Die aktuellen Neue Musik – Trends 2017!!!

Die aktuellen Neue Musik-Trends 2017

Hey, Boys and girls, hier bin ich wieder, euer Baddie Boy, und ich bringe euch die heißesten und coolsten Trends of the worldwide contemporary music scene!

Ihr wollt Stipendien bekommen, Preise gewinnen, oder einfach nur cool sein und vor euren Kollegen angeben können? Dann zieht euch folgende Liste rein, look and learn, be succesful, baby! Denn nur wer diese aktuellen Trends kennt, hat eine Chance auf der international stage of New Music, kann die begehrten Preise abräumen oder die Jurys beeindrucken.

Bei den Composition Trends schon seit einiger Zeit dabei, hält sich aber hartnäckig:

1) Der rumpelnde Anfang

Dieser neue Mega-Trend ist besonders beliebt bei Orchesterstücken. Im Grunde ist er ganz einfach hinzubekommen, Digga, es geht so:
RUMPELDIPUMPEL – so muss das Stück anfangen. Einfach erst mal ein Tutti reinknallen und zeigen, wo der Hammer hängt. Am besten kombiniert mit Schlagzeug, irgendeinem Streicherglissando, kreischende Tam-Tams, egal was, Hauptsache es fetzt. Aber vorsicht: zu lange darf es nicht rumpeln, denn ansonsten könnte sich ja so etwas wie ein Rhythmus einstellen, und das wäre ja zu fucking ordinary, buh!
Daher – ganz wichtig – nach dem Rumpeln erst einmal Stille. Am besten eine Fermate mit irgendeiner Primzahl als Sekunden drüber – gut machen sich zum Beispiel exakt 17,5 Sekunden. Danach darf die Musik auf keinen Fall in die Gänge kommen, am besten bringt man dann erst einmal minutenlange Quietschgeräusche oder irgendein leises Kruscheln. Es ist auch vollkommen unwichtig, wie das Stück dann weitergeht, denn das hört die Jury ja eh nicht an, aber es wird auf jeden Fall der Eindruck entstehen, dass es sich um seriöse, aber irgendwie auch „kraftvolle“ Neue Musik handelt.

mögliches Problem: dass im Grunde inzwischen fast alle Orchesterstücke so anfangen.

Kommen wir zum nächsten Trend, schon lange dabei, aber immer noch wirkungsvoll:

2) Bedeutungsvolle Pausen

Kein Sorge, wenn ihr nicht weiter wisst bei eurem „Meisterwerk“ (höhö), Boys and Girls, es gibt da einen ganz einfachen Trick, der immer hilft und schon lange beliebt ist. Anstatt mühsam mit einer Phrase weiterzumachen….brecht einfach mittendrin ab! Vor allem dann, wenn sich eigentlich irgendetwas entwickeln müsste! Der Abbruch wirkt mysteriös, geheimnisvoll, fragmentarisch – alles geile und positive Attribute in der „fucking serious“ music, yo! Weiternudeln bringt dagegen eure Schwächen zutage, vielleicht auch, dass ihr in Wirklichkeit eher unmusikalisch seid, und das ist uncool, folks, uncool!
Also im Zweifelsfall immer erst einmal mittendrin abbrechen, dann steht die „Geste im Raum“ und es ist irgendwie „interessant“, und das ist doch das was ihr wollt, oder? Interesting sein, nicht normal sein! Empfohlene Pausenlänge ist übrigens 17,5 Sekunden. Optionales Zwischenkruscheln möglich, aber bitte nur leise, so dass keinerlei Emotion zustande kommt, das wäre eventuell zu aufregend.

Mögliches Problem: Nach langanhaltender Vortäuschung von „kryptischer“ Bedeutung, wird irgendwann klar, dass es gar keine Bedeutung gibt und auch nie eine geben wird.

