Stargeigerin Julia Fischer hat eine eigene Kolumne auf BR-KLASSIK. Die heißt „Geigenkasten“ und wöchentlich gibt’s nette bis unterhaltsame Anekdoten und Äußerungen zu allem rund um die Fidel – auch wenn es vom Niveau wenig der Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil, Band 12 entspricht, kann ich es nur wärmstens empfehlen. Bis jetzt.
Die aktuelle Folge Nummero 10 widmet sich dem Thema „Klassik und Crossover“ und da muss ich dann doch mal einhaken. Aber hören wir erst noch einmal rein:

      de904859-e11d-44b1-8ff3-a94f1f777ab3_2

Julia Fischers „Geigenkasten“ (10) Klassik und Crossover

Äpfel und Dirnen

Schnell wird einem klar: Julia Fischer spricht nicht von Crossover, sondern von Zweitverwertung: von Verwurstung des musikalischen Materials, von gemischtem Hack aus Massentierhaltung. Das ist schade, denn eine angesehene Klassik-Virtuosin, die an dieser prominenten Stelle definitiv meinungsbeeinflussend ist, verwechselt Äpfel mit Dirnen: Sie hat ein anderes, ein eingeengtes und – meiner Meinung nach – überholtes Verständnis vom Begriff Crosssover.

Beweis gefälligst? Als Beispiel für Crossover führt sie Folgendes an:

„Ich habe [auch] nie die Idee gehabt: Dieses Stück von Bach klingt ja ganz toll – da müsste man noch einen Bass drunter legen und dann wird es noch interessanter.“

To beat or not to beat

DAS ist kein Crossover – zumindest nicht annähernd alles, was dieser Begriff ausdrücken kann. Das ist – wenn es gut gemacht ist – tanzbare Leichenfledderei. Und wenn es schlecht gemacht ist – und da gebe ich ihr recht – rennen einem die Leute die Konzerthalle ein.

Bitte nur auf nüchternen Magen anklicken:

 

 

Zwei Gründe liefert sie für das Produzieren dieser „Musik“.
Erstens: Kommerz. D’accord! Und zweitens: künstlerischer Anspruch. In ihren nun folgenden Ausführungen spielt sie „Tabu“ mit dem Begriff Musikvermittlung (oder doch eher Konzertvermittlung? ;) ).
Es ist offensichtlich, dass sie wohl Musikvereinfachung meint und (zurecht!) ablehnt. Und das ist dann wiederum ein starkes Indiz für Geldgeilheit.

Mit dieser über den Äther publizierten Kreisverkehr-Logik aber gibt sie den Begriff Crossover der zehntausendfachen Vorverurteilung preis. Ich bin mir sicher, dass weder sie noch das Gros ihrer Hörerschaft sich intensiv oder aufgeschlossen mit dem Stand der Dinge in Sachen  Crossover-Projekte beschäftigt haben, die genau jetzt überall um uns herum entstehen.

Nochmal Julia Fischer:

„Wenn ich aus ‚Romeo und Julia‘ einen Comic mache, dann kriegen Leute eine tolle Geschichte in einem Comic, aber sie bekommen sicherlich nicht die Tiefe, die Shakespeare in diesem Stück geschrieben hat. Da gibt es sehr viele andere Wege, die viel sinnvoller sind, um jemanden mit dieser Literatur vertraut zu machen. Das Gleiche zählt für mich in der Musik.“

Eine heikle Verknappung: Offensichtlich hat sie bisher nur Das lustige Taschenbuch zu lesen bekommen, aber erst nachdem ihre Eltern so ziemlich alle Sprechblasen mit Tipp-ex bearbeitet haben. Nur als Anmerkung: Es gibt unglaublich gehaltvolle und inhaltlich hochwertige Comics, Mangas und Bildergeschichten, die Vorhandenes neu erzählen, anders erzählen, aufgreifen, erweitern, den Fokus verschieben… aber das würde hier zu weit führen.

 

Zurück zum Thema:
Vielleicht hieß es früher anders und vermutlich wird es heute exzessiver betrieben. Aber Samplen – oder allgemeiner/historisch korrekter gehalten: das Aufgreifen von vorhandenem musikalischen Material – ist keine Unart von Beat-Jüngern (ungleich: Beatles-Fans). Der Unterschied zum bloßen Umtüten ist, dass dabei etwas Neues geschaffen wird!

Und es gibt tolle Beispiele dafür. Das frische Impulse verströmende PODIUM-Festival macht es vor. Und etwa ein Albrecht Mayer mit!
Schließen möchte ich – um nicht nur meckernd dazustehen und damit ich selbst auch Angriffsfläche biete – mit einem Crossover-Werk, wie ich es für gelungen halte. Für mich bedeutet das übrigens mehr „Grenzen verwischen“ als „hemmungslos vermischen“.