren. Aber allemal besser, als all die Kinder-Tier-Opern, als ob die Katzenvideos und Dinofetische jetzt auch die Musentempel erobern müssten…

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