Erstes Fazit zum Musikfonds

Beim letzten Treffen des Bayerischen Musikrats (BMR) im Heimatministerium in Nürnberg konnte ich am Ende kurz mit dessen Vorsitzenden Thomas Goppel ein paar Worte zur Musikförderung wechseln. Grund war die Kritik des BMR an der Bundesregierung immer mehr die Kulturhoheit der Länder auszuhöhlen. Zwar stellte der Bund in den letzten Jahren wirklich mehr Fördermittel bereit. Deren Vergabe erfolgt aber nicht subsidiär durch die Bundesländer, sondern direkt durch neue Institutionen, die Mittel zur bundesweiten Vergabe von der Bundesregierung erhalten.

Musikfonds 1. Förderrunde 2017 nach Ländern (erstgenannter Ort, Sitz des Antragstellers), Grundlage: http://files.cargocollective.com/763098/Liste-Fo-rderungen-fu-r-Webseite_FR-01_2017.pdf

Eine solche Institution ist auch der Musikfonds, über dessen Einrichtung sich grundsätzlich eigentlich alle freuen. Er kam durch den Zusammenschluss von Deutschen Musikrat, Deutschen Komponistenverband, DEGEM, GNM, Initiative Musik, UDJ und Deutschen Tonkünstlerverband zustande. Dass sich diese Verbände zusammentaten, trotz ihrer großen Unterschiede, ist ein fantastisches Beispiel, wie freiberufliche Künstlerinnen und Künstler an einem Strang ziehen können. In zwei Förderrunden konnten Projekte von Neuer Musik über Jazz bis Rock/Pop und Elektroakustischer Musik unterstützt werden.

Musikfonds 2. Förderrunde 2017 nach Ländern (erstgenannter Ort, Sitz des Antragstellers), Grundlage: http://files.cargocollective.com/763098/FR-02-17-Fo-rderergebnisse-Website-271117.pdf

Anlass zur Kritik bietet allerdings die Verteilung der Mittel in Bezug auf die Bundesländer. Dass Nordrhein-Westfalen (1. Runde 19 Projekte, 2. Runde 9 Projekte) in der Förderung fast ganz vorne liegt, hat einerseits mit seiner höchsten Bevölkerungszahl und der größten europäischen Urbanität zu tun, bzw. gleichen diese Faktoren andererseits seine Rolle als einen der größten Nettoempfänger von Bundesmitteln und Mitteln des Länderfinanzausgleichs aus. Diese beiden Faktoren bedingen auch die Rolle dieses Bundeslandes als eines mit den meisten Musikprojekten.

Bayern ist das zweitgrößte Land Deutschlands gemessen an seiner Bevölkerungszahl. Bayern ist im Gegensatz zu Nordrhein-Westfalen allerdings nicht nur einer der größten, sondern der größte Nettozahler der deutschen Bundesländer. Was die Förderrunden durch den Musikfonds betrifft (1. Runde 5 Projekte, 2. Runde 2 Projekte) steht Bayern in einem gewissen Widerspruch zu Nordrhein-Westfalen. Bayern hat zwar nicht die gleiche Urbanität, immerhin leben 2,75 Millionen Einwohner in Städten mit über hunderttausend Einwohnern, in Baden-Württemberg sind es z.B. nur 2 Millionen Personen.

Größter Nettoempfänger im Länderfinanzausgleich ist Berlin. Auch seitens des Musikfonds ist es größter Nettoempfänger (1. Runde 26 Projekte, 2. Runde 22 Projekte). Das steht in einem krassen Missverhältnis zu Bayern. Und auch zu Nordrhein-Westfalen. Denn nimmt man, dass Urbanität ein Faktor für Zentren mit vielen kulturinteressierten Einwohnern und kulturschaffenden Kreativen ist, wird Bayern zwar niemals an erster Stelle gegenüber den 3,75 Mio. Einwohnern Berlins stehen können. Berlin und Bayern, und natürlich auch Hamburg fallen hinter Nordrhein-Westfalen mit ca. 7-8 Mio. Einwohnern in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern ganz weit zurück.

