Die neue Renaissance der Kunstphilosophie: Harry Lehmann und seine „Gehaltsästhetik“

„Die Postmoderne war ein Verlegenheitsbegriff, der besagte, dass eine Epoche zu Ende gegangen war, ohne dass man sich vorstellen konnte, was ihr folgt“.

Mit diesem Satz beginnt Harry Lehmann sein neues Buch, und ich stimme ihm 100% zu. Manche hätten aus diesem Satz ein ganzes Buch gemacht, ich bin dagegen froh, dass er es so präzise wie möglich auf den Punkt bringt.

Lehmann dürfte auf diesen Seiten kein Unbekannter mehr sein, zählt er doch zu den gegenwärtigen Philosophen, die sich am intensivsten mit Ästhetik und der Veränderung von Kunstbegriffen beschäftigen. Dabei eckt er auch oft bei dem nach wie vor teilweise gedanklich erstaunlich unbeweglichen Neue-Musik-Establishment an, wie sein letzter Gastartikel im Blog hier beweist.

Vor kurzem erschien Harry Lehmanns neues Buch, „Gehaltsästhetik“ (bei Wilhelm Fink). Da ich keine flüchtige Schnellankündigung machen wollte (aber gleichzeitig an ziemlicher Arbeitsüberlastung litt) lag das Buch eine Zeitlang stumm mahnend auf meinen Schreibtisch bis ich mir schließlich einen Ruck gab und mich wochenlang intensiv damit beschäftigte (anstatt nur schnell einige Kapitel zu lesen und etwas darüber zu faseln). Hierzu gehörte auch eine intensive Diskussion mit meinen Studenten über die ersten Kapitel, die sich sehr spannend entwickelte.

Mit Fug und Recht kann ich jetzt also sagen: Ja, ich empfehle dieses Buch von Herzen! Und nicht nur das – es sollte absolute Pflichtlektüre für jeden sein, der sich auch nur im Entferntesten mit Neuer Kunst (nicht nur Musik) beschäftigt. Denn Lehmann gelingt etwas ganz Besonders: quasi von der Steinzeit ausgehend (anhand zahlreicher faszinierende Beispiele) erklärt er auf äußerst spannende Weise zuerst einmal, wie Kunst überhaupt funktioniert. Vielmehr: wie „ästhetische Erfahrung“ funktioniert, und wie sich die Veränderung dieser Erfahrung und deren zunehmende Verfeinerung (die mit der komplexer werdenden menschlichen Soziologie zusammenhängt) direkt auf die Kunst auswirkt.

Warum wird Kunst „komplexer“ und dann wieder „einfacher“, und das meistens in Wellen? Warum gibt es Kunst überhaupt? Warum verändert sich Kunst? Was ist „Schönheit“? Warum werden Kritiker immer mäkeliger? Warum ist es unmöglich, das „beste“ Tischtuch auszusuchen? Auf all diese Fragen gibt Lehmann schlüssige Antworten, die erfreulich frei von den bei Philosophen beliebten Worthülsen und sinnlos aufgedunsenen Endlossätzen sind. Indem Lehmann versucht zu beschreiben wie die Dinge sind (anstatt zu beschreiben wie sie seiner nach Ansicht nach sein sollten) kann eine sinnvolle Phänomenologie der ästhetischen Parameter entstehen, die den Blick auf scheinbar schon Bekanntes schärft und letztlich verändert. In der Klarheit und großen Verständlichkeit der Sprache liegt eine große Qualität des Lehmannschen Werks, und es setzt sich damit erfreulich ab von den eher hermetischen Texten, die man gerade aus Neue-Musik-Texten kennt.

Eine zentrale Idee im ersten Teil des Buches ist die Definition „ästhetischer Eigenwerte“ (diesen Abschnitt fand ich persönlich besonders erhellend), die Lehmann in vier Kategorien definiert: „Ereignis“, „Ambivalenz“, „Schönheit“, „Erhabenheit“. Diese vier Kategorien haben in allen Kunstformen Einfluss auf die „Raumerfahrung“ und die „Zeiterfahrung“ die letztlich bestimmen, wie wir Kunst wahrnehmen.

