Träume vertonen II

Gestern machte ich mir in einem privaten Beitrag Gedanken über Träume. Angeblich ließ ein bedeutender deutscher Regisseur zu Beginn der Proben einer neuen Inszenierung durchaus mal den aktuell vornächtlichen Traum einer seiner Schauspieler nachstellen. Ich weiß nicht, wie das aussah, wie ausführlich man sich dieser Trauminszenierung gewidmet haben mag – aber: Ich wäre gerne dabei gewesen.

Vielleicht bilde ich mir das auch ein. Vielleicht habe ich da etwas falsch verstanden. Die Erinnerung liegt schon lange zurück. Ich würde das nur selbst gerne einmal ausprobieren. Muss natürlich zu dem aktuell zu probierenden Stück passen. Also, irgendetwas „Traumwandlerisches“ sollte das Stück, das geprobt werden muss, schon haben…

Jedenfalls träume ich in letzter Zeit vor allem von Architektur. Von erstaunlichen Räumen, von verschachtelten Wohnungen, in die ich zu ziehen gedenke, von merkwürdigen WG-Konstellationen.

Immer haben meine Wohnungen im Traum viele verschiedene Ebenen, aber alle in einem einzigen Zimmer. Es gibt da kleine Bühnen – wahrscheinlich für Kammermusik im eigenen Salon – und viele kleine Treppen… Neulich träumte ich, ich würde mit meiner großen Schwester in eine große WG ziehen. Der Hausmeister zeigte uns im Treppenhaus einen Seiteneingang, der zu einem staatlichen Schwimmbad führte, das riesengroß, aber kaum bevölkert war. Er erklärte das damit, dass der Bau des Schwimmbades so viel gekostet hätte, dass keinerlei Gelder mehr für Marketing übrig geblieben wären. Deshalb sei die Existenz dieses gigantischen Erlebnisbades in der Stadt gänzlich unbekannt. (Okay, das mit dem Hausmeister und dem mangelnden Marketing ist ausgedacht, aber das mit dem Traum von einem nicht frequentierten Schwimmbad, zu dem man direkt über eine Tür im eigenen Treppenhaus gelangt, stimmt.)

Ab und zu träume ich auch von Klängen. Heute Nacht beispielsweise von einer zerstückelten „Für Elise“ – was vielleicht daran liegen mag, dass ich gerade die siebte Staffel von „Dexter“ schaue. Musikalisch war das ganz interessant – gibt es aber leider schon. Von irgendeinem Fluxuskünstler. Habe vergessen, wer jetzt genau.

Irgendwann träumte ich von einem Stück für Streichorchester. Ich mochte diese Besetzung nie. Eine „Streichersinfonie“ – von Mendelssohn oder so – empfand ich immer als „unganz“. Ich brauche unbedingt Bläser. Egal. Träume kann man sich ja nicht aussuchen. In jedem Fall klang dieses Streichorchesterstück sehr gut, obwohl – oder weil – es ganz einfach aufgebaut war. Irgendwie verdammt chromatisch.

Musik klingt in meinen Träumen jedenfalls immer nach Musik, die ich noch nirgendwo so gehört habe. Nicht im Sinne einer Innovation, sondern vielmehr im Sinne von ungewöhnlichen, nie zuvor erlebten musikalischen Situationen. Und in der Tat versuche ich, das zu komponieren.

Und häufig denke ich: Jeder Komponist sollte dann und wann versuchen, die Klänge, die er in seinen Träumen gehört hat, zu Papier zu bringen. Dann würde – da bin ich sicher – das, was wir „Neue Musik“ nennen, nicht immer so klingen, wie es nun mal klingt. Und so klingt es nun mal. Seien wir ehrlich.

Schlaft gut – und vertont eure Träume.

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

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