Klassische Musik und Rechtsextremismus – und die „Jüdischen Freunde“

In letzter Zeit gab es zunehmend heftig geführte Diskussionen über Rechtspopulismus, AfD-Politik und den Umgang damit im Bereich der klassischen Musik. Einer der Streitpunkte entzündete sich dabei an der Frage, inwieweit es legitim oder angemessen ist, wenn ein Konzertveranstalter nicht oder nicht mehr mit einem Musiker zusammenarbeiten möchte, der durch seine Aktivitäten offen für die AfD und deren Positionen wirbt, etwa auf Blogs oder auf andere Weise.

Vom Grundsatz her finde ich solche Fragestellungen recht heikel und nicht leicht zu entscheiden, denn die Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht und die AfD ist keine verbotene Organisation; besonders schwierig, wenn es um unpolitisch anmutende klassische Musik geht.  Gleichzeitig scheint mir aber auf der Hand zu liegen, dass sich ein Konzertveranstalter sich in jedem Fall so oder so entscheiden kann, ohne sich im Fall einer Absage dem Vorwurf aussetzen zu müssen, man wolle abweichende politische Meinungen unterdrücken oder gar „verfolgen“. Wir leben in einer Demokratie und die ganze Gesellschaft erlebt derzeit – wie auch andere westliche Länder – eine Auseinandersetzung um solche Themenkreise; auch die klassische Musikwelt kann man davon nicht ausnehmen. Zu dieser Auseinandersetzung gehört aber unter Umständen auch die Entscheidung eines Veranstalters, ob man bestimmten Protagonisten oder Positionierungen ein Podium geben möchte oder eben nicht. Es ist einfach nicht realistisch zu behaupten, dass man eine politische Tätigkeit eines Künstlers ganz und gar von dessen Kunst trennen kann. Wenn ein Künstler sich bei der AfD engagiert, ist das schon ein Statement und die „Trennung“ von Wirkungskreis und Kunst ist unter Umständen auch gar nicht beabsichtigt. Lange Rede kurzer Sinn: ich finde es nachvollziehbar und begründbar, wenn sich ein Konzertveranstalter in solchen Fällen so oder so entscheidet und da muss er sich auch nicht rechtfertigen. Wer die Musik bestellt und bezahlt, bestimmt sie auch – so einfach ist das letztlich.

Dass solche Entscheidungen manchen nicht gefallen, liegt auf der Hand – und solches Missfallen wird, vornehm ausgedrückt, auch deutlich artikuliert. Zum Beispiel bei Facebook. Was ich dabei irritierend finde, ist die merkwürdige Regelmäßigkeit, mit der aufbrachte Menschen zum Beispiel plötzlich behaupten, dass sei „wie die Judenverfolgung im dritten Reich“. Was soll das? Was bedeutet das?

Viele Menschen scheinen jedenfalls überzeugt davon zu sein, dass solche Auseinandersetzungen im heutigen Deutschland (einem Land, in dem Juden ca. 0,24% der Bevölkerung stellen, weniger als die Gruppe der Buddhisten – link) irgendwie doch auf mehr oder weniger subtile Weise mit dem Judentum zu tun hat. Oft heißt es ja auch, man hätte „jüdische Freunde“ oder Partner, die die Sache – ganz gleich welche – ganz genauso sehen wie man selbst.  Doch wen und warum interessiert das, was irgendwelche jüdischen Freunde ggf. denken?

Ich selbst bin Mitglied der jüdischen Gemeinde zu Berlin und habe mich in mäßigem Umfang auch schon politisch engagiert, daher klingeln einige der Diskussionen recht vertraut in meinem Ohr. Ich fühle mich, by the way,  recht eng mit Israel verbunden und bin auch regelmäßig dort. Ich versuche im Folgenden eine subjektive Antwort auf die Frage, was der ganze Trouble mit den Juden zu tun haben könnte. Eigentlich weiß ich es nicht und die Sache ist auch unheimlich, ich möchte nur einige Aspekte herausgreifen, die mir dazu später/inzwischen früher Stunde einfallen. Die Instrumentalisierung von Juden im Guten wie im Schlechten ist übrigens keineswegs eine Spezialität der „Rechten“, im Gegenteil. Wenn ich im Folgenden einige Aspekte selbst eine Spur vereinfache um zu zeigen was ich meine, sei mir das bitte verziehen.