Dass die ästhetischen Eigenwerte unterschiedlich wichtig in den diversen „Medienverschachtelungen“ werden können, beschreibt Lehmann an zahllosen Beispielen. Die Idee der „Medienverschachtelung“ an sich ist eine neue Betrachtungsweise der Kunstgeschichte. Sie erklärt wie Kunst sich ständig aus sich selbst heraus in immer neue Stile und Ansätze verwandelt, einfach weil bestimmte Elemente eines Mediums durch einen natürlichen Auswahlprozess nicht unähnlich wie in der Natur selektiert werden und einen neuen Eigenwert bekommen, der dann wiederum Basis für eine neue Inkarnation von Form wie Medium ist.

Lehmann erklärt daher auch die „Moderne“ bzw. die „Avantgarde“ als Resultat einer „Medienentschachtelung“, nicht etwa als „Fortschritt“ oder Aufbruch in eine bessere Welt, wie es oft fälschlich verstanden wird.

Auch das Ende des klassischen „Schönheitsbegriffes“ ist Konsequenz, nicht eine Entscheidung „gegen“ Schönheit (ein feiner Unterschied). Darauf folgt zuerst eine Materialästhetik, eine Anästhetik und dann eine Gehaltsästhetik, in der die Medienverschachtelung quasi darin besteht, dass ein Kunstwerk nicht mehr isoliert von einem Kontext betrachtet werden kann und die Erfahrungswelt des Rezipienten (auch unter Einbeziehung anderer Medien) zum essentiellen Teil des Werkes wird. Womit auch wieder eine neue Form von „Schönheit“ möglich ist.

In der Kunstgeschichte findet Lehmann hier zahllose populäre Beispiele, von Ai Weiwei bis Damien Hirst. Das ist deswegen wichtig, weil er in diesem Abriss schlüssig beschreibt, aus welcher „Medienverschachtelung“ der jeweilige ästhetische Paradigmenwechsel entstanden ist, wie sich Elemente einer Kunstgattung quasi verselbstständigen und in eine neue Gestalt überwechseln, die auch ein radikaler Bruch mit dem Bisherigen sein kann. Dass diese Paradigmenwechsel nicht etwa ein „Fortschritt“ sind, sondern sich aus einer fast biologischen Notwendigkeit der Variation von Parametern ergeben, ist eine ganz entscheidende Erkenntnis des Buches und bildet später die Grundlage der „Gehaltsästhetik“, die Lehmann als aktuelle (und keineswegs finale) Medienverschachtelung begreift…und wie üblich ist die Gattung Musik die letzte auf dieser Party: in der bildenden Kunst ist die Idee der „Gehaltsästhetik“ schon relativ alt, während sie in der konzeptuellen Musik erst jetzt Fuß fasst.

LehmannDer Abriss über „gehaltsästhetische“ Musik ist daher relativ kurz gehalten, denn noch ist nicht abzusehen, wie sich die junge Gattung der „Konzeptmusik“ entwickeln wird, die Lehmann als eine Art sympathischer Proto-Adorno schon seit einigen Jahren theoretisch begleitet.

Da Lehmann ganzheitlich und nicht dogmatisch denkt, gibt es hier durchaus Berührungspunkte zu meiner Idee der „Atopie“ in der Musik, denn echte „Gehaltsästhetik“ kann nie isolierte ästhetische Erfahrung innerhalb eines Spezialistenstils sein, sondern ist immer Teil eines größeren Ganzen, und nach dem strebt auch die „unverortbare“ Musik, die mir vorschwebt. Quasi eine Gehaltsästhetik, die sich allein über die Entgrenzung von musikalischen Stilen selbst erzeugt.

Dass dieser Blick „aufs Ganze“, auf die Summe aller ästhetischen Entwicklungen auch in einer komplexen Zeit wie der unseren (ist sie wirklich so komplex?) nach wie vor möglich ist, beweist Lehmann auf geniale und beeindruckende Weise. Aber schon jetzt ist klar, dass es nicht sein letztes Wort zu diesem Thema sein wird.

