Vorbereitung der Atopie. Ein Text in 6 Teilen. Sechster und letzter Teil: Das hohe Fenster

DAS HOHE FENSTER

Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem dunklen Raum mit einer sehr hohen Wand, die den Blick nach draußen versperrt. In dieser Wand sind hunderte von Fenstern, kleine, große, dicke, dünne. Wenn Sie eine Leiter zur Verfügung hätten, welches Fenster würden sie wählen?

Ich würde das höchste Fenster wählen. Ich würde auf die letzte Stufe der Leiter steigen und das – vielleicht auch kleine – sehr hohe, das höchste aller Fenster wählen, um nach draußen zu schauen, denn dieses Fenster hat einen entscheidenden Vorteil: Nicht nur kann ich von diesem Fenster sehr weit hinausschauen, weiter als aus jedem anderen Fenster, ich kann von oben auch auf die anderen Fenster unter mir schauen. Im besten Falle sehe ich beides: die Fenster unter mir und die Welt draußen.

Darum geht es mir in der Vision einer atopischen Musik, von der ich hier spreche. Diese Musik hat keinen definierbaren Ort. Sie ist nicht eingerahmt, daher kann man sie nicht einordnen. Das mag ihrer Vermarktung abträglich sein, aber wenn es in der Kulturgeschichte immer darum gegangen wäre, dass etwas sofort von allen schnell verstanden und gemocht wird, wären wir nicht so weit gekommen. Die atopische Musik braucht den wilden Raum der Freiheit. Zu dieser Freiheit gehört auch Freiheit von den Zwängen eines vordergründigen Erfolges.

Die atopische Musik macht aber auch nicht den Fehler, ein Unvermögen verständlich zu sein als Ruhmesblatt zu benutzen. Selbstverständlich will die atopische Musik verständlich sein. Sie ist es nur nicht immer sofort für jedermann, weil die Dinge die sie verhandelt vielleicht nicht einfach sind. Aber verständlich will sie sein. Auch Schopenhauer, Hegel und Kant wollten unbedingt verständlich sein, aber nicht alles kann man sofort verstehen, das Leben nicht und die Liebe schon einmal gar nicht. Trotzdem lebt und liebt man.

Die atopische Musik hat keinen Ort, und damit auch keinen Stil. Sie ist stillos. Stillosigkeit ist aber der radikalste und künstlerischste Akt überhaupt, denn Stillosigkeit heißt Grenzüberschreitung.

Die atopische Musik steht über allen Stilen, sie amalgamiert alles und sucht nach der Wahrhaftigkeit in Allem: dem Banalen, dem Raffinierten, dem Albernen, dem Kitschigen. Wo kein Kitsch ist, ist auch keine Wahrheit, aber wo es echte Wahrheit gibt, ist Kitsch kein Kitsch mehr. Deswegen lieben wir Chopin.

Die atopische Musik ist in der Lage, auf alle Stile, auf alle Fenster zu schauen. Sie mag in gewisser Weise ihr eigener Stil sein, bildet sich aber nicht das Geringste darauf ein, denn sie schaut nicht nur nach unten sondern vor allem nach vorne. Die atopische Musik will immer – zu jeder Zeit und zu jedem Moment – DIE SUMME ALLER MUSIK SEIN. Die atopische Musik weiß, dass diese Summe nie möglich ist, da sich unter ihr immer wieder ein neues Fenster öffnen kann, das einen neuen Blick eröffnet. Die atopische Musik ist neugierig, und folgt diesem Blick und folgt ihm, ohne Vorurteil. Sie entdeckt, ohne zu bewerten. Zur nachträglichen Bewertung ist IMMER genug Zeit.

Insofern handelt die atopische Musik wie ein Liebender, der das Objekt seiner Liebe immer wieder aufs Neue anschaut. In diesem Blick gibt es keine große und keine kleine Schwester, sondern unendlich viele Schwestern, Brüder, Väter, Mütter, Kinder. Dabei wird es nie langweilig, wie jeder mit Familie weiß.

Frank Zappa hat seine erste Band „Mothers of Invention“ genannt. Das fand ich immer einen sehr schönen Namen. Die reale Welt, und die Themen der realen Welt, sind aber die größte Mutter der Erfindung, die es überhaupt gibt. Die Mutter aller Erfindungenmütter.

Lassen Sie uns über die Möglichkeiten atopischer Musik sprechen, sollten wir uns denn entscheiden, eine solche Musik schreiben zu wollen. Ich habe diese Entscheidung schon lange getroffen, aber lange habe ich nicht verstanden, dass ich sie schon längst getroffen hatte.

Die atopische Musik ist nicht zu verwechseln mit einem Gemischtwarenladen, so wie es der Postmoderne gerne vorgeworfen wird. Die atopische Musik bedient sich nicht, sie dient, einer Idee zum Beispiel. Das ist das, was ich mit wahrhaftig meine. Daher kann sie im besten Falle – wenn sie gelingt – nie beliebig sein, höchstens unendlich vielfältig, wesentlich vielfältiger als die vielen, vielen Genremusiken in ihren vielen kleinen Genregefängnissen.

Der Schlagersänger würde nie auf den Gedanken kommen, ein Lied von Wolfgang Rihm zu singen. Wolfgang Rihm würde nie auf die Idee kommen, einen Schlager zu schreiben. Ich glaube, beiden entgeht etwas.

Die atopische Musik klingt wie Wolfgang Rihm, der einen Schlager schreibt. Die atopische Musik ist bedingungslos unkonventionell und stellt keine neuen Konventionen auf. Der atopischen Musik ist es egal, ob etwas tonal, atonal, polytonal oder spektral ist. Es ist ihr egal, ob etwas melodisch, konsonant, dissonant, harmonisch, disharmonisch usw. ist, da all dies nur Hilfsbegriffe der Ab- und Ausgrenzung sind, die die Wände des eigenen Stilgefängnisses untermauern und die eigene Beschränktheit beweisen. Warum soll ein bestimmter Stil besser als ein anderer Stil sein? Die einzige Antwort auf diese Frage ist, keinen Stil zu haben. Die einzig Antwort auf diese Frage ist die totale Atopie, was wiederum auch eine Utopie ist, denn natürlich gelingt diese Freiheit von der ich hier spreche, nur ganz, ganz selten, sie ist kostbar wie eine seltene Blume, die man schützen muss.

