Was sind schon Worte? Teodor Currentzis wird Chef des SWR-Symphonieorchesters

„Kein Dirigent – und damit ausdrücklich auch keiner der Unterzeichnenden – wird in der Lage sein, auf absehbare Zeit aus den zwangsfusionierten Musikern einen Klangkörper zu formen, dessen Rang mit dem der beiden mutwillig zerstörten, traditionsreichen Sinfonieorchester auch nur im Entferntesten konkurrieren könnte.“ (Teodor Currentzis 2013 – sowie 159 weitere Dirigenten)

Er, Teodor Currentzis, hat also eine Aufgabe übernommen, ein konkurrenzloses Orchester zu betreuen. So muss man es wohl verstehen. Dem SWR ist es dagegen gelungen, mit der Entscheidung, Teodor Currentzis (TC) als Chefdirigent für das fusionierte SWR Symphonieorchester ab der Spielzeit 2018/19, sich in die Öffentlichkeit zu spielen. Manche Beobachterinnen haben die Entscheidung wohl erwartet, manche (wie ich) waren überrascht.

Pressefoto Teodor Currentzis. Foto: Alisa Calipso for Malina

Pressefoto Teodor Currentzis. Foto: Alisa Calipso for Malina

PR-technisch ist es in jedem Fall eine Meisterleistung. Denn der Dirigent Teodor Currentzis polarisiert mit seinen Interpretationen. Und so halten die einen ihn für einen Blender, die anderen für ein Genie. Für gewöhnlich schließt das eine das andere nicht aus. Den Grad der Publizität erhöht allerdings eine solche Entscheidung und sie macht die ganze Vorgeschichte vergessen. Also fast jedenfalls. Ralf Döring von der Neuen Osnabrücker Zeitung kommentiert die Entscheidung des SWR als „Ablenkungsmanöver“.

„Aus Sicht des SWR sprechen indes sicher mehr als nur musikalische Gründe für den exzentrischen Griechen. Denn nach der Orchesterfusion muss die Rundfunkanstalt einiges gut machen, und wer eignet sich besser für ein Ablenkungsmanöver als Currentzis? Er wird den Südwesten musikalisch ordentlich durchrütteln, das steht fest. Den brutalen Einschnitt in die Orchesterlandschaft kann allerdings nicht einmal er kaschieren.“ [Quelle: Ralf Döring, Ablenkungsmanöver mit Teodor Currentzis? – NOZ]

Vergessen und vergeben?

Das Tempo der Zeit ist unerbittlich und sie frisst das Vergangene an und auf. Trotzdem oder gerade deshalb ein Blick zurück:

Der Journalist Robert Braunmüller erinnerte in dem Zusammenhang mit der Berufung von TC an eine Geschichte aus dem Jahr 2012 aufmerksam. Damals war TC als Dirigent für das Eröffnungskonzert der Donaueschinger Musiktage engagiert worden und sagte am Ende, also wirklich kurz vor Torschluss ab. Die ganze Geschichte kann man interessanterweise auf der Website des SWR noch nachlesen.

Der Chefdirigent der Oper in Perm begründet seine Absage für das Eröffnungs-Konzert des weltweit wichtigsten Festivals für Neue Musik mit – ‚zu viel Mozart‘. „Außerdem habe er in letzter Zeit viel zu viel Mozart aufgenommen. So dass er uns seine Kraft nicht zu hundert Prozent zur Verfügung stellen könne.“ [Quelle: Dietrich Brandts: „Schweigen bei Herrn Currentzis“: Wie der Dirigent des Eröffnungskonzerts ganz langsam kurzfristig absagte]

Olle Kamellen werden die einen sagen, jeder hat das Recht, sich zu ändern. Natürlich darf sich ein jeder ändern. Auch das fusionierte SWR Symphonieorchester ist vielleicht weniger desolat als es die Dirigentinnen im Offenen Brief von 2013 unkten. Vergessen.

Vergessen wir das also alles und … Nö.

Das ist in der Tat eine interessante Fragestellung. Wird der SWR die Höhe des Honorars bekannt machen? So wie er auch jeden anderen Pups vor der Fusion der SWR-Orchester zu beziffern wusste? Davon ist ganz sicher nicht auszugehen.

Gegenwärtig sind zumindest über unsere überrepräsentative Twitterumfrage die Wogen nicht geglättet.