Ich freue mich schon jetzt auf die nächsten Sätze seiner Musikphilosophie und lege jedem Neugierigen ans Herz, sich intensiv damit zu beschäftigen.

Kauft dieses Buch und lest es! Ein guter Whisky dabei schadet auch nicht, wie folgendes Bild beweist.

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

14 Antworten

  1. Es scheint mir, dass diese sympathische Rezension nur für ‚Musikleser‘ eine Empfehlung wäre, die eine ‚unverortbare Musik‘ bevorzugen, ‚quasi eine Gehaltsästhetik, die sich allein über die Entgrenzung von musikalischen Stilen selbst erzeugt‘ – allein? Entgrenzung? Also, eine Aesthetik befreit von stilistische ‚Beschränkungen‘? Könnte das nicht so etwas sein wie laufen ohne Beine oder fliegen ohne Flügel? Die Gefahr von Philosophen, besonders die mit Adorno vergleicht werden können, ist dass sie Gewicht geben an Erscheinungen die wohl philosophisch interessant sein können, als theoretisches Gedankenexperiment, aber künstlerisch unbedeutend. Selbstverständlich sind solche Philosophieen sehr fruchtbar wo sie Leere abfüllen können, wie der Einfluss Adorno’s gezeigt hat. Aber vielleicht hat Lehmann eine bessere Idee, die abseits der Besprechungen zu finden ist.

  2. Stefan Hetzel sagt:

    @Moritz: Mitreißende Rezension, vielen Dank :-) Als Lektor des Buchs fühle ich mich natürlich ein Stück weit „mitgelobt“, das will ich gar nicht leugnen :-)

    Wen interessiert, wie Harry Lehmann „Gehaltsästhetik“ im Februar im Salon von Sarah & Jascha Nemtsov präsentierte – und wie es anschließend diskussionsmäßig durchaus lebhaft zuging – findet hier ein kommentiertes Video auf der Weltsicht:

    https://stefanhetzel.wordpress.com/2016/03/02/lehmann-in-berlin/

  3. ein sehr guter Hinweis, Stefan, danke für den Videolink!
    Und an John Borstlap: Hier wird durch Lehmann keineswegs ein neuer Dogmatismus aufgemacht und eine neue knallharte Richtlinie ausgegeben, nach der nun zu komponieren sei. Das ist der große Unterschied zu Adorno: Lehmann versucht zu beschreiben was passiert, nicht es zu bestimmen. Es ist eine Phänomenologie, kein Manifest.
    Wenn man aber die Phänomenologie versteht, wird sich das Komponieren selber sicherlich verändern, aber es ist gänzlich offen wohin.
    Neue Tonalität und eine Besinnung auf alte Formen sind gültige Möglichkeiten im Rahmen einer „Medienentschachtelung“. Wenn man allerdings der zunehmenden medialen Komplexität unserer Welt Rechnung trägt, so ist es durchaus richtig darüber nachzudenken, wie sich dadurch die Kunstwahrnehmung verändert, wie sich auch die Kunst selber verändert. Dann wäre man vermutlich mit einer exakten Wiederholung von etwas schon Gesagtem auch nicht zufrieden…Genau darum geht es in dem Buch.

  4. Wenn ich das nach der ersten Anlektüre (auf der Webseite des Verfassers sind ’n paar Seiten als PDF zu haben)—das Buch wird beschafft und genauer gelesen!—so richtig sehe, handelt es sich um die vierhundertachtundsiebzigste Abhandlung über Kunst und Ästhetik und so. Das zuletzt von mir rezipierte und m. E. beste seit sehr langem (Adorno war ohnedies ein zeitgebundener Gerneschreiber mit Hang zum kleinbürgerlichen Labern), weil es alle Künste umfasst und keine zu wichtig nimmt, ist Georg W. Bertrams „Kunst als menschliche Praxis. Eine Ästhetik“ (Suhrkamp stw 2086), meine aktuelle persönliche Ästhetikbibel. Dagegen flacht Harry Lehmanns „Gehaltsästhetik“, im Übrigen eine behauptete Ästhetik, denn es ist doch wohl eher eine dem Untertitel gemäße „Kunstphilosophie“ mit allerdings ganz schön eigenwilligen und nicht eigens definierten Begrifflichkeiten, was ‚unphilosophisch‘ und auch ein bisschen ‚unästhetisch‘ ist. Aber ich werde das Buch erst einmal einer genaueren Lektüre unterziehen … und dann wird weiter verrissen — oder eben auch nicht; alles ist offen.

