Ich will einen Oper-O-Maten bauen! – Teil III

Szene aus "Wozzeck" am Staatstheater Nürnberg

Szene aus „Wozzeck“ am Staatstheater Nürnberg

Nach Teil I und Teil II schließe ich heute mit ein paar Ergebnissen, die bei der Arbeit an der „Größten Opernmaschine aller Zeiten“ (GröOmaZ, FAZ) zutage traten.

Vor genau einer Woche ging der Oper-O-Mat, mit dem man die Oper seines Lebens finden kann, im VAN Magazin online.

Grundsätzlich wollte ich den Oper-O-Maten von dem vor einem Jahr – ebenfalls im VAN Magazin veröffentlichten – Sinfon-O-Maten unterscheiden insofern, als dass die Statements beim Oper-O-Maten länger, epischer, redseliger sein sollten. Eine Oper dauert nun mal meistens ihre Zeit… Eine Haydn-Sinfonie beispielsweise kann dabei nach 18 Minuten durch sein.

In der letzten Folge ging es schon darum, wie ich überhaupt Opern voneinander unterschieden habe. Angesichts der Masse von rund 220 Opern konnte ich nicht gleich auf Handlungsdetails eingehen, die es in der Oper X gibt – aber in Oper Y nicht. Mit so einem Vorgehen wäre man viel zu schnell am Ziel.

Also mussten – nach Dauer und Epochenvorlieben – noch weitere Kategorien her.

Ich bin selber ein Serienfan. Und ihr kennt die eine Folge (ich glaube, es ist in der sechsten Staffel), in der die Frau von Dexter… Ja, ne? (Ich habe tagelang getrauert!). Auch in Opern wird gerne und ausgiebig gestorben. Aber halt nicht in jeder. Und nicht jeder kann mit „Verlusten“ so gut umgehen. Also entstand folgendes Statement für den Oper-O-Maten (das gleichsam auch verschiedene Generationen ansprechen soll): „Ich kann so schlecht mit Verlusten umgehen, dass ich selbst dann mehrere Tage innerlich trauere, wenn ein mir sympathischer Charakter in meiner aktuellen Lieblingsserie stirbt. Schon als junger Mensch zerriss mich schier der Gedanke, Mogli, Flash Gordon, Lassie, Fury, Michael Knight oder Alf könnte etwas zustoßen…“

Und so ging es dann immer weiter. Bis hin zu einem Statement, über das ich lange gegrübelt habe. In vielen Opern gibt es ja „starke Frauenfiguren“, zum Beispiel die Katerina Ismailowa in Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“. Also war die Kategorie „feministisch“ geboren – und das dazugehörige (leicht ironische, weil mit einer umstrittenen Frauenrechtlerin und einer ehemaligen Frauenfußball-Nationaltrainerin bestückte) Statement: „Jeanne d’Arc, Elisabeth I., Maria Stuart, Katharina II. die Große, Marie Curie, Alice Schwarzer und Silvia Neid: Das sind starke Frauen, die zu Recht ob ihrer geschichtlichen Leistungen gewürdigt werden! Ich bin Feminist – und stehe dem gesellschaftlich determinierten Konzept „Frau = lieb und hübsch“ sehr kritisch gegenüber.“

Als „feministisch“ konnte ich immerhin 56 Opern kategorisieren. Bei „nicht feministisch“ waren es 132 Werke.

Die meisten „feministischen“ Opern geschrieben haben Richard Strauss (!) mit „Arabella“, „Die Frau ohne Schatten“, „Elektra“, „Feuersnot“ und „Salome“ – sowie Georg Friedrich Händel mit „Agrippina“, „Alcina“, „Giulio Cesare“, „Rinaldo“ und „Serse“.

Immer wieder schwankte ich zwischen meinem Anspruch, wirklich ganz ernsthaft vorzugehen und dabei trotzdem Spaß zu haben (und diesen Spaß auf die Benutzer des Oper-O-Maten zu übertragen). Und die Ernsthaftigkeit meiner Vorgehensweise führte dann zu teilweise ganz erstaunlichen (für mich fast berührenden) „Versammlungen“ des Oper-O-Maten. Nach ein paar Statements kam ich immer auf ganz individuelle „Zweige“, die immer weiter ausdifferenziert werden mussten. Und hier blieben teilweise Werke übrig, die sich auf ganz verblüffende Weise ähneln; Werke, die fast unterschwellig miteinander in Farbgebung, Charakter und Handlung verwandt zu sein scheinen.