Die atopische Musik biedert sich aber auch nicht an, unterwirft sich nicht dem billigsten und seichtesten Geschmack, um ein schnelles Geschäft zu machen. Die atopische Musik lügt nicht und macht es sich nicht leicht. Die atopische Musik will nicht schön klingen, sondern kämpft darum, schön klingen zu können. Das ist ein Unterschied.

Die atopische Musik ist nicht Eric Whitacre.

Die atopische Musik sucht Wahrhaftigkeit.

Die Wahrhaftigkeit ist etwas Seltsames – sie ist ganz schwer zu beschreiben, man kann meistens nur ihre Abwesenheit konstatieren, zum Beispiel bei Justin Bieber. Aber wenn es sie gibt, weiß man es.
Die 9. Symphonie von Beethoven ist wahrhaftig, deswegen überlebt sie die vielen Anschläge, die auf sie verübt werden. Sie ist es, weil es Beethoven um mehr ging, als nur einen Stil zu repräsentieren, erfolgreich zu sein, oder bewundert zu werden. Die 9. Symphonie hat etwas über uns als Menschen zu erzählen.

Natürlich kann und muss nicht jedes Stück eine 9. Symphonie sein, das wäre unerträglich. Ich bin mir aber sicher, dass unsere Welt voller Ablenkungen mehr Platz hat für Inhalte und große Entwürfe, als manch Zyniker glauben mag. Es geht nicht darum, etwas darzustellen, sondern etwas darzulegen. Das ist die eigentliche, heilige Aufgabe des Künstlers, jede Zeit von dem zu heilen, an dem allein sie leidet. Das hat Kurt Schwitters gesagt, und es ist mein Lieblingssatz.

Ich habe vorhin von der Leiter gesprochen, mit der man das hohe Fenster erreichen kann. Die Leiter der atopischen Musik ist die Notenschrift. Mit der Notenschrift – die noch sehr jung und ganz am Anfang ist – können wir Dinge aufschreiben, die uns bewahrenswert erscheinen. Mit der Notenschrift können wir in alle Länder der Musik reisen, die Notenschrift ist nicht das Gegenteil der Improvisation, sie ist deren Bereicherung. Nun kann ich nicht nur mit Tönen, sondern auch mit Ideen improvisieren.

Mit der Notenschrift konnte Bela Bartok die Volksmusik seiner ungarischen Heimat aufschreiben, konnte Messiaen den Gesang der Vögel notieren. Beide waren in ihren Versuchen nicht perfekt, aber totale Perfektion war schon immer der Feind der Phantasie. Daher will die atopische Musik auch nie ein perfektes Produkt sein. Sie will überhaupt kein Produkt sein, sondern die poetische Notiz einer Suche, die – in Etappen – manchmal einen kleinen Teil der Wahrheit zu finden hofft. Was immer besser ist, als nie nach der Wahrheit zu suchen. Nur dies ist wahrhaftig.

Abschließend muss ich sagen: Ich weiß nicht, wie die atopische Musik klingt. Wenn ich es wüsste, würde ich sofort aufhören, zu komponieren. Aber ich weiß sehr genau, wie sie nicht klingt. Sie ist weder die Musik der Experten noch der grölenden Massen. Sie ist aber auch nicht der Mittelweg des geringsten Widerstandes.

Wie ich schon gesagt habe: Die atopische Musik ist die Möglichkeit einer Summer aller Musik. Eine solche Musik möchte ich schreiben, und ich würde mir wünschen, dass Sie eine solche Musik hören wollen.

Moritz Eggert

chandler1

Moritz Eggert

Komponist

38 Antworten

  1. knopfspiel sagt:

    Stimme allem zu, bis auf dem Absatz über die Notenschrift.

    Es sei denn, man redet allgemein über jegliche Methode der Verschriftlichung, oder noch abstrakter, Konzeptualisierung (?). (Könnte ja auch Musik mit Bauklötzchen notieren)

  2. @Moritz: Danke für dieses ausführliche Manifest, mit dem du – so verstehe ich das – eine waschechte Künstlerästhetik vorgelegt hast. Was fehlt, ist die Auseinandersetzung mit dem *sozialen* Ort, an dem diese atopische Musik sich ereignen soll.

    Ich (für mich) habe diesen Ort ja bereits seit Jahren gefunden: es ist das Internet, also so ziemlich der atopischste Ort wo gibt. Leider dämmert meine Musik dort schon über 15 Jahre (kein Scherz, meine Homepage „In-Different Styles“ ist seit dem Jahr 2000 online) fast völlig unbeachtet vor sich hin – und das sage ich jetzt ohne jede Bitterkeit. Nur 2006 bekam ich von einem anonymen Hörer mal eine Rückmeldung („This recording features modern classical music with a leaning towards minimalist (but perhaps not a full commitment in that direction), as well as a good few ideas from the modern jazz end of the spectrum. It’s complex, but not abstruse. In the simplest terms, it’s a good listen.“), die mich dann natürlich um so mehr freute.

    Mein blogosphärisches Engagement hier im BBoM bzw. – seit 2011 – in meinem eigenen Blog „Weltsicht aus der Nische“ hat nichts geändert. Aber auch das habe ich mittlerweile akzeptiert. Ich finde es auch nicht mehr sinnvoll, nach Gründen für dieses auffällige Desinteresse zu fragen, die *in der Musik* liegen. Ich kann ja sowieso nur die Musik schreiben, die ich schreiben kann.