Der folgende Gegentrend steht in diametralem Widerspruch zu Trend Nr. 3, ist aber genauso megabeliebt:

3) Fill it up, baby

Ihr schreibt ein Stück für Ensemble, Orchester oder etwa – Respect! – eine Oper? Dann make sure dass ihr in eurem Notenprogramm immer „show all staves“ eingestellt habt, das ist ganz wichtig. Was ihr unbedingt vermeiden müsst: Seiten in denen nur wenige, nicht aber alle Instrumente beschäftigt sind und vielleicht sogar Zeilen fehlen, weil sie Pausen haben…
NJET!
Ganz wichtig, die Partitur muss „prächtig“ (Henze) aussehen, sie darf auf keinen Fall mager bestückt sein, nein, die Eier müssen baumeln, und damit meine ich jetzt eure Eier, denn die braucht ihr für diesen megageilen Trend!
Wichtig: es darf nur wenig freier Platz sein auf jeder Seite, schwarz muss es sein, das Notenblatt! Und bitte immer alle Akkoladen gefüllt, wir wollen keine Trennstriche sehen! Alle müssen spielen!
Wie ihr die Seiten füllt, ist dabei übrigens vollkommen egal und letztlich unwichtig, Hauptsache es sieht irgendwie kompliziert aus. Besonders gut eignen sich verschoben einsetzende Streicherglissandi (natürlich divisi), das sieht schnell komplex aus, klingt aber immer ziemlich gleich, so dass man nie die Kontrolle verliert. Auch gut: Polyphonie die eigentlich Heterophonie ist – jede Stimme spielt etwas ähnliches aber letztlich leicht anderes. Vorteil: ihr verliert nie die Kontrolle, denn wer kann schon diese ganzen Counterpoints alle durchrechnen…

Mögliches Problem: Die Musik driftet irgendwann in die kryptonische Phantomzone des „Grau in Grau“ ab.

Ewig im Trend, auch im Jahre 2017:

4) What you see is not what you get

Es klingt für jeden Hörer wie ein Anfänger, der irgendwelchen beliebigen Quatsch auf einem Kontrabass schrummelt, aber hey, es ist euer fucking Kontrabass-Solo-Stück, und es ist eure Visitenkarte im New Music Business! Nur „Experten“ können nämlich erkennen, dass das Geschrubbel in Wirklichkeit auf 4-5 Systemen notiert, wahnsinnig komplex ist und mindestens 5-8 Programmierer im IRCAM ein ganzes Jahr beschäftigt hat und der Solist 2 Jahre daran übte (damit er danach im Contemporary Music Circuit damit angeben kann).
Hinter dem Geschrubbel steckt also wahnsinnig viel Arbeit, daher ist es auch kein Geschrubbel sondern —-KUNST! Stick it up your ass, man!
Nur ihr – wenn ihr in eurem stillen Kämmerlein sitzt, wo keiner eure Gedanken lesen kann – kennt die schreckliche Wahrheit:
Es ist tatsächlich Geschrubbel.

Mögliches Problem: Es macht weder Spaß, diese Stücke zu schreiben noch sie zu hören. Nur die Interpreten fühlen sich wie nach einer Mount Everest-Besteigung oder nach Gruppensex mit Heidi Klum.

Kommen wir zum letzten und wichtigsten Trend des Jahres 2017:

5) No melody!

Für Churchill galt „no sports“, für uns gilt auf jeden Fall „no melody“! Melodie ist der Feind jedes Komponisten, denn melodisch sein hieße ja irgendwie auffallen, und wir wollen ja sein wie alle anderen Motherfucker, die diese geilen Stipendien kriegen. Wenn euch also 2-3 Töne einfallen, die so etwas wie einen Melos oder – Gott Bewahre – so etwas wie eine Melodie sein könnten…
CUT IT!!!!
Ihr ruiniert nur den guten Eindruck den ihr gerade gemacht habt. Eure Musik darf keineswegs „fasslich“ oder „einprägsam“ sein, nein, sie muss „ungreifbar“ und „ominös“ sein, das ist sehr wichtig, wenn ihr erfolgreich sein wollt. Wenn nur Begleitung übrigbleibt? Macht nichts, das reicht völlig und erzeugt Bedeutung.
Und überhaupt: wer schreibt heute noch Melodien? In der Popmusik sind sie ja auch schon lange außer Mode, und Moden sollte man nie, nie, nie in Frage stellen. Die drei großen „K“ reichen völlig aus für jede Art von Musik, und die heißen:

a) Klang
b) Konzept
c) Kladderadatsch

Merkt euch das, ihr pussies!

