Olga Neuwirth, die „Haas-Affäre“ und der chauvinistische Journalismus von VAN

Zwei zeitgenössische Komponisten – Olga Neuwirth und Georg Friedrich Haas – geben ein Interview.
Das ist ja erst einmal eine erfreuliche Sache in einem Magazin wie VAN, das jetzt nicht direkt einen Schwerpunkt auf zeitgenössische Musik legt sondern lieber Sängerinnen befragt, ob Thomas Hampson unter den Armen „müffelt“.

Die eine, Olga Neuwirth, wird über ihre Erfahrungen als Komponistin in einer nach wie vor männerdominierten Szene befragt und gibt offenherzig und ernsthaft Auskunft darüber. Es ist ein politisches Thema, das viele angeht und stets verweist sie in ihren Antworten nicht nur auf ihre eigenen (zum Teil erschreckenden) Erfahrungen, sondern auf einen größeren Kontext.

Der andere – Haas – gibt über seine guten Erfahrungen mit seinem Outing als BDSMler Auskunft und erzählt uns, dass er „in New York begriffen hat, was für ein großes Problem der Rassismus für Menschen dunkler Hautfarbe darstellt“ (ach, erst in New York?). Ebenso erzählt er uns, dass Henze kein guter Komponist war, da dieser Sex und Komponieren nicht vermischen wollte (was natürlich nicht gut ist, pfui, denn schon Schubert dachte ja nach Haas beim „Erlkönig“ in Wirklichkeit allein an Sex, Sex, Sex). Und dass Olga Neuwirth ja im Gegensatz zu Morton Feldman („weiblich“ – weil er ein bisschen übergewichtig war und Männerbrüstchen hatte etwa?) eher „männlich“ komponiere. Dazu sind Probenfotos zu sehen, unter denen kolportiert wird, dass das Ehepaar Haas ja jetzt gerade Streit mit dem Dirigenten und dem Solisten hat und deswegen besonders finster dreinschaut. Ulla Kock am Brink hätte das auch gefallen.

Diametral unterschiedlicher könnten Interviews gar nicht sein, aber das ist natürlich eher erfreulich, denn in einem Online-Magazin will man ja durchaus unterschiedliche Positionen erleben, individuelle Einsichten, Streitbares und Persönliches. Menschen sind unterschiedlich, manche sind exhibitionistischer und narzisstischer als andere, wir alle tragen das in uns. Dagegen ist nicht das geringste einzuwenden.

Nun hat aber Olga Neuwirth nach der Veröffentlichung die Möglichkeit eines Diskurses sehr ernst genommen, und vorsichtig die Frage gestellt (berechtigt, da Haas sie ja namentlich in seinem Interview nennt) ob dieses ihr angediehene Quetschen in eine geschlechtliche Schiene (sie mache „männliche Musik“) nicht auch eine Form von Abwertung und Diskreditierung sei. Und ob Haas hier nicht vielleicht übersieht, dass es ja auch andere unkonventionelle Formen des Zusammenlebens geben könnte, bei denen es sich weder um exhibitionistische Modelle noch BDSM handelt.

Soweit so gut. Nun aber soweit so nicht gut: In einem vorauseilenden Schutzreflex Haas gegenüber (vollkommen unnötig, da der sich wohl selber artikulieren könnte) wird Olga Neuwirth in wenigen Zeilen von dem Magazin das sie gerade erst interviewt hat, als eine Art hysterisches Hascherl dargestellt. Einerseits wird ihr gönnerhaft attestiert, dass es VAN ja „wichtig“ wäre, dass ihre Worte gehört werden, direkt danach aber ergreift VAN (und das ist ein absolutes journalistisches No-Go) eindeutig die Partei von Haas und wirft Neuwirth mangelndes Verständnis des Haasschen Interviews vor. Klar, Olga ist ja nur ein „Weibchen“ und damit wahrscheinlich nicht klug genug, die Argumente des „Herren“ Haas zu verstehen! Und damit nicht genug: gleich im nächsten Satz wird Olga auch noch „verlogenes Ich-will-es-nicht-wissen“ unterstellt, einfach nur, weil sie Haas‘ Schlafzimmer weder spektakulär noch letztlich interessant findet. Ist Nicht-Wissen-Wollen, der Wunsch sich nicht am zwanghaften Voyeurismus unserer Zeit zu beteiligen automatisch „verlogen“? Ein durchaus bösartiges wortklauberisches Paradoxon, an dem sowohl Escher als auch Gödel ihre Freude gehabt hätten.

