In gewisser Regelmäßigkeit müssen wir uns hier auch immer wieder mit den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk beschäftigen. Weil er uns lieb und teuer ist und weil es sich schlecht verkauft, indem er sich intern anscheinend auch schlecht aufstellt.

Am letzten Freitag war im Deutschlandfunk das Thema „Immer weniger Vielfalt: Wie Radio unseren Musikgeschmack beeinflusst“ – siehe dazu auch die Initiative des VUT gegen heavy rotation etc. Ich habe nebenbei als Tagesbegleitprogramm zugehört. Und ich bin erschrocken. Ein der Gesprächspartnerinnen, Anja Caspary, die Musik-Chefin von rbb radio eins sagte da:

      Anja Caspary - Öffentlich-rechtlich vs. privat - Deutschlandfunk

Danach ist die Regel: Unsere öffentlich-rechtliche Welle soll so erfolgreich sein wie der private, kommerzielle Konkurrent! Wenn das also das Ziel ist, mit dem öffentlich-rechtlicher Rundfunk gemacht wird, dann ist er in der Tat hinfällig und überflüssig. Und es wäre sogar beinahe unsittlich, dafür öffentliche Gelder einzusetzen, nur um zur Kopie des privaten Rundfunks zu werden.

Vielfalt als Zumutung

Aber zu Gast war auch mit Prof. Dr. Melanie Wald-Fuhrmann, die Direktorin der Abteilung Musik am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik (Frankfurt/M.). Die konnte mit allerhand wissenschaftlich unabgesicherten Allgemeinplätzen aufwarten. Die Antwort: „Es kommt drauf an“ ist ja gang und gäbe, um die erhobenen empirischen Fakten für jeden Zweck nutzbar zu machen und bloß nicht Stellung zu beziehen. Wenn man dann das folgende Statement dazu hört, fällt einem die Kinnlade dann endgültig herunter:

      Prof. Dr. Melanie Wald-Fuhrmann, Direktorin der Abteilung Musik am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, Frankfurt/M. - Deutschlandfunk

Bildungsauftrag des Rundfunks ist also doch ein bisschen überholt, man ist ja nicht die Erziehunsanstalt der Nation, nicht wahr. Auf eine solche Forschungseinrichtung, wenn sie sich hinter ihren statistischen Nullitäten versteckt und zugleich austeilt, möchte man gerne verzichten. Ein Angebot zu machen wird mit einer kulturellen Zwangsjacke verglichen, so als ob man sich noch in Zeiten des Volksempfängers befinde. Ein reichhaltig gedeckter Tisch ist in Zeiten des Fastfoods also eine Zumutung. (Empirie hat heute ganz offensichtlich nichts mehr mit Erfahrung zu tun.)

Bleiben wir in Hessen. Werner Reinke, das Urgestein des Hessischen Rundfunks und Miterbauer von hr3 hat sich in einem Interview mit DWDL zur Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks folgendermaßen geäußert:

„Ich kenne einen Mann, der von sich selbst sagt, er könne mit Popmusik gar nichts anfangen. Dabei ist er Musikchef einer Popwelle! Allerdings muss er mit Popmusik gar nichts mehr anfangen können, sondern nur noch die von Beraterfirmen vorgegebenen Statistiken lesen – und so versteht er seinen Job auch. Für die Programmgestaltung im Radio von heute sind manchmal nur noch reine Statistiker und Verwalter von Daten verantwortlich, die sich für die Musik gar nicht mehr interessieren.“ Werner Reinke: „Das Radio begeht gerade Selbstmord“ (22.6.2016)

Der Moderator wird eigentlich ersetzbar, an ihm kann man sich auch nicht mehr reiben, denn es ist ja der Computer, der für einen auswählt. Wir haben ähnliche Tendenzen bei den Kulturwellen des NDR und bei rbb schon auch seit 2003 immer verfolgt („Das GANZE Werk“) und wurden als Kultur-Ajatollahs verschrien. Die Aaaarghumentation war dabei nicht viel anders als hier in der Planckschen Forschungsküche in Frankfurt.

Reinke geht aber noch weiter:

„Das Medium Radio begeht gerade Selbstmord. Einen sehr schleichenden zwar, aber es begeht Selbstmord. Wir Radioleute müssen viel schneller reagieren auf die neuen Anforderungen und Konsumgewohnheiten, sind viel zu träge in dem, was wir machen. Neue Konkurrenz wie Spotify und Last.fm nehmen wir viel zu wenig wahr. Wir müssten jetzt endlich anfangen, intelligente Inhalte zu liefern, um ein Einschaltradio zu machen. Die Playlists, die hier Land auf, Land ab laufen, kann Ihnen Spotify zu jeder Zeit bieten, nicht aber den Mehrwert, der entsteht, wenn wir konsequent auf gute Inhalte setzen würden. […] Die Privatsender, die mit ihrem Weg sehr erfolgreich sind, haben mein volles Verständnis. Wenn die Eigner von FFH mit Ihrer Art von Radio zufrieden sind, weil es Geld einbringt, dann soll mir das recht sein. Wer reagieren müsste, sind die Öffentlich-Rechtlichen, die einen ganz anderen Auftrag haben. Die müssten sich wieder ihrer Tugenden erinnern und ihre Rotation von 1.000 auf mindestens 100.000 Titel erhöhen. Wir haben doch im Hessischen Rundfunk zusammen mit dem deutschen Rundfunk-Archiv Millionen toller Musiktitel. Man kann ja den Computer erst mal die Sendung zusammenstellen lassen, um eine Basissendung zu kreieren, aber dann müssen eben kundige Musikleute eingreifen und damit beginnen, wieder emotionales Radio zu machen. Sie müssen Kino im Kopf freisetzen, intelligente Betrachtungen des Zeitgeschehens liefern und die Hörer ans Radio regelrecht binden.“ Werner Reinke: „Das Radio begeht gerade Selbstmord“ (22.6.2016)

Übungen in Mutlosigkeit

Ich muss es natürlich so ausführlich bringen, das Zitat. Denn es zeigt, woran es eben fehlt: Die laufenden Reformen des Rundfunks sind Übungen in Mutlosigkeit, Übungen in Bequemlichkeit – und zwar ästhetisch. Die ganzen Konflikte werden heute nur noch auf der Ebene des Managements ausgetragen. Hinter den Kulissen rollen und qualmen die Köpfe, da gibt es dann Kurse in achtsamer Kommunikation und man lässt sich von Forschern und Forscherinnen erklären, wie die Welt angeblich draußen ist. Da will man nicht auch noch ästhetische Konflikte eingehen. Nicht auch noch da will man angreifbar sich zeigen. Anders lässt sich diese Niedergang nicht begreifen.