Arktis an Ludovico Einaudi

 

Arktis an Ludovico Einaudi

Lieber Ludovico Einaudi,

Dass die Erderwärmung irgendwie ein Problem ist, wissen wir mehr als jeder andere. Während ihr Menschen Treibhausgase und Milliarden Menschenpupse in den Himmel schickt, müssen wir hier an der Arktis leiden, denn uns glühen hier die Eisbergspitzen, dass es (runter)kracht.

Es überrascht also nicht, dass wir das ziemlich Scheiße finden. Aber mindestens genauso Scheiße wie die globale Erderwärmung ist die globale Erdverdummung, denn wegen der haben wir ja die ganzen Probleme. Nun hat Greenpeace Dich, lieber Ludovico, in den nicht mehr genug kalten Norden geschickt, um auf unsere schmelzenden Eisberge hinzuweisen. Auf eine Eisscholle hat man Dich gesetzt, mit einem Flügel, wahrscheinlich nicht unweit Deines 5-Sterne-Hotels und begleitet von vermutlich 20 Kamerateams. Majestätisch driftest Du an unserer arktischen Kulisse vorbei und spielst ergriffen und leidvoll blickend Deine anderthalb gebrochenen Akkorde, wobei Du jedes Mal ganz traurig schaust, wenn es mal irgendwo hin modulieren könnte, aber nein, tut es natürlich nicht. Aber natürlich spielst Du nicht wirklich, sondern mimst das nur, denn seltsamerweise klingt Dein Klavier wie im Tonstudio aufgenommen.

Immer wieder schaust Du Dich um, und siehe da, jedes Mal wenn Dein abgefucktes Klaviergenudel wieder einmal den „point of total shame“ (auch als der sogenannte „Clayderman-Point“ bekannt) nicht nur erreicht sondern mit Karacho daran vorbeisaust in eine Phantomzone der totalen geistigen Entleerung, die noch nicht einmal von Krypton erreichbar wäre, jedes Mal also, wenn Du wieder einmal beweist, dass man selbst mit zynischstem Musikschrott noch irgendeinen Menschen dazu bringen kann, in ein angeblich „klassisches“ Konzert zu gehen…bricht einem von uns einer ab. Vielmehr: theatralisch rutscht ein Teil eines Eisbergs ins Wasser, was Dich dazu veranlasst, auf neudeutsch „betroffen“ zu schauen. Und natürlich weiterzuspielen.

Nun ist es hier sicherlich viel zu warm bei uns, keine Frage. Aber hast Du, Mister Gutmensch-Weltrettungsmissionar Ludovico Einaudi vielleicht einmal darüber nachgedacht, warum in Lawinengebieten Schilder angebracht sind, die zu absoluter Ruhe mahnen? Warum wohl? Weil man in Gebieten in denen es Eis und Schnee gibt sehr wohl weiß, dass es ziemlich idiotisch ist, mit großen Lautsprechern stupide Kackmusik in den Äther zu schicken. Und dies geschah hier sicherlich, damit Du dazu auf einer Eisscholle im Playback dazu herumkaspern konntest (wer uns nicht glaubt, checke bitte Sekunde 26 des Videos: Einaudi spielt einen tiefen Akkord in der linken Hand, es erklingt aber ein Akkord in der Mittellage).

Schallwellen plus Eis = potentielle Zerstörung. Und deswegen hat nicht die Erderwärmung sondern Du das ausgelöst, vor dem Du mahnst.  Mit anderen Worten: wärst Du da nicht dämlich vor den Eisbergen herumgeschippert, um die „nördlichste Klavierperformance in der Geschichte der Musik“ zu präsentieren, wäre auch keiner unserer Eisberge „abgegangen“. Wobei ansonsten „Abgehen“ ja bei Deiner Musik vollkommen unmöglich ist, eher ist es so eine mäandernde Entsetzensstarre, die sich beim Hörer breit macht.

Dies sagen wir Dir nur, damit Du jetzt nicht etwa auf die Idee kommst, die „südlichste Klavierperformance in der Geschichte der Musik“ anzustreben und unsere Brüder von der Antarktis zu nerven. Die fänden das nämlich genauso wenig gut wie wir.