    Also spekuliere ich mal: Liegt es vielleicht daran, dass sich bis heute so recht niemand vorstellen kann, dass ein Niemand anfängt, selbstkomponierte eMusik „einfach so“ zum kostenlosen Download ins Netz zu stellen – und diese Musik hätte auch noch halbwegs Qualität? Sind „die Leute“ wirklich so fantasielos? Ich fürchte ja („Was nichts kostet, kann nichts wert sein!“ – „Wenn die Sachen wirklich gut wären, stünden sie doch nicht einfach so im Netz!“ etc.). Gut, dann beschuldige ich mich hiermit der Naivität, darauf gehofft zu haben, dass sich Qualität unter Umgehung institutioneller Anerkennung „einfach so“ durchsetzt und nenne mich einen namenlosen Netz-Utopisten (der natürlich „damals“ die Piratenpartei wählte!).

  3. Beim Lesen der vorausgehenden Teile hat sich mir immer mehr die Vermutung aufgedrängt, es gehe bei der anvisierten Atopie auf die so ähnlich sich lesende Utopie hinaus. Und genau da ist der insgesamt logische und nachvollziehbare, an wichtigen Erkenntnissen und Gedankenspielen reiche Text angekommen.

    Er läuft auf das hinaus, was ich Dir, lieber Moritz, an anderer Stelle dieses Blogs schon einmal empfohlen habe: vertraue auf Dein Können, Deine Intuition und gehe Deinen Weg.
    Na gut, ein wenig gedankliche Fundierung schadet nicht, aber letztlich wissen wir, dass sie dem Macher nicht wirklich hilft und dass die blaue Blume nie gefunden werden kann. Sie steht an keinem Ort und ist doch überall.

    „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück“, heißt es im berühmten Schubertlied.
    Und es gibt noch einen weiteren, von Schubert vertonten Wanderer (neben anderen):

    Der Wanderer

    Wie deutlich des Mondes Licht
    Zu mir spricht,
    Mich beseelend zu der Reise;
    „Folge treu dem alten Gleise,
    Wähle keine Heimat nicht.
    Ew’ge Plage
    Bringen sonst die schweren Tage;
    Fort zu andern
    Sollst du wechseln, sollst du wandern,
    Leicht entfliehend jeder Klage.“

    Sanfte Ebb und hohe Flut,
    Tief im Mut,
    Wandr‘ ich so im Dunkeln weiter,
    Steige mutig, singe heiter,
    Und die Welt erscheint mir gut.
    Alles reine
    Seh ich mild im Widerscheine,
    Nichts verworren
    In des Tages Glut verdorren:
    Froh umgeben, doch alleine.

    „Froh umgeben, doch alleine“
    Das wird die Erfahrung des Atopisten sein.

    Und hier ein Link zu einem von mir übersetzten Text des AşÄk Veysel, der bei der Abfassung des Textes 49 Jahre alt war:

    http://www.guntramerbe.de/veysel_weg.html

    (Die zwei Türen sind Geburt und Tod)

    In Freundschaft
    G. E.

  4. Danke für eure Kommentare!
    @knopfspiel: Ich wollte damit ausdrücken, dass die Notenschrift abendländischer Tradition tatsächlich eine sehr ungewöhnliche Errungenschaft ist, da sie einen riesigen Spielraum zur Weiterentwicklung gibt (was auch stetig geschieht). Und ja, sie könnte auch mit Bauklötzchen arbeiten. Das soll jetzt keine abendländische Überlegenheitsrhetorik sein – so etwas finde ich schrecklich. Die anderen Musiknotationssysteme der Weltkulturen sind hochinteressant, aber eben nicht so flexibel. Und wir benutzen wiederum auch arabische Zahlen anstatt den römischen, eben weil diese viel besser komplexe Mathematik darstellen können. So gibt es in allen Kulturen dieser Welt wunderbare und spannende Dinge!

    @Stefan: Die Atopie des Internets ist sicherlich eine Chance, da gebe ich Dir Recht, gleichzeitig ist es aber auch von massendemokratischen (und recht grausamen in ihrer Profanität und Funktionsweise) Phänomenen wie „likes“ oder „links“ abhängig. Der Grund für die von Dir beschriebene Ignoranz Deinen Texten gegenüber ist ja nicht, dass die Texte nicht gut sind, sondern dass sie einfach nicht genügend verlinkt sind. Oder andersrum gesagt: niemand würde die langweiligen Tweets von Ashton Kutcher lesen, wenn er nicht auch Film/Fernsehstar wäre und diese Präsenz ins Internet „verlinkt“ hätte. Und den Bad Blog wiederum würde niemand lesen, wenn es nicht irgendwann einmal eine gewisse kreative Aufregung um eine anonyme Kolumne in der NMZ gegeben hätte und sich das dann durch „word of mouth“ herumgesprochen hätte. Mein schneller Rat wäre also auf jeden Fall mit Deiner hervorragenden Internetarbeit weiterzumachen, aber eben auch mittels anderer Aktivitäten zu „verlinken“. Aber natürlich brauchen wir freie Kunst im Internet!

    @Guntram: Es freut mich, dass Du am Ende etwas mit dem Text anfangen konntest. Natürlich geht die Suche für mich täglich weiter und es war noch nie Teil meiner persönlichen Lebensphilosophie ein „Rezept“ zu suchen. Diese Art von ästhetischen Selbstgesprächen sind auch dazu da, den Widerspruch herauszufordern, auch den inneren.
    Man wird sehen!

  5. Thomas sagt:

    Ich halte das für seicht-utopisches und naives Gebrabbel. Gerade die ihrem Wesen nach abstrakte Musik braucht einen Ort, einen kulturellen Kontext, um überhaupt lebensfähig zu sein. In den Ausführungen offenbart sich ein völlig oberflächliches Verständnis von Genre und Stil, als ob es Kleider in einem Kleiderschrank wären, aus denen man sich nach Lust und Laune bedienen könnte. Doch sie sind eben nicht nur musikalisches Schema, das man nach Belieben imitieren oder adaptieren kann, sondern haben weit und tief reichende soziologische, kulturelle, historische und psychologische Implikationen, die sich sich eben nicht einfach mit handwerklichem Geschick reproduzieren lassen. Eine Musik ohne Ort ist eine Kopf- und Totgeburt.