Klar, Berlin hat natürlich die größte Szene freiberuflicher Musiker. Das bedingt mehr Notwendigkeit an Förderung und erzeugt mehr Anträge. Die dazu vergleichsweise wenigen erfolgreichen Anträge aus Bayern, Hamburg und z.B. auch Baden-Württemberg haben wohl auch damit zu tun, dass ihre Szenen nicht so groß wie die Berlins sind. In Stein gemeißelt sollte dies allerdings nicht sein. Denn wenn in Berlin einzelne Projekte in ihrer Gesamtförderung nicht so großzügig ausgestattet sind wie z.B. in München, so ist die Förderung in Berlin mit Mitteln von Senat, Bezirk und Hauptstadtkulturfonds bei aller immer wieder berechtigten Kritik sehr divers verteilt und breit ausgestattet.

Sieht man dazu, dass Bundesländer wie Bremen, Hamburg, Saarland, Mecklenburg-Vorpommern, etc. zum Teil nur mit 0 bis 2 oder 3, selten bis 5 Projekten gefördert sind, fragt man sich, ob die Verstärkung der bereits breiten Förderung in Berlin durch den Musikfonds nicht gegen das Grundgesetz verstößt, dass dann ein Engagement des Bundes rechtfertigt, wenn nicht gleiche Lebensverhältnisse zwischen den Bundesländern bestehen. Etwas vereinfacht gesagt, könnte man behaupten: der Musikfonds hat in Berlin seinen Standort, sein Geschäftsführer kommt aus der Berliner Musikszene und fördert mit seinen Bundesmitteln vor allem Berlin statt dass das Land bestehende Lücken schliesst, was vielleicht mit einer Aufstockung von 1 Mio. Euro der Musikförderung im Landeshaushalt, die selbst bei den engen finanziellen Bedingungen in der Bundeshauptstadt möglich sein müsste. Oder der Bund richtet einen Musikfonds speziell für seine Bundeshauptstadt ein.

Egal ob nun großes oder kleines Bundesland oder eines mit vielen oder wenigen Antragstellern: der Musikfonds und seine Förderin, die Bundesstaatsministerin für Kultur, müssen dafür sorgen, dass auch in Flächenländern potentielle Antragsteller besser von seiner Existenz erfahren. Und dass nicht ein Drittel seiner Mittel nur nach Berlin fliessen, sondern einerseits genauso urbane Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg, Hessen, Sachsen, etc. oder kleine und kleinste Bundesländer nicht so unterfördert wie jetzt. Wenn Bundesmittel fließen, müssen auch gerade jene Regionen und Länder angekurbelt werden, in denen es eine Szene gibt, die unbedingt auch Hilfe von aussen braucht und eine Bundesförderung ein kuratorisches Signal in diesem Bundesland schafft. Es ist also zu überlegen, die Mittel für Berlin bei z.B. 15 Projekten zu deckeln und, so kuratorisch vertretbar und beantragt, in jedem Bundesland mindestens 5 Projekte zu fördern. Ansonsten wäre zu überlegen, die Bundesmittel direkt den Ländern zur Verfügung zu stellen und subsidiär durch diese verteilen zu lassen.

Oder ganz im stilo bavarese: mir gebn, aber mir woin a wos nehm!

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
Komponist |

Komponist

3 Antworten

  1. Alexander, da muss ich Dir jetzt vehement widersprechen. So argumentiert der zahlenfixierte Betrachter. Die zweite Förderunde habe ich jetzt aber nicht betrachtet, aber für die erste sieht die Sache doch anders aus.

    Ausgehend davon, dass der Musikfonds vom Prinzip her „Impulse“ fördern will, kann man auch sagen, da hat es Bayern dann wohl eher nicht nötig. Da ist alles paletti.

    Ist es vielleicht nicht, aber dann kommt Punkt 2: Gefördert werden kann nur, wo es auch entsprechende Anträge gibt. Die müsste man in der Zahlenwelt dann schon dagegen setzen. Die Projekte konzentrieren sich ja eben nicht – das ist leider so – im ländlichen Raum, wo es sicher schön wäre, sondern in den großen Städten. „33 Projekte sind mit der Ortsangabe Berlin versehen. Es folgen Köln (18), Leipzig (7), Stuttgart (7), München (6), Frankfurt (4) und Hamburg (3). (Erste Runde).

    An der Konstruktion des Musikfonds mag manches auszusetzen sein, vielleicht sogar vieles. Aber mit dem Grundgesetz zu kommen, scheint mir reichlich absurd. Auch wenn es dafür tatsächlich eine Grundlage geben könnte. Diese wäre absurd.

    Wäre also Deine Alternative: Den Musikfonds aufteilen nach Ländern, ihrer Bevölkerungsanzahl? Unabhängig davon, was man fördert?