Die Twitterer von SWR Classic antworteten darauf:

Kulturaporie

Und bei allem Unken nun oder bei allem Jubeln. Man wird abwarten, was passiert. Denn der beste Fall ist dummerweise ja auch der schlechteste Fall. Sollte die Zusammenarbeit zwischen TC und dem Orchester viel Ertrag bringen, sollte das Orchester wieder konkurrenzfähig werden, hätte der Intendant, der die Fusion der Orchester offensiv vertrat und die Rundfunkräte abnicken ließ, Recht behalten. Fusionen funktionieren. Sollte es dagegen schiefgehen, hätten die Kritikerinnen Recht behalten, also die 160 Dirigentinnen und die 148 Komponistinnen und die Orchesterretter und und und. Dann wäre man im Recht und zugleich dauerhaft unglücklich. Das ist eine unselige Kulturaporie.


PS: Es gibt wenigstens einen Dirigenten, der Abschied genommen hat: François-Xavier Roth, der ehemalige Chef. Im Gespräch mit Georg Rudiger zeigt er sich konsequent.

Sie haben es abgelehnt, das neue SWR-Symphonieorchester zu dirigieren, obwohl Sie auch von Freiburger Orchestermusikern darum gebeten wurden. Auch bei den Donaueschinger Musiktagen werden Sie nicht mehr auftreten. Warum diese Härte?

Weil ich gegen die Fusion war. Da bin ich konsequent. Die Donaueschinger Musiktage waren ein Festival dieses Orchesters, das jetzt als Klangkörper aufgelöst wird. Ich bin frei. Ich war immer frei.

[Quelle: nmz.de „Rundfunkorchester sind unglaubliche Maschinen für die Musik, für die Zukunft“]

Martin Hufner
Chefmitarbeiter bei |

seit 1997 chefökonom der kritischen masse und netzbabysitter der nmz.

4 Antworten

  1. Es ist immer ein Drama, wenn Orchester zu fusieren sich gezwungen sehen. In den Niederlanden hat seit mindestens 10 Jahren eine Fusierwut die nationale Orchesterkultur geschädet, und immer wieder kommt es zu Fusionen, dann wieder von schon fusierten Orchestern. Hartmut Haenchen hat mit dem Niederländischen Philharmonischen Orchester grosses geleistet, es war ein fusiertes Orchester mit vielem internen Frust, aber er hat doch das Niveau hochgehalten und gesteigert. Das bedeutet nicht, dass die damalige Fusion OK war. Ein tüchtiger Dirigent kann mit einem frustrierten Fusionsorchester sicherlich etwas leisten, aber es ist nur schwieriger. Currentzis scheint mir deshalb eine sehr gute Wahl.

    Das shockierende ist dass eine solche Fusion in Deutschland stattgefunden hat, NB die Heimat der Klassik überhaupt. Es ist nur eine Sache der Priorität und deshalb des Geldes. Das es in Deutschland leitende Menschen gebe, die ihre eigene Kultur erodieren wollen, ist höchst beunruhigend.

  2. Annerose Weilerstein sagt:

    Wie naiv, wie verbohrt, wie kulturfeindlich muss man eigentlich sein, um dem SWR-Orchester die politischen Entscheidungen aus der Vergangenheit als Stigma und Hypothek immer wieder nachzutragen? Weder die Musiker, noch das Publikum sollten durch diese teilweise dämliche Berichterstattung weiter belastet werden. Nur weil die Redaktion der NMZ von Anfang an die Lage falsch eingeschätzt hat und sich vor allem mit dem weinseeligen Schreiberling Rhode diesem Himmelfahrtsverein der sog. „Orchesterretter“ kritiklos angeschlossen hat, macht sie fröhlich weiter, statt dem Orchester zu helfen den Verlust der altem Klangkörper zu kompensieren. Oder geht es um Selbsterfüllende Wahrsagerei?

  3. Gerhard Rohde – der ist ja wohl mit „Schreiberling Rhode“ gemeint – hat seine Himmelfahrt ganz allein und ohne Verein schon hinter sich gebracht. Und nun frage ich mich, wie die NMZ-Redaktion dem Orchester helfen kann, „den Verlust der altem Klangkörper“ zu kompensieren. Vielleicht mit ein wenig Schulterklopfen, mit verhaltenen Lobeshymnen oder womit? Mit Cola in den Probepausen oder ein wenig Hasch? Das werden diese verbohrten NMZ-Kulturfeinde nie und nimmer hinkriegen (hofft Annerose Weilerstein, falls ich sie richtig verstanden habe).

    • Richtig, Guntram. Annerose Weilerstein gehört leider auch zu der Spezies von Kommentatoren, die a) sich überhaupt nicht auf das angesprochene Thema, ja nicht einmal auf das Themenfeld beziehen und b) dazu erstaunlich uninformiert in der Sache sind. Der Kommentar von Weilerstein steht für sich und sagt daher mehr über die Autorin aus als ihr lieb sein dürfte.

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