Als ein Stück von mir Heiner Geißler erzithern ließ

2001 bis 2002 war ich Bewohner der Villa Concordia – nicht des Gesangsvereins, nein, des gleichnamigen Künstlerhauses in Bamberg. Neben Konzerten im Hause, wurde und wird Musik der Bewohner in der dortigen Region auf Tour geschickt. In meinem Falle durfte Leopold Hurt an der Zither während der Hegelwoche 2002 zu einem Auftritt Heiner Geißlers was von mir zum Besten geben.

Es handelte sich um das Stück „Anhörung“ für Baßzither. Das hatte Leopold damals mit anderen Stücken zuvor in einem Porträtkonzert aufgeführt. Das Bemerkenswerte: ein damals
noch junger nationalminimalistischer niederländischer Komponist, heute ausgewiesener spektraler Internationalist, hätte mich am liebsten in der Regnitz im Regen stehen lassen wollen. Gott sei Dank regnete es nicht bzw. war ich wohl zu schwer für eine körperliche Auseinandersetzung. Hätte man diese Erregung des Niederländers mal als Omen aufgefasst…

Im Künstlerhaus ist es gute Tradition, die Musik der Einwohner herumzureichen. Nicht von Festival zu Sonderkonzert, sondern von „Inhouse-Veranstaltung“ zu Veranstaltungen jeder Art von Galeriefest bis Kultur in der bayerischen Vertretung in Berlin. Nachdem mein Stücktitel wohl an Verwaltungsakte erinnerte, dachte man sich, dass es für eine politische oder besser quasi-kulturelle Situation mit einem Politiker passen würde. Das war damals ein Auftritt des eben verstorbenen Heiner Geißlers anläßlich der Hegelwochen im kleineren Saal der Bamberger Philharmonie.

Zur Umrahmung dessen und zur höheren Ehre der zeitgenössischen Musik war also mein Stück auserkoren worden. Das Stück hat es allerdings in sich: nicht nur, dass es selbst Kollegen auf Ertränkungsgedanken bringen könnte. Sondern dass es selbst gütigsten Personen den letzten Nerv raubt. Eigentlich ist es ein ganz harmloses Werk. Die Baßzither dröhnt und tupft, erstickte Klänge werden in verdrehter Spielhaltung dem Griffbrett entlockt, auf den Basssaiten wird mit Plektron entlang glissandiert, als stürzte eine Antonow in Zeitlupe ab. Am Ende verwandelt es die Zither in ein kaputtes Klavier und verklingt in ätherischen Knackflageoletts. Also ein wundersames Zithererforschungsdingens. Oder schlichtweg ein Monstrum, meiner Meinung nach ein liebliches.

Leopold hatte es zuvor schon auf anderen Festivitäten irgendwo im Oberfränkischen vortragen dürfen. Nun also vor Heiner Geißler und seinen Fans. Diese beklatschten artig den damals noch sehr jungen und (auch heute noch) adretten Regensburger Zithersolisten und Komponisten. Er nahm seiner Erzählung nach – ich war nicht dabei – Platz und hob zu zithern an: pling -pliiing … pling – pling – pliiiing – uck….. pling…. pling – pliiing – uck….. etc. äääääääääääääääääääh – tschong…. ääääääääääääääääääääääääh – tschong -pliiiing -pling – uck.

Das veränderte sich natürlich ein wenig, ging aber doch mehr als geschlagene 20 Minuten in der Art weiter. Die Fans tuschelten, rutschten auf den Sesseln herum, fingen an böse zu gucken, noch lauter zu tuscheln. Den guten Leopold scherte das überhaupt nicht. Im Gegenteil. Das Stück ist für einen zitherischen Zelebrator, wie es die Baßzither darstellt. Und Leopold ist dafür der perfekte Zelebrant. Im sich damals gerade antimusischen gerierenden Bimmel-Bummel-Bammelberg wirkte der erzbischöfliche Geist wahre Wunder der Duldsamkeit – nicht des Publikums, sondern des Spielers. Er wurde immer langsamer und langsamer.

Ich weiß nicht, ob er mir das erzählte oder jemand Anderes: derweil das Publikum immer unruhiger wurde, entwickelten sich auf Heiner Geißlers Stirn immer mehr Falten je straffer das Gesicht des Musikers strahlte. Jedenfalls rettete das Strahlen Leopolds wohl das Leben des Stückes und die Unversehrtheit der Zither – es waren wohl auch keine niederländischen Nationalminimalisten anwesend. Wie gemein auch, dem auf die balsamischen Worte und damit soziale Konflikte einebnenden CDU-attac-Politkers wartenden Publikum nicht mit Mozartkugeln oder E.T. Hoffmann Petitessen aufzuwarten oder Keller-Freibier anzubieten, sondern un-volkstümlichen Zitherklängen auszusetzen. Letztlich war Leopold fix heraus komplimentiert und das Brambassieren über Religion und Politik konnte beginnen.

Nun, ich denke, dass es manchmal wertvoller wäre, weniger über Religion zu palavern, sie gar ernstzunehmen, als einfach und ausschließlich mit ihr verbundene Musik anzuhören. Oder das „Reden über“ mit zeitgenössischer Musik zu ersetzen. Wahre Friedfertigkeit zeigt sich dann. Oder es offenbart sich die Vergeblichkeit all des Dialogisierens, wenn Weihrauch in Pulverdampf transsubstantiiert wird. Wie auch immer, es stellte sich kein musikalischer Bürgerkrieg ein, mancher Sitzrutscher hat uns verlassen. Und der Stirnrunzler ruhe nun in Frieden, gesegnet mit Klassik und Romantik, fernab von Stuttgart 21, noch ferner von Zithern – nur paradiesische Zimbeln und Geigen.

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
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