Vollziehen wir mal folgendes Beispiel nach…

Diese Ungeduld heutzutage! Diese Menschen, die keinen Satz zu Ende bringen, ohne dabei mindestens einmal auf ihr Smartphone gelugt zu haben! Diese Kurzatmigkeit in allen Landen! Zu der Gemeinschaft dieser Zeitgenossen mag ich so gar nicht gehören! Denn ich bin noch imstande, mehr als zwei Stunden ohne Unterbrechung auf dem Allerwertesten zu verweilen, ohne dabei mein Buch, sei es nun gerade spannend oder nicht, aus der Hand zu legen. (Das Geduldsstatement).

Antwort: Nein.

Ich kann so schlecht mit Verlusten umgehen, dass ich selbst dann mehrere Tage innerlich trauere, wenn ein mir sympathischer Charakter in meiner aktuellen Lieblingsserie stirbt. Schon als junger Mensch zerriss mich schier der Gedanke, Mogli, Flash Gordon, Lassie, Fury, Michael Knight oder Alf könnte etwas zustoßen… (Bin ich für Tote in der Oper zu zart besaitet?)

Antwort: Ja.


Wenn ich dereinst werde dahingeschieden sein und man in einer Zeremonie mein Ableben beweint, so wird man – ob der Erzählungen, die man in der Kathedrale der Betrübnis über mein Leben mit der Gemeinde teilt – fürderhin noch zwischen den Tränen ein Lachen in den Gesichtern der Trauernden erkennen. Denn mit meinem frohen und gar stets zu Scherzen und Lustigkeiten aufgelegten Gemüt wäre ich in längst vergangenen, herzoglichen Zeiten der Narr am Hofe gewesen! Ich bin jeden Tag witzig drauf – und fast immer gut gelaunt!
(Bin ich eher der Typ für komische Opern?)

Antwort: Ja.

Joseph Beuys und dieser andere Typ mit dem Pissbecken, das er als „Kunst“ verkauft hat: Ganz ehrlich, da werde ich leicht aggressiv. Kunst hat für mich mit „Können“ zu tun. Und wenn es zu abstrakt wird, sorry, aber da steige ich an der Bushaltestelle der Verständnislosigkeit gerne kopfschüttelnd aus! (Finde ich moderne oder gar zeitgenössische Opern doof?)

Antwort: Nein.

Trotz Putin mag ich den Klang der russischen Sprache. (Ist eher eine russische Oper mein Fall?)

Antwort: Nein.

Regelmäßig brauche ich mein Likörchen. (Ha, mit diesem Statements wollte ich die Benutzer dazu verführen, eventuell auf eine von mir selber wiederentdeckte und 2015 – eine Kooperation von Konzerthaus Berlin und Komischer Oper Berlin – zur europäischen Erstaufführung gebrachte Oper zu kommen, über die ich hier im Bad Blog damals berichtete… Klickt man da nämlich auf „Ja“, dann gelangt man zu Marc Blitzsteins „Triple-Sec“. Eine sehr kurze, moderne Opern-Farce, in der die ganze Zeit gesoffen wird.).

Antwort: Nein.

So. An dieser Stelle waren noch exakt drei Opern im Hintergrund übrig: „Der Zar lässt sich photographieren“ (1928) von Kurt Weill, „Neues vom Tage“ (1929) von Paul Hindemith und „Trouble in Tahiti“ (1952) von Leonard Bernstein.

Da war ich verblüfft. Zwei Opern aus fast demselben Jahr (Weill und Hindemith) – und eine Oper von einem Komponisten (Bernstein), in dessen Werken zumindest doch Weill seine deutlichen Spuren hinterlassen hat (Hindemith auf seine Weise sicherlich auch irgendwie).

Viel erstaunlicher aber für mich: In allen drei Werken geht es dezidiert darum, dass sich Männer und Frauen nicht verstehen. Aber jedes Mal auf einer ziemlich unspektakulären Ebene… (Auf welche Weise man dann zu Weill, Hindemith oder halt Bernstein kommt: Das möge jeder selbst herausfinden!).

Ich hatte es scheinbar also mittels der Art, den Benutzer durch meinen Oper-O-Maten zu geleiten, geschafft, drei Musiktheaterwerke in ihren innersten Eigenschaften zu erkennen, zu unterscheiden.

Da war ich glücklich. Und überzeugt.

Ich wünsche dem Oper-O-Maten ein langes Leben.

Ob ich nochmal so etwas mache: ich weiß es nicht. Wahrscheinlich werde ich nie wieder Zeit dafür haben.

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

1 Reaktion

  1. Ziemlich – ääh, unziemlich – clowny (auch anderswo), der Arno . Das gefällt mir.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.