  2. Lieber Martin, danke für Deine Einwände. Dass der Musikfonds eine wichtige Einrichtung ist, das bezweifelt keiner. Dass „Urbanität“ eher Förderung anzieht, auch nicht: Ich versuche das anhand von NRW/Berlin/Bayern/Baden-W. und der Gesamtzahl ihrer Städte mit über 100.000 Einwohner aufzuzeigen, Du zählst die Städte der meist geförderten Projekte wie Berlin (33), Köln (18) an, was ja in etwa meinen Ländern mit hoher „Urbanität“ folgt. Nur konzentriert es sich auch dort auf die größten Orte. Somit ist Deine Analyse von meiner vielleicht gar nicht so weit entfernt.

    Die Frage ist nun: warum ist der Fonds allerdings so massiv Berlin fixiert? Benötigt Berlin so viele Impulse, wo es bekanntlich die reichhaltigste und kreativste Szene im Lande ist? Da kommt einem der Fonds wie eine Landesfinanzierung auf Bundesebene vor. Nachdem es wichtiges Geld ist, aber nun auch nicht gigantisch viel, wenn man es in Relation zu den Musikszenebudgets Berlins setzt, könnte einiges dort verbessert werden, wenn Hauptstadtkulturfonds sowie Senat & Bezirke die Förderung aufbessern, was ja auch zuvörderst Berlins kulturhoheitliche Aufgabe sein sollte, bevor es seine Künstler zwingt, sich beim Fonds zu bewerben.

    Wenn der Fonds dann selbst in Berlin sitzt, seine Leitung aus der Berliner Szene kommt, das meiste durch den Bund in Berlin bereitgestellte Geld in Berlin ankommt, dann habe ich vollstes Verständnis für die Kritik aus deb Ländern, schliesse mich ihr an, dass das große Fragen in puncto Kollisionen mit der Länderkulturhoheit und dem Subsidiaritätsprinzip aufwirft, wonach Geld am besten dort beantragt und vergeben wird, wo der Antragsteller sitzt. Sprich: die Subsidiarität des bundesweiten Fonds spiegelt sich v.a. an seinem Sitz, wo auch sein Geldgeber ist, wider. Das sollte nicht sein!

    Dieses Geld wiederum wird in grosso modo allerdings nicht allein durch die Berliner Kreativität erwirtschaftet, sondern im gesamten Bundesgebiet und sollte diesem unbedingt zugute kommen. Wenn nun z.B. die Höchstsummen in Länder mit niedrigen Projektanteil und ärmere Länder wie Thüringen, Meck.-Vorpomm., ins Saarland, nach Sachsen, Brandenburg, aber auch mittlere Summen in mit nur wenig mehr Projekten vertretene reichere Länder wie Bayern, Baden-Würtemberg flössen, dann wäre der Berlinüberhang bereits etwas ausgeglichen.

    Ich komme mit dem GG, da dieses dem Bund in Landeshoheiten nur dann Eingriffe einräumt, wenn ein Ausgleich der Lebensverhältnisse dies erfordert. In Berlin sehe ich das nur bedingt gegeben. Dort ballen sich zwar die Musiker. Doch ist der LandesHH u. kommunale HH für Musik einer der größten im Lande. Auch ist dort sowas wie direkte Komponistenförderung möglich, was andernorts wie bei uns im Süden nur durch Stiftungen oder eben den Fonds möglich ist. Ja, also auch hier im Süden kann man was verbessern. Aber auch hier kann der Fonds Impulse setzen, s. z.B. Förderung, die gerade an einen jungen Neue-Musik-Verein in Regensburg ging.

    Du fragst nach meinen Ideen, ich zitiere da nochmals den Blog: „der Musikfonds und seine Förderin, die Bundesstaatsministerin für Kultur, müssen dafür sorgen, dass auch in Flächenländern potentielle Antragsteller besser von seiner Existenz erfahren… Es ist also zu überlegen, die Mittel für Berlin bei z.B. 15 Projekten zu deckeln und, so kuratorisch vertretbar und beantragt, in jedem Bundesland mindestens 5 Projekte zu fördern.“ Also eine Art Länderfaktor und Erhöhung der Anträge aus Nicht-Berlin.

