Discovering Blitzstein (Folge 5)

Anlässlich der Europäischen Erstaufführung des Opernsketches „Triple-Sec. Die Sünde des Lord Silverside“ von Marc Blitzstein – in Kombination mit George Gershwins „Blue Monday“. 14., 15. und 17. März im Konzerthaus Berlin. Eine Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin.

Folge 1: Blitzsteins Oper: Ankündigung
Folge 2: Blitzsteins Ruhm
Folge 3: Blitzsteins Tod
Folge 4: Blitzsteins Berlin

Übermorgen – am 14. März 2015 – ist es soweit. Die Europäische Erstaufführung von Marc Blitzsteins 1928 komponiertem Opernsketch „Triple-Sec. Die Sünde des Lord Silverside“ trifft auf George Gershwins Black Man’s Opera „Blue Monday“. Blitzstein lebte eine Zeit lang in Berlin, woher auch seine Frau stammt. Beide Stücke atmen das Gefühl der 20er Jahre, vollziehen in kürzester Zeit den „Tanz auf dem Vulkan“ nach – und werden deshalb im Berliner 20er-Jahre Festival vom Konzerthaus Berlin in Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin gezeigt. Beide Stücke spielen in der Inszenierung von Tobias Ribitzki in einer Bar. Das 19. Jahrhundert verbrachte man im Salon am oder unter dem Klavier. Die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts in einer Bar, trinkend, tanzend – und seine alltäglichen Kämpfe austragend. Gefühlt dreht sich jeder zweite Schlager der 20er Jahre nicht um überschwängliche Liebe und Treue, sondern um Eifersucht und Seitensprung.

Texas Guinan

Blitzsteins kurze Opernfarce beginnt mit der Moderation einer Conférencière, die die Gäste mit einem hart-aber-herzlichen „Hello Suckers!“ willkommen heißt – und dazu auffordert, zu dem anschließenden „Drama“ anständig zu trinken. Denn nichts sei schöner als ein Schauspiel mit Essen und Trinken: „Schnitzel and Schnitzler“, „Beer and Barrie“, „Chicken and Chekhov“!

Die Worte „Hello Suckers!“ sind ein Zitat. Mit dieser besonderen Form des „Hallo“ begrüßte die berühmte Schauspielerin und Flüsterkneipen-Moderatorin Mary Louise Cecilia „Texas“ Guinan (1884-1933) die Gäste zu ihren Shows. In ihrem „300 Club“ in der 54. Straße in New York verkehrten Prominente wie Walter Chrysler oder Pola Negri – derweil George Gershwin himself dazu auf dem Klavier präludierte.

Nach diesem launigen Auftritt der Conférencière bei Blitzstein wird die Bühne freigegeben zu der Szenerie. Das reiche Haus eines Lords. Zimmermädchen und Butler stellen fest, dass die Junggesellenjahre des – gerade abwesenden – Lords wohl gezählt sind. Da taucht eine unbekannte Dame auf – und möchte den Hausherren, Lord Silverside, sprechen. Das versetzt die beiden Bediensteten in Unruhe, denn die Dame scheint Lord Silverside gut zu kennen… derweil der Lord selber aber mit seiner „Neuen“ unterwegs ist.

Es kommt, wie es kommen muss. Alle Figuren treffen schicksalsträchtig aufeinander – und Lord Silverside entpuppt sich als Heiratsschwindler. Es kommt zu Ohnmachtsanfällen und Verwirrungen. Das Publikum, zuvor nicht zufällig aufgefordert, dem Alkoholgenuss kräftig zu frönen, sieht plötzlich doppelt. Denn die „Unbekannte“ tritt nun zu zweit auf. Auch die anderen Personen verdoppeln, verdrei-, ja verachtfachen sich. Dabei sind die Verdopplungsstimmen wirklich auskomponiert, in Terzen, Quarten und Sexten. Daher auch die bei uns verschwenderische Besetzung fast jeder Sänger-Vervielfachung… Die „Lösung“ des Konflikts besteht in dem Zusammenbrechen aller moralischen Werte – und Bühnenelemente… In den Regieanweisungen des Klavierauszugs heißt es: „Die Fenster und Türen schwanken und beben“, „Das Licht funkelt und die Personen geraten schrecklich durcheinander“ – und schließlich: „Ein grüner Drachen mit roten Augen bäumt sich auf.“

Damit endet das Stück.

Es war ein fantastisches Erlebnis für mich, vor einigen Tagen die Musik erstmals mit Orchester zu hören. Die Partitur ist sehr delikat gearbeitet – keine bloße „Wiederentdeckung“, in der die Musik nur deswegen wohlwollend gelobt werden müsste, weil wir den Komponisten Marc Blitzstein hier in Europa gänzlich vergessen, ja, nie richtig ernstgenommen haben. Die Orchesterbesetzung realisieren wir streng nach Vorschrift: 2 Klarinetten, 1 Fagott (der in den gut 15 Minuten Musik etwa die Anforderungen von Strawinskys „Sacre“ zu bewältigen hat…), 1 Trompete, 1 Posaune, 2 Schlagzeuger, Klavier zu vier Händen, Violine, Viola, Kontrabass.

Die Musik erscheint wie eine exzentrische Mischung von Strawinsky-Rhythmen, Hindemith-Harmonien, sehr kurzen Tanzrhythmus-Einblendungen und einer gehörigen Portion „Kurt Weill auf Speed“…

Morgen ist die Generalprobe, dann gibt es drei Vorstellungen. Wir alle hoffen, den Abend mit Blitzstein und Gershwin noch andernorts präsentieren zu können.

Ein Projekt geht auf die Zielgerade, an dem ich über zwei Jahre mit viel Liebe und Leidenschaft gearbeitet habe.
Möge die Blitzstein-Renaissance beginnen!

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

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