Warum die Welt in meiner Musik vorkommt

DNI-Shakespeare-Mozart-Armstrong-Correa_TINIMA20131127_0037_5

 

Warum die Welt in meiner Musik vorkommt

 

Eines der nutzlosesten Klischees der Neuen Musik ist die Prämisse, dass Neue Musik „autark“ zu klingen hat. Sie darf nicht klingen wie etwas Anderes als Neue Musik, denn nur dann hat sie ein Recht darauf, in ihrer ökologischen Nische zu existieren.

Wenn in irgendeinem Moment etwas Anderes erklingt als das, was man „materialästhetisch“ mit Neuer Musik assoziiert, wird das als Makel empfunden. Die Musik ist dann quasi mit etwas verschmutzt, das möglicherweise trivial, gewöhnlich oder minderwertig sein könnte, also nicht „erhaben“ genug. Das darf nicht sein, und ist im Kontext akademischer Musik unerwünscht, genauso wenig wie ein Pissoir in einer Museumsausstellung erwünscht ist (was allerdings irgendwann auch einmal ein sehr kreativer Akt war, siehe Duchamp). Der perfide Subtext solcher Vorwürfe ist immer: dem Komponisten fällt nichts ein, er muss sich „bedienen“, er benutzt Musik aus „zweiter Hand“, er „kann es nicht besser“.

Seltsamerweise ist das Benutzen von existierendem Material, die Bezugnahme auf eine externe Quelle eine besondere Qualität vieler Stücke, vielleicht sogar eine Qualität fast aller interessanter Musik. So verdankt Bergs Violinkonzert einen Großteil seiner dramaturgischen Wirkung dem berühmten Bach-Zitat (auf das mancher im Publikum sogar sehnsüchtig wartet), der Sacre fast alles dem authentischen Melodienmaterial archaischer Volksweisen, „Bilder einer Ausstellung“ alles einer geschickten Auswahl von Klischees: das „alte Schloß“ kommt mittelalterlich quintelnd daher, der reiche Jude mit pseudo-hebräischem Melos, der arme Bettler mit wimmernden Vorschlägen, das Große Tor von Kiew schließlich in russisch-orthodoxer Hymnenpracht.

Selbst die individuellsten Komponisten der Musikgeschichte existieren nicht vollkommen isoliert: Messiaen lauscht den Vögeln und verbindet deren Melismen bewusst mit modalen und rhythmischen Konzepten aus ihm wohlbekannter exotischer Musik; Debussy schafft Synthesen aus Jazz, Music Hall, populärem Chanson und Gamelang-Musik; Wagner bedient sich harmonisch gewagter Modulationen, die letztlich andere Komponisten vorbereitet haben; usw. und sofort.

Natürlich sind diese Beispiele vor allem deswegen erfolgreich, weil sie durch die kreative Verknüpfung von eigentlich „nicht Zusammenpassenden“ neue musikalische Welten erobern. Bergs Violinkonzert lebt gerade vom Kontrast der modernen abstrahierten (und mit allerlei Walzer- und Trivialmusik „verschmutzten“) Tonsprache mit der scheinbar „zitierten“ Schönheit aus einer „seligen“ Vergangenheit, die eine spirituelle Dimension in das Stück einbringt, die aus einer gehaltsästhetischen Perspektive (der „Tod eines Engels“) sicherlich zum Erfolg des Stückes beigetragen hat und nicht von der Musik zu trennen ist. Die Hörer sind auf neudeutsch…“betroffen“.

„Bilder einer Ausstellung“ wiederum macht den Hörer zum Komplizen des Komponisten – die einerseits erfrischenden aber auch jeweils stilistisch durch den Kontext verwandelten Promenaden bereiten den Hörer jeweils auf das neue „Bild“ vor, hierbei nicht unähnlich dem legendären Rod Serling, der jede in sich abgeschlossene Episode der Serie „Twilight Zone“ persönlich einführte, aber damit auch klar machte, dass sich nächste Woche etwas völlig Neues und Unerwartetes ereignen würde. So eben auch in den „Bildern“ – das Stück entfaltet seinen Reiz durch den flüchtigen und überraschenden Blick auf etwas Neues, das durchaus mit Distanz und Ironie wahrgenommen wird.