Der Begriff „musikalische Umweltverschmutzung“ ist ja nun arg strapaziert, aber in Deinem Fall trifft es eigentlich ziemlich genau zu. Einaudi, please go home, geh zu Deiner Villa in die Toskana zurück, trink lieber einen guten Brunello di Montalcino, aber bitte verschone uns in Zukunft mit Deiner Fahrstuhlmusik. Die hören wir eh schon oft genug, z.B. in Fahrstühlen.

Ach, diese Musik ist auch von Dir?

Dann ist die Welt ohnehin schon verloren…

Deine

Arktis

PS: Wie wir vom Bad Blog gerade erfuhren, ist nun auch Lera Auerbach in der Arktis unterwegs, diesmal für National Geographic. Sollen wir Angst bekommen?

Da heutzutage sowohl Ironie als auch Satire oft nicht als solche erkannt wird, möchten wir darauf hinweisen, dass es sich bei dem vorangegangenen Artikel, tatsächlich um solche handelt. Um was genau von beiden verraten wir aber nicht, sonst wäre es ja langweilig. Die Motivation dieses Artikels ist weder Frust noch Hass noch Eifersucht noch das gierige und niedrige Geifern nach ein wenig Aufmerksamkeit und Liebe. Vielleicht doch letzteres, aber nur ein wenig. Sinn und Zweck dieses Artikels ist es alleine, bestimmte Tendenzen unseres Musiklebens zu überzeichnen, was aber keineswegs als Kritik verstanden werden sollte, eher als sanftes aber außerordentlich wohlmeinendes und vor allem auch kollegiales Schmunzeln. Schmunzeln ist ein so schönes Wort, das wollte ich einfach mal benutzen. Der Autor kennt die meisten der genannten Personen persönlich und wünscht ihnen von Herzen Erfolg, ein langes Leben und anhaltende Gesundheit. Mit einigen ist er sogar befreundet – Ludovico Einaudi ist mein lange verschollener Schwippschwager und ich fahre täglich in die Arktis um dort Atomkraftwerke zu bauen. NATÜRLICH NICHT! Sehen Sie, das war jetzt Ironie, und Sie haben wieder etwas gelernt, dass ihr Leben schöner machen könnte. Sie dürfen jetzt lachen. Bitteschön, zu Diensten.
Moritz Eggert

Komponist

8 Antworten

  1. Mathis Nitschke sagt:

    Keine Notwendigkeit, Einaudi zu verteidigen, aber mir scheint schon, daß er das dort gespielt hat. Die Aufnahme klingt mitnichten nach Tonstudio, sondern ist genau so mono, wie so ein Mikrofon, wie man es im Bild sieht, es aufzeichnen würde. Daß der Cutter da musikalisch unrichtig einen anderen Take reingeschnitten hat, ist selbst bei ernstzunehmenden Musikern gängige Praxis.

  2. Poesie Vivante sagt:

    Der Artikel ist toll verfasst. Aber warum muss immer auf Einaudi eingedrescht werden (so auch schon Max Nyffeler in der NMZ)? Man muss Komponisten nachdem beurteilen, was sie machen und nicht nachdem beurteilen, was man selber als den einzig richtigen Weg betrachtet. Da müsste man die Eitelkeit einmal zu überwinden versuchen.

    Warum muss jeder Komponist kakophone darmstädter Musik komponieren? Der Teich der Musik ist gross genug, dass viele (auch bunte) Fische darin Platz haben. Meines Erachtens macht Einaudi das, was er macht, exzellent. Oder anders gefragt (das hatten wir hier auch schon): Warum wird in der „akademischen“ Musikwelt heutzutage beinahe nur jemand bewundert, der ein paar Geräusche anordnen kann, aber nicht jemand, der in der Lage ist, eine eingängige Melodie zu schreiben, welche Millionen von Hörern in den Bann zieht?

