Heute ist angeblich #RecordStoreDay. Der Tag der Schallplattenläden. Also jener Läden, derer man immer weniger angesichtig wird in den Innenstädten, die früher Treffpunkte für Musikenthusiasten wie ganz normale Tonnutzer. Da wo man sich auch mal schon sehr im Weg stand, weil jemand in und vor der eigenen Kiste grabbelte, viel zu langsam und im schlimmsten Fall mit dem gleichen Suchwunsch. Wer sich erinnert, damals, als Geiz noch nicht so geil war, als der junge Mann, die junge Frau aus der Provinz in die große Großstadt pilgerte zu einem Planeten des Sonnensystems beispielsweise, wo es das komplette Repertoire zu geben schien, Paradies! Jetzt, wo alles online, digital oder im Stream vorliegt, da gibt es anscheinend eine kleine Wiederauferstehung dieses Produktes: Schallplatte.

Und als ob die Zeiten spurlos an der nmz vorübergegangen sind, die Rubrik mit den Besprechungen von Musik auf Tonträgern, längst auf CD, heißt immer noch Schallplatten.

Wer weiß, wo das alles noch hinführt. Die gute Schallplatte, allein das Wort auszusprechen, ist wie ein Eintauchen in eine (gute alte) Zeit, als die ganze Problematik mit Raubkopien ein Randphänomen (We stole this riff, The Residents) war,

      Residents_Baby-Sex_01-We-Stole-This-Riff

als es noch um die persönliche Beziehung zwischen Konserve und Musik ging.

Und dann, die Schallplatte(n), die man auf Feten mitgenommen hat, die unter Umständen dann die Sammlung seltsam wechselten. Die Erinnerung an bestimmte Marken für Plattenspieler wie Thorens und Dual, die Nadeln, die automatischen Plattenwechsler aus den 50er Jahren bei den Eltern, die angebliche Möglichkeit bei einer JukeBox auch für Geld eine Musikpause zu kaufen. Die Platten, die auf mancher Fete gefühlte 730 mal gespielt wurden, die Formen und Verpackungen, das geheime Wissen der Plattenhändler. Das war alles ein soziales Netzwerk im Spiel mit Ressourcen. Wo man sich eine Kopie auf Kassette vielleicht ausbat, etc. Eigentlich gäbe es so viel dazu zu sagen, so viel mehr jedenfalls als über CDs und MP3s und Streams.

Dabei ist die Herstellung von Vinyl-Tonträgern nicht so simpel, da lässt sich nicht so ein kleines nettes Tool wie ein CD-Brenner einbauen oder etwas in der Cloud ablagern. Im Gegenteil, wer noch einen Restbestand von Schallplatten sein eigen nennen kann, mag nicht mehr gerne umziehen. Die Gewichte der Sammlungen sind bisweilen gewaltig, die Lagerung ist nicht immer einfach. Entsetzen breitete sich aus, als vor geraumer Zeit ein schwedisches Möbelunternehmen ankündigte, eine bestimmte Regalform nicht mehr zu produzieren, war es doch zufälliger Weise für die Aufbewahrung optimiert.

Jetzt gibt es sogar wieder Charts für Vinyl, langweilige Charts möchte man meinen:

Vinyl-Charts Deutschland – Auswertung 1. Quartal 2015
01. Led Zeppelin „Physical Graffitti“ (Atlantic/Warner Music)
02. Deichkind „Niveau Weshalb Warum“ (Vertigo Berlin/Universal Music)
03. Pink Floyd „The Endless River“ (Parlophone/Warner Music)
04. Mark Knopfler „Tracker“ (Mercury/Universal Music)
05. Diana Krall „Wallflower“ (Verve Forecast/Universal Music)
06. The Prodigy „The Day Is My Enemy“ (Vertigo Berlin/Universal Music)
07. Neil Young „Storytone“ (Reprise/Warner Music)
08. Pink Floyd „Dark Side Of The Moon“ (Parlophone/Warner Music)
09. Bilderbuch „Schick Schock“ (Maschin/Virgin Records/Universal Music)
10. Blind Guardian „Beyond The Red Mirror“ (Nuclear Blast/Warner Music)
11. Scorpions „Return To Forever“ (SevenOne Music/Sony Music)
12. Marilyn Manson „The Pale Emperor“ (Vertigo Berlin/Universal Music)
13. Led Zeppelin „Led Zeppelin IV“ (Atlantic/Warner Music)
14. Donots „Karacho“ (Vertigo Berlin/Universal Music)
15. Audio88 & Yassin „Normaler Samt“ (Heart Working Class/Groove Attack)
16. Steven Wilson „Hand.Cannot.Erase“ (Kscope/Edel)
17. Pink Floyd „The Wall“ (Parlophone/Warner Music)
18. Nirvana „MTV Unplugged in New York“ (Geffen/Universal Music)
19. Björk „Vulnicura“ (Embassy Of Music/Warner Music)
20. Pink Floyd „Division Bell“ (Parlophone/Warner Music)
(Quelle: GfK Entertainment)

Unter den ersten 14 nur Majors und fast nur alte Bekannte. Man muss den Eindruck gewinnen, die Plattenkaufdunkelziffer der nicht gelisteten Verkäufe von Platten ist noch höher.

PS: Das erinnert mich daran, dass ich folgende Schallplatten aus meinem Archiv vermisse und leider nicht mehr weiß, wem ich die Platten ausgeliehen hatte. Falls jemand also „Rolf Riehm: Das Märchen vom Machandelboom“ und die „Wergo-Platte mit Musik von Josef Anton Riedl“ bei sich findet, die ist bestimmt von mir. Rückgabe erwünscht.

PPS: Christian Marclays Record Player im UBU-Web.