Die Gretchenfrage ist nun: Warum darf das alles heute nicht sein?

Um genau zu sein: manches davon darf durchaus sein, aber es darf bitteschön nur „würdige“ Musik benutzt werden. Will sagen: benutze ich Schumann als kompositorische Vorlage, bin ich beim letztlich doch immer wieder erstaunlich spießigen Feuilleton definitiv auf der sicheren Seite, denn Schumann ist „würdig“. Benutze ich dagegen eine Musik, die nicht in irgendeiner Form in einen akademischen Kontext gebracht werden kann, z.B. einen Schlager von Rex Gildo, ein Jingle oder Musik aus einem James Bond-Film, so ist es auf jeden Fall verdächtig. Warum aber? Sind die einen Töne „rein“, weil Schumann sie benutzt hat? Haben sie dadurch einen Hauch des Erhabenen? Sind die anderen Töne schlecht, weil James Bond dazu einen Martini trank? Oder ist es nicht eher das „Aha“-Erlebnis des Bildungsbürgers, dass das Schumann-Zitat zu etwas „Würdigem“ macht?

Nun kann man sicherlich zu Recht die Frage stellen, was ein Material „würdiger“ macht als ein anderes. Klar, nicht alle Musik hat gleich zu sein, das wäre langweilig. Manch ein Komponist arbeitet sich an wenigen und hoch differenzierten Parametern ab, andere streuen ihr Netz weiter und finden kreatives Potential im Zusammenprall von konträren musikalischen Gestalten. Es gibt da kein „richtig“ oder „falsch“. Aber die Mär vom „richtigen“ oder „falschen“ oder gar „verbrauchten“ Material leuchtet mir bis heute nicht ein, außer man hängt hartnäckig einer starren Materialästhetik nach, deren relativ banale Entstehung als Medienentschachtelung Harry Lehmann in seinem neuen Buch schlüssig erklärt.

Was macht einen Klang „besser“ oder „schlechter“ als andere? Klar, es gibt historische Vorlieben – mal mag man Quart-und Quintparallelen, weil sie in einem homophonen Satz so schön klingen, dann mag man sie plötzlich gar nicht mehr, da sie in einem polyphonen Satz stören können. Wann aber ist die Quinte „falsch“, wann ist sie „richtig“? Kehrt nicht irgendwann alles „Material“ (und über den öden Hilfsbegriff „Material“ könnte man ja auch ganze Bücher schreiben) nach wohlfeiler Benutzung im Rahmen eines Stiles oder einer „Medienverschachtelung“ irgendwann in einen unschuldigen Urzustand zurück, aus dem es jederzeit wieder abgerufen werden kann um etwas ganz Eigenes und Neues auszudrücken?

Ich stelle mir das so vor: im Grunde sind alle Musiken, alle Klänge dieser Welt im ersten Ton der ersten Knochenflöte enthalten gewesen. Nein, sie waren enthalten im weißen Rauschen des ersten Wasserfalls dieses Planeten. Nein, sie waren enthalten in den lauten Eruptionen der Vulkane als die Erdkruste dieses Planeten sich formte. Nein, sie waren enthalten in den Quantenverwerfungen des Urknalls (wenn es denn einen gab).

Ich will hier nicht esoterisch werden, aber alles Material ist schon vorhanden. Es gibt kein „besser“ oder „schlechter“, alles kann in einem Kontext das „richtige“ sein, es sei denn man verschließt seine Ohren gegenüber dem, was möglich ist. Material kann aber durchaus zur Sackgasse werden, und zwar immer dann, wenn man in der einen scheinbar „richtigen“ Perspektive darin verharrt. Es gibt nie neue Klänge, aber es gibt neue Perspektiven. Spektralmusik begann als interessante Besinnung auf die naturwissenschaftlichen Grundlagen von Musik, letztlich gibt es aber heute nichts langweiligeres als pure Spektralmusik zu schreiben. Oder anders gesagt: Nichts ist je am Ende, aber man kann in Sackgassen endlos verharren.