  5. Thomas sagt:

    Der Pleonasmus „neue Renaissance“ mag Ausdruck der Verzweiflung sein, die auch dem Buch zu Grunde liegt. Man wünscht sich etwas zurück, was nicht mehr wiederkommt, nicht mehr wiederkommen kann. Harry Lehmann ist ohne Zweifel ein kluger Kopf und man liest seine Ausführungen mit Interesse. Doch schon in den Gesprächen nach der Buchvorstellung war eine gewisse Skepsis mit Händen zu greifen über den Versuch einer völlig elusiv gewordenen Kunst mit abstrakten Begriffen und theoretischen Modellen noch etwas von der Verbindlichkeit und dem Sinnzusammenhang einzuhauchen, die für einen klassischen Kunstbegriff lange essentiell war.

    Nichts in dieser Welt kommt ohne Preis, auch die Freiheit nicht. Der Fluch der Freiheit ist, dass die Akte der Auflösung am Ende zwangsläufig in die Unverbindlichkeit und schließlich in die Bedeutungslosigkeit münden.

    In gewisser Weise reiht sich das Buch in das Schicksal anderer ästhetischer Manifeste wie Hanslicks Vom musikalisch Schönen oder Adornos Philosophie der Neuen Musik ein (vor allem letzteres ist nach wie vor durchaus lesenswert), die ebenfalls vergeblich versuchten, eine bereits überholte Ästhetik fortzuschreiben und von der Wirklichkeit widerlegt wurden. Deren Antifiguren Wagner und Strawinsky waren es am Ende, die die unmittelbare Zukunft prägten.

  6. @Thomas: Ok, wenn Lehmanns Idee einer „Gehaltsästhetik“ Ihrer Meinung nach bereits „überholt“ ist, dann fragt sich doch, wovon?

  7. „Doch schon in den Gesprächen nach der Buchvorstellung war eine gewisse Skepsis mit Händen zu greifen über den Versuch einer völlig elusiv gewordenen Kunst mit abstrakten Begriffen und theoretischen Modellen noch etwas von der Verbindlichkeit und dem Sinnzusammenhang einzuhauchen, die für einen klassischen Kunstbegriff lange essentiell war.“ (Thomas)

    Genau. Und was wäre denn die unausweichliche Konklusion? Es scheint mir, dass eine solche Einsicht, so klug umschrieben, nur dazu leiten kann, die Ursache auf zu spüren und zurück zur Entgleisung zu kehren, und sie zu korrigieren. Aber wo war diese Entgleisung genau? Dort gibt es mehrere Antworten, und sie sind alle problematisch. Doch scheint die Suche nach einer Lösung eine fruchtbarere Absicht zu sein als die viele Verwirrungen zu katalogisieren…. obwohl man natürlich damit an zu fangen hat, um das Prozess, das schliesslich zum absoluten Endpunkt leitete, überhaupt verstehen zu können:

    http://www.youtube.com/watch?v=jwlCD2y2tBA

    (Darmstadter Sommerkurse)

  8. @John Borstlap:

    Vorab: In Lehmanns Buch ist natürlich nirgendwo von (post-)moderner Kunst oder Konzeptkunst als „Entgleisung“ die Rede, es geht vielmehr, wie Moritz Eggert in seiner Rezension sehr schön gezeigt hat, um eine abstrakte, aber sehr anschauliche und instruktive Re-Konstruktion der Kunstgeschichte als Abfolge von „Medienverschachtelungen“ und „Medienentschachtelungen“.

