Der Herr Publikumsgeschmack (ein Interview)

Jedes Mal wenn man Kritik an Konzert- bzw. Opernprogrammen übt, kommt immer wieder das selbe Argument: Das Publikum will es ja so. Nicht der Plumpsack sondern das Publikum geht also im Kreis herum, im Kreis herum, und alles soll möglichst so bleiben, wie es ist.

Wir leben in einer Zeit, in der das „Publikum“ auf statistische Weise ausgelesen wird wie niemals zuvor. Das macht nach knallharten Profitdenken durchaus Sinn – will ich mit einem Produkt Gewinn machen, muss ich sicher stellen, dass möglichst viele Leute das kaufen. Das ist eine einfache Rechnung. Deswegen analysieren Facebook, Google und Konsorten unsere Vorlieben um perfekt auf uns zugeschnittene Anzeigen und Angebote zu generieren.

Aber muss dieses Auslesen der „Quote“ oder der maximalen Befriedigung eines „Durchschnittsgeschmacks“ wirklich sklavisch auf absolut jeden Bereich unseres Lebens angewendet werden? Suchen wir unsere Freunde danach aus, wie oft sie auf ein verschissenes Facebook-Profil klicken? Stellen wir über unsere Kinder detaillierte Kosten/Nutzungsrechte aus? Lieben wir das am meisten, was möglichst viele andere Menschen auch lieben?

Wie wunderbar es ist, wenn Kunst nach Quote entsteht zeigt uns unser heutiges Fernsehprogramm aus abgefuckten Castingshows, stupiden Schein-Reality-Formaten und dumpfbackigem Entertainment nach Schema F. Und wie wunderbar es ist, wenn man immer und ständig Angst davor hat, dass Abonnenten kündigen, spielt man eben die selben 3 Opern (oder Operetten. Oder Musicals) immer wieder, bis zum jüngsten Gericht.

Was will also dieser ominöse Publikumsgeschmack? Das wäre zu erfragen…

Der Herr Publikumsgeschmack (ein Interview)

Ich dachte nicht, dass er kommen würde. Viele hatten schon versucht, ihn zu treffen, aber er macht sich bekanntlich rar. Doch nun öffnet sich die Tür des Starbuck Cafés, in dem wir uns verabredet hatten. Herein kommt ein mittelschlanker, ca.40-jähriger, etwas androgyner Herr mit einem Gesicht, das man sofort wieder vergessen könnte, wenn es nicht auf so unheimliche Weise….normal wäre. Er setzt sich in einer fließenden Bewegung, geräuschlos.

ICH …äh, schön, dass Sie gekommen sind. Ich hätte nicht erwartet, dass Sie…

DER HERR PUBLIKUMSGESCHMACK Das ist es ja, niemand erwartet, dass ich je komme. Deswegen macht es mir Spaß, die Leute zu überraschen. Das ist wie in diesem Sketch von Monty Python, „niemand erwartet die spanische…!“

ICH Kenne ich.

DHP Ach so. Was wollen Sie von mir wissen?

ICH Zuerst einmal: was Sie trinken wollen.

DHP Einen ganz normalen Kaffee mit normal viel Milch und normal viel Zucker.

ICH lachend. Das überrascht mich jetzt nicht – 60 von 100 Amerikanern trinken Kaffee mit ein bisschen Milch und ein bisschen Zucker. Ohne Extras.

Der Herr Publikumsgeschmack wirkt unbeindruckt, fast desinteressiert. Ich hole seinen Kaffee.

ICH Nun, viele machen sich verzweifelt Gedanken darüber, wie Sie ticken. Wie ticken Sie also?

DHP Ich ticke gar nicht. Ich konsumiere. Mein Lebenszweck ist es, zu verbrauchen – Das ist mein Fulltime Job.

ICH Wie sieht das aus?

DHP Nun, zuerst einmal klicke ich mich ohne Sinn und Verstand durch’s Internet. Und zwar immer da drauf, wo Brüste oder Autos zu sehen sind. Am besten beides. Je greller und primitiver, desto besser. Wenn dann eine Schlagzeile mich wirklich anmacht, lese ich dann auch mal einen Text, aber der Artikel darf nicht länger als 600-800 Zeichen sein.

ICH Das ist die von Word Press empfohlene Länge eines Blog-Artikels.

DHP Genau, und wenn es nur ein Zeichen länger ist, schlafe ich sofort ein oder klicke auf einen neuen Busen. Für mich ist es wichtig, dass Texte absolut genormt sind. Nicht zu viele Adjektive, kurze Sätze, kein Konjunktiv. Ansonsten will ich das nicht lesen.

ICH Ich verstehe. Nun wissen Sie ja, was mich besonders interessiert…

DHP Das glaube ich nicht. Ich interessiere mich nämlich für alles und nichts. Oder umgekehrt. Nichts interessiert mich wirklich, aber alles kann potentiell für mich interessant sein. Ich mache jeden Trend sofort nach und vergesse ihn sofort wieder. Ich trage die Mode, die alle tragen. Ich habe nicht den Ehrgeiz, anders zu sein. Ich will sein wie alle. Ich habe durchschnittliche Leidenschaften und durchschnittliche Geheimnisse. Zum Beispiel gehe ich gerne auf….

ICH Geschenkt. Für einen durchschnittlichen Menschen sind sie ganz schön redselig.

DHP Ich rede immer nur dann, wenn Sie eine Pause machen. Solange Sie reden, schweige ich, ohne Ihnen aber zuzuhören, außer Sie sagen genau das, was ich von Ihnen erwarte.

ICH Was Sie von mir erwarten?

DHP Exakt, ich will auf keinen Fall überrascht werden.

ICH Äh…gut, dann zurück zum Thema. Was bedeutet Ihnen klassische Musik?

DHP Absolut gar nichts. Ich weiß nicht, was das ist, habe nichts darüber in der Schule gelernt. Früher habe ich Joe Cocker und Tina Turner gehört, und zwar ausschließlich. Manchmal auch Phil Collins. Kennt man den noch?

ICH Es geht.

DHP Schade, den mochte ich besonders. Der war einfach ein ganz normaler Typ. Alles was der machte, war…aber….äh….verliert den Faden ….verzeihen Sie manchmal kann ich mich nur schwer konzentrieren. Man hat bei mir ein schweres ADHS-Syndrom diagnostiziert, das permanent besteht.

ICH Aber das haben doch nur ca. 5% der Bevölkerung….

DHP Ich habe ja auch gesagt diagnostiziert. Aber wenn man es sagt, wird es wohl stimmen.

ICH Kennen Sie klassische Musik?

DHP Wie gesagt, mir ist das zu langweilig. Außer ich kenne die Stücke schon. Dann finde ich es zwar auch langweilig, aber irgendwie beruhigend. Man sollte auf jeden Fall nur die Stücke spielen, die ich schon tausend Mal gehört habe, ansonsten ist es zu aufregend für mich.

ICH Waren sie schon einmal in einem Konzert mit Neuer Musik?

DHP Ich weiß nicht, was Neue Musik ist. Und wenn ich es wüsste, würde ich schreiend davon rennen. Ich würde sofort mein Abo kündigen.

ICH Ich dachte sie gehen nicht….

DHP Egal. Sie verstehen was ich meine. Ich würde mein Abo kündigen. Wenn ich eines hätte.

ICH Welche klassische Musik kennen Sie?

DHP Ich kenne die Violinsonaten von David Garrett. Ein großer Meister.

ICH Warum?

DHP Weil alle sagen, dass der ganz toll spielen kann. Und wenn alle das sagen, dann muss das auf jeden Fall stimmen, denn was alle sagen, ist immer relevant, es ist immer richtig. Es müssen nur möglichst viele Menschen sagen.

ICH Was kennen Sie denn noch?

DHP Den Busen von Anna Netrebko. Ich liebe ihn, weil er auf so vielen Plattencovern zu sehen ist. Die Sängerin die dranhängt ist auch nicht so schlecht. Sagen zumindest alle.

ICH Erzählen Sie mehr darüber!

DHP Bei Plattencovern, da kenne ich mich aus. Es muss hölle gephotoshoppt sein, sonst schaue ich das gar nicht an. Erst wenn die Gesichter aussehen wie weiße Pfannkuchen, bemerke ich es überhaupt erst. Die Lippen müssen rot geschminkt sein, egal ob Mann oder Frau. Und hübsch müssen sie sein, sonst kaufe ich das nicht. Wenn ich mit der Person auf dem Cover nicht sofort Sex haben möchte, funktioniert das mit der klassischen Musik nicht für mich.

ICH Was interessiert Sie noch?

DHP Interessante Geschichten. Die Musik allein ist ja auf jeden Fall zu langweilig. Wie heißt diese Französin, die immer mit den Wölfen heult? Oder bumst, was ich noch geiler fände….?

ICH Héléne Grimaud.

DHP Genau, die. Sie erzählt einem alles aus ihrem Privatleben, das gefällt mir. Ich will alles wissen, jedes Detail, Hauptsache es ist irgendwie versaut, geil oder hat irgendwie mit Sex zu tun. Jedesmal wenn Garrett seine Alte durchprügelt, kaufe ich seine neue CD – Ich habe schon hunderte im Schrank. Oder wie heißt dieser Österreicher, der mit seiner Sexsklavin? Das ist doch einfach saugeil. Die Musik sagt mir nichts, aber das ist so mutig und wichtig, was der macht…

ICH Lassen wir dieses Thema lieber….

DHP Wie gesagt, wenn über etwas geredet wird, kenne ich es, ansonsten will ich es nicht kennenlernen. Wenn es viele betroffen macht, dann macht es auch mich betroffen. Und dann finde ich es toll, wenn ich auch betroffen bin. Denn ansonsten habe ich nicht so viele Emotionen. Eigentlich gar keine. Erst wenn andere darüber reden, kann ich etwas fühlen. Von selber fühle ich nichts. Andere müssen mir zeigen, was sie fühlen. Deswegen finde ich auch Lang Lang gut. Den Namen kann man sich gut merken, und der zeigt mir immer, wie ich die Stelle empfinden soll, die er spielt. Ansonsten wüsste ich nämlich nicht, wie die gemeint ist. Ich will nichts selber entdecken, das ist mir zu aufregend. Ich habe einen nervösen Magen.

ICH Ach…

DHP Und hunderte kleine Allergien. Das ist heute absolut durchschnittlich. Ich mache diesen Trend einfach mit.

ICH Was fällt Ihnen noch zum Thema Klassische Musik ein?

DHP Thomas Gottschalk. Der weiß auf jeden Fall nicht mehr als jeder andere und er stellt auch genau dieselben dämlichen Fragen wie jeder andere. Das finde ich richtig toll an dem.

ICH Sie meinen wie bei der ECHO-Verleihung?

DHP Genau. Mir gefällt das exakt so gut. So will ich es haben. Klassische Musik auf jedem Fall in kleinen Häppchen, mit kurzen Höschen und geilen Schnepfen und Typen, die hektisch auf und ab springen und möglichst schnell spielen, unterbrochen von dämlichen, vollkommen banalen Moderationen. Nur so halte ich diese Scheißmusik aus, als komplettem Trash für sabbernde idioten. Oder wenn Daniel Hope mir das erklärt. Am besten mit einer netten Anekdote.

ICH Aber Sie sabbern doch gar nicht…

DHP beginnt dämlich zu glotzen und zu sabbern

ICH Äh, geht es Ihnen gut?

DHP Reingelegt! Haha! beginnt plötzlich lauthals zu weinen

ICH Was ist denn jetzt los?

DHP Alle, alle wissen immer ganz genau….buhuuu….was ich will…..alle wollen es mir immer (schluchzt) Recht machen. Ich halte es fucking verdammt nochmal nicht mehr aus!!!! Gar nichts wisst ihr, ihr Schweine, gar nichts!!! Ihr wisst nicht was ich wirklich will! Und ihr werdet es nie erfahren!

ICH Ich verstehe nicht….Sie sagten doch eben, dass….

DHP HALTEN SIE DIE KLAPPE!!!!!

ICH schockiert

DHP Sehen Sie, jetzt bin ich der Bestimmer! Jetzt sage ich Ihnen, wo es lang geht! Zuerst einmal: Dieser ganze Klassikzirkus – das nervt mich so dermaßen. Ich kann diese Altersheim-Demenzkonzerte. nicht mehr sehen, diese ganzen Fratzen. Warum machen junge Menschen sowas mit? Ich LIEBE das Ungewöhnliche. Ich LIEBE Überraschungen. Ich will endlich, endlich, endlich Mal wieder von etwas überrascht werden. Ich will wieder lachen, wieder weinen, verzweifelt sein, mir die Haare raufen. Ich will Gras unter meinen Füßen spüren. Ich will in schrillen Klängen baden. Ich will mein eigenes Ding. Ich will nichts Vorgefertigtes mehr bekommen. Ich will hinauslaufen, in die Wildnis, Erfahrungen machen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, dann gibt es doch jemanden wie mich überhaupt nicht. Ich bin doch ein Ungeheuer, eine Unmöglichkeit, ein Phantom, ein….verschwindet

ICH äh, Herr Publikumsgeschmack? Herr Publikumsgeschmack? Wo sind Sie?

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Mein Gegenüber hat sich in Luft aufgelöst. Nicht die geringste Spur von ihm ist zurückgeblieben. Vielleicht hat es ihn nie gegeben. Vielleicht hat diese Begegnung nie stattgefunden.

Verwirrt nehme ich meine Sachen, stehe auf und gehe.

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

1 Reaktion

  1. Was für ein wunderbar durchkomponierter Text. Welch köstliche Unterhaltung im doppelten Sinne. Wie habe ich gelacht.

    Besser geht nicht, nur anders!

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