Um wieder in der Realität anzukommen: für mich gibt es keinen Grund dafür, dass es irgendeinen qualitativen Unterschied zwischen bestimmten Klängen, Stilen oder Musiken gibt. Als Komponist ist es nicht meine Aufgabe, Grenzen zu ziehen, sondern es ist meine Aufgabe Grenzen abzuschaffen. In der Entgrenzung kann ein neuer Sinn emporschwimmen. Das „Würdige“ ist hierbei keine gültige Kategorie, wenn es die Neugier nicht verhindern soll. Ich muss mich auch für das Banale, Verrückte, Peinliche, Pathetische und Absurde interessieren. Ich muss mich eigentlich für alles interessieren.

Wenn wir heute Mozart hören, vergessen wir, wie voll diese Musik von Anspielungen auf andere Musiken seiner Zeit ist. Sie ist durch und durch „verschmutzt“ – hier eine Anspielung zu höfischer Musik, hier eine geklaute Melodie von Haydn, hier ein Gassenhauer als Melodieinspiration. Und zwischendrin wunderbare Freiheit: spontane Erfindung, überraschende Konstellationen, ein untrügliches dramatisches Gespür, Sinn für Details. Ist das „leicht“, nur weil es leicht klingt? War Mozart etwa talentlos, weil seine Musik so welthaltig ist, weil andere Musik darin vorkommt, referenziert wird, Musik vom Hofe, Musik aus der Kirche, Musik von der Straße? Eines ist sicher: Nach dem heutigen Maßstab des Feuilletons schrieb Mozart „misslungene“ weil welthaltige Musik.

Heute aber ist er wie in einer Vitrine ausgestellt – wir verstehen nur noch einen Bruchteil der Anspielungen, es wirkt viel „reiner“ als es eigentlich ist. In Wirklichkeit aber ist es voller Fundstücke, die in verzückenden Konstellationen neue Bedeutung erhalten (und hat damit viel größeres Gewicht als manches von Kleinmeistern in braver Stilerfüllung abgezirkelt Abgelieferte).

Mozarts Musik ist nicht isoliert und einem streng abgegrenzten Binnenmaterial abgerungen. Es ist nicht wie ein Buch, das in einer esoterischen Geheimsprache abgefasst ist – man erkennt sich darin wieder, man kann Vergleiche ziehen, Assoziationen blühen lassen. Die Musik „spricht“, nicht nur mit sich selber, sondern mit dem Hörer. Das kann nichts Schlechtes sein.

Und darum möchte ich, dass die Welt auch in meiner Musik vorkommt.

 

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

13 Antworten

  1. Thomas sagt:

    Wenn Du zwischen Schumann und Rex Gildo keinen qualitativen Unterschied erkennst, hast Du vielleicht Deinen Beruf verfehlt.

  2. @Thomas: Dass man etwas qualitativ Hochwertiges zitiert/anverwandelt/amalgamiert etc. erzeugt keineswegs die Garantie, dass das kompositorische Ergebnis dieselbe Qualität hat. Ich kann auch einen billigen Burger aus Gammelfleisch nehmen – edle (Schumann)-Trüffel machen den auch nicht besser.
    Es geht beim Komponieren einzig und allein darum, WAS erzählt wird und WIE die verwendeten Mittel eingesetzt werden. Woher das „Material“ kommt, ob es von oben, unten, seitwärts oder wo auch immer her kommt, ist dabei nicht wirklich entscheidend. Für den einen Komponisten sind es standardisierte Generalbässe, für den nächsten Tanzformen wie Walzer oder Menuett, für den nächsten 12-Ton-Reihen. Material kann alles mögliche sein, nichts ist per se „besser“ oder „schlechter“.

