Vielleicht noch eine Frage aus dem Publikum?

Ich leide an einer chronischen Konferenzofragophobitis.

Ich möchte genauer sein. Heute war ja die Bekanntgabe des neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. Anschließend gab es Fragen der Journalisten. Aber einer unter den Fragenden war gar kein Journalist, sondern einer, also: ein Typus Mensch, den ich im Folgenden – angstvoll – beschreiben möchte.

Es kamen heute in der Philharmonie erst nur Fragen zum Thema. Dann fragte ein recht alter, gräulich-zerzauster Herr – „Sie wissen ja schon, wovon ich spreche!“ – wie das denn mit der Deutschen Bank sei. Und so. Dazu muss man wissen, dass die Deutsche Bank der Hauptsponsor der Berliner Philharmoniker ist. Und irgendwie war dieser älterer Herr offenbar jemand, der die Deutsche Bank nicht mag. Oder, dass die die Berliner Philharmoniker sponsern. Oder beides. Der Philharmoniker-Intendant reagierte natürlich ganz souverän, aber auch etwas genervt – und dementierte. Natürlich sei die Deutsche Bank weiterhin der Sponsor der Berliner Philharmoniker. Auch in den nächsten fünf Jahren. „Ja ja“ – hat sich wahrscheinlich dieser ältere Herr gedacht.

Nein, nein, nein. Ich bin noch zu inkonkret. Also, erst einmal finde ich Verschwörungstheoretiker sehr anstrengend. Und vor allem gähnend langweilig. Ich tue mich schwer mit Menschen, die hinter allem die CIA vermuten. Oder andere böse Organisationen, die natürlich immer und alles wissen – und in jeder Sache ihre Finger mit im Spiel haben. Und in jedem Aromastoff in Lebensmitteln steckt Monsanto oder der Mossad.

Und zu dieser Verschwörungstheoretikerantipathie kommt meine Konferenzofragophobitis eklatant, symptomverstärkend, ungut korrelierend hinzu.

Wer kennt die Situation nicht? „So, jetzt ist die Runde für Fragen eröffnet!“

Egal, ob nach Gesprächskonzerten, auf Jahrespressekonferenzen oder nach einem Symposiumsvortrag – mindestens alle sieben Veranstaltungen passiert es. Es meldet sich jemand, meist ältere Herrschaften, um keine Frage zu stellen, sondern ein Statement abzuliefern. Das Statement hat mit dem zuvor verhandelten Thema meist nur sehr indirekt oder gar nichts zu tun. Häufig wirken diese Menschen etwas verwahrlost und fanatisch. Weil sie genau beides sind: verwahrlost und fanatisch.

Es gibt Menschen, die haben nur ein Thema. Und das müssen sie immer und immer wieder der Öffentlichkeit mitteilen. Gerne kann es dann nach einem musikwissenschaftlichen Roundtable um die vergessene Aufarbeitung der Kolonialisierung Deutschlands gehen. Häufig sind diese Damen und Herren den Veranstaltern bekannt – und man rollt innerlich oder gar äußerlich mit den Augen. „Der schon wieder!“

Solche Leute rufen selbstverständlich auch in Call-in-Sendungen im Radio an. Und inzwischen haben sich die Strategien derlei Zeitgenossen längst ausdifferenziert. Zunächst schaffen sie noch einen scheinbar zusammenhängenden Kommentar zum eigentlichen Thema, dann kippt es plötzlich um – und sie sagen, was sie immer sagen. Das dies und jenes ganz schlimm und/oder ganz und gar unbekannt sei.

Solche Leute gab es auch hier in den Kommentarspalten oder unter meinen Facebookfreunden. Ich frage mich dabei immer, ob den Leuten bewusst ist, dass sie in ihrem Leben wirklich nur ein einziges Thema haben. Wirklich nur ein einziges Thema! Und egal, worum es eigentlich geht – sie wollen immer bloß wieder ihr Leid klagen – oder, nein, das wäre ja noch zu entschuldigen: sie wollen ihren Hass, ihre verletzte Eitelkeit an den Mann bringen. Sie wollen penetrieren, sie wollen schaden, sie wollen „aufklären“.

Und merken dabei gar nicht, wie sehr sie sich im Kreise drehen.

Entschuldigung. Ich finde das halt anstrengend. Und traurig. Und musste das eben mal aufschreiben.

Lösungsvorschläge?

Ja!

Therapie machen. Neue Länder bereisen, alleine. Neue Menschen kennenlernen, ihnen zuhören.
Und akzeptieren, dass die Welt da draußen differenzierter ist, als man glaubt.

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

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