Die Kunst des Hörens

Die Musikpsychologie und -soziologie hat sich über Jahrzehnte auch damit befasst, Typologien von Hörern und Hörerinnen zu bestimmen. Die bekanntesten Untersuchungen dürften die Typologien musikalischen Hörens (Verhaltens) von Theodor W. Adorno und Klaus-Ernst Behne sein. Wer hört was und wie. Adorno hat das als soziologische Kategorie bestimmt, Behne eher als psychologische. Gewiss gibt es ältere Studien und jüngere. Was sie eint ist, dass sie sich überhaupt dieser Frage widmen und dass sie überhaupt die Möglichkeit wahrnehmen, dass man dabei Unterschiede machen kann. Und auch dass diese Unterschiede etwas bedeuten.

Der Musikkritiker Friedrich Rochlitz hatte so eine Unterscheidung bereits 1799 gemacht. Seine vier Typen benannte er so:

  • Musikhörer aus Eitelkeit und Mode
  • Die nur mit den Ohren hören
  • Die ausschliesslich mit Verstand hören
  • Die mit ganzer Seele hören

Jede dieser Typologien hat das Recht ihrer eigenen Art. Es macht irgendwo ein bisschen Freude, sich in der einen oder anderen Type wiederzuerkennen. Und grundsätzlich muss man derlei Typologien vollkommen ablehnen. Sie sind der Zeit verbunden, ihren gesellschaftlichen Bedingungen, die diese Hörerinnen hervorbringen. Momentaufnahmen, gleichwohl mit einigem Bestand.

Bei allem Ernst der Angelegenheit sollte man sich davon nicht irremachen lassen. Das hat Adorno in einem kleinen Einwurf mehr als deutlich gemacht:

„Der kann einmal mehr in der Wahrheit sein, der friedlich in den Himmel schaut, als einer, der richtig der Eroica folgt.“ [Band 14: Dissonanzen. Einleitung in die Musiksoziologie: I. Typen musikalischen Verhaltens. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 11518 (vgl. GS 14, S. 198)]

„In der Wahrheit sein“ – was für ein großes Wort. Heute fragt man danach besser nicht mehr. Es kämen sofort die Faktenchecker angehopst. So kann man vielleicht zu dem Schluss kommen, dass allein die Fakten noch zählen, die keine Fakten mehr darstellen. Auf der einen Seite Paranoia, Hysterie und Wahnsinn, auf der anderen die Künste, die Unbestimmt- und Vielheit der Sicht. Das Gedicht wird zum Widerschein der Wahrheit, weil es dann sich einfach der rationalen Debatte sich entzieht, sofern man nicht am Wort selbst klebt.

„Dreams are my reality“

Aber soweit muss man gar nicht gehen oder: mitgehen. Nur auf etwas anderes verweisen: Das (richtige) Hören fällt aus der Betrachtung, wenn man es auf seine Haltung bezieht. Diese scheint immer mehr in den Vordergrund sich zu drängen. Die zahllosen Bilder mit von Kopfhörern umfassten Hörköpfen spielt sich da nach vorne.

Musikinformationszentrum. Website

Musikinformationszentrum. Website

Als das Musikinformationszentrum des Deutschen Musikrates sich für das Internet eine Bebilderung einfallen lassen musste, dachte sie an diese Kopfhörer. Was man wirklich dachte, zeigt ein Blick in ein historisches Filmdokument:

Der Kopfhörer schottet ab und ersetzt die Melodie, nach der die Welt aus dem letzten Loch pfeift durch die Traumwelt. Und das im Musikinformationszentrum – dem Musiklebencheckerladen schlechthin. Die Metapher scheint – je nach Sichtweise – gut gewählt.


Der Klassikhörer an sich hört aber anders. Nämlich mit Verstand, er legt den Kopf faltenlos in die stützende Hand, die wie bei einem EEG die Gehirnströme nach Möglichkeit in den Körper fahren lässt. Wie sublim, wie sublimiert.

Klassik gelassen genießen.

Klassik gelassen genießen.

Naxos: Klassik ohne Krise. Auf der Insel der Hörseligen gelandet. Krawatte gelockert, aber doch nicht im Jogginganzug. Der Blick sagt einem: Ich bin ein Hörer, hol‘ mich hier raus. Wo habt ihr mich nur gelassen? So kann ich echt nicht genießen. Genießen, das geht … siehe unten.

Hörhaltung heute

Jahrelang lief früher im Norddeutschen Rundfunk am Samstag um halb 9 (Faktencheck) eine Sendung, die dazu einlud, die Stereoanlage in richtige Funktion zu bringen. Linker Lautsprecher (links) und rechter Lautsprecher (rechts). Und auch die Phasen wurden getestet: Rauschen aus der Mitte / Rauschen aus dem Raum. Wenn es denn doch so einfach gewesen wäre mit dem Hören. Schaut man sich die heutige Hörhaltung an, wie sie uns durch die Werbung suggeriert wird, scheint das alles Stereo von gestern zu sein.

Die richtige Hörhaltung nach Spotify!

Die wahre Art zu hören. (Spotify)

Die wahre Art zu hören. (Spotify)

Irgendetwas ist mir entgangen bei Verfolgung der Entwicklung der letzten 30 Jahre. Aber auch in Sachen Logik: Faktencheck! Wo ist die „Couch“ bei der „Couchmusic“? Ist die Musik für die Couch gedacht, um sie abzulenken, weil man sich gerade auf den Boden lümmeln möchte. Wo wären wohl sonst idealerweise die Lautsprecher für derlei Musik angebracht, wenn man die Hörposition als ideal annimmt? Rein physiologisch ist die Sache klar: Das Blut wird aus den Extremitäten abgezogen und dem Gehirn in erhöhtem Maße zugeführt. Damit steigt der Sauerstoffanteil im Bereich des Frontallappens. „Geht es um das, was den Menschen ausmacht, ist der präfrontale Cortex eine der verheißungsvollsten Strukturen im Gehirn.“ [Quelle: Das Gehirn.info] Klar, wie ein Konzertsaal der Zukunft aussehen müsste?

Die Kunst des Hörens wird zu einer gymnastischen Übung, wie ja so manches im Leben. Bald alles.

Martin Hufner
Chefmitarbeiter bei |

seit 1997 chefökonom der kritischen masse und netzbabysitter der nmz.

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