Es gibt keine Krise der Klassik (I)

Die Krise der Klassik – oder: Warum innovative Konzertformate?

Seit ein paar Jahren denkt wohl jeder größerer Veranstalter klassischer Konzerte über „innovative Konzertformate“ nach. Innerhalb eines Vortrages, den ich vor ein paar Tagen an der Hochschule der Künste in Bern hielt, machte ich mir zunächst Gedanken über die Gründe, über das „Warum?“: Warum wird an uns die Forderung nach neuen Vermittlungsformen klassischer Musik herangetragen? Ich habe diesen Vortrag letztendlich frei gehalten – und möchte daher einzelne, tatsächlich verschriftliche Teile hier – stellenweise überarbeitet – veröffentlichen und zur Diskussion stellen.

Woher also eigentlich dieser „Drang“, dieses Postulat, welches uns sagt, dass wir klassischen Musiker und Musikwissenschaftler uns „öffnen“ sollen – hin zu einer „breiteren Öffentlichkeit“? Alles keine schönen Ausdrücke: „Öffnen“. Na gut. Doch schön! Aber was denn „öffnen“? Die Arme? Die Fenster zu unserem ach so hermetischen Elfenbeinturm? Man kann es doch nicht mehr hören. Und „Elfenbeinturm“ ist doch eigentlich ein schöner Begriff. Ich würde gerne einen Elfenbeinturm besitzen. Allerdings nicht aus echtem Elfenbein. Ich mag Elefanten. Den gehören nicht die Beißerchen rausgerissen. Elefanten gehören gestreichelt und getätschelt – natürlich nur in der freien Natur und bei absolut freiwilliger Einwilligung in den Streichelprozess. Und: „breitere Öffentlichkeit“. Kein Kommentar. Aber diese Begriffe sind – sagen wir es vorsichtig – anstrengend geworden. Genauso natürlich wie der Begriff der „Musikvermittlung“. Alles klingt so bemüht – und eigentlich gar nicht innovativ.

Ich möchte ein Dilemma beschreiben. Ein Dilemma, in der wir mit klassischer Musik uns Befassenden stecken. Die Art, dieses Dilemmas zu beschreiben, wird vielleicht überraschen, da ich nicht in den Chor derjenigen mit einstimmen möchte, die lauthals krakeelen: „Die Klassik stirbt aus! Lasst und jetzt etwas unternehmen, bevor es zu spät ist!“ (In der Folgerung: Lasst uns innovative Konzertformate erfinden und beispielsweise Konzerteinführungen so gestalten, dass noch der am wenigsten Gebildete alles versteht!)

Zunächst: Die klassische Musik steckt natürlich in überhaupt keinem Dilemma. Der klassischen Musik beispielsweise ist es völlig egal, ob sie auf Schellack, Vinyl, Kassette, CD, Mp3-Player, auf dem Smartphone, auf YouTube, auf Spotify oder – völlig abgefahren – live gehört wird.

Bei den offenen und heimlichen Forderungen nach innovativen Konzertformaten – und der damit häufig einhergehenden Behauptung, die Klassik sei in der Krise – geht es fast einzig und allein um das Image der Klassik – um das Image der klassischen Musik heute.

Ja, irgendwie scheint man für die Ausübung klassischer Musik vor hundert Jahren – eine völlig unwissenschaftliche Annahme jetzt – mehr Anerkennung bekommen zu haben. Ohne auf das 19. Jahrhundert und das obligatorische Hobby schöner junger Mädchen damals – nämlich: Klavier spielen – in Paris um 1856 zu kommen, aber: Ja, möglicherweise war Klassik vor hundert oder sogar vor fünfzig Jahren noch selbstverständlicher als heute. Anders gesagt: Auf einer Feierlichkeit wurde man 1965 weniger schief angeguckt als heute, im Jahre 2015, auf einer Party irgendwo in Berlin-Neukölln (sofern keine Musikerparty), wenn man sagt: „Ich beschäftige mich hauptberuflich mit klassischer Musik!“