  6. @Thomas: Es tut mir leid, dass Dir der Artikel nichts gebracht hat. Ich empfehle aber dennoch freundlich die Lektüre der ersten 5 Teile des Textes, in denen es genau um die Fragen geht, deren Diskussion Du vermisst hast.
    Aber klar, manchmal hat man einfach nicht so viel Zeit…

  7. Troubador sagt:

    Lieber Herr Eggert, ich habe alle sechs Teile gelesen und muss mich dennoch und nun erst recht meinem Vorkommentator „Thomas“ anschließen. Mal angenommen, „die“ klassische Musik (geht’s noch etwas unpräziser?) wäre tatsächlich tot. Mal angenommen, „die“ Neue Musik wäre tatsächlich in erster Linie klein, eng und spießig. Mal angenommen, es würde sich bei all diesen Aussagen nicht nur um bornierte Verallgemeinerungen handeln, sondern sie hätten irgendeine Grundlage, wären aus irgendeiner ernsthaften Analyse heraus entstanden. Dann hätte diese von Ihnen so vollmundig totgesagte Neue Musik doch immerhin ein gutes Jahrhundert gelebt, „die“ klassische Musik sogar ein paar hundert Jahre. Ein so stolzes Alter muss man erst einmal erreichen, finden Sie nicht?

    Wetten, dass in hundert Jahren niemand über den „Tod der atopischen Musik“ schreiben wird? Und auch in zehn Jahren nicht? Weil sich kein Mensch an diese Totgeburt erinnern wird?

    Wie haben die beiden das bloß gemacht, „die“ klassische und „die“ Neue Musik? Wie haben sie bloß dieses hohe Alter erreicht?

    Vielleicht durch Relevanz? Durch künstlerische Substanz? Vielleicht dadurch, dass es über die Jahrhunderte immer wieder Komponisten gab, die etwas zu sagen hatten, das manchmal zeitbezogen-aktuell war und manchmal zeitlos? Komponisten, die nicht bloß selbstgefällig um sich selbst kreisten?

    Immerhin sind Sie ehrlich und geben ganz unmissverständlich und offen zu (wenn auch etwas wolkig formuliert), dass Ihnen solche Nebensächlichkeiten wie „künstlerische Substanz“ gleichgültig sind. Der Kernsatz Ihres verschwurbelten Manifestes ist ja wohl offenbar dieser: „meiner Musik ist es egal…“. Das, was dann kommt, ist ziemlich austauschbar. Alles egal eben, egal was.

    Alles Gewesen für tot erklären und in Frage stellen? Das hatten wir doch schon mal, die Veranstaltung nannte sich – „Neue Musik“. Der Unterschied war bloß, dass dieses Infragestellen ein wenig präziser und zielgenauer ausfiel und auf der Grundlage einer gründlichen ästhetischen und gesellschaftlichen Analyse geschah und nicht auf der Grundlage persönlicher Übersättigung und Selbstgefälligkeit.

    „Das höchste aller Fenster wählen, um nach draußen zu schauen?“ Auch das hatten
    wir schon mal, man nannte das in den zurückliegenden Jahrzehnten Elfenbeinturm“. Der Unterschied war bloß, dass von diesem Elfenbeinturm herab (immerhin!) unbequeme Wahrheiten verkündet wurden, kompromisslos um Ausdrucksmittel gerungen wurde. „Man schindet die Ohren sich blutig an Noten“, hat Gerhard Stäbler einmal geschrieben. Ob dieser hohe Anspruch immer eingelöst wurde, sei dahingestellt. Aber immerhin haben die, die diesen Elfenbeinturm bestiegen, dort oben etwas gesucht. Einfach nur auf die höchste Leiter zu klettern, um auch einmal der Größte zu sein und von oben „kuckuck“ zu rufen – das ist billig.

    Aber es ist auch ehrlich. Denn, machen wir uns nichts vor: Bei all diesem Wortgeklingel geht es doch letztlich bloß darum, im Gespräch zu bleiben. Mit „Neuer Musik“ funktioniert das heutzutage wahrscheinlich wirklich nicht mehr so richtig. Dem Begriff fehlt der Glanz, er ist (wie Sie es so schön beschrieben haben) einerseits „picklig“ geblieben, obendrein aber auch noch runzelig und verstaubt geworden. Sich mit einer Revoluzzer-Attitüde zu schmücken und gleichzeitig diesen etwas altmodischen Begriff zu verwenden, das funktioniert nicht. Unter anderem funktioniert es schon deswegen nicht, weil diese pubertäre Attitüde des Vatermords selber so picklig und verstaubt ist. Schon gar nicht funktioniert es aber, wenn man inhaltlich eigentlich nichts zu sagen hat. Außer „schaut mal alle her, ich bin ganz oben auf der Leiter“.

    Also muss man den Begriff in Frage stellen, für tot erklären, ein neues Logo auf den gepanschten Wein in alten Schläuchen kleben, damit man so weitermachen kann wie vorher. Und die Revoluzzer-Verkleidung gibt es auf diese Weise sogar noch gratis dazu.

    Aber zu einem möchte ich dann doch ganz herzlich gratulieren, nämlich dazu, dass Sie Ihr wichtigstes Anliegen offenbar erreicht haben: Sie können nun auf der nächsten Party endlich wieder erzählen, was Sie „eigentlich für Musik machen“.
    „Hallo, ich bin der Moritz, und ich komponiere atopische Musik. Die klingt nach Liebe und Wahrhaftigkeit, so wie wenn Wolfgang Rihm einen Schlager schreibt, und ansonsten ist ihr alles egal.“

    Na, da wird aber bestimmt ein großes Hallo auf der Party sein!