    Wenn wir unsere Neugier von vornherein beschneiden, weil wir bestimmten Klängen, bestimmten Harmoniefolgen, bestimmten Genres grundsätzlich jede Existenzberechtigung absprechen, sind wir einfach nur arrogant und ignorant. Ich bleibe dabei – das Material an sich ist stets unschuldig, genauso wie eine Farbe nicht „besser“ ist als die andere.

    Es gibt unendlich viele Sprachen der Musik – die Töne und Klänge sind an sich genauso unschuldig oder neutral wie es Konsonanten und Vokale einer Sprache sind. Wer neugierig ist, kann überall Spannendes entdecken – aber man muss auch etwas damit erzählen können. Das „Abgeschmackte“ von Rex Gildo (der übrigens ein sehr musikalischer Interpret war, der wesentlich mehr konnte als viele meinen) kann im richtigen Kontext mehr ausdrücken als tausend Bach-Zitate.

    Komponisten wie Mahler (zahllose „triviale“ Zitate, Kitsch, Anverwandlungen), Schubert (Tanzmusik, Walzer) und übrigens auch Schumann (zahlreiche Volksmusikzitate, bewusst „naive“ Anverwandlungen und Anspielungen aller Art in den Liedern) haben dies sehr wohl gewusst – seltsam, dass dieses Wissen heute nichts mehr zählt.

    Wenn ich Schumann zitiere, zitiere ich vielleicht einen Schumann, der in diesem Moment etwas zitiert oder evoziert hat, das wir heute als Anspielung gar nicht mehr verstehen. Vielleicht war es etwas ganz Banales. Musik kommt nie aus dem Nichts, es gibt immer einen Kontext. Und der Kontext der „Neuen Musik“ ist genauso einengend und letztlich auch langweilig wie der strenge Kontext „Schlagermusik“.

    Mich interessiert eigentlich nur freie Musik.

  3. Thomas sagt:

    Die Vergleiche sind windschief. Menuett, Ländler und Walzer waren in der Kunstmusik nie exterritorial, sondern immer Teil davon. Diese Kohärenz ist irgendwann zerbrochen. Ravel oder Stravinsky können sich Populärmusik nur noch ironisch gebrochen anverwandeln. Doch selbst das ist heute kaum noch möglich. Rex Gildo, dem ich übrigens das Existenzrecht keineswegs abspreche, ist dagegen von der ganzen Aura her für die Kunstmusik exterritorial. Gewiss wäre es denkbar, solche Musik in kollagehaften Kontexten irgendwie zu verwenden oder zu zitieren, doch glaube ich nicht, dass sich diese Musik wirklich sinnvoll in Kunstmusik amalgamieren lässt. Schumann eben dann doch viel eher.

    Das symptomatische und traurige an Deinem Statement ist ja, dass die Kunstmusik ihr Selbstbewusstsein verloren hat. Sie vermag, und an diesem Punkt stimme ich Dir sogar zu, kaum noch aus immanenten ästhetischen Mitteln Welthaltigkeit zu erzeugen. Doch sich dann Welthaltigkeit aus anderen ästhetischen Sphären borgen zu wollen halte ich nicht nur für aussichtslos sondern auch für ein Armutszeugnis.