Und da beginnt das Dilemma. Wir fühlen uns nicht mehr selbstverständlich, vielleicht, weil uns das einige einreden wollen. Oder gar wir selber? Wir sind offenbar nicht hip. Andererseits – und ich zitiere einen genau einen Jahr alten Artikel aus dem Hamburger Abendblatt: „Stolze 88 Prozent [einer Umfrage] […] halten klassische Musik für ein wichtiges Kulturgut, aber nur jeder Fünfte besuchte in den letzten zwölf Monaten auch leibhaftig ein Klassik-Konzert […].“

Also, irgendwie könnten wir sehr wohl hip sein. 88 Prozent gestehen uns in irgendeiner Umfrage also Hipness-Potential zu. Immerhin. So ganz tot sind wir noch nicht. Allerdings: Ich glaube nicht, dass diese 88 Prozent wissen, was Klassik ist, wie lange eine Bruckner-Sinfonie dauern – oder was es bedeuten kann, den ganzen „Siegfried“ auf den unbequemsten, aber auch berühmtesten Opernhausstühlen der Welt, nämlich in Bayreuth, auszuhalten. Meines Erachtens ist es das Image der Klassik, das als durchaus hip empfunden wird. Und ich sage: es ist ausschließlich das Image der Klassik! Und was ist denn image-bildend hinsichtlich der Wirkung von klassischer Musik – oder dem, was viele dafür halten – auf die Öffentlichkeit?

Pseudo-Klassik. In meiner Jugendzeit waren das die Geigerin Vanessa Mae und der – bis heute sich durchaus haltende und natürlich viel ernsthaftere – Nigel Kennedy. Irgendwann traten selbst die Scorpions – wahrhaft eine schlimme, schlimme Rockband – mit Sinfonieorchester auf.

Ich zitiere aus meinem Bad-Blog-Artikel „Klassische Musik. Ein rein optisches Phänomen“ vom 31. Dezember 2013:

Immer, wenn ich Boxkämpfe im TV live anschaue, was ich gerne tue, spielt vorher ein weibliches, hübsches Streichquartett die Nationalhymnen der beiden Kontrahenten und traditionellerweise – das mag ich total beim Boxen, weil es einzigartig ist! – die Hymne des Landes, aus dem der Ringrichter kommt. Dass das im Grunde immer so ist, hängt vermutlich damit zusammen, dass diese Veranstaltungen wohl komplett von Sauerland Event – dem absoluten Marktführer in Sachen Boxen in Deutschland – organisiert werden. Das ist halt bei denen einfach so. Das bekommt man dann in diesem Paket so angeboten.

Da sitzen also diese vier hübschen, streichenden Damen auf einer Extra-Bühne und spielen die Nationalhymnen. Natürlich ist das nicht live. Das ist Playback. Seit geraumer Zeit habe ich aber die Vermutung, dass das noch nicht einmal von echten Geigerinnen und Geigern in einem Studio eingespielt wurde. Hört mal beim nächsten Box-Kampf vorher zu! Das ist ein gesampeltes Streichquartett! Ernsthafte Theorie jetzt! Bitte aufschreiben!

Ist ja klar: vier Damen, die nur hübsch sein brauchen. Und vier Streichinstrumente, die sagen sollen: Hier, so ein bisschen ‚kulturell‘ und ernst können selbst wir beim Boxen! Und es merkt ja keiner (außer meiner Wenigkeit, haha!), dass die nicht nur nicht live spielen, sondern dass das ‚Blüh’n im Gla-hanze‘, das wir da hören, niemals echtes Tageslicht (blöde Formulierung jetzt) gesehen hat! Und genau das meine ich: Klassische Musik ist heute ein fast rein optisches Phänomen geworden.Wir kennen das, diesen Trend meine ich. Das hat vor gefühlt etwa zwanzig Jahren schon begonnen. Eine Rockband macht mal ein Projekt mit einem klassischen Orchester. ‚Rock goes Classic‘ oder so hieß das damals meistens. Die schrecklichen Scorpions haben das beispielsweise mal versucht. Und eigentlich egal, wer das gemacht hat: im Hintergrund sitzt dann beim Live-Auftritt in der Tat ein ganzes klassisches Sinfonieorchester; und die bewegen sich auch – aber: MAN HÖRT VON DENEN NICHTS! Also: entweder wenig, nur zwischendurch oder am Ende mal kurz etwas – oder tatsächlich: nichts! Ja, das ist so! Schaut nicht so komisch!