    Da lobe ich mir doch einen Pekinesenzüchter-Stammtisch. Die machen wenigstens nicht so viel Gerede.

  8. @Moritz: Heißen Dank für die aufmunternden Worte :-) *Natürlich* kämpfe ich weiter ;-) Dass exklusive Netz-Aktivität, zumal in Deutschland, zumindest ein zähes Geschäft ist, geht klar, da habe ich die technosoziale Dynamik hierzulande wohl ein wenig überschätzt. Aber: was nicht ist, kann ja noch werden. Ich bsp.weise höre grade zum ersten Mal, dass das BBoM einst aus einer Print-Kolumne hervorging. Aber ich bin wohl „irgendwie untypisch“, was mein Mediennutzungsverhalten betrifft (das sage nicht ich, das sagen mir andere, immer wieder).

    „Atopie“ muss ja nicht „Ortlosigkeit“ heißen, sondern kann auch ein „Ins-Freie-Treten“ bezeichnen, im Sinne eines Prozesses der De-Institutionalisierung der Neuen Musik hin zur Kunstmusik (bzw. eMusik, wie ich das manchmal nenne, wobei das kleingeschriebene „e“ eben nicht auf die blöde Trennung E- und U-Musik, sondern auf Begriffe wie eBook, eMail oder ePlayer anspielen soll). In diesem Sinne bin ich ganz bei dir.

  9. Für Leute, die mich ernst nehmen:

    Wo ist der Ort der Atopie?
    Wo ist der Ort der Utopie?
    Ganz fern, ganz nah
    Und irgendwie
    Niemals nie
    Da.
    Da
    Hilft auch nie
    Und irgendwie
    Ganz nah, ganz fern
    Und weiter auf dem Erdenstern:
    Wie hätten Sie’s denn diesmal gern?

  10. @Troubador

    Ein Komponist, der sich und seine Musik ernst nimmt, ist besonders zum Zeitpunkt des Komponierens einer, der vielleicht manchmal selbstgefällig , meist jedoch unsicher und selbstkritisch am Werk feilend um sich selbst kreist (eigentlich ein eher komisches Bild). Wir kennen ja für alle diese Verhaltensweisen Beispiele aus der Musikgeschichte

    Das Umsichselbstkreisen einem Komponisten vorzuwerfen, nützt nichts.

    „Entscheidend ist was hinten rauskommt“ (Helmut Kohl).

    Und dann ist das Publikum, sind die Hörer gefordert.
    Passen Komponiertes und Hörerohren- und -erfahrungen zusammen, kommt ein „Werk“ an.
    Passen sie nicht zusammen, bleibt das Komponierte etwas Beiläufiges, das schnell vergessen wird.
    Passen erst spätere Ohren zum Komponierten, können die entsprechenden Ohrenträger milde über die alten Ohren lächeln, vielleicht spotten.

    Die Tendenz, Musik, die nicht nur zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus gelangte, die möglichst viele Ohren verschiedenster Zeiten spitz machte und macht, als „klassisch“ zu bezeichnen, besteht nun einmal.
    Und „klassisch“ heißt dennoch nicht ewig.

    Nach meinem Empfinden ist Moritz Eggert einer, dessen Musik Ohren spitz macht.

    Von ihm zu erwarten, dass er so gut Wörter, Worte und Sätze schreiben kann wie Noten, ist zu viel verlangt (verzeih das, lieber Moritz). Wir nehmen ja beispielsweise Wagner seine essayistischen und rhetorischen Unsäglichkeiten und Beethoven seine neurotischen Briefe auch nicht ernsthaft übel.

    Trotzdem: von dem, was Moritz Eggert in den sechs Teilen auf dem Weg zum Ungehörten und Unerhörten formuliert hat, ist manches bedenkenswert.

    Und wenn dabei für Sie, bester Troubador, nur “Hallo, ich bin der Moritz, und ich komponiere atopische Musik. Die klingt nach Liebe und Wahrhaftigkeit, so wie wenn Wolfgang Rihm einen Schlager schreibt, und ansonsten ist ihr alles egal” hinten rausgekommen ist, ist das bedauerlich.

    ;-) Sie wissen ja, was normalerweise – vielleicht auch bei Ihnen – hinten raus kommt. ;-)

  11. @Troubadour: Wer sich so aufregt, den hat es in irgendeiner Form getroffen. Allein darin liegt schon ein Moment von Wahrhaftigkeit.
    Viele weitere solche Momente in Deinem Leben wünscht Dir von Herzen Dein Moritz Eggert (und viele Grüße an Gerhard!)

  12. Eberhard Klotz sagt:

    Lieber (oder liebe?) Troubador,

    habe nun auch alle Teile des Postulats gelesen: ich denke wir sollten dankbar sein, dass sich heute überhaupt noch jemand Gedanken macht, wie es weitergeht. Wo sind denn all die Musikprofessoren? In der breiten Gesellschaft der „Normalen“ hört und sieht man kaum etwas von ihnen und von ihrer „Neuen Musik“; sie verbarrikadieren sich in ihrem inzwischen auch schon ordentlich angegilbten, akademischen Elfenbeinturm. Vorbei die heroischen Zeiten, in denen die Komponisten Postulate, (Kampf-)Schriften, Erklärungen für das, was sie mit ihrer Musik eigentlich in der gesamten Gesellschaft bewirken wollen, für alle veröffentlichten, kurz, darüber sprachen, für was sie eigentlich da sind? Wenn dies heute geschieht, dann doch wieder nur unter Fachkollegen, unter Seinesgleichen und man hat den Eindruck, die meisten sind einfach nur froh, heute überhaupt noch mit dem was sie machen ein Auskommen gefunden zu haben und machen es sich behaglich in ihrer hermetisch von der „bösen“ Außenwelt, die sie nicht versteht, abgeschlossenen „kleinen Welt“.