    Diese neue, von Lehmann erfundene Begrifflichkeit ist an verschiedene, bereits bestehende Kulturtheorien anschlussfähig, z. b. an eine psychoanalytische: Setzt man „Verschachtelung“ mit „Sublimierung“ (im Freud’schen Sinn) gleich und „Entschachtelung“ mit „De-Sublimierung“, so wird klar, dass die klassische Moderne (vor allem in Form der „harten“ Avantgarden wie etwa Dada) eine „Medienentschachtelung“ voraussetzte (bzw. praktizierte). Dadurch wurde das Kunstmachen einerseits wieder voraussetzungsloser, aber natürlich auch weniger raffiniert.

    Lehmann selber würde diese Freud’sche Begrifflichkeit vemutlich ablehnen, impliziert sie doch ein moralisches Werturteil: das „Sublimierte“ steht moralisch stets über dem „De-Sublimierten“, also dem Regressiven, Groben, Unreflektierten, ja Vulgären und Banalen. Eine derartige Wertung ist dem Autor der „Gehaltsästhetik“ vollkommen fremd.

    Was mir an dieser soziokulturell zu verstehenden „Verschachtelungslogik“ Lehmanns unmittelbar einleuchtet, ist die Einsicht, dass sich Kunst nicht beliebig komplex „verschachteln“ kann, ohne „in Schönheit zu sterben“ bzw., wie Thomas oben so schön sagte „elusiv“, also unfassbar, zu werden (z. B. wurde auf der Documenta 13 allen Ernstes ein Luftzug als konzeptuelles Kunstwerk präsentiert).

    Lehmanns „Gehaltsästhetik“ wurde bsp.weise von Wolfgang Ullrich „Linearität“ vorgeworfen, er reihe die Epochen der Kunstgeschichte ganz konventionell hintereinander auf, ohne irgend etwas infrage zu stellen. Der Vorwurf (wenn es denn überhaupt ein solcher ist) ist dadurch zu entkräften, dass Lehmann jeweils Gründe nennt, warum auf Epoche A gerade Epoche B folgen musste – und diese Gründe wiederum basieren auf seiner „Medienverschachtelungstheorie“.

    Zwei Beispiele: Der hochgradigen Medienverschachtelung des Spätbarock folgte die medienentschachtelte „Barbarei“ der Mannheimer Schule, dem Intellektualismus der Seriellen Musik der „Intuitionismus“ der Minimal music.

  9. Thomas sagt:

    @Stefan & John: Was folgt? Nichts natürlich. Der Kulturzusammenhang, von dem hier die Rede ist, hat sich erschöpft. Die Uhren lassen sich nicht zurück drehen.

    Doch natürlich hat die Populärkultur zum Teil dessen Platz eingenommen. Zum Teil ist aber auch eine gewisse Art von Bildungsideal dem Paradigmenwechsel des hedonistischen Liberalismus zum Opfer gefallen. Anstrengend darf Kunst heute nicht mehr sein. Voraussetzungslosigkeit ist eine der wichtigsten Prämissen heutiger Kultur. Unter diesem Aspekt waren eigentlich auch Damien Hirst und Ai Weiwei eher popkulturelle Phänomene.

  10. @ Stefan: Dank! Klare & interessante Auseinandersetzung. Dergleiche philosophische Unternehmen (Lehmann) mögen ihre Funktion haben, ich bin nur ein wenig skeptisch den ‚grossen, überwölbenden Kunstideen‘ gegenüber, die mir ein typisch-Deutsches Phänomen scheinen. Theoretiker wissen alles, aber können nichts.