Rührselig bemüht VAN den „Redakteur Jeff“ der davon spricht, wie wichtig für ihn als junger Mann schwule Rollenmodelle gewesen seien. Damit hat er ja vollkommen Recht. Aber der Umkehrschluss ist – mit Verlaub – bizarr. Brauchen wir jetzt wirklich alle NOCH VIEL MEHR sich outende BDSM-Komponisten und Komponistinnen, die eilfertig an die Öffentlichkeit preschen? Wollen wir wirklich lesen, wie namhafte Komponisten Schlange stehen, um uns ausführlich über ihre sexuellen Vorlieben und Master/Servant-Spielchen oder was auch immer zu informieren? Gibt es wirklich so viele leidende junge Komponisten, die wahnsinnig unglücklich sind, dass sie sich bisher noch nicht als Golden Shower-Fans geoutet haben, und dringend „Role Models“ brauchen, damit sie sich das endlich trauen? Ist das Leid wirklich so groß? Immerhin gibt es ja für die Masochisten unter uns schon die „Helmut Lachenmann Total Devotion Group“ auf Facebook.

Mal ehrlich, lieber Jeff, einer der Gründe warum sich viele anders sexuell orientierte Menschen so wohl in der Kunstszene fühlen ist doch genau der, dass unsere Szene diesen Dingen doch OHNEHIN wahnsinnig tolerant und aufgeschlossen gegenüber ist. Wir alle, auch die Stino-Heten, regen uns doch gemeinsam mit euch auf, wenn Bilder von Robert Mapplethorpe von prüden Bürgern abgehängt werden, oder mal wieder eine moderne Operninszenierung von Spießbürgern gedisst wird, weil Nackte oder Schwulesben darin vorkommen. Kein einziger Mensch (aus unserer Szene), selbst die kritischsten, sagt zu Haas „Du darfst das nicht“, niemand verfolgt ihn, niemand stellt ein Verbot auf. Gegen welche Windmühle wird da also gekämpft? Die, die das schlimm finden, sind nämlich woanders, und gegen die sind wir ohnehin alle solidarisch.

Aber zurück zu Olga – Schließlich wird ihr nämlich in einer besonders perfiden Pointe vorgeworfen, sie hätte die Äußerungen von Haas als „Vorschlag eines gesellschaftspolitischen Modells“ ja nur … MISSverstanden (sie ist ja auch „nur“ eine „Miss“ und eben kein „Master“). Ja klar, alles nur ein Missverständnis des ja leider „männlich“ komponierenden Weibchens, wie sollte man denn auch das BDSM-Outing als „gesellschaftspolitisch“ MISSverstehen, wenn vor allem Mollena aber auch Haas ganz dezidiert ihre Sexualität in zahllosen Blogartikeln und Video-Interviews in einen gesellschaftspolitischen Kontext zur Diskussion stellen. Wollen die nur Spaß? Ich glaube nicht, denen geht es tatsächlich um mehr. Und das ist definitiv kein Missverständnis.

Richtig mutig wäre es aber zum Beispiel gewesen, wenn Haas heimlich abgeschnittene Zehennägel sammeln würde und das geoutet hätte. Oder sich als Star Trek-Fan bekannt hätte. Das hätte dann nämlich tatsächlich keiner hören wollen.

Denn in einer Zeit in der im Kinderprogramm Reportagen vom Rammelbums aus dem Swinger-Club kommen und sich quasi Hinz und Kunz überall und öffentlich zu irgendwelchen Sauereien bekennen und darauf stolz sind, erzeugt man mit so einem BDSM-Bekenntnis quasi automatisch Applaus und den fast schon obligaten Zuruf „Wie mutig, er ist einer von uns!“. Aber quasi ALLE sind heute irgendwie eine Minderheit und etwas „Besonderes“. Es gibt inzwischen schon (leider) gar keine wirkliche Sauerei mehr, man kann problemlos Videos von ping-pong-spielenden (echten) Pimmeln unter eine Facebookdiskussion stellen oder der Oma „Shades of Grey“ unter den Weihnachtsbaum legen und erntet maximal ein mildes Lächeln.
Dennoch, man muss Haas attestieren, dass er der Erste war, der dieses Outing in der Neuen Musik getan hat, das sei ihm als Alleinstellungsmerkmal voll gegönnt, und wenn z.B. ich mich wie hier darüber lustig mache, nehme ich ihn tatsächlich viel ernster als die meisten ahnen, denn Parodie ist immer auch eine Form der Hommage.

Aber was ist nun VANs Problem mit Olga Neuwirth, die wesentlich ernster und präziser als ich versucht hat, Fragen zu stellen. Warum muss sie von der VAN-Redaktion als naives Dummchen vorgeführt werden, das die grandiose Tiefe dieses letztlich auch banalen Outings einfach nicht begreifen will? Es ist ein oft erlebtes Phänomen – Männer reden über unglaublich wichtige Dinge, und denken dann, dass Frauen das nicht verstehen können. Dass im gleichen Atemzug mir und meinem Artikel dann auch „gewalttätige Fühllosigkeit“ (äh, wollen BDSM’ler nicht durch Safeword-kontrollierte Gewalt mehr fühlen?) und (ausgerechnet) Chauvinismus vorgeworfen wird, lässt die gleiche durchsichtige Absicht erkennen: ein paar schnell und billig zusammengeschusterte Schlagworte wie „verlogenes Ich-will-es-nicht-wissen“, ein bisschen Herablassung, ein bisschen „böser Sexist“, fertig ist die Diffamierung einer vollkommen legitimen Haltung.