    Dass Musik etwas zu allen hinaustragen muss und die gesamte Gesellschaft angeht, scheint sie nicht mehr zu interessieren, ebenso wenig, dass im Abendland musikalische Stile nach spätestens 50 oder 60 Jahren nach einer grundlegenden Veränderung verlangten. Dies hat nichts mit Wertung oder Abwertung des einen oder andern Stils zu tun, sondern einfach mit dem Bedürfnis nach Wandel und Wechsel in der Kunst. Nach der Dichte des Spätbarocks haben Komponisten den durchsichtigen frühklassischen Stil entwickelt, der oft viel einfacher war als der vorangegangene, etwa eines J.S. Bachs – man wollte einfach etwas Anderes, Neues hören, nachdem das Vorhergehende (zu) lange am Ruder war, was nicht heisst, dass das Vorherige unbedingt besser oder schlechter war. (Wie in der Politik ja auch oft der Fall…)
    Mit „Vatermord“, wie Sie es belieben auszudrücken, hat dies nichts zu tun, denn sonst wäre C. P. E. Bach auch ein „Vatermörder“ gewesen – und es wird in den Texten auch lediglich von einer kleinen, hässlichen, pickeligen kleinen Schwester gesprochen, von der es Abschied nehmen heisst.

    Was die Thesen in diesen Texten zur, zugegeben etwas pauschal als „klassische Musik“, bezeichneten Musik angeht, so finde ich ebenfalls vieles des Nachdenkens wert: Selbst bei „Klassikern“ wie Tristan, zu denen man früher lange im Voraus keine Karten mehr bekam, kann man heute problemlos noch am Vortag Karten kaufen. Das Haus ist längst nicht ausverkauft, die Reihen gelichtet und die Jugendlichen bleiben fast ganz aus. Wenn sie kommen, dann nur wenn es Pflichtprogramme von Schulen gibt, die sie in Aufführungen für klassische oder Neue Musik schleusen. Würde mich mal interessieren, wieviele der Lehrer und Schüler heute alleine aus innerem Bedürfnis heraus freiwillig in eine Oper mit neuer Musik gehen würden? Zu lange haben wir doch geglaubt, dass das was wir machen schon allein auf Grund seines hohen geistigen Wertes, seiner Qualität, überleben wird. Dies war in früheren Zeiten, in denen die Gesellschaften noch ein Bedürfnis nach Kultur hatten, auch so – doch heute ist dies nicht mehr der Fall. Auch die klassische Musik wird einmal „enden“, denn „alles, was ist, endet“ (Erda im „Rheingold“.) Und hier braucht es Menschen, die sich heute darüber Gedanken machen.

    Mir gefällt es immer, wenn Leute – so wie Herr Eggert in diesen Texten – an den Dingen rütteln und die Frage aufwerfen: Es könnte im Kunstbetrieb doch auch alles ganz anders sein, als so wie es eben ist. Kunst ohne Visionen, in der es nicht mehr erlaubt ist, atopisch oder „atypisch“ zu träumen oder auszubrechen, ist zu einer leeren Hülse, ohne Zukunft, verkommen. Oft ist das scheue Pflänzchen der Kunst eben nicht dort, wo es offiziell sein sollte, sondern an einem ganz anderen Ort, so wie sich die Religion, dort wo sie offiziell zelebriert wird, oft schon lange davongeschlichen hat und vielleicht an einem Ort auftaucht, an dem sie niemand erwarten würde. Dort, wo etwas krampfhaft gesucht wird, findet man es nicht und dort wo man es nicht erwartet ist es vielleicht…
    „Ich ging so im Walde vor mich hin, und nichts zu suchen war mein Sinn – DA FAND ICH…“ (Goethe)

  13. Martin Möller sagt:

    Lieber Herr Eggert,

    Ich habe Ihren Text mit viel Freude und überwiegender Zustimmung gelesen. Allein Ihrer Schlussfolgerung wie das dahinsiechen der klassischen Musik aufgehalten werden kann möchte ich nicht folgen. Sie machen in meinen Augen den Fehler, der die Diskussion um die Entwicklung der (klassischen) Musik prägt und viele Menschen von der Teilnahme an der Diskussion abhält. Sie argumentieren auf einer elitären weil professionellen Basis.
    Der schon in anderen Kommentaren aufgetauchte Elfenbeinturm kommt mir in den Sinn. Sie beschäftigen sich mit Musik beruflich. Sie haben keine Berührungsängste, sind Neuem gegenüber offenbar aufgeschlossen und – das ist der wichtigste Punkt – sie haben offenbar eine weitreichende musikalische und musiktheoretische Ausbildung. Sie erlauben sich Hans Zimmer, David Garret oder Justin Bieber als minderwertig zu bezeichnen (ich bin da ganz bei Ihnen), denn Sie haben das Fundament aus Praxis und Theorie ein solches Urteil zu fällen.
    Dieses Fundament fehlt den meisten Hörern oder es ist deutlich schmaler.
    Viele Hörer scheitern an der „Neuen Musik“, weil sie sie an ästhetischen Maßstäben messen, die sie kennen. Daran ist nichts verwerfliches. Im Konzert suchen die meisten Zuhörer nach Erbauung und Entspannung, nach Unterhaltung. Um es ganz platt zu sagen: Die meisten haben einen Arbeitstag hinter sich. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass sie nur konsumieren wollen (jedenfalls nicht alle). Sie wollen aber möglicherweise auch nicht einem Musikstück lauschen, dass ihren Hörgewohnheiten nicht entspricht und wie eine wirre Aneinanderreihung von Tönen und Geräuschen ankommt.
    Wenn in WDR3 Dvoraks 9., Mozarts Klarinettenkonzert und die Peer Gynt Suite als Lieblingsstücke gewählt werden, dann doch nicht deshalb weil sie musikalisch den anderen Stücken der Welt überlegen wären, sondern weil sie schön sind (und gut).
    Die Erstarrung der klassischen Musik liegt ja nicht daran, dass die Stücke alt und daher an einem festen Ort sind, sondern, weil man diesen Ort mit einer Hand voll Stücken fest gemauert hat. Großartige Musik, ohne Zweifel, aber immer das selbe. Es ist ja nicht nur das Schicksal Neuer Komponisten, dass sie nicht gespielt werden.
    Es liegt auch nicht die Frage des Genres oder des Stils.
    Vor 100 bis 150 Jahren war die Musik auch deshalb lebendiger, weil das gespielte Repertoire um ein vielfaches größer war. Es wurden nicht nur Stücke von ein paar dutzend Komponisten gespielt, es waren hunderte.
    Die Verkleinerung des Repertoires hängt dabei auch nicht immer mit der musikalischen Qualität des „Vergessenen“ zusammen.
    Genügend Komponisten sind unter dem Hakenkreuz „abgeschafft“ wurden und seitdem nicht wiederentdeckt worden.
    Natürlich, es gibt auch unglaublich viel Musik, die gut ist, anhörbar, den Hörgewohnheiten eines breiten Publikums entgegen kommt, aber an die sogenannten großen nicht dran kommt.
    Die Musik kann sich erholen, wenn man ihr ihre Vielfalt wieder gibt.
    Um in Ihrem Bild zu bleiben: Die kleine Schwester muss aus ihrem Zimmer kommen und manchmal etwas mehr Bauch als Kopf sein und die große Schwester muss mal die Garderobe wechseln und sich auch mal von einer anderen Seite zeigen.

