Furtwängler, der malende Elefant

Es gibt wirklich schlimme Dinge: Elefanten schlagen, damit sie Bilder malen. Oder Wilhelm Furtwänglers Symphonie D-Dur anzuhören. Denn der erste Satz Allegro aus dem Jahr 1902-03 tut so, als hätte Bruckner mal gelebt, tutet aber auch, als würde ein malender Elefant komponieren. Der einzige Unterschied: das Tier wird geschlagen, um zu malen. Der junge Musiker schlägt sich die Zeit um die Ohren wie der Elefant seinen Pinsel, macht es aber freiwillig. Das Tier weiß nicht, was Kunst ist, Wilhelm weiß es und hält sein Stück für solche. Während der Dickhäuter nicht anders kann, reiht Furtwängler aufsteigende Phrase an absteigende Phrase, versucht sich an Brucknerschen ausholenden Anläufen und produziert doch nur Leerläufe.

Der Wänglerfant beim Symphonie malen

Besonders verrückt: die das Stück ausgrabenden Musiker dachten sich vielleicht, was musikwissenschaftlich Bedeutendes zu vollbringen. Kann man mit dem Elefanten Mitleid haben, kann man an solch verquer denkenden Musikern nur verzweifeln. Es gibt hier im Blog immer wieder Kommentatoren, für die Neue Musik mit dem Rüssel geschriebenes Zeugs ist. Folgt dann ein Stück traditioneller Machart wie dieses Furtwänglerfragment tonalen Formschemata, würden sie es vielleicht immer noch besser finden als Meisterwerke der Neuen Musik.

Doch sie übersehen eines: der Umgang mit Zeitgestaltung ist keine Frage alter Formen gegen neue Freiheit. Er resultiert aus dem richtigen Zeitgefühl, das jeder Komponierende, der es ernst meint, eben entwickelt, vollkommen unabhängig von der Stilistik. Das richtige Zeitgefühl mag sich Furtwängler als Dirigent erst erarbeitet haben und schrieb dann später sogar ein passables Klavierkonzert, was er wohl an Rachmaninows Klavierkonzerte einübte.

Die Selbstprügel die er sich dafür zugfügte, mag man nicht einmal einem im Opfer sich verbeissenden Kampfhund zumuten. Wer mit der Gabe des richtigen Zeitgefühls geboren wurde, kann also gar nicht ermessen, was es für die Kollegen bedeutet, die nicht diese Gabe teilen, sich das anzueignen, selbst einzudreschen. Schwierig wird es tatsächlich in der Neuen Musik, wenn Methoden und Theorien den Weg dahin erleichtern bzw. zum Selbstzweck werden. Darum mag das mancher von Grund auf musikantisch begabte Komponist gar nicht mitmachen. Aber es ist immer wieder lustig, wie der theoretisch Aufgeblasene wichtiger genommen wird als der oder die, der oder die einfach Musik machen kann. Dennoch macht es Spass, sich mit den Methoden und Theorien der Elefantoiden auseinanderzusetzen und manchmal den Stift mit dem Pinsel zu vertauschen.

Wäre der Neue Musik Betrieb ein richtiger Dauerkarneval, wäre das ein Jux und eine Dollerei. Leider tut dieser Faschingsbetrieb aber so, als sei er eine Friedhofsverwaltung. Dann doch lieber so unbeholfen wie Furtwängler weitermachen? Nein, lasst uns uns gegenseitig mit Farbe bespritzen, aber nie behaupten, der andere sei gehirnamputiert. Der eine kann eben nicht so wie der andere. Wichtig ist nur leben und leben lassen. Und Spass ohne Ende und Prügel haben.

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
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