Eine Alltagserfahrung aus dem Essener SingNetz*
Nach den Weihnachtsferien kam ich gut gelaunt und mit vielen neuen Ideen in eine Grundschule, an der ich nicht nur JeKi-Unterricht im ersten Schuljahr erteile, sondern auch die Ganztagskinder in einer Chorgruppe im Rahmen des Projektes “Essener SingNetz” betreue. Die Teilnahme an dieser Chorgruppe ist freiwillig und kostenfrei. Wie JeKi findet diese Stunde nach Beendigung der Kernfächer statt.
Um den KollegInnen vor Ort gute Wünsche für das neue Jahr zu übermitteln, betrat ich das Zimmer des Schulleiters, der mit mitteilte, dass die Chorstunde ausfiele, weil die Kinder Schlittschuhlaufen gingen. Hier dachte ich noch, na ja einmal, da will ich mal nichts sagen. So machte ich mich auf den Weg zu meinem Klassenraum. Auf dem Weg dorthin sprach mich die Erzieherin an, ob ich schon wüsste, dass die Chorstunde in den kommenden vier Wochen ausfiele, weil nun Schlittschuh gelaufen wird. Meine Gesichtszüge erstarrten und ebenso meine Sprachwerkzeuge.
Ohne Vorwarnung werde ich nun “spazieren gehen geschickt” und niemand hat mal gefragt, ob das überhaupt in meiner Arbeit möglich ist den Unterricht über einen Monat ausfallen zu lassen. Meine selbstgesteckten Unterrichtsziele kann ich jedenfalls jetzt nur noch mit Zusatzproben erreichen.
Aber ich finde es viel schlimmer, dass sich bei mir das Gefühl breit macht, mein Unterricht sei WERTLOS in der Beurteilung der Schule. Die schulischen Belange sind wertiger und das externe Angebot wird nicht nach dem Inhalt, sondern nach dem Externen bewertet. Meine Motivation mit dieser Schule zusammenzuarbeiten ist gleich null gesunken. Die Akzeptanz von der Bedeutung musikalischem und vokalen Erleben im Grundschulalter kann also nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden.
Es gibt also noch viel zu tun in puncto Zusammenarbeit zwischen Musikschule und Grundschule.
Welche Erfahrungen haben andere Kolleginnen und Kollegen gemacht?
* Das Essener SingNetz ist eine Kooperation zwischen der Folkwang Musikschule Essen und den Offenen Ganztagsgrundschulen in Essen. Diese Kooperation startete im Schuljahr 2006/2007 unter dem Namen Netzwerk „Chor an Essener Grundschulen“ oder kurz Netzwerk Chor. Im ersten Jahr nahmen etwa 300 Kinder an diesem Projekt teil, inzwischen sind es rund 1000 Kinder im Grundschulalter, die einmal in der Woche von Dozentinnen und Dozenten der Folkwang Musikschule eine Sing- bzw. Chorstunde erhalten. Das Essener SingNetz versteht sich als Basisausbildung im Umgang mit der Stimme. Hier werden die Kinderstimmen anhand von Stimm- und Sprechspielen geschult. Darüber hinaus soll Musik in seiner Ganzheit auf verschiedenen Sinnesebenen erlebt werden. Dazu gehören Bewegungsspiele, das Heranführen an das Verständnis unseres kulturell bedingten Dur-Moll-Systems durch Solmisationszeichen und Rhythmussprache wie sie der ungarische Komponist Zoltán Kodály einst entwickelt hat.

Musikschule Duisburg gefährdet?
Liebe JeKi-oder-nie-Bloggerinnen und Blogger,
womöglich ist dies hier nicht ganz der geeignete Ort, gewissermaßen aber doch: Uns erreicht die Nachricht, dass, mitten im JeKi-Land – die Duisburger Musikschule von allen kommunale Zuwendungen abgeschnitten und ggf. “privatisiert” werden soll. Leider kann ich den Leiter, Herrn Natzel, nicht erreichen. Gibts aus unserem kleinen Netzwerk nähere Informationen? Wäre für den Fall, dass sich diese Meldung erhärtet, nicht auch hier ein guter Platz, gegen solche mögliche Demontage Stellung zu beziehen?
Fragt in die Runde: Theo Geißler, geissler@nmz.de
Nach meinem Kenntnisstand gibt es eine Duisburger Ratsvorlage, nach der die Musikschule bis zum Jahr 2014 in private Trägerschaft zu überführen. Einen kommunalen Zuschuss soll es dann nicht mehr geben. In der Tat ist dieser Ort der richtige, um über derartige Entwicklngen zu sprechen. Die kommunalen Musikschulen im Ruhrgebiet, deren Träger fast ausnahmslos in finanziellen Schwierigkeiten sind, müssen befürchten, dass ihre bisherigen Angebote zunehmend durch den weitgehend durch Fremdmittel finanzierten JeKi-Unterricht ersetzt werden. Zwar hat die Landesregierung erklärt, dass genau dies (eine Reduzierung des regulären Unterrichtes) nicht passieren soll, die Sparzwänge der Kommunen werden es aber nicht verhindern können. Deshalb ist es wichtig, in der Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass JeKi nur dann dauerhaft erfolgreich sein kann, wenn gerade die weiterführenden über Jahrzehnte erprobten qualitätvollen Angebote der kommunalen Musikschulen erhalten werden und die Kinder nach ihrer JeKi-Zeit eine für alle finanzierbare Perspektive erhalten, ihr Instrument weiter zu erlernen.