  14. @Moritz

    Meintest du mit dem Gruß an Gerhard den folgenden „klassischen“ Schlager?

  15. @Guntram: Sehr schön, aber den meinte ich nicht, sondern tatsächlich den von Troubador erwähnten Gerhard Stäbler, den er ja zu kennen scheint….

  16. Eberhard Klotz sagt:

    Hat Wolfgang Rihm diesen Schlager geschrieben? (:

  17. Wolfgang Rihm?
    Der wäre der glücklichste Komponist schräger Töne, wenn er je verdienen könnte, was die beiden Autoren dieses Schlagers verdient haben.
    Die Namen stehen auf der Schallplatte. Einfach mal bei Wikipedia nachlesen:
    Heinz Gietz und Kurt Feltz
    Und noch ein Link:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-31971534.html

    Übrigens: in den 50ern habe ich mich darin geübt, deren Schlager nach dem Gehör auf dem Klavier nachzuspielen. Meine Mitschüler und vor allem meine Mitschülerinnen waren begeistert („Man müsste Klavier spielen können …“). Mein Highlight war „Ganz Paris träumt von der Liebe“, deutscher Text von Kurt Feltz, eigentlich ein Cole-Porter-Song. Hab ich heut noch drauf! ;-)

  18. Eberhard Klotz sagt:

    War nur ironisch gemeint, da Wolfgang Rihm oben als Schlagerkomponist erwähnt wird…

  19. Hahaa:
    So schnell wird aus einem Spaß tödlicher Ernst!

  20. Um wieder auf das Eigentliche zurückzukommen, auf Alt und Neu und deren ästhetische Wirkung.

    Troubadour und Trobador
    Kamen früher vor.
    Troubadur und Troubamoll
    Schmeicheln meinem Ohr.
    Trobadoremi wirkt neu,
    Fast wie TruePerwoll,
    Womit meine liebe Frau
    Die Strümpfe waschen soll.

    Doch sie zieht die Nase hoch:
    „So ein alter Käs!“
    Und ich klatsch ihr wonnevoll
    Ein Kläpschen aufs Gesäß.

    (Nun werde ich in diesem Thread schweigen, versprochen!)

  21. Thomas sagt:

    @Moritz: Es geht überhaupt nicht darum, ob der Text mir was bringt. Mir ist schon klar, dass er in erster Linie eine Selbstklärung und Selbstbefragung ist, und als solche geht er auch vollkommen in Ordnung.

    Was mir an der ganzen Haltung, die aus diesem Text spricht, bedenklich erscheint, ist, dass ihr Komponisten eure Rolle nicht ernst genug nehmt. Ihr seid die Träger der Flamme, und wenn die klassische Musik den Bach runter geht, dann ist das eure Schuld. Dass ihr von dieser Verantwortung kein rechtes Bewusstsein habt, scheint mir das eigentliche Problem.

    Den Betrieb, die Politik oder gar das Publikum für die eigene mangelnde Relevanz verantwortlich zu machen, zeugt von einer seltsamen Wirklichkeitsverweigerung.

  22. knopfspiel sagt:

    Den Komponisten die Schuld daran zu geben, wenn die Musik den Bach runter geht, zeugt von einer seltsamen Wirklichkeitsverweigerung. ;-P

  23. @Thomas, @Knopfspiel:
    Was die Rolle der Komponisten angeht, so habt ihr in gewisser Weise beide recht. Ich finde, dass wir einerseits mitschuldig sind und Dinge tun könnten, andererseits sind wir auch soziologischen Wandlungen ausgesetzt, die wir nur zum Teil beeinflussen können. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Ich empfinde da durchaus Verantwortung und auch einen dringenden Ruf nach anderen Antworten in der Kunst. Deswegen mache ich mir Gedanken darüber.