  4. „Gewiss wäre es denkbar, solche Musik in kollagenaften Kontexten irgendwie zu verwenden…“
    Aber genau das meine ich doch? Du meinst „kollagehafte Kontexte“ zwar sicher abwertend, wie wenig Qualitätsverlust aber damit einhergeht zeigt z.B. B.A. Zimmermann (dessen Studium sich immer wieder lohnt, vor allem im Zeitalter der mutlosen Materialverdrossenheit).
    Und Welthaltigkeit „borgen“, darum geht es nicht. Aber um über die Welt zu erzählen, muss ich die Welt anschauen.
    Wenn ich z.B. die Geschichte einer Stadt schreiben will, reicht es nicht, mit den Gelehrten zu sprechen. Ich muss mit den Handwerkern sprechen, den Strassenkehrern, den einfachen Bürgern, den Bettlern…erst dann kann ich mir anmaßen, etwas über die Stadt erzählen zu können.
    Meine Haltung ist nicht eine anti-intellektuelle (wie es gerne missinterpretiert wird) sondern eine anti-elitäre. Das ist ein feiner Unterschied.

  5. Thomas sagt:

    Dann verstehe ich aber Deine Bedenken nicht. Bei der Kollage spielt im Grunde keine Rolle, ob die Versatzstücke nun „würdig“ sind oder nicht. Da kommt es nur auf Kontext an. Und was Mozart oder Mahler macht, hat (selbst bei den Kuhglocken) mit Kollage nichts zu tun. Und ja, ich hege gewisse Zweifel, ob die Kollage eine fruchtbare Technik ist (die übrigens schon in den 70ern einige Zeit durchaus en vogue war).

  6. Moritz Eggert sagt:

    Erstens habe ich nirgendwo „Bedenken“ geäußert (sondern das genau Gegenteil), und zweitens habe ich auch vollkommen offen gelassen, wie genau etwas verwendet wird (Kollage ist nur eine von vielen Möglichkeiten). Auch versuche ich weniger zu zweifeln (zum Beispiel an den Möglichkeiten einer Kollage) sondern lieber Dinge auszuprobieren. Es spricht auch nichts dagegen, dass mehrere Techniken innerhalb eines Werkes vorkommen (bei Mahler gibt es durchaus kollagenartige Momente, die dann wiederum in freiere Formen übergehen), Mozarts „Würfelspiel“ ist eine astreine Kollage, aber gleichzeitig auch Aleatorik und partizipierendes Komponieren im Sinne von Cage).
    All dies sind Möglichkeiten – man muss sie nicht nutzen, und sie zu benutzen verspricht auch nicht an sich den künstlerischen Erfolg, aber gerade wenn viele meinen, etwas sei „verbraucht“ oder „nicht möglich“ wird es für mich besonders interessant, denn die verbotenen Früchte sind halt die spannendsten. Und wenn Komponieren nicht spannend ist, merkt es am Ende auch der Hörer.

  7. Helge Bol sagt:

    Danke für die Einwände gegen ein allzuakademisches Material-Gehabe. Aber vielleicht stimmen die Voraussetzungen nicht. Autarkie kann in unserer lärmdurchfluteten Welt allenfalls ein frommer Wunsch sein. Spannender wäre Autonomie, künstlerische Autonomie, sowohl gegenüber der Pop-Kultur als auch gegenüber mathematischen Konstrukten. Autonomie entsteht nicht aus nichts, bringt aber etwas Neues ein. Es ginge um die kompositorische Handhabung von Material, nicht primär um das Material selbst.

  8. Lukas H- sagt:

    Danke für diese sehr interessante Diskussion.

    Ich denke, ein großes Missverständnis zwischen „Kunstmusik“ und „Popmusik“ ist, dass der Interpret in der Popmusik eine übergeordnete Rolle spielt. Wie man auch sagt, dass „sich der Arzt bei einem Rezept selbst verschreibt“ so ist es bei Popmusik „the singer not the song“.

    Wenn ich einen Song von Bob Dylan auf einer ausnotierten Partitur lese, transportiert sich damit in keinster Weise die Idee und der Wert dieses Stücks. Bob Dylan verkauft nicht den Song, sondern einen Teil seines Weltbildes, oder zumindest die Idee eines Weltbildes. Der Konsument kann sich mit dem Kauf ein Stück dieser Idee einverleiben. Sich mal als Hippie, Gangster oder Rebell fühlen. (Wohl auch ein Grund warum Spießer wie zu Guttenberg so gerne AC/DC hören.)

