Medusen und Michelangelo – Rihms Requiem Strophen in der Musica Viva

Das Altern bringt wohl zwei Dinge mit sich: man denkt über das eigene Ende nach, was danach kommt oder nicht kommt. Und man sieht es vielleicht abgeklärter denn als junger Mensch. Der zweite Umstand, der einen beschäftigt: man kann die Konventionen der jüngeren Zeitgenossen hinter sich lassen. Beides vereinte Wolfgang in seinen „Requiem Strophen“, die gestern ihre Uraufführung im Rahmen der Musica-Viva-Reihe des Bayerischen Rundfunks erlebten. Wie bei der Premiere seiner „Reminiszenz“ zur Eröffnung der Elbphilharmonie war Rihm leider persönlich nicht anwesend. Dabei hätte er es so verdient gehabt, bei beiden Uraufführungen persönlich gefeiert zu werden! Von hier aus sei ihm das beste für seine Gesundheit gewünscht.

Statt in sein Gesicht sah man beim Schlussapplaus in das gealterte, papierne Antlitz des Dirigenten Mariss Jansons, das aber trotz der anstrengenden Aufführung gelöst wirkte. Hielt Hengelbrock im Januar in Hamburg zur Eröffnung der Elbphilharmonie die Partitur mit dem deutlichen Namenszug Rihms dem Publikum entgegen, ließ Jansons fast alle Orchestersolisten feiern. So ernst und manchmal hart dreinfahrend diese Requiem-Strophen waren, so heiter oder vielleicht sogar erlösend wirkten die beiden Sopranistinnen Anna Prohaska und Mojca Erdmann. In ihren unendlich vielen Duetten, die manchmal an Pergolesis Stabat mater oder viele Momente aus Kantaten, Messen und Oratorien Bachs erinnerten, weckten sie zuerst die etwas widersprüchliche Assoziation an zwei tänzelnde Wesen eines Schlangenbeschwörers, so wie sie sich in Terzen und irgendwie fröhlichen Kontrapunkt in „espressivo“-Höhen gegenseitig hochschraubten.

Eine eigenartige Todessehnsucht, so scheint es. Aber vielleicht eben auch ein ausforschender Blick, eine Lust, das Sujet „Lebensende“ von allen Seiten durchzuarbeiten. Oder die Ablenkung genau davon, in dem sich Rihm wirklich meisterlich mit der Linearität zweier fast gleichartiger Sopranistinnen befasste, sie mit und gegen Flöten und Oboen sowie Geigen antreten ließ. So erweiterte sich das Schlangenbeschwörerbild im romantischen Wogen zur Idee eines Medusenhauptes, dem Rihm aber in bester Stimmung das Bedrohliche nahm. Wenn es roh wurde, dann war das Aufgabe des präzise und engagiert aufspielenden BR-Sinfonieorchesters, mit all seinen besagten Soli. Stimme gab dem der Chor ganz im Stile der Requiem-Konvention im Dies irae. Seine besten Momente hatte der Chor des Bayerischen Rundfunks zu Beginn, wo die die Textsilben auflösende Vertonung mit großer Trommel sehr einfach, aber effektiv Eindruck machte. Libera me wurde öfters vertont, besonders intensiv mit dem hauchenden Chor und Pauken.

Auch wieder fast simpel, ganz in der Tradition der Requien des 19. Jahrhunderts. Rihm kümmert sich hier überhaupt nicht um Neue-Musik-Distanz. Oder um Tonsatz. Hinein in die Musik, heraus mit dem Werk. Und es funktioniert. Ohne Wenn und Aber oder besonderes Amen. „Was scheren mich Dein Musik&Kritik!“, für die vor dem Konzert Flyer verteilt wurden, möchte man Rihm da in den Mund legen. Natürlich nutzt er Orchestrationseffekte der Neuen Musik, vielleicht sogar nur auf dem Level von Hans Werner Henze, dessen Erbe er immer mehr anzutreten scheint. Doch er ist ganz bei sich, ganz anders als im jugendlichen Tutuguri. Aber Rihm bleibt Rihm.

Die Bezüge in die Musikhistorie sind ja bereits angedeutet worden, so hat der Orchesterbeginn vor dem eröffnendem Sopranduett was von Strawinskys Canticles, hört man Mollquintsextakkorde im Stile des Vorspiels zum dritten Tristanakt, wirkt die Schlussstrophe des Stücks mit „Ich gehe langsam aus der Zeit heraus…, als wär ich nie gewesen oder kaum“ wie eine Mixtur aus Mendelssohn-Choral mit einem Scardanelli-Chor Holligers. Doch wie das Kantige des expressionistischen Strawinsky auch das des Seriellen bei aller Fremdheit ist, so wirkt der strotzende und weiche Rihm hier, als hätte er sein Bratschenkonzert aus den späten Achtzigern einfach fortgesponnen.

Mein persönliches Highlight waren allerdings die Baritonsoli von Hanno Müller-Brachmann, vor allem in den Vertonungen der Michelangelo-Sonette. Da spinnt Rihm den mahlerschen Lied-von-der-Erde-Faden weiter. Und ist so ganz bei sich. Man möchte fast sagen: seit seinen Anfängen suchte Rihm immer wieder die Linie, fand oft nur den Kraftausbruch, die Neue Musik Attitüde. Jetzt liegt das alles hinter ihm. Er hat dabei nur Dinge aufgebaut, nicht zerstört. So könnte man den finalen Sahl-Text auch zu „Ich gehe langsam aus der Neuen Musik hinaus, in eine Zukunft jenseits aller Konventionen“ umdeuten. Und Gott sei Dank nicht als hinfortgehender Mensch, aber als Komponist ist er dort angekommen. Warum gehen ihm da immer noch so wenige hinterher?

Exemplarisch war das Weggehen aus den Zwängen der klassischen Serialität am Anfang des Konzerts mit „Gruß-Moment 2 in memoriam Pierre Boulez“ zu erleben, was auf eine ganz andere Art an das Herausgehen aus dem Technokratischen der Neuen Musik von Nonos Kurtag-Omaggio erinnert: statt Klarinetten Flöten und Doppelrohr, boulezartige dodekaphone Linien schmelzen zu Moll- und Durakkorden zusammen, Oktavfluten, wo das frühe Darmstadt „verboten“ gesagt hätte. Boulez wird auf das Wesentliche reduziert und in deutsche Postmoderne transformiert, vielleicht auch dadurch erst Recht in lebendiger Erinnerung gehalten, Kryonik und Wiederbelebung in einem.

Das Konzert wird am 31.3.17 um 20 Uhr nochmals im Münchner Herkulessaal wiederholt und im Hörfunk BR-Klassik gesendet sowie per Video live gestreamt.

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
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1 Reaktion

  1. 5. April 2017

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