    @ Thomas: „Was folgt? Nichts natürlich. Der Kulturzusammenhang, von dem hier die Rede ist, hat sich erschöpft. Die Uhren lassen sich nicht zurück drehen.“ Jeder kulturell interessierter Mensch ist von der dominierenden Popkultur und dem Populismus betrübt. Aber ein Nihilismus scheint mir voreilig: die klassische Musikkultur ist noch immer sehr lebendig, besonders im Deutschsprachigen Raum. Es ist die ’neue Musik‘ in demselben Raum die in Schwierigkeiten gelangt ist, und teilweise als Resultat theoretischer Nachkriegslabyrinthen. Die Kunstgeschichte fügt sich nicht einer geraden Linie, aber ist frei sich in allen möglichen Richtungen zu entfalten – das zeigt die Kunstgeschichte ja selber. Was mit Hinsicht eine logische Entwicklung scheint, war in Wirklichkeit von unerwartete und aus dem Material nicht erklärbaren Trieben bedingt, Die Geschichte als wissentschaftliche Disziplin ist ‚pattern making‘ a posteriori. War die Orientierung auf die Antike in der Renaissance ein ‚zurückdrehen der Uhren‘? War Mozart’s und Beethoven’s Barockbeschäftigung Regression? Die Sache ist viel komplexer als eine lineäre Geschichtsschreibung es sich denkt.

    Dieses Essay zeigt einen alternativen Blick:

    http://www.wolfgangandreasschultz.de/LinearesErzaehlen.pdf

  11. @John B.: Lehmanns „Gehaltsästhetik“ ist alles andere als eine „große, überwölbende Kunstidee“ in (da haben sie recht: ambivalenter) deutscher Tradition. Sie versucht sich vielmehr an einer „Naturalisierung“ des Ästhetischen, will sagen, sie bringt so viel naturwissenschaftliches Wissen über ästhetische Erfahrung wie möglich in die Theorie ein, ohne aber – und das ist jetzt sehr wichtig – das ästhetische Erleben *ausschließlich* auf „objektive“ bzw. objektivierbare Messdaten zurückzuführen. Hier wird Lehmann (der ja Physiker *und* Philosoph ist) wieder entschieden philosophisch, denn „Gehalt“ ist nun mal keine quantifizierbare Größe.

    @Thomas: Lehmann nennt Werke von Hirst und Ai als Paradebeispiele für gelungene gehaltsästhetische Kunst, denn sie seien *sowohl* „voraussetzungslos“ (bzw. „niederschwellig“ [meine Wortwahl]: Man muss das Konzept hinter dem Werk kennen, aber nicht mit der gesamten Kunstgeschichte vertraut sein, um verstehen und genießen zu können, um was es geht) als auch „anstrengend“ (d. h. auf vielfache Art und Weise deutbar).

    @John + Thomas: Das Besondere an Lehmanns Theorie ist ja gerade, dass er die Krise, die sie beide – wenn auch jeweils ein wenig anders akzentuiert – konstatieren, ebenfalls sieht – und zwar in aller Schärfe. Er zieht nur andere Schlüsse daraus. Sie ist der *Ausgangspunkt* seiner Überlegungen zu einer „Gehaltsästhetik“. Diese, so Lehmann, sei in den Bildenden Künsten bereits deutlicher realisiert worden als in der Kunstmusik, wo man noch zu sehr auf das „Material“ hoffe, das sich „entwickeln“ möge.

    Aber der musikalische Materialfortschritt, so Lehmann, ist nun mal erschöpft, da beisst die Maus kein Faden ab. Man kann natürlich weiter am Material arbeiten, aber die Dinge werden dann eben „elusiv“.

    Das scheint mir eine vollkommen einsichtige und nachvollziehbare Diagnose zu sein, der es nachzugehen lohnt.

  12. @ Stefan: Interessante Diskussion. Falls das alles mit dem Lehmann tatsächlich so ist: OK, kann für die Szene sehr einleuchtend sein. Aber wird die ’neue Musik‘ sich in Deutschland, beeinflusst von Lehmann, anders weiter gestalten? (nicht ‚entwickeln‘ im alten Sinn). W.A. Schultz hat mit viel bahnbrechender und innovativer (!) Philosophie wegweisende Pfaden gezeigt. Es ist für nicht-Deutsche erstaunlich, dass eine Kultur, sei sie noch so historisch kompliziert, sich so gründlich schizophren versteht: hier hochwertige welt-offene Klassik (mit vielen Deutschen Superkomponisten), dort völlig absurde und intelligenz- und anstandverletzende Unsinn…. man braucht kein Spiessbürger zu sein um solchen Unsinn ab zu lehnen. Hört man z.B. den Lachenmann an, seine Werke und seine Aussagen, dann wird man sich eine gewollte Selbstvernichtung bewust, eine kulturelle Selbstmord. (Analogie?)

