Evelyn Hriberseks „Eurydike“ – Ab in den Hades!

Was früher einmal der Hades war, dessen Fluss Acheron man mit dem Fährmann Charon überqueren musste, ist heute das Kreativquartier München. Vorbei an Rappern, die in Eiseskälte ein Video aufnehmen kommt man an eine unscheinbare Tür, vor der Menschen in der Eiseskälte warten. Ein kleines Schild sagt ”Eurydike”, das ist auch schon alles. Irgendwann öffnet sich die Tür und weißgekleidete Frauen in neokubistischen Kostümen (Denise Fleckenstein/Evelyn Hribersek) geleiten einen in eine kleine enge Kammer in der man einer Umkleidezeremonie voller minimalistischer Kälte ausgesetzt wird. Ohne dass ein Wort gesprochen wird, wird man für die Höllenfahrt ausgerüstet, mit einem Ganzkörperanzug, den das WHO für einen Seuchenausbruch gestaltet haben könnte. Dann bekommt man eine VR-Brille umgeschnallt und einen schalltötenden Kopfhörer aufgesetzt. Ein kurzer technischer Check: die Brille (oder ist es ein zweckentfremdetes iphone? Zumindest ist das Bild nicht dreidimensional und sehr klein) reagiert wie ein QR-Reader auf dreieckige Symbole, die anscheinend zu suchen sind. Schon wird man durch eine Plastikschleuse geschickt, in einen großen kalten Raum, und plötzlich ist man allein, ohne Verbindung zur Außenwelt. Zuerst einmal setzt Desorientierung ein: man sieht die Umgebung nur zweidimensional, in einem winzigen Bildausschnitt, der auch noch verschwommen ist. Wer unter Klaustrophobie leidet, wird hier sicherlich Angstgefühle entwickeln, und das ist auch beabsichtigt. Hilflos stolpert man auf eine Art futuristischen Wohnwagen zu, während einen virtuelle Drohnen, die plötzlich im Sichtfeld auftauchen und einen noch weiter desorientieren, aus dem Konzept bringen.

Im engen Wohnwagen verstärkt sich noch das beklemmende Gefühl, zudem ist man einer Szenerie ausgesetzt, wie sie aus einem Survival-Horror-Game stammen könnte. Denn augenscheinlich geschehen in diesem Wohnwagen entsetzliche Dinge: da liegen Mullbinden und blutige Schalen, auf einem halbzerfetzten Bett ist vermutlich ein Verbrechen geschehen. Alles weist auf unaussprechliche wissenschaftliche Experimente hin. Man durchstöbert den Trailer, auf der Suche nach Antworten. Mit der Zeit wird man mutiger und öffnet Schubladen, in denen scheinbar abgetrennte Köpfe fein säuberlich verpackt herumstehen, kleine Dosen mit undefinierbarem Inhalt, futuristische Werkzeuge. Überall riecht man den stechenden Seifengeruch, dessen scheinbare Reinheit den körperlichen Flüssigkeiten, deren Spuren überall zu finden sind, entgegentrotzt. Ist man überhaupt allein? Könnten die Bewohner dieses Wohnwagens jederzeit wieder auftauchen und ihre Experimente fortsetzen? Wenn man Glück hat, findet man die mysteriösen Dreiecke, deren Betrachten einen musikalischen Loop auslöst (komponiert von der bekannten dänischen Klangkünstlerin SOS Gunver Ryberg), der aber sofort wieder aufhört zu spielen, wenn man den Kopf bewegt. Sechs Dreiecke soll man finden, und man ahnt, dass es hier eine richtige Reihenfolge geben muss, die vielleicht etwas Ungeheuerliches auslöst, aber so leicht sind diese gar nicht zu finden. Ist das Ganze eine Art Escape-Room-Spiel? Aber kaum hat man sich an die Suche gemacht, blinkt auch schon ein Exit-Zeichen im VR-Visier auf, und man muss den unheimlichen Ort verlassen. Nun gibt es die Ankleidezeremonie rückwärts und man ist wieder den merkwürdigen stummen Frauen ausgesetzt, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie einem Gutes wollen. Verstört und verwirrt von der „echten“ Realität stolpert man hinaus in die dunkle Nacht, denn man hat das normale Sehen in der virtuellen Realität schon fast verlernt. Auf der Website des Projektes wird man sogar darauf hingewiesen, dass man jetzt vielleicht nicht gleich mit dem Auto fahren sollte. Draußen stehen ein paar Versprengte – meine Vorgänger. Niemand will jetzt alleine sein, alle wollen über ihre Erfahrungen sprechen.

Über Evelyn Hriberseks Arbeit „O.R.pheus“ habe ich schon einmal an dieser Stelle geschrieben, „Eurydike“ ist eine Fortsetzung – ähnlich, aber eben auch sehr anders. Hribersek macht es ihrem Publikum nicht leicht, denn das Element des Unheimlichen spielt bei ihrer Arbeit eine ganz tragende Rolle. Kein Wunder – hat sie doch auch in der Computerspielindustrie gearbeitet und an bekannten Marken wie der „Resident Evil“-Serie mitgewirkt. Gleichzeitig kommt sie aber auch aus der Theaterszene, ist Regisseurin und Autorin. Ungern überlässt sie etwas dem Zufall – jedes kleine Detail der Arbeit ist planvoll, verweist auf eine komplexe Bilder-und Zeichenwelt, die sich ähnlich wie ein Film von David Lynch nicht sofort erschließt und stets neue Geheimnisse und Rätsel erzeugt. Anders als andere Künstler will sie kein Massenpublikum abfertigen, sondern das individuelle Erleben des Einzelnen individuell überhöhen, ihn mit seinen Ängsten und eigenen Ungewissheiten angesichts einer medial zunehmend entfremdeten Welt konfrontieren. Hierin liegt die Stärke von Hriberseks Arbeit, aber auch eine mögliche Schwäche, denn der zu betreibende Aufwand für diese existentielle Erfahrung ist sehr hoch und bringt ihre Produktionen immer wieder an organisatorische Grenzen, die den Mitarbeitern wie Finanziers alles abfordern. Hierbei schont sich auch Evelyn Hribersek selber am wenigsten, tatsächlich grenzt ihre Liebe zum Detail an eine durchaus beeindruckende Besessenheit, die Respekt abverlangt.

Gleichzeitig hat ihre Kunst mit „Eurydike“ eine Form von Hermetik erreicht, die viele abschrecken könnte. Tatsächlich hatte bis zu meinem Besuch kein einziger der Besucher es geschafft, das Rätsel der sechs magischen Dreiecke zu lösen und ein „besonderes Ereignis“ (in das die beteiligten Künstler sicherlich sehr viel Energie gesteckt haben) auszulösen. Wer also mit einer „Spiel“-Haltung den Besuch antritt, wird enttäuscht werden. Auch wer ein musikalisches Spektakel erwartet, wird verwirrt sein – die Musik von Ryberg hat eher Ambient-Charakter und spielt eine zu kleine Rolle im Gesamterlebnis, als dass sie einen tiefen Eindruck hinterlassen würde. Im Grunde wirkt die unheimliche Stille im Trailer (auf Sprache und Text wurde diesmal anders als in O.R.pheus komplett verzichtet) wesentlich stärker als die kurzen und eher computerspielartig klingenden Klangfetzen, die man – wenn man Glück hat – kurz hört, wenn man eines der elusiven Dreiecke betrachtet und den Kopf ganz still hält, was gar nicht so leicht ist mit der schweren Brille.

Dennoch – wer Eurydikes Höllentrailer besucht hat, wird das so schnell nicht vergessen. Und wann kann man das schon Mal von einer Produktion sagen?

Man würde Evelyn Hribersek wünschen, dass sie ihre sehr originellen Ideen weiterhin realisieren kann, ich bin auf jeden Fall schon gespannt auf der Tragödie Dritten Teil.

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

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