    @Thomas: was ich allerdings wirklich verneinen muss, ist, dass ich irgendwo im Text das Publikum, die Politik oder den Betrieb für meine oder „unsere“ mangelnde Relevanz verantwortlich mache. Hier handelt es sich wirklich um ein Missverständnis, und es verwirrt mich, wenn das so rüberkommt. Dem Publikum unterstelle ich grundsätzlich schon einmal gar nichts, der Politik werfe ich einiges vor, aber nichts, was Musikästhetik betrifft. Der „Betrieb“ schließlich ist so wie er ist, weil marktorientiertes Denken vorherrscht, ein „Industriegedanke“ (nicht umsonst spricht man ja von der „Plattenindustrie“), es geht um Produkte, nichts weiter. Da ist eine gewisse Zynik und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Hype, der da verbreitet wird, genauso gesund wie nicht alles zu glauben, was einem Google, Apple und Co so wieder als das allerneueste und tollste verkaufen.
    Für die künstlerische Relevanz sind allein wir Künstler zuständig, aber ich könnte mir ein Umfeld vorstellen, in dem Relevanz wieder zu einer gesellschaftlichen Relevanz wird, und nicht allein im von Troubadour seltsam positiv konnotierten Elfenbeinturm stattfindet. Dazu bedarf es aber durchaus auch einer „kritischen“ Kunst, einer Kunst, die sich unserer Zeit aussetzt.

  24. Eberhard Klotz sagt:

    Zum letzten Kommentar von Thomas:

    Ich habe in den Texten von Herrn Eggert eher den Eindruck gewonnen, dass er gerade den Komponisten (und solchen, die glauben sie seien Komponisten…) die Mitschuld an der Misere gibt, indem sie verlernt haben mit Phantasie über das hinaus zu träumen, was gegenwärtig Realität ist. Von einer „Schuldzuweisung“ an das Publikum oder an Politiker ist in den Texten kaum etwas zu spüren.

    Habe im Postulat nur mit einem Satz ein Problem: „Die atopische Musik hat keinen Stil. Sie ist stillos. Stillosigkeit ist aber der radikalste und künstlerischste Akt überhaupt, denn Stillosigkeit heißt Grenzüberschreitung.“

    Meiner Ansicht nach gibt es ohne Stil auch keine Freiheit, keine Grenzüberschreitung, denn nur durch die Abweichung von der Konvention wird Freiheit erst deutlich. Gibt es aber keine Konventionen mehr, ist auch keine Abweichung von ihnen möglich und die Grenzüberschreitung kann nicht mehr als solche wahrgenommen werden.
    Wenn Mozart in der Exposition ein Thema in 4-taktigen Perioden baut, es in der Durchführung aber 5-taktig bringt, wird dies als Grenzüberschreitung und Freiheit wahrgenommen, denn die Zuhörer der Epoche wussten, dass hier eine Abweichung von der Norm oder der Konvention des allgemein bekannten Sprachstils vorfiel. Dasselbe geschieht, wenn etwa Frescobaldi oder Monteverdi Dissonanzen „falsch“ auflösen oder vorbereiten. Diese Freiheit wird aber nur als solche empfunden, wenn alle mit der Konvention übereinstimmen, dass solch eine Dissonanz eigentlich verboten ist. Selbst die frühen Provokationen der Neuen Musik, etwa im Sacre, wirkten nur, weil das Publikum an den klassischen Stilen geschult war, und darum diese Musik als „“unverschämt“ empfunden hat. Hätte es diese musikalische Vorbildung nicht gehabt, so hätte es auch diesen Schock nicht erlebt.

    Und hier ist das Problem der Neuen Musik seit 1950: durch die Nivellierung von allem was vorher war, auch des „Stils“, wird auch die eigentliche Möglichkeit zur Freiheit nivelliert, denn Freiheit braucht immer einen Bezug zu etwas, zu dem sie frei sein kann, sie braucht die Frage: Frei gegenüber was?

  25. Thomas sagt:

    @Moritz: Wenn Du Dich darüber beklagst, dass klassische Konzerte nur ein Prozent heutiger Musik enthalten, wem gibst Du denn daran die Schuld? Dem Schicksal? Einem bösen Fluch? Die Veranstalter werden sagen, das entspricht nun mal der Nachfrage, und das Publikum stellt diese Nachfrage dar.

    Tatsächlich müsstet ihr Komponisten euch fragen: was mache ich falsch, dass meine Musik, die als zeitgenössische Musik dem Erfahrungshorizont des Publikums doch eigentlich viel näher stehen müsste als all die Musik von gestern und vorgestern, dem Publikum so egal ist?

    Das soziologische Umfeld für Kunst ändert sich permanent. Bach komponiert unter gänzlich anderen Zwängen und für ein gänzlich anderes Publikum wie Strawinsky. Was ist das für eine Haltung: Welt, bitte ändere Dich nicht, ich bin leider nicht so flexibel.

    Wacht endlich auf. Ja, es ist schwieriger geworden für anspruchsvolle Musik. Umso mehr ist es nicht mehr die Zeit, verträumt aus dem Fenster zu gucken und irgendwelchen ästhetischen Spinnereien nachzuhängen. Es ist Zeit erwachsen zu werden.

  26. Lieber Moritz,

    ich denke viel über Deinen Text nach (zumal wir derzeit beeindruckend ähnlich in das gleiche Horn stoßen). Vor allem die Analyse des Ist-Zustands finde ich sehr getroffen; sehr gelungene Metaphern auch, beispielsweise die der pickeligen kleinen Schwester. Würde mich nicht wundern, wenn die in den allgemeinen Musiker-Sprachgebrauch eingehen würde…

    Ich finde es immer wieder faszinierend, wie wenig es den Menschen möglich ist, aus ihrem Diskurssystem herauszutreten und eine gewisse Distanz zu ihrem daraus abgeleiteten Wahrheitsanspruch zu entwickeln. Das gilt genauso für die Vertreter der Neuen Musik wie für die Untergrund-Elektroniker. Es gibt so wenig Menschen, die – statt die fremde Welt zu bewerten, meist negativ – einfach neugierig darauf sind, was die anderen interessiert und antreibt. Ich spreche von Neugierde, nicht Toleranz.

    Die Utopie einer Atopie ist eine höchst romantische, das mag ich sehr daran. Wir brauchen in unserer allgegenwärtigen Doktrin der Effizienz eine neue Romantik, davon bin ich überzeugt. Eine Romantik, die sich aus den philosophischen Wurzeln der Romