Schon seit geraumer Zeit gewinne ich den Eindruck, dass wir uns in der Diskussion über Jeki und die Sitaution der Instrumentalausbildung heftig im Kreis drehen, noch immer nicht den Kern der Sache getroffen haben. Vielleicht auch logisch, da wir meist nur darüber sprechen, auf welchem Weg das Ziel zu erreichen sei. Dies kann nicht weiterführen, solange wir nicht Einigung über das Ziel selbst gefunden haben. Dies betrifft sowohl die künstlerische Qualität, als auch die Frage nach den gesellschaftlichen Idealen, die durch die staatliche Vorgaben in Sachen Erziehung angestrebt werden. Da ich der Meinung bin, dass es eine gute Qualität per se nicht gibt, möchte ich mich an dieser Stelle bemühen, hierzu noch präziser Position zu beziehen, um die Diskussion eventuell in eine geänderte Richtung zu steuern.
Nach meinem Dafürhalten stärken die herkömmliche Form des Unterrichts (Bevorzugung des formalen, durch den Lehrer strikt gesteuerten Einzelunterrichts) und die darauf gegründeten Strukturen in stätdtischen Musikschulen und im privaten Instrumentalunterricht folgende Sachverhalte:
1. Die Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen
2. Die Bestätigung einer musikalischen Elite, die dadurch ihre bestehenden Werte und ihre Führungsposition sichert.
3. Die Fremdbestimmheit im Lernen und somit eine künstlerische Entfremdung der Schüler von ihrer eigenen musikalischen Motivation.
4. Die Betonung handwerklicher Fertigkeiten (höher-schneller-weiter als Ideal vergangener Jahrhunderte, als die Herrschaftsschicht auch durch die Musik ihre Führungsposition darstellte)
5. die Ausgrenzung innovativer Musikstile und Musizierpraktiken
Anders betrachtet fehlen dadurch einige wichtige Aspekte, die ich sowohl künstlerisch als auch gesellschaftlich für enorm wichtig halte.
1. Die Öffnung des elitären musikalischen “Inner Circles” für Alle
2. Die Förderung und Entwicklung individueller Fähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten
3. Ein lebendiges, offenes Umgehen mit der aktuellen Musikkultur. Altes wird bewahrt, was keinesfalls falsch ist. Aber die Entwicklung neuer Gedanken und Denkansätze wird dadurch oft gebremst.
4. Interessante, neue Musizier- und Gestaltungsansätze werden durch das Fixieren einer angeblich für ewig geltenden richtigen Handhabung der Instrumente und Behandlung der Materie “Musik” in der öffentlichen Ausbildung eher behindert als gefördert.
So stellt sich also die Frage, auf welchem Wege Kompromisse gefunden werden können, um Tradition nicht über Bord zu werfen, Individualität, gesellschaftliche Gerechtigkeit und Erneuerungen dennoch möglich zu machen.
Dabei müssen die alten Strukturen genauso in Frage gestellt werden, wie es nötig wird neue Programme kritisch zu prüfen und vor allem die für die Kompromisse notwendigen Voraussetzungen zu klären.
Nach meiner Meinung benötigen wir dafür
- Die Einbindung der musikalischen und instrumentalen Ausbildung in den Bildungskanon, um sowohl alle Kinder zu erreichen, als auch für alle Kinder die finanzielle Komponente der instrumentalen Ausbildung abzuschaffen oder wenigstens abzumildern.
- Die Stärkung der Instrumentallehrer durch eine noch fundiertere auch pädagogische Ausbildung.
- Ein Loslösen vom starren “einmal pro Woche”- Unterricht, zugunsten von flexiblen zeitlichen Strukturen
- Geld für eine angemessene Bezahlung der Lehrer, für brauchbares Material und passende räumliche Voraussetzungen.
- Die Selbstverständlichkeit, dass Musik und Instrument in den Stundenplan einer Schule gehören.
- Die ständige, offene Auseinandersetzung mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in den Bereichen Lernen und Begabung. (Und demzufolge auch ein ständiges Nachbessern der Strukturen)
Hierfür bietet Jeki, mit all seinen momentanen Schwächen, eine Chance. So schwer es auch sein mag, im laufenden System ständig Fehler zu verbessern. Und nicht zu vergessen ist diese Tatsache:
Die Rechtfertigung für die Veränderungen liegt primär in der Sache selbst, also in der Musik, nicht in den positiven Begleiterscheinungen des Musizierens. Die Möglichkeit zu Musizieren sollte endlich gleichberechtigt neben dem Erlernen der Fähigkeiten wie Rechnen und Schreiben stehen. Es kann doch nicht angehen, dass wir auf dem Stand verharren, dass die Zugehörigkeit zum Inner Circle und bestimmte finanzielle Mittel die Voraussetzung für eine mögliche künstlerische Ausbildung darstellen.

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