Prinzip 1: Koscher-Stempel

Die jüdische Welt ist zwar klein, aber beheimatet in dieser Kleinheit im Prinzip alle Richtungen, Extreme und Meinungen wie sie im Rest der Welt auch anzutreffen sind. Ich bin übrigens der Meinung, dass die vitale Faszination, die von Israel ausgeht vor allem auch dadurch begründet ist; es gibt in Israel so viele krasse Gegensätze auf kleinstem Raum, das macht für mich auch diese besondere Energie aus. Für jede Meinung, die man zu irgendeinem Thema vertreten will, findet man wahrscheinlich irgend einen Juden, der so etwas ähnliches sagt. Ich meine damit wirklich jede Meinung inklusive Verschwörungstheorien oder Antisemitismus. Radikale Muslime oder Extremisten von Links wie Rechts suchen sich gern jüdische Kronzeugen um ihren Ansichten sozusagen einen Koscher-Stempel zu verpassen. Wenn es Juden gibt, die sowas auch sagen, kann diese Meinung ja nicht so schlimm oder falsch sein, man erhofft sich gesellschaftliche Akzeptanz daraus. Dass Juden mit solchen unter Umständen randständigen Ansichten eine radikale Minderheiten-Meinung innerhalb der jüdischen Gesellschaft vertreten (oder falsch zitiert wurden), scheint unwichtig.

Die jüdische Welt zeichnet sich im Großen und Ganzen übrigens durch vergleichsweise demokratische Gepflogenheiten aus, die Diskussionskultur wird traditionell gepflegt. Die Mehrheit der Juden denkt auch nicht radikal oder extremistisch – genauso wie die Mehrheit der Menschen in den meisten anderen demokratischen Gesellschaften das nicht tun.

Prinzip 2: Vergangenheit, Opfer-Status

Die jüdische Geschichte ist geprägt von Pogromen, Verfolgung und eine der schlimmsten Menschheits-Katastrophen überhaupt, dem Holocaust, der nicht allzu weit zurückliegt. Der Antisemitismus ist historisch tief in der Europäischen Kultur verankert, die Hartnäckigkeit dieses Phänomens hat etwas Unheimliches und Unerklärliches. Die modernen westlichen Gesellschaften haben heute gelernt, die Rechte von Minderheiten zu akzeptieren und zu schützen. Wenn jemand zum Opfer von Diskriminierung (zum Beispiel aufgrund von Rassismus, Sexismus, usw.) wird, wird er oder sie häufig gehört und kann seine Rechte geltend machen. Eine merkwürdige Erscheinung, die daraus heute aber gelegentlich folgt, ist aber, dass geradezu eine Art Wettbewerb entsteht, sich selbst als Opfer darzustellen, um sich damit selbst Gehör oder seinem Anliegen Legitimität zu verschaffen. Viele wollen heute plötzlich Opfer sein, denn als Opfer hat man immer recht. Problematisch finde ich in dem Zusammenhang übrigens auch, wenn es heißt, die Muslime seien „die neuen Juden“. Sicherlich gibt es unbegründeten und unfairen Hass auf Muslime in der Diaspora, der bekämpft werden muss. Es gibt aber in dem Sinne keine muslimische Verfolgungsgeschichte; dort wo der Islam herrscht, war und ist er Staatsreligion und selbst eher ein Akteur im Weltgeschehen.

Um zum Kontext zurückzukommen: Als besonders infam empfinde ich es, wenn nun rechtspopulistische Politiker behaupten, sie würden entrechtet wie es Juden oder auch politisch Verfolgten in der NS-Zeit widerfahren ist. Hier geht es im Grunde um eine Retourkutsche und das geflügelte Wort „wehret den Anfängen“ wird in äußerst unsympathischer Weise missbraucht. AfD-Politiker versteigen sich zum Beispiel auch zu der Behauptung, dass die Geschwister Scholl sich heute in der AfD engagieren würden. Zum erschlichenen Opfer-Status kommt auch noch der Aspekt der „Entlastungs-Funktion“, ein besonderes Thema in Deutschland. Das Unterdrücken einer Minderheit hat häufig damit angefangen, dass die Mehrheit zum angeblichen Opfer irgendeiner Minderheit deklariert wurde.

Prinzip 3: Israel, überlebensgroß

Vor kurzem kam im WDR – Fernsehen eine Reportage über Gert Wilders. Den Autoren geht es unter anderem darum, den Werdegang des niederländischen Rechtspopulisten kritisch zu begleiten. Erstmal eine gute und richtige Sache, dachte ich. Dann, ca. ab Minute 30, ging es plötzlich um die Verbindungen von Wilders zum Judentum. Es wird berichtet, dass Wilders als junger Mensch eine Zeitlang in einem Moschaw in Israel lebte. Es ist die Rede von potenten jüdischen Sponsoren aus den USA, rechtsradikalen „Zionisten“ und der jüdischen Frau von Wilders. Es wirkt plötzlich so, als sei Wilders quasi ein von einer obskuren Größe namens „internationaler Zionismus“ gestützter Handlanger Israels. Das wird auch nicht weiter erklärt oder vertieft, es bleibt einfach so stehen. Es wird nicht berichtet, wo Wilders sonst so seine Jugend verbrachte und wer ihn außer den rechten Juden noch unterstützt. Will Israel am Ende gar die Niederlande besetzen?

Das ist ein typisches Beispiel, wie Israel und Judentum negativ dargestellt wird und alte antisemitische Muster bedient werden, hier in einem öffentlich-rechtlichen Sender. Leider passiert das immer wieder. Auf der anderen Seite wird Israel neuerdings international stark von den neuen Rechtspopulisten vereinnahmt. Aber, selbst wenn Wilders von Israel beeinflusst sein sollte: Israel tickt komplett anders. Es ist ein sehr kleines Land, eine Demokratie in einer ausgesprochen schwierigen Umgebung, der man sich erwehren muss. Es gibt langjährige ungelöste, unangenehme Territorialkonflikte, aber nicht unbedingt einen Konflikt mit den „Muslimen“. Aber genau dafür lieben die Europäischen Rechten Israel zum Teil oder glauben das zumindest; sie denken, Israel sei ein Partner im Kampf gegen den Islam. Nur sind die Probleme im nahen Osten tatsächlich wohl ganz anders, viel kleinteiliger und sehr viel komplizierter. In dem oben zitierten Film wird ein Israelischer Gesprächspartner zitiert, der der Meinung ist, „die Muslime“ seien das Problem. Eine eher schlichte Wahrheit, die natürlich bei manchen hier gut ankommt, wobei unklar ist, welche Muslime der Herr meinte, die in den besetzten Gebieten oder die im Kernland? Jeder, der Israel kennt und mal durch Jaffo oder die Altstadt von Akko geschlendert ist, weiß, dass Juden und Muslime im Israelischen Kernland weitgehend problemlos zusammenleben. Die Araber haben volle Rechte, arbeiten auch als Richter, Ärzte oder Militärs. 20% der Israelis sind Muslime. Das ewige Problem „der Palästinenser“ bezieht sich auf Gaza und die Westbank und dem langjährigen, unklaren Schwebezustand, was die  Staatlichkeit dieser Gebiete angeht. Es geht nicht um den „Islam“. Allerdings machen die zahlreichen islamischen Diktaturen weltweit systematisch aus Israel seit Jahrzehnten genau diesen Popanz. Die UN traktiert Israel ununterbrochen mit absurden Resolutionen, während Diktatoren im Rest der Welt weitgehend sanktionsfrei morden dürfen.

Es geht also verschiedenen interessierten Kreisen eben genau darum, den Israel-Palästina-Konflikt zu einem Konflikt des Westens mit dem Islam zu machen. Das wollten die Mullahs auf der einen Seite schon immer, aber das wollen neuerdings auch die europäischen Rechtspopulisten.

By the way: Netanyahu mit seiner Regierung „ist“ nicht Israel, sondern eine Regierung, die demnächst auch wieder abgewählt werden kann. Die Menschen in Israel wollen letztlich „ihre Ruhe haben“ und glauben daran, dass dies eine „rechte Regierung“ derzeit am besten bewerkstelligen kann. Man kann die Verhältnisse in Israel, einem wie gesagt winzigen, in extrem exponierter Lage liegenden Land, einfach nicht mit dem Rest der Welt vergleichen und schon gar nicht als Referenz sehen. Auch der starke Zusammenhalt der jüdischen Gesellschaft, den manche „Rechte“ heute bewundern und als Nationalismus missverstehen (Juden sind bei diesem Missverständnis eingeschlossen), ist nicht übertragbar auf große, traditionell-festgefügte Flächenstaaten in anderen Teilen der Welt.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass viele „Rechte“ in Europa und den USA Israel heute als nationalistisch-identitären Bündnispartner gegen den Islam verstehen – und falsch verstehen. Auch der Begriff des „Zionismus“, fast immer falsch benutzt und meist verteufelt, hat nicht diesen Inhalt. Beim Zionismus geht es einfach nur darum, dass Israel als jüdisch geprägter Staat bestehen soll, irgendwelche geheimnisvollen Internationalen Interessen und Herrschaftsgelüste sind Mumpitz und antisemitische Projektion. Der Zionismus war klassischer Weise eher linksliberal-sozialdemokratisch und auf Verständigung mit den Arabern ausgerichtet. Heute hat der Begriff eher einen etwas rechten Hautgout, aber auch das zu Unrecht, wie ich meine.