  13. @John B.: Lachenmann … da sagen Sie was … ich mag Lachenmann auch nicht. Aber seine Negativitätsästhetik ist geradezu der Inbegriff dessen, was den „invertierten“ (Lehmann) Schönheitsbegriff der „Neuen Musik“ ausmacht – speziell natürlich im Westdeutschland der Nachkriegszeit.

    Lehmann beschäftigt sich übrigens – das wird sie interessieren – in seinem Buch ausgiebig mit Lachenmann und dessen „Strukturklangprinzip“ (v. a. auf den Seiten 161 – 167). Er tut dies in vollkommener Nüchternheit und kommt zu dem einleuchtenden Ergebnis, dass – jetzt mal ganz knapp formuliert – Lachenmanns Musik (klassische) Schönheit durch Ambivalenz ersetzt (und zwar nahezu komplett!).

    Hier zeigt sich die ganze Stärke von Lehmanns interessierter, aber komplett unpolemischer Herangehensweise an die Dinge: Er möchte einfach verstehen, wie der Künstler (in dem Fall Lachenmann) es „gemacht“ und auch „gemeint“ hat, sieht sich anschließend aber – weil er sich nun mal selber nicht als Künstler sieht, sondern als Philosoph – nicht genötigt, zu diesem „Wie?“ und „Was?“ sofort *ästhetisch* Stellung zu nehmen.

    Das heißt natürlich nicht, dass er zu Lachenmanns Musik keine Meinung hat, aber im Rahmen des Buches „Gehaltsästhetik“ stellt er sich „lediglich“ die Aufgabe, zu ergründen, warum gerade dieser Komponist zu diesem Zeitpunkt zu dieser Ästhetik kam – und zu keiner anderen. Anspruchsvoll genug!

    Wobei er – und dieser Zug gefällt mir besonders an seiner Arbeit – Selbstbeschreibungen und -aussagen des Künstlers stets ernst nimmt. Ich habe noch keine Werkanalyse Lehmanns gelesen, in der er das Werk komplett *gegen* die Intention seines Schöpfers „liest“ (vgl. dagegen etwa die interpretatorischen Exzesse des sicherlich auch von Ihnen „heißgeliebten“ bundesdeutschen Regietheaters der Nachkriegszeit).

    So viel Sachlichkeit wirkt sich nach meinem Dafürhalten gerade in der Debatte um die „Neue Musik“ der Nachkriegszeit, die nach meinem Kenntnisstand bis heute stark emotional geführt wird, sehr wohltuend aus.

  14. @ Stefan: Aha….. allerdings wäre auch interessant nach zu gehen warum einer wie Lachenmann überhaupt als Komponist neuer Musik akzeptiert worden ist (war?) und sogar ‚aufgeführt‘. Und dann die Frage: ist eine objektive Beschreibung Unsinniges, wobei das nicht-ernste ernstgenommen wird, eine wertvolle Uebung? Z.b. wie man bei ‚cultural studies‘ völlig bedeutungslose Themen wie TV-Werbung oder Kneipegespräche Gegenstand einer überkomplexen soziologischen Studie macht, wo das Thema enthüllende Einsichten in der Kultur verspricht, aber es sich schliesslich ergibt nur eine akademische Blase zu sein auf die Suche nach einem Thema für eine Publikation.

    Trotzdem wünsche ich Deutsche Komponisten und ihre arme Musiker eine Renaissance der Vernunft und ihrer eigenen Kultur, und hoffentlich trägt Lehmann daran bei.

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