    Ich denke aber auch, dass sich solch strikte, pauschale Regeln nicht mit der kuratorischen Offenheit ganz in Einklang bringen lassen. Was angesagt wäre, sich in den Entscheidungen nicht zu stark von der eigenen Berlin-Kenntnis leiten zu lassen, sd. Offenheit auch nach draussen bewusst(er) zu pflegen. Es wäre fatal, wenn die prozentuale Verteilung der Mittel, die die Kulturhoheit der Länder ergänzen soll, letztlich zum Abbild des Länderfinanzausgleichs gerinnt. Wenn dem Bund o. Musikfonds so eigenständig an Berlin gelegen ist, dann sollte Frau Grütters dezidiert Geld für „heute neu produzierte, gespielte, komponierte Musik in der Bundeshauptstadt“ dem Fonds als Sondertopf zur Verfügung stellen. De facto macht das Fonds gerade selbst.

    Interessant und ggf. Berlin-lastig könnte auch die Freihandvergabe von Mitteln sein, die nicht das Kuratorium vornimmt: 50.000 EUR können so pro Jahr, im Einzelfall max. 2.000 EUR, vergeben werden. 50k durch 2k, das wären max. 25 Projekte. Nun, wenn ein Projekt z.B. 4000 Euro beantragt, vom Kuratorium aber nur knapp über 2000 EUR erhält, hätte es auch gleich ausserhalb des Kuratoriums vergeben werden können.

    Klar, für Berliner wie Externe sind ggf. 2000 Euro das fehlende Geld für einen Auftrag oder für einen Spielort einer Tour. Würde hier z.B. festgelegt, dass nur 10.000 Euro davon nach Berlin gehen dürften, wäre vielleicht schon neben der Sensibilisierung des Kuratoriums für’s Regionale der Berlinüberhang eingedämmt.

    Ob das nun an der Freihandvergabe und einer de-facto Berlinfixierung liegen könnte – man unterschätzt die Insellage Berlins und seine Entfernung zu nächsten 100.000-Einwohnerstädten, von Potsdam abgesehen – oder an einer Berliner Antragsflut oder einer überbordenden Qualität besonders Berliner Anträge, muss man sehen bzw. kann man ggf. gar nicht feststellen ohne zu große Fantasterei.

    Wie auch immer: in Bayern und München verbessern wir durchaus peu a peu die Musikfinanzierung, sind aber auch da auf Bundesmittel z.B. in München selbst angewiesen, wo der Freistaat nicht fördern darf. Oder es gibt Länder wie Thüringen, das sehr aktiv ist, aber dort eine einzige Förderung wichtigere Impulse setzt, als eine weitere Massnahme in Berlin, wo man dann eben bei einer anderen dabei ist – auch unschön. Nur im Lande fehlt dann eben dies komplett. Oder selbst in München fehlt dann eins interessantes Projekt, dass es in Berlin ggf. gar zweimal gibt.

    • Ich denke, ich weiß schon, worauf du hinauswillst. Aber ich glaube, die Argumentation gefällt mir einfach nicht. Gefällt mir zudem nicht, weil ich den Musikfonds für problematisch halte und es „Gerechtigkeit“ in diesem oder anderen Systemen nicht geben wird.

      „dafür sorgen, dass auch in Flächenländern potentielle Antragsteller besser von seiner Existenz erfahren“ – Hallo? Gemeint sind doch nicht die Flächen auf der dunklen Seite des Mondes, wo man kein Internet und keine Verbände kennt.

      Dein zweiter Vorschlag, die Sache zu deckeln, ist auch wieder von hinten gedacht. Meine einzige positive Vorstellung des Musikfonds war die, dass da gute, implusgebenede Ideen gut gefördert werden sollten. Nicht einfach ausgegossen wird. Ich sage es mal andersherum, wahrscheinlich bin ich Dir auf den Leim gegangen mit der Kategorisierung nach Bundesländern. Nicht die Bundesländer beantragen etwas, sondern die „Projekt-Macherinnen“. Deswegen hatte ich Städte genannt. Und mich gefragt, wo denn gerade Köln und Berlin so doll Impulse benötigen. Da pulst es doch extrem.

      Kunst sortiert sich doch nicht nach Bundesländern, lieber Alexander.

      In den anderen Sachen stimme ich dir zu, wenn es denn so ist. Berliner Jury, Berliner piff und Berliner puff.

      Apropos: Die Daten zur zweiten Runde kenne ich noch gar nicht, habe ich was verpasst? Liebe Grüße aus dem Speckgürtel ohne Impulse!

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