Donaueschinger Musiktage 2017/4: Thank you for the Music, Mr. Gottstein!

Unser Autor ist seit seiner Ankunft am Donnerstag letzter Woche in Donaueschingen nicht mehr er selbst. Wie er befürchtete, wurde er ausgetauscht. Anscheinend wurde er sogar entführt. Wie wir erfuhren, verließ er heute, Montag morgens, die Quellenstadt. Aber nicht wie beabsichtigt mit dem Auto, sondern per Raumschiff. Seine wiedergekehrte Prä-Austauschexistenz konnte in letzter Minute, als der graue Himmel marienerscheinungshaft über den Donauhallen schlagartig aufriss, das UFO sichten, das seine Austausch-Ich entführte. Am Heck des Himmelsgefährts hing ein Banner mit der Aufschrift „Thank you for the Music, Mr. Gottstein!“. Am Boden vor den Hallen fand man den letzten Text des Ausgetauschten, bevor er mit den Aliens abhob, der ihm in der Eile wohl aus der Hosentasche glitt:

Samurais und Syrien
Alle die ich heute, Sonntag früh, berichteten, schlecht geschlafen zu haben. Sie wirkten merkwürdig geblitztdingst, wohl eine kurzfristiger Realerror nach dem Besuch von Schuberts Codec-Error-Performance. Ich hatte ja noch nachts für den Blog getextet, so dass ich nicht einmal zwei Stunden schlief. Leider verpasste ich die erste Hälfte des Konzerts des Ensemble musikFabrik mit Enno Poppe. Somit war Misato Mochizukis Têtes für Rezitator (Paul-Alexandre Dubois) und Ensemble das erste Stück, das ich mitbekam. Eng betrachtet war es eher eine Art Horror-Hörspiel: der Erzähler trug Samurai-Geschichten vor, in denen sich Köpfe von Körpern lösten, durch die Luft flogen und sich im Gewand eines Priesters festbissen. Oder DER Samurai an sich vor dem noch nicht geborenen Samurai, nach seinem Tod sowie parallel zu ihm lebt – eine Aufhebung der Grenzen von Raum und Zeit. Als der Erzähler/Rezitator dann fünf Plastikköpfe in der Hand hielt, war der Grusel perfekt. Ich dachte, mh, muss das sein, wo man doch letzthin erst so viele Köpfe Dank islamistischer Bärte zwischen Raqqa und Mossul rollen sah? Als ich das Programmheft später durchblätterte, nach Erklärung suchte: es ging tatsächlich ein bisschen um das große Köpferollen in Syrien! Huahaha. Die Musik der Komponistin Mochizuki kann man als eine Art Japanoiserie bezeichnen, wie es nach No-Theater-Schlagzeug, Gagaku-Flöten, Koto-Musik und Tsunami-Kontrabassklarinette klang, den Text brav doppelnd, doch auf den Punkt, wenn man sie rein theatral auf sich wirken ließ.

Sogar Aliens bedanken sich bei Björn Gottstein für die Musik der Donaueschinger Musiktage 2017

Aufkeimende Erinnerung
Beim anschliessenden Kuchen und Tee im Cafe Hengstler unterhielt man sich nochmals über Eindrücke vom Ictus-Ensemble-Konzert. Die Musik Hanna Eimermachers CUT
für 9 Performer hatte Schubert weggeblitztdingst. Wie ich schon sagte, gefiel mir vor ein paar Jahren die schauspielerische Strenge Nadars besser. Aber Ictus war mit CUT auratischer, was wohl an der Grundkonstellation lag, die ganz ohne Video und Audio auskommt. In der Mitte steht der Bassflötist, ganz rechts aussen das Saitentrio aus Cello, Geige und E-Gitarre, ganz aussen links das Lufttrio aus Kontrabassblockflötensäule sowie Rücken an Rücken zwei Posaunen. Zwischen den drei Blöcken zwei Schlagzeuger, vor allem mit je zwei aufgehängten Eisenstangen, die wie Blech, aber auch wie Glocken klangen. Das harmonische oder lineare Material war ziemlich unspektakulär, ergab sich aber effizient z.B. aus der Stimmung der leeren Saiten der Saiteninstrumente und wurde gitter- und bogenartig verändert, ähnlich spielten z.B. die Posaunen mit optischen Ähnlichkeiten ihrer janusköpfig angeordneten Zugbewegungen. Irgendwann wanderten einzelne, dann das ganze Ensemble in Linien und Schrägen hintereinander über die Bühne, zischten und atmeten ohne ein Instrument zu betätigen direkt in den Raum, als seien sie nun selbst der Klangkörper eines Metainstruments. Schließlich manipulierten die Perkussionisten gemeinsam eines ihrer Stangengehänge, beugten sich ganz nah mit ihren Mündern an das Metall, machten daraus ungewöhnliche Maultrommeln oder verlängerten mit ihren inneren Handflächen leise den Stangenklang per Luftvibrato. Etwas langsam, irgendwie unspektakulär, aber in der Wirkung einen Tag später nachhaltiger als alles Andere und große Freude machend.

Baritonale Dignitas
Nach Kuchen und Tee setzt sich der Musiktagetross zum Abschlusskonzert in der Baarsporthalle in Bewegung. Hier begann es genauso kontemplativ wie Eimermacher einen Tag zuvor endete. White Butterflies für Posaune und Orchester der Amerikanerin Bunita Marcus brachte eine pärthafte Note in das Programm. Die von Abbie Conant ruhig gespielte Posaune sang ein Bariton-Lamento mit Streicheroktaven auf all die Flüchtlinge des Erdkreises. Nachdem das Stück nervig mit Metallgehämmer begonnen hatte, ohne den langsamen und leisen Fluss der Musik damit zu beeinflussen, dämmerte es mit ein paar Generalpausen aus. Wenn irgend ein Ensemble das zu Laute und zu Leise des Stückes mal „Runden“ wird, könnte es sogar Musik für sehr gute Laienorchester werden. Was absolut sympathisch an Marcus ist: obwohl sie hochesoterisch zu sein scheint, driftet sie nicht trumpartig in gefährliche Irrationalität ab, sondern widmet ihre Chackrenmedidation den Verfolgten – das diesem Thema in seiner Unaufgeregtheit und Aufgeräumtheit gegenüber ehrlichste Werk der musikalischen Geflüchtetentopoi dieser Musiktage.

Vor der Pause verabschiedete sich die Dietzsche Klaquer-Schule, ganz unspektakulär, mit einem auf die Bühne wandernden kleinen Teil des Publikums zu einer Musik eines Komponisten, der noch nicht geboren worden ist, Fakemusik, die so tat, als sei sie absichtlich schlechteste Musik. Der einstudierte Applaus oder Protest der Klaquer-VHS blieb mehr oder minder aus.

Orchesterpreis, Paganini & Ballon
Nun ist es Zeit, über die beiden stärksten Stücke des Abends zu sprechen! Márton Illés
Ez-tér (Es-Raum) für Orchester war die Sensation des Abends und bekam auch zurecht den wiederaufgelegten Orchesterpreis der Musiktage – das fusionierte SWR Sinfonieorchester wächst Gott sei Dank zusammen, was allerdings die aufgerissene Leerstelle des SWR Radiosinfonieorchesters Freiburg/Baden-Baden noch lange nicht schliesst. Illés baute in den vier Sätzen Linearitäten und Spannungsmomente auf, die ihn aus der vektoriellen Planung von Musik im Sinne Ligetis kommend zeigt. Baut auch er hier und da Gebilde, die man als Mikropolyphonie erkennen könnte, sind diese Bausteine ungemein dichte und schnelle Linien, die wie ein Schwarm kleiner Fische einen Walhai simulieren können und in ihrer Dichte dann auch einer sind. Sein Klangplasma aus eigentlich tonhöhengebundener Musik ergibt in den unterschiedlichen Etüden ein flirrendes und rauschendes Metageräusch, wie man es selten erlebt. Das sind Illés Worten nach unterschiedlich schattierte, gebündelte, vibrierende, flirrende, oszillierende Urgesten, Urklänge, die feinste psychophysische Regungen erleben und aufarbeiten, die ohne großes Tamtam kommen und wieder gehen, Magnifizenz und Bescheidenheit zugleich.

Als Finale war Aufführung von Chaya Czernowins Guardian für Violoncello und Orchester zwiefach expressiv: der Blick und das Spiel der Solocellistin Séverine Ballon waren so ausdrucksstark wie die geballte musique concréte instrumentale der Komponistin. Das Cello wurde durch das Orchester in seinem Rauschen, Schleifen und Ächzen in den Raum vergrößert. Am eindruckvollsten kamen Glissandi, Rascheln, Noch- und Doch-Tonhöhen zusammen, als die Holzbläser ihre Bisplingandostellen hatten, wenn ein Ton mit verschiedenen Griffen tremoliert. Formal erinnerte diese Musik bei aller Ableitung vom Cello an Virtuosenconcertini des 19. Jahrhunderts: zwei veritable Geräuschkadenzen des Solocellos, wo die Cellistin ihre Schlussfermate wie bei einem Beethovenkonzert hundertfach erlebt per Blick dem Dirigenten Pablo Rus Broseta anzeigte oder nach der letzten Kadenz ein scharfer, crescendierender Schlussklang wie die obligate Stretta aus wenigen Akkordschlägen das Stück abschloss. Da sah man den lichtblauen Himmel des Mittelmeers, nach all den Geräuschen expressiv entwölkt wie das Ende eines Paganini-Konzerts.

Ite missa est
Das waren also die ersten eigenständig programmierten Musiktage des neuen künstlerischen Leiters Björn Gottsteins! Sie begannen mit offenen Diskussionen und hintergründigen Auseinandersetzung um Gender, führten über das Thema Honorargerechtigkeit dann doch neben manchen schwachen Ideen wie der ecole de claque zu Werken, die auf den ersten Blick ambitioniert waren, manchmal zu gut gemeint, dann aber auch zu Stücken, die zuerst simpel wirkten, an die man aber auch ein, zwei Tage später noch kennt, sie da erst erkennt. Am Sonntag waren all die kulturpolitischen Fragen zwar noch im Raum, aber wurden durch starke Frauen unterschiedlich beantwortet und in Kunst gegossen, gewann das Bescheidene an Boden, verschwand das Kraftstrotzende aus dem Hirn, mag es noch so laut und lichtgrell gewesen sein. Die theatralen Ansätze hinterließen einem am Samstag mit vielen Fragezeichen, ob das doch nicht eher das Metier der Münchner Biennale sei, am Sonntag erinnerte man sich an deren kräftigste Beiträge von Eimermacher und Schüttler. Und zuletzt hatte man dann endlich mal wieder Musik mit Márton Illés und Chaya Czernowin Werken erlebt, wie sie zu Beginn der Musiktage mit Andreas Dohmen, Bernhard Lang anrissen oder in Frage stellten: das Ende ist aber nicht die Antwort auf den Anfang, sondern wird mit neuen, spannenden Fragen und Werken vom 19. bis 21. Oktober hoffentlich fortgesetzt. Oder ganz emotional: Thank you for the Music, Mr. Gottstein!

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
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