    Die gleiche Tendenz gibt es in der Klassik natürlich auch. Klassik, oder vielleicht auch Jazz, zu hören ist gleichbedeutend mit der kulturellen und intellektuellen Elite.

    Was aber gänzlich fehlt ist die untrennbare Verbindung zwischen Komposition und Interpret. Von ein und demselben Stück gibt es viele verschiedene Aufnahmen von gänzlich unterschiedlichen Interpreten. Wahrscheinlich ist dies ein Grund warum die Verkaufszahlen von David Garrett so enorm hoch sind. Hier steht wieder deutlich der Interpret im Vordergrund.

    Um aber auf das genannte Problem der Materialverwendung zu kommen, ist das Problem wohl dies, dass sich in dem Moment in dem ich ein Zitat oder Material aus der Popmusik entnehme, ich zwangsläufig dessen „Weltbild“ oder zumindest den sozialen Kontext übernehme in dem sich dieses abspielt. Es bleibt keinesfalls bei einem rein musikalischen Zitat.

    Für viele aus dem elitären Sektor ist dies natürlich gleichbedeutend mit der Anbiederung an das (weit größere) Publikum des Künstlers welcher Zitiert wurde.

    Das Interessante ist aber letztlich wie dieses Zitat verwendet wird. Ergibt sich aus der Verwendung in einem neuen Kontext eine neue Aussage. Musikalisch wird wohl kaum etwas Neues daraus resultieren.

    Die Frage ist was kann Neue Musik aus der Verwendung von Popmusik dazugewinnen.
    Wenn Popmusik Zitate aus der Klassik benutzt ist es eindeutig eine künstliche Aufwertung. Ein paar Streicher hier und da und gleich kann man dem Komponisten mehr Qualiät attestieren als dem, der nur Gitarre, Bass und Schlagzeug benutzt. Als Beispiel dienen hier wohl die vielen Rock meets Klassik Alben von Metallica oder Aerosmith.

    Neue Musik hat bisher nicht viel Nutzen aus der Verwendung popmusikalischer Materialien ziehen können. Ich bin aber dennoch davon überzeugt, dass dies möglich ist, sofern das Zitat nicht nur Mittel zum Zweck ist mehr Aufmerksamkeit von einem größeren Publikum zu bekommen.

    Der Komponist muss sich über die Bedeutung des Zitats im Klaren sein. Eine Melodie von Lady Gaga zu verwenden ist etwas ganz anderes als Schumann zu zitieren. Nicht auf Grund des qualitativen Unterschiedes sonder auf Grund der gesellschaftlichen Bedeutung und dem Netz an Assoziationen die mit dem Song und dem Künstler verknüft sind.

    Wie schief es gehen kann Klassik und Pop zu vermischen haben wir mittlerweile zu genüge gesehen.

    Beweisstück A:

  9. @Lukas H-: Für meinen Geschmack gibt es bereits seit den Sechzigerjahren des verg. Jahrhunderts ein praktikables und tragfähiges Amalgam aus Neuer Musik und Pop: Minimal music – vor allem die von Steve Reich, z. B. sowas:

    https://youtu.be/xSI8sVRCwLo

    Ich folge diesen Spuren schon lange (nicht sklavisch, aber prinzipiell) und wundere mich ebenso lange, warum das in Europa und speziell in Deutschland sonst scheinbar kaum jemand – also eigentlich niemand (?) – tut.

    (Sorry, Moritz, für dich ein alter Hut, dieser Beitrag, aber Lukas H- verfolgt das BBoM ja evtl. noch nicht so lange – und viele nach 1970 Geborene kennen Minimal music schlicht nicht, so scheint mir.)

  10. Lukas H- sagt:

    Hallo Stefan,

    in der Tat findet sich Minimal Music auch in Konzerprogrammen die auf ein breiteres Publikum zugeschnitten sind. Minimal Music allerdings vorzubringen in der Diskussion um popkulturelles Material im Kontext von Neue Musik scheint mir nicht sinnvoll.

