Amerikanisches Tagebuch, 6. Tag

Diesen Sommer verbrachte ich im August 2 Wochen in den USA, diesem seltsamen Land der Widersprüche, Abgründe und dennoch immer wieder auch Hoffnung. Der Grund: Musik. Ich besuchte sowohl die Musikfestivals in Tanglewood als auch in Staunton, Virginia, nur eine halbe Stunde von Charlottesville entfernt. Diese Aufzeichnungen sind eine Fortsetzung meines Komponistentagebuchs, Tag für Tag aufgezeichnet, nun schon in der Vergangenheit, aber nicht sehr weit entfernt von der Gegenwart.

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Tag 6

Das Applausverhalten

Immer wieder interessant ist es zu sehen, wie das Konzept „Applaus“ in verschiedenen Ländern funktioniert. Und innerhalb dieser Länder gibt es dann auch noch einmal Unterschiede. So ist der Applaus in Norddeutschland ein anderer als in Süddeutschland.
Im amerikanischen Osten funktioniert Applaus so: man applaudiert enthusiastisch, laut, mit Bravorufen…aber kurz. Kaum haben die Musiker die Bühne verlassen, hört es auch schon auf. Eine zweite Bühnenbetretung ist schon etwas Besonderes, wer 2x herausgerufen wird bekommt als nächstes den Pulitzer-Preis.
Weiteres Hervorhebungsmerkmal des amerikanischen Applausverhaltens ist die sogenannte „Standing Ovation“, die noch einmal kleine Differenzierungsmöglichkeiten bietet. Klatscht also das Publikum allein frenetisch, mit lauten Bravos und Jubelrufen, so war die Darbietung bestenfalls ok oder sogar unterdurchschnittlich. Springen einige Leute auf und klatschen im Stehen war es schon etwas besser, springt das gesamte Publikum auf und klatscht im Stehen, so war es keineswegs ein rauschender Welterfolg, sondern alleine „ziemlich“ gut. Von dieser Stufe an kann dann nur noch durch die Applauslänge differenziert werden, wobei schon Hundertstelsekunden in der Länge einen riesigen Unterschied ausmachen.
Wichtig ist aber immer: zu lange darf nicht applaudiert werden, denn man muss ja noch nach Hause.

Autos

Es ist allgemein bekannt, dass Amerikaner ihre Autos lieben. Nur zwei Dinge kann man ihnen alleine aus ihren „dead, prying hands“ (Charlton Heston) entreißen, Waffen aller Arten und Autos. Im Fernsehen habe ich an diesem Tag eine Familie gesehen, die sich unter Tränen darüber beschwerte, dass mit einem geplanten neuen einschränkenden Waffengesetz ihre „persönliche Freiheit“ ernsthaft beschnitten würde. Also die Freiheit, mit einer Knarre rumzulaufen wohin immer sie wollen, vielleicht auch zum Bäcker oder zu einem klassischen Symphonieorchesterkonzert.
Aber auch das Auto wird als entscheidender Teil der Amerikanischem Freiheit empfunden. In einer berühmten Komödie mit Steve Martin steigt dieser in L.A. in sein Auto, nur um 2 Schritte zu fahren und beim Nachbarhaus wieder auszusteigen. So übertrieben ist das gar nicht: Amerikaner wundern sich stets, wenn man irgendetwas zu Fuß unternehmen will. Selbst in einer wirklich kleinen und zu Fuß problemlos erkundbaren Stadt wie Staunton wird man zum Freak wenn man mehr als einen Block zu Fuß geht. Ständig werde ich gefragt „shall we take you with the car?“, selbst wenn die Probe nur 2 Straßen weiter ist. Nein danke, ich laufe lieber. Nur um dann ständig aus Autos heraus angesprochen zu werden „hey, snazzy suit, man!“. Wer läuft, ist also doppeltem Spott ausgesetzt. Vielleicht mache ich ja doch Mal den Führerschein…

„Gibt es einen Rechtsruck in Amerika?“ scheint uns dieses Straßenidyll in inniger Andacht zu fragen…

Moderne Ehen

Am Abend ist „Pizza Party“ im Haus von Carsten Schmidt und seinem Partner. Äußerst erfreut stelle ich fest, dass das ganze Festival anwesend ist und – noch viel wichtiger – dass die Pizza tatsächlich frisch geknetet, belegt und gebacken wird. Ich hatte schon befürchtet, diese typischen amerikanischen Todespizzen mit Krusten wie die chinesische Mauer herunterwürgen zu müssen. Auch gibt es Craft-Beer das inzwischen immer mehr die traditionellen amerikanischen Biermarken verdrängt, die normalerweise Wasser mit leichtem Bier-bzw. Uringeschmack anbieten.
Wie in Amerika üblich stellen sich alle Menschen herzlich vor – „Hi, I’m Alex, and this is my husband, Pete“, oder „Hi, I’m Sam, and please meet my husband, John“ oder so ähnlich höre ich am Abend sehr oft. Wer in Amerika schwul ist und etwas auf sich hält ist auch verheiratet, da man es zu Recht als wichtiges politisches Statement empfindet. An dem Abend sind fast alle Anwesenden schwule Ehepaare, komplett mit Ringen und familiären Lebensmodellen.
Obwohl Staunton wirklich sehr tolerant ist, geht die Toleranz bei manchen älteren Herrschaften bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nicht ganz so weit, wenn es darum geht, Gäste aufzunehmen (die meisten Musiker des Festivals sind privat untergebracht). Es müssen dann Gastgeber gefunden werden, die entweder selber dem gleichen Geschlecht gegenüber aufgeschlossen sind, oder die damit zumindest kein Problem haben.
Aber in Staunton ist vieles möglich, und auch das kriegt man hin. Man ist ja doch stolz darauf, im Herzen Virginias einen kleinen Hauch Ost- und Westküste zu haben.

In einer der Konzertkirchen liegen tatsächlich diese Teddybären aus, die man irgendwie adoptieren kann. Wie süß!

Moritz Eggert

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