  3. Danke, @Poesie Vivante!
    Ein paar Anmerkungen:
    Im Bad Blog wird gelobt oder übertrieben oder parodiert oder ernsthaft diskutiert. Manchmal alles auf einmal, je nachdem wie wir Lust haben. Einaudi wird hier zum ersten Mal Solo erwähnt, es gab aber dagegen schon sehr viel ironische Artikel über Komponisten, die der „Neuen Musik“ zuzuordnen wären, und die Du „akademischer“ Musik zuordnen würdest, was jetzt Deiner Theorie widersprechen würde, es gäbe grundsätzlich hier etwas gegen „nicht-akademische“ Musik einzuwenden.
    Sehr wohl wurde hier schon Musik gelobt und auch besprochen, die nicht „kakophoner Darmstadt-Musik“ entspricht (Musik in Darmstadt ist übrigens keineswegs zwangsläufig „kakophon“, aber ich verstehe, was Du damit meinst).
    Gegen Melodien ist von meiner Seite nicht das Geringste einzuwenden, es schaffen aber heutzutage nur wenige Komponisten, Melodien zu schreiben – Einaudi gehört für mich eher nicht dazu, denn er benutzt meist repetitive Akkordpatterns, bei denen quasi der oberste Akkordton die Melodie ist, eine relativ simple Technik, die jeder am Klavier schnell nachvollziehen kann (oder bei „Ballade pour Adeline“ nachhören kann). Aber das darf er auch gerne machen, mich persönlich fasziniert es in seiner bedingungslosen Harm-und Einfallslosigkeit jetzt nicht direkt, das gebe ich gerne zu.
    Dass er das professionell macht – dem würde ich nicht widersprechen.
    @Mathis:
    100% beweisen können wir wohl beide es nicht – ein Flügel würde sich in der Eiseskälte m.A. nach schon in kürzester Zeit extrem verstimmen, dazu klingt er akustisch einfach zu gut. Auch die Mechanik würde sich verziehen, Tasten könnten hängenbleiben, etc. Würde ich den Sound nachträglich abmischen, würde ich ihn selbstverständlich eher Mono zentrieren, die abgehenden Eisberge klingen dagegen ein bisschen künstlich, fast wie ein Soundeffekt. Mir klingt das schon sehr nach Abmischung. In dieser Situation würde man vor allem wohl Wind hören, selbst mit Wuschelmikrophonabdeckung.
    Meine Vermutung ist: sie haben durchaus Liveaufnahmen gemacht, haben diese aber nachträglich extrem nachbearbeitet und eventuell auch durch schon eingespielte Aufnahmen ersetzt. Die Wahrheit kennt nur der Wind :-)

  4. Mathis Nitschke sagt:

    Das mit der Stimmung ist in der Tat ein ziemlich schlagkräftiges Argument. Da wäre ich dann möglicherweise also auf meine eigenen Tricks hereingefallen?

  5. Ob er das nun wirklich im Eis aufgenommen hat oder nicht, scheint mir ein sekundärer Punkt zu sein. Wie er es verkauft, ist das Primäre, und da stimmt seine Performance natürlich zu 150 % – Performance durchaus im börsenüblichen Sinn verstanden. Er ist ein hervorragender Geschäftsmann, der mit Stimmungen (im Sinn der Massenpsychologie) und Stories handelt, nach denen eine hohe Nachfrage besteht.
    Und was die musikalische Seite angeht: „Mich persönlich fasziniert es in seiner bedingungslosen Harm-und Einfallslosigkeit jetzt nicht direkt, das gebe ich gerne zu.“ Den Satz unterschreibe ich mit Vergnügen.

  6. Poesie Vivante sagt:

    Ich stelle mir gerade vor, wie Mathias Spahlinger von Greenpeace in die Arktis eingeladen wird, zwei Eisblöcke filigran aneinanderreibt, dabei meint, das sei nun die musikalische Erfüllung des hegelianischen Weltgeistes und bei youtube auf 4 Klicks kommt ;-)

  7. Eines ist sicher: darüber hätte ich sicherlich auch ironisch geschrieben, versprochen!

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