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von NGC6544, neue musikzeitung erwähnt. neue musikzeitung sagte: jeki > Singen oder Schlittschuhlaufen: Eine Alltagserfahrung aus dem Essener SingNetz* Nach… http://goo.gl/fb/08bH [...]
Hallo,
Singen oder Schlittschuhlaufen – gute Frage! Natürlich darf man eins nicht gegen das andere ausspielen. Doch das geplante Singen durch adhoc Auf-Kufen-Laufen rechts überholen – das ist böses Foulspiel an den Kindern.
Wir haben in einer jüngsten Untersuchung beobachtet, dass Kinder, die in der 5 Klasse an einem niedersächsischen “Chorklassen”-Programm mit Unterricht in Kleingruppen ein Jahr lang teilgenommen hatten, davon im Vergleich zu Kindern mit Regel-Musikunterricht, welcher Singen mit einschloss, hinsichtlich ihrer Stimmentwicklung (auch Sprechstimme!) erheblich profitiert hatten. Es gab sogar noch ein paar mehr positive Effekte (Transfers). Musikalische Vorbildung der Kinder und Eltern, Schulleistungen oder sozialer Status der Eltern können die Verbesserungen der Stimme bei den Chorklassenkindern jedenfalls nicht erklären. Wir gehen vorläufig davon aus, dass das Stimmtraining ursächlich war für signifikante Verbesserungen der Stimme bzw. Kontrolle des Stimmapparates. Ohne dieses Training stagnierte die Stimmentwicklung quasi bei den Kontrollen.Die Studie ist Bestandteil einer Dissertation, die spätestens im nächsten Jahr veröffentlicht werden wird. Eine abschließende Bewertung der Ergebnisse kann hier noch nicht gegeben werden, gleichwohl vermute ich sehr stark, dass die Kollegin recht hat – und die Bedeutung des Singens für die kindliche Entwicklung weit unterschätzt wird.
Beste Grüße,
Gunter Kreutz,Uni Oldenburg
Aber selbstverständlich – das Singen ist in vieler Hinsicht eine Bereicherung.
). Dadurch wäre mindestens nach außen eine Gleichstellung hergestellt.
Die Frage nach dem Bericht über die Arbeit vor Ort ist aber doch noch eine andere wichtige: was ist nötig, um unsere Arbeit an den Schulen so zu etablieren, dass der Ausfall einer Singstunde ebenso wichtig genommen wird, wie die ausgefallene Mathematikstunde.
Was können wir dafür tun? Welche LehrerInnnen vor Ort haben noch weitere Tips? Sollen wir Schulen, die sich wenig kooperativ zeigen abstrafen, indem wir dort gar nicht unterrichten? Oder wollen wir “kämpfen” und durch unsere Arbeit auch die Zweifler überzeugen?
Und welche Unterstützung können wir in der Politik noch erhalten? Dort könnte Jeki ja in den Lehrplan aufgenommen werden ( natürlich nur in der mit dem Singen kombinierten Form
liebe Grüße
Barbara Petzold
Hallo,
wir hatten ja mal einen Bundespräsidenten “Hoch auf dem gelben Wagen..” und der aktuelle Präsident des deutschen Chorverbandes ist ehemaliger Bremer Bürgermeister.
In der Tat ist es ein Problem, dass zwischen Kern- und Nebenfächern so stark unterschieden wird. Die (bildungspolitische) Lage kann sich nur langfristig und mit Beharrlichkeit und solider empirischer Forschung bessern. Die Erziehungswissenschaftler in diesem Land befinden sich jedoch leider im Tiefschlaf oder hängen hermeneutisch verbrämten Ideologien nach. Empiriefeindlichen Einstellungen an den Unis ist es zu verdanken, dass über die Bedeutung von Singen und Musizieren so wenig sinnvolle Diskussionen möglich sind. Statt dessen werden sogar von Seiten der Musikpdädagogik quantitative Ansätze nach wie vor sehr stark angefeindet. Warum wohl? Zumindest gibt es Grund, von unsinnigem Geschwätz, genannt hermeneutisches Verfahren, abzulenken, das noch nie irgend etwas Gutes bewirkt oder zutage gefördert hätte.
Scheinargument Nummer eins ist dabei, dass man den Musikunterricht nicht durch “Mehrwerte” begründen dürfe. Ich würde dagegen halten, dass die Evolution nichts hervorgebracht und beibehalten hat, was nicht einen Mehrwert für die betreffenden Lebewesen zumindest zeitweilig erbracht hätte. Und selbst, wenn man sich ganz darauf zurück zieht, Musik hätte nichts mit Biologie und alles mit Kultur zu tun, dann müssten wir uns ja erste recht selbst verleugnen, wenn wir Musik nicht als “Mehrwert” des kulturellen Lebens anerkennen wollten.
Kurzum: es werden zu viele irrationale und zu wenige pragmatische Diskussionen geführt. Würde man den Nutzen des Singens für die Kinder, den wir immer besser verstehen, noch intensiver empirisch beforschen, wie es dem Gegenstand zusteht, würde die Diskussion vielleicht nicht unbedingt einfacher, doch wären klare Entscheidungen möglich – und man wüsste genau, um welche Potenziale es geht, die man nutze, oder eben – bewusst – ignoriert.
Beste Grüße,
Gunter Kreutz, Uni Oldenburg