In den USA gibt es im Moment die etwas komplizierte Situation, dass etliche Synagogen und jüdische Kreise sich gegen Trump engagieren, unter dem der Antisemitismus in kurzer Zeit ja leider stark zugenommen hat. Die meisten amerikanischen Juden sind politisch „liberal“ und sowieso eher Anhänger der Demokraten. Nun werden aber die aktuellen Anti-Trump-Demos inzwischen von Leuten angeführt, die von einem ausgesprochenen Israel- und sogar Judenhass geprägt sind. Davon sind viele Links-Aktivisten besessen, gerade auch aus dem muslimischen Bereich. So versteigt sich Linda Sarsour, schillernde Aktivistin gegen Trump zu der Behauptung, Zionismus und Feminismus seien nicht vereinbar. Das ist schon etwas skurril einem Land gegenüber, indem die Frauen in der Armee kämpfen und im Unterschied zu islamischen Ländern vollkommen gleichberechtigt sind.

Gleichzeitig – und das macht die Lage noch verworrener – sucht Netanyahu den Schulterschluss mit Trump und letzterer stellt sich als besonders großer Israelfreund dar. Die komplexe Folge ist wohl, dass Israels ohnehin viel zu wenig verbreitete Erzählung von einer pluralistischen Gesellschaft mit irgendwann zu lösenden Lokal-Problemen in den Hintergrund treten könnte und statt dessen die Mär von Israel als unheimlichem Nabel der Welt neue Anhänger findet. Doch alle liegen sie falsch, die Linken und die Rechten. Israel ist ein winziges Land und in keinster Weise Nabel der Welt. Und viele Juden hier wie dort wissen gar nicht mehr, wo sie in dem Ganzen Wirrwarr überhaupt noch stehen sollen. Wenn sich Gesellschaften spalten und Gruppierungen aufeinander losgehen, gehen irgendwann am Ende alle gemeinsam auf die Juden los, so die historische Erfahrung schon aus dem osteuropäischen Stetl. Und die Endkampf-Erlösungsfantasien, die manche aus der rechts-fundamentalistischen Christenfraktion mit manchem Islamist verbindet und auch von manchem sonstigem neuheroischen Denker geteilt wird, braucht die Welt schon gar nicht.

Ich finde, dass man die jetzige Situation mit „allgemeiner Verwirrung“ beschreiben kann. Ein besonderes Symbol dafür scheint mir die Verdrehtheit, die in der Sichtweise auf das Judentum liegt. Wenn alles drunter und drüber geht, entsteht eine Sehsucht nach dem, was die Sichtweise „einfach-polar“ werden lässt. Aus irgendwelchen merkwürdigen Gründen ist das Judentum in der Geschichte quasi durchgängig so ein „Pol“ gewesen, fast immer in extrem negativ-hasserfüllter Sicht; für die Nazis war der entscheidende Antrieb die Wahnidee vom „Weltjudentum“. Radikale Islamisten haben heute in der Beziehung oft ein vergleichbares Weltbild, aber auch verschiedene Linke sind nicht ganz frei  von einer merkwürdigen Juden- und Israelobsession. All diese Dinge sind aber so falsch, dass auch das Gegenteil nicht richtig ist – und so taugt das Judentum und Israel auch nicht als angeblich positive Blaupause für neue autoritär-nationalistische Bewegungen. Diesen Koscher-Stempel hat auch die AfD sicher nicht verdient.

Die polare gut-böse-Welt ist eine Erlösungsphantasie und Wahnidee, wenn auch eine sehr alte. Wenn die Welt schon polar ist, dann ist sie multipolar, widersprüchlich und verdreht. Der Vorgang zuspitzender Vereinfachung, der in letzter Konsequenz eine Entscheidung zwischen „denen“ und „uns“ erzwingen will, ist zwar irgendwo ein uralter sinnstiftender Mythos, aber in der realen Welt eine absolute lose-lose Situation.

All das schwingt irgendwie subtil mit, und da kommt man nach dem vierten Bier hin, wenn es  irgendwie alles wieder mit den Juden zu tun hat. Probieren Sie es! L’Chaim.

Foto: Katharina Kreye
Max Doehlemann
Komponist, Pianist |

… studierte Komposition, Klavier und Orchesterdirigieren an den Musikhochschulen München und Berlin (Hanns Eisler). Er lebt in Berlin und ist tätig als Komponist, (Jazz-)Pianist, Musik-Gutachter und inzwischen auch als Buch-Autor.
[Foto: © Katharina Kreye]

1 Reaktion

  1. Nachtrag, was die Kritik an der WDR-Doku angeht, die hier auch vorkommt: Jetzt hat der WDR offenbar nachträglich die in der Mediathek stehende Version in Teilen verändert/umgeschnitten, mit der Begründung man „wolle keinen missverständlichen Eindruck hinterlassen“. Den Vorwurf, antisemitische Ressentiments zu schüren, weist der WDR aber „nachdrücklich zurück“. Max Doehlemann

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