Das Ganze VAN-Geschwubber endet dann in dem an mich gerichteten vorwurfsvollen Satz: „So wird aus Freiheit Enge, weil man der Sexualität das Spielerische nicht zugesteht und die Freiheit des Menschen nicht ernst nimmt.“

Nein, ehemalige Freunde vom VAN-Magazin, so wird aus einstmals hoffnungsvollem und nun nur noch schleimigen Musikjournalismus dummgeschwätzige Scheiße, weil man der Ironie nicht das Spielerische zugesteht und die Meinung von Frauen nicht ernst nimmt. Punkt.

Dass dann die VAN-Redaktion allen Ernstes noch Olga Neuwirth unheimlich hinterherstalkt und ihre Facebook-Likes kontrolliert und kommentiert (sie likete meinen Artikel, böse, böse!) ist dann quasi noch das Tüpfelchen auf dem Chauvi-I. Diese Anmerkungen haben sie dann auch gelöscht, nachdem Albrecht Selge sie auf die Peinlichkeit einer solchen Aktion hingewiesen hat. Aber war schon zu spät, die Absicht wurde klar.

Wisst ihr was, ihr VANausen? Ich oute mich jetzt auch Mal. Mir zum Beispiel geht so richtig geil einer ab wenn ich mir vorstelle, wie euch selbstverliebten Chauvis jemand (am Besten Mollena, die wahrscheinlich eigentlich dominante) mit einem riesigen nagelbesetzten Dildo mal so richtig den Arsch versohlt, um euch Anstand und Respekt einzutrichtern.

Und da ihr solche Fantasien bei Haas wunderbar findet, müsst ihr nun auch dieses „Outing“ ganz toll und mutig finden und überall gegen Menschen verteidigen, die ihr dümmer findet als euch selber (wahrscheinlich also Frauen).

Darauf freut sich euer

Bad Boy

Moritz Eggert

gwendoline

Moritz Eggert

Komponist

3 Antworten

  1. Nur eine kurze Klarstellung: Wir haben das Interview mit Olga Neuwirth veröffentlicht, weil wir ihren Wortbeitrag wichtig finden. Im nachgelieferten Nachtrag zum Interview spricht Olga Neuwirth über das ebenfalls von uns veröffentlichte Interview mit Georg Friedrich Haas. Sie sagt: »Zu diesem diskriminierenden Interview möchte ich mich eigentlich nicht äußern«, »Noch dazu bestätigt er mit seinen Aussagen uralte Männerfantasien …«, »Anscheinend müssen (frauenfeindliche) Klischees aufrecht erhalten werden«. Uns war es daraufhin wichtig zu betonen, dass wir eine andere Lesart des Haas-Interviews haben und es nur deswegen unkommentiert veröffentlicht haben.

    Es war ein Fehler, dass der redaktionelle Kommentar zu ihren Äußerungen mit der Kritik an Moritz Eggerts offenem Brief an Haas vermischt wurde. So überdeckt die Auseinandersetzung zwischen VAN und Moritz Eggert leider den Rest ihres Interviews und die Thematisierung des Patriarchats in der Klassikkultur.

    Tobias Ruderer und Hartmut Welscher für VAN

  2. Teleskop sagt:

    Kleiner Hinweis in Sachen verstehendes Lesen @Moritz Eggert: die Passagen über „verlogenes Ich-will-es-nicht-wissen“ und etwaige Missverständnisse über sexuelle Spielarten als „Vorschlag eines gesellschaftspolitischen Modells“ werden von der VAN-Redaktion nicht als Olga Neuwirths Aussage präsentiert, sondern beziehen sich ganz klar und zielgerichtet auf deinen eigenen „Offenen Brief“ – und das vollkommen zu Recht.

    Wenn du dann demnächst bei der „Demo für alle“ aufschlägst, mach es doch bitte so, dass „wir“ davon nichts mitbekommen müssen. Weil: yuck!

  3. @Teleskop:
    Falsch, denn durch die direkte Abfolge wurde es in einen Zusammenhang mit Olga gebracht, und so hat nicht nur sie es empfunden. Sonst hätte VAN auch im obigen Kommentar nicht zurückgeruderert (das muss man tatsächlich so schreiben, wenn man den Autor des Kommentars kenntt). Aber wer nicht lesen kann, muss wahrscheinlich dumme Kommentare wie Den deinigen schreiben, kann man nix machen. Und anonym ist immer ein bisschen, naja…

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