    Zum einen ist, nur weil Steve Reich etwas Electric Counterpoint nennt, und anstelle von Marimba und Klavier, E-Gitarren benutzt es noch längst kein Crossover oder popmusik Material.

    Generell ist die stark simplifizierte Tonalität (zumindest gegenüber Neue Musik) und der Schwerpunkt auf Rhythmik durchaus eine Annährung an die Hörgewohnheiten von Popmusik aber noch lange keine Ausseinandersetzung mit dieser.

    Philip Glass ist der Masse auch nur deswegen bekannt weil er die Musik zu einigen bedeutenden Filmen geschrieben hat, aber keinesfalls wegen Einstein on the Beach oder einem seiner Minmal Werken.

    Da wäre ein Beispiel wie „Revolution 9“ von den Beatles oder die Musik von King Crimson, Yes, Emerson, Lake and Palmer oder auch Mahavishnu Orchestra in meinem Empfinden schon wesentlich näher an einer Ausseinandersetzung, und Überschneidung, beiden Welten.

  11. Lukas H- sagt:

    Im übrigen ist auch Thomas Ades dritter Satz aus „Asyla“ ein gutes Beispiel, wenngleich es sich dabei nicht wirklich um ein Zitat handelt.

  12. @Lukas H-: Danke für deine ausführliche Replik :-)

    „Minimal Music allerdings vorzubringen in der Diskussion um popkulturelles Material im Kontext von Neue Musik scheint mir nicht sinnvoll.“

    Da hast du vollkommen recht, da haben wir wohl aneinander vorbeigeredet oder ich habe nicht richtig zugehört. Mir liegt der „Crossover“- bzw. „Fusion“-Gedanke aber künstlerisch ohnehin nicht, ich strebe nach „Amalgamen“, d. h. nach durchaus heterogen zusammengesetzten, aber dadurch nicht notwendig komplizierten oder auch nur collagehaft erscheinenden ästhetischen Errungenschaften.

    Was *diese* Idee bzw. Vorliebe betrifft, ist Reichs Schaffen geradezu ein Prachtbeispiel, denn er hat es bsp.weise geschafft, ein in der Kunstmusik bisher unbekanntes Phänomen wie „Groove“ (im afro-amerikanischen Sinn) in kunstmusikalisch funktionierende Strukturen zu übersetzen und mit seinem eigenen Ensemble – seiner „Band“ im Sinne des Pop – „Steve Reich and musicians“ auch aufzuführen.

    Damit hat er die Optionen der Kunstmusik erweitert, ohne avantgardistisch im engeren Sinn gewesen zu sein, denn „Groove“ (rhythmische Komplexität auf der Basis eines kontinuierlichen Pulses) gab und gibt es ja bsp.weise in westafrikanischer Trommelmusik seit vermutlich Hunderten von Jahren. Reich hat also im Gegensatz zu Zwölftonmusik, Serialismus oder Spektralismus kein neues Material entdeckt oder erforscht, sondern bisher in der Kunstmusik ungenutztes Material auf intelligente Art und Weise in diese inkludiert.

    Eine analoge Verfahrensweise der intelligenten Inklusion popästhetischer Mittel in einen Kunstmusik-Kontext bzw. die Arbeit an einem bisher nicht existierenden Amalgam unterschiedlicher „Musiken“ halte ich demzufolge für die bessere Strategie als das Zitieren, Collagieren und Fusionieren „im Kontext Neuer Musik“.

  13. Lukas H- sagt:

    @Stefan: Da gebe ich dir vollkommen recht.

    Im übrigen kommt mal als Kasseläner sowieso nicht an Minimal Music vorbei, da sich sowohl die Uni als auch (logischerweise) das Internationale Minimal Festival dieser Richtung mehr oder weniger gänzlich verschrieben haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.