Das bekannte Wegsehen im Falle Levines: einfach so weitermachen?

Nach metoo in Hollywood beschäftigt sich die US-Westküste aktuell mit Pädophilievorwürfen gegen den jahrzehntelangen MET-Chefdirigenten James Levine. Obwohl diese Vorwürfe grüchteweise schon beinahe genauso lang bekannt waren, wie er MET-Chef ist, will jetzt erst auch die MET selbst eine Untersuchung dazu vornehmen. Denn wie die New York Post berichtet, wo man auch Alles zum jetzt aufgedeckten Fall nachlesen kann, war der Klassikszene seit Jahrzehnten Levines Vorlieben für minderjährige Knaben bekannt – man zitiert den Blogger Greg Sandow: “The rumors of [Levine’s] alleged abuse have been widespread for decades and in my experience they seemed to be widely believed inside the classical music field though I’ve never heard anyone cite anything specific.”

Ob heutzutage hier James Levine sein Führungszeugnis beantragen müsste?

Als James Levine ab 1999 bis 2004 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker wurde, waren diese Gerüchte anscheinend auch in Deutschland bekannt. So diskutierten Grüne und SPD lt. Zeit (am Ende des 2. Absatzes) die Vorlage eines US-amerikanischen polizeilichen Führungszeugnisses, was ja jeder unternehmen muss, wenn er eine Stelle im öffentlichen Dienst anstrebt. Im konkreten Falle blieb das allerdings aus und Levine bekam den Posten, den er bereits vor 2004 nicht mehr richtig wahrnahm, da wegen starker Rückenschmerzen ihm nach damaliger Berichterstattung Interkontinentalflüge nicht mehr zuzumuten waren.

Interessant ist in diesem Zusammenhang aus der 12/97-nmz, wo Autor Reinhard Schulz die Wiederkehr von rechtslastiger Kulturzerstörung befürchtete. Im Falle Levines fühlte er sich angesichts des diskutierten Führungszeugnisses an den Ariernachweis erinnert: „…wenn bei den Debatten um James Levine ein sittliches Führungszeugnis fast wie ein Ariernachweis (von den Grünen!) verlangt wird.“ So sehr er mit seinen diesem Ausschnitt vorangehenden Thesen und Befürchtungen recht hatte, denkt man z.B. an die nationalistischen Vorgaben, die die AfD-Sachsen-Anhalt den Bühnen ihres Landes machen möchte, so irrte er sich bei Levine. Auf der anderen Seite schreit das konservative Klassikfeuilleton öffentlich oder privat in sozialen Medien aktuell gerne „Diffamierung, Politische Korrektheit, Zensur!“, wenn man eben nicht den Irrtum Schulz‘ begeht und das ganze Spektrum von öffentlich geäusserten Sexismus bis sexuellen Missbrauch im Klassikwesen aufdeckt, bekannt macht, kommentiert und kritisiert.

Angesichts der Bekanntheit sexuellen Missbrauchs und sexuellen Fehlverhaltens, ob juristisch oder nur moralisch, fragt man sich, warum man sich so schwer tut, diese Untaten offenzulegen und das eigene institutionelle Versagen einzugestehen. Im Gegenteil ruft man Verschwörung und befürchtet die Abschaffung sexueller Freiheit, wenn Sexismus und Missbrauch angeprangert werden. Würde man das nicht anprangern, nur brav darüber reden, würde genauso wenig passieren wie zu den Zeiten, als Straftatsvorwürfe intern bekannt waren, man aber nichts, gar nichts und überhaupt gar nicht dagegen unternahm. Das hat aktuelle Bezüge zu 2017, aber auch zu Bayern 1997, wo man fast schon weiter als heute gewesen wäre.

Dass ausgerechnet die Grünen nach Überprüfung der Pädophilievorwürfe riefen und nun 20 Jahre später bestätigt bekommen, dass sie richtig lagen, dürfte manchen Konservativen schwer zu schaffen machen, die den Grünen zu großen Einsatz für sexuelle Befreiung Ende der 80er Jahre vorwerfen. Aber auch jetzt noch erleben wir, wie man sich das sexuelle Fehlverhalten von Granden schönredet, den Warner am liebsten in die Wüste schicken will, fast schon diffamiert. Denkt mal darüber nach, gerade wenn Ihr zu Weihnachten Brittens Christmas Carols wohlig nach lauscht anstatt dessen Pädophilie zu hinterfragen, die Levines in nichts nachsteht, ja, gesellschaftlich durch kollektives Wegschauen sogar akzeptiert wurde.

UPDATE: Nachdem sich viele für den Britten-Link interessieren, der nicht alle Fragen beantwortet, hier ein Ausschnitt, wohl aus dem Buch „Britten’s Children“ von John Bridcut. Dies ist eine Aussage eines Harry Morris, der von Britten 1936 sehr deutlich bedrängt worden ist: „In 1936, Britten invited Harry Morris, 13, on a family holiday in Cornwall (Britten’s brother and sister and their families were also present). According to Morris, Britten came into his room one night and made what he understood to be a sexual approach. The boy screamed and hit his host with a chair, attracting the attention of Britten’s sister, Beth. Harry returned to London in the morning.“

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
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