Und schaltet ein nächste Woche wenn es wieder heißt „Uncle Eggy“ zeigt euch, wie ihr reich, berühmt, und erfolgreich werdet!

Happy New Ears,

euer

Bad Boy

Moritz Eggert

Komponist

2 Antworten

  1. Jakob K. sagt:

    Humorvoller Kommentar zu einer, eigentlich, traurigen Sache.

    Tatsächlich scheint die Bewertung von Kompositionen in vielen Wettbewerben mehr durch Codes und Gesten bestimmt, als durch das tatsächliche musikalische Ergebnis. Jegliche Chancen siegreich aus so einem Wettbewerb hervorzugehen, schwinden mit dem Verzicht auf bestimmte Codes wie Mikrotonalität, Multiphonics, Bow Pressure-Angaben usw. Somit hat eine „farbenreiche“ Partitur deutlich mehr Chancen auf den Sieg als eine „farbenreiche“ Komposition.

    Leider wird dabei vergessen, dass diese Wettbewerbe nicht nur ein netter Nebenverdienst für bereits etablierte Komponisten sind, sondern auch eine Möglichkeit für junge Komponisten sich Zutritt zu dem fest verschlossenen Raum des Neue Musik-Netzwerkes zu verschaffen. Dies mag für eine ganze Reihe von jungen Komponisten, die unter namenhaften Lehrer, mit dem entsprechenden Netzwerk, studiert haben, zwar nicht so sehr von Bedeutung sein, sehr wohl ist es aber von Bedeutung für jene Komponisten, die gar nicht erst an einer Uni studiert haben. Ja, diese gibt es sehr wohl.

    Leider scheint es aber nahezu unmöglich einen Kontakt zu einem Dirigenten oder bekannten Komponisten herzustellen, ohne einen Nachweis zu erbringen, das dieser nicht wohlmögliche seine Zeit verschwendet. Und welche Nachweise werden hierfür akzeptiert ?
    Unterricht bei bekannten Komponisten und/oder Preise. Das der Dirigent oder Komponist sich die Zeit nimmt sich auch nur eine Seite der Partitur anzuschauen, ohne vorher zwei Seiten des CV gelesen zu haben, scheint nicht vorzukommen.

    Bleibt also nur die Möglichkeit bei einem renomierten Wettbewerb den ersten Preis zu belegen. Leider ist es aber nun so, dass sogar bei den kleinen Wettbewerben in der Regel mehr als 100 Partituren eintreffen, die von den Juroren auch noch innerhalb von nur 3 Wochen auf ihre Qualität hin bewertet werden müssen.

    Eventuell würde es der Neue Musik Szene (oder Gegenwartsmusikszene^^), gerade in ihrem momentanen Zustand, sehr gut tun mal ein paar Quereinsteiger hineinzulassen, welche nicht ihr Klassikstudium im Alter von 5 Jahren begonnen haben, sondern einen gänzlich anderen Entwicklungsweg hinter sich haben, und somit Raum für andere Ideen und Ansätze zu schaffen.

    Solange dies aber nur über den Gewinn von renomierten Wettbewerben möglich ist, welche zu allem Überfluss auch noch eine Art von intern festgelegtem Katalog voraussetzen, wird dies wohl kaum passieren.

  2. @Jakob: Danke für diesen aufschlussreichen Kommentar – ich stimme Deiner Einschätzung sehr zu, würde aber auch Mut zum „Quereinsteigen“ machen. Aus meiner eigenen Erfahrung aus Jurys kann ich sagen, dass ich nicht der einzige bin, der sich für die Stücke besonders interessiert, die nicht den oben genannten Klischees entsprechen. Die „Szene“ mag bestimmte Codes haben, aber am Ende siegt doch die Kreativität und Eigenständigkeit. Man mag mit der Erfüllung der Codes erst einmal Erfolg haben, aber will man diesen Erfolg zum Preis der Eigenständigkeit? Vielleicht ist der individuelle und unangepasste Weg schwieriger und steiniger, aber am Ende doch viel erfüllender, weil man sich nicht verbogen hat und seiner eigenen Intuition gefolgt ist.

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