Bernd Weikl im Reichsbürger nahen SchrangTV

Wieso sind alternde Sänger so nachlässig, wenn sich die Gelegenheit für ein langes Interview bietet? Kammersänger Bernd Weikl gab sich exakt diese Blösse im SchrangTV. Dieser Youtube-TV-Kanal featured z.B. einen Berliner Militaria-Auktionshauseigner, dem zuletzt Nähe zur Reichsbürgerbewegung vorgeworfen wurde, der sogar Kleidungsstücke aus Konzentrationslagern versteigert haben soll. So wundert es auch nicht, dass dieser Kanal für das Buch „Die Souveränitätslüge“ des Kanalbetreibers Heiko Schrang wirbt – im entsprechenden Trailer geht es gleich mit umstrittenen Statements von Xavier Naidoo los.

Bernd Weikl im SchrangTV

Bernd Weikl wollte das Interview nutzen, um für sein neues Buch „Singen: In der Oper, als Therapie und in der Post- und Postpostmoderne“ zu werben. Edda Moser nannte letzthin die Inszenierungen von Katharina Wagner „Schmutz“, was vor 3 Jahren als künstlerischer Aufreger genügte. Heute sind konservative Geschmacksfragen nicht mehr ganz so harmlos. Ob Weikl sich mit der rechtslastigen Agenda von SchrangTV gemein macht, kann man abschliessend weder mit Nein noch Ja beantworten. Wie Schrang selbst beschwört er den Untergang des Abendlandes. Gemeinsamer Tenor ist auch die Warnung vor dem Mainstream: Schrang freut sich, dass immer mehr Menschen solchen Kanälen wie dem seinen folgen, Weikl warnt die Jugend vor Mainstreamkultur. Irgendwann wird klar, dass beide die TV-persona-non-grata Eva Hermann persönlich kennen. So ist schnell eine Brücke von Herman zu Weikl gebaut: er traue sich im Gegensatz zu anderen Kollegen seine Meinung öffentlich zu äußern. Wie jene Frau Hermann, der man zuletzt nur noch als Propaganda-Sprecherin auf dem inzwischen eingestellten Nachrichtenportal Kopp-Medien begegnete? Weikl beklagt sich im weiteren, dass er den Verlegern seiner Bücher viel Geld zahlen müsse, damit diese überhaupt was von ihm drucken. Just da bietet Schrang seinen Verlag an.

Beide beklagen sich über „die Medien“, die bestimmen würden, was gute Kunst im Falle Weikls sei oder richtige politische Haltung im Sinne Schrangs. Beide zweifeln zudem an der staatlichen Ordnung im Lande. Als Weikl sich beklagt, dass seine Klage gegen eine Tannhäuser-Inszenierung, in der auf der Bühne Hakenkreuze zu sehen sind und im Venusberg Darsteller den Vernichtungstod jüdischer Menschen in Glaskästen mimen, von der Generalstaatsanwaltschaft abgewiesen worden ist, gefällt die Reaktion Weikl dem Interviewer: Weikl will Kunstfreiheit an staatlichen Opernhäusern verbieten, Schrang konstruiert Volksverhetzung, kommt dabei auf Antisemitismus zu sprechen und kolportiert, dass man nun auch bei Israelkritik als Antisemit Dank einer Gesetzesnovelle belangt würde, für ihn wohl mutmasslich ein weiteres Druckmittel der political correctness. Natürlich kommt man vom Antisemitismus auf Wagner zu sprechen. Weikl unterscheidet da zwischen Hitler-Antisemitismus, dessen er Cosima Wagner beschuldigt, und „Judenphobie“, mit der er Wagners Antisemitismus verharmlost.

Dazwischen werden immer wieder Sängerattitüden aus der Weltkarriere Weikls eingeflochten, der sich wohl endlich mal wieder fühlen darf, als würde der große Everding ihn interviewen. Leider zeigte man keine Ausschnitte aus seinen Opernrollen, was wahrhaft erbaulicher als die alte Leier des bösen Regietheaters gewesen wäre.

Wie gesagt, Weikl will gewisse Ausformungen des Regietheaters verbieten, wie vielleicht z.B. Schlingesief und Castorf, deren Namen im Verlauf des Gesprächs fallen. Damit begibt er sich allerdings ganz nahe an die AfD in Sachsen-Anhalt, welche qua Programm vor allem Inszenierungen sehen will, die die Liebe zum Vaterland fördern. Alles andere soll kein Geld bekommen.

Man fragt sich, möchte Weikl das amerikanische Privatsponsoring für Opernhäuser? Als man sich zuletzt auch über „coffee to go“ aufregt, wird klar, dass amerikanische Kultur hoffentlich hier kein Modell sein soll. Nachdem es mit den Nürnberger Meistersingern in Schrangs Mund losging, was Weikl zu die Meistersinger von Nürnberg in Bayreuth korrigiert, endet es damit, dass Weikl eigentlich gar keine Empfehlung abgeben kann, als Schrang ihn fragt, welche Inszenierung man denn aktuell empfehlen könnte. Da muss Weikl zugeben, dass er seit 20 Jahren keine Opernaufführung mehr besucht hat. Er kann nur das Lesen guter Bücher, Liedsingen, Origami und das Hören alter Opernmitschnitte gutheissen. Da möchte man ihm ob seiner Leere und der wahnwitzigen Angst vor Neuerungen zusingen „Wahn, Wahn, allüberall Wahn!“ (hier mit Friedrich Schorr und Leo Blech, wahrlich unvergesslich im Gegensatz zu…). Also lieber gute Bücher lesen, Liedsingen, Origami und live in die Oper gehen. Und den Kammersänger Weikl mit seinem Grammphon im Schrang, äh, Schrank mit dem Wagnersessel vergessen.

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
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