Man hört das Schlagzeug, die Gitarre, den E-Bass und den Gesang der Band. Das Orchester sitzt nur dahinter und spielt (irgendetwas). Das meine ich. ‚Klassischer Anstrich‘ – aber völlig ohne (klangliche) Auswirkung.

Ich behaupte, Gedankenexperiment jetzt: Angela Merkel könnte irgendeine Ansprache halten zu irgendeinem feierlichen Zweck: dahinter sitzt ein Sinfonieorchester; spielbereit (um zu irgendwelchen Jahrestagen irgendeinen getragenen langsamen Sinfoniesatz oder so beizutragen). 98 Prozent der Leute im Saal würden gar nicht merken, wenn das Orchester nicht spielt. Es geht einzig und allein darum, dass die da sitzen – und Feierlichkeit und Ernsthaftigkeit verbreiten. Aber halt: rein optisch!

Heute heißen die Vanessa Maes von damals Adoro (ganz ganz schlimm, nicht googeln!) und vor allem David Garrett (der wohl privat durchaus sympatisch ist – und dessen Show wirklich gut funktioniert; habe ich mir mal angeschaut. Ist nicht meins, aber er macht das wirklich prima!).

Und hier kommt ein Totschlagargument von außen ins Spiel. Wir ernsthaften klassischen Musiker müssen uns häufig anhören, wir seien auf diese „Klassik-Popstars“ neidisch. Was für ein schlechtes Argument. Mag sein, dass manche, vielleicht viele Musiker neidisch auf irgendwas und irgendwen sind. Ich bin es nicht. Ich gönne jedem alles. Ja, ich würde mich in meiner Haut nicht wohlfühlen, wäre mir das Gefühl des Neids nicht fremd. Wirklich. Ich bin ein sehr zufriedener Mensch – und ich kann Qualität und kommerziellen Erfolg unterscheiden. Und ich fühle mich in keiner Weise zu kurz gekommen.

Man bekommt als seriöser klassischer Musiker nur sofort Neid unterstellt, weil man als Geiger eben nicht in Berlins O2-Arena vor 8.000 Teenies auftritt, sondern „nur“ vor 2.300 – eher älteren – Menschen in der Philharmonie. Die Neid-Debatte. Oft bemüht, nie wegzudiskutieren, ein Totschlag-Argument. Bitte nicht mehr.

Nur muss man ja feststellen: Das, was die Klassik-goes-Pop-oder-umgekehrt-Sternchen da oben machen, ist keine Klassik.

Morgen mehr.

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

3 Antworten

  1. Recht so! Was soll übrigens immer dieses Streben nach hip-sein? Dann sind wir lieber un-hip und haben dafür einen guten Musikgeschmack und hören echte Klassik, einfach gespielt , wie es in den Noten steht, wie es der Komponist gemeint hat und wie es der Musiker interpretiert… Ohne Schnörkel… dazu bedarf es keiner Formate…die braucht sie nicht. Wer nicht will, der hat schon, der soll eben zu D. Garrett gehen..

    Übrigens: Heute kann man schon froh sein, wenn manche Jugendliche schon einmal die Namen Beethoven und Chopin gehört hätten!

  1. 30. Januar 2015

    […] Teil I und Teil II des Artikels. […]

  2. 31. Januar 2015

    […] also – nach den Teilen I, II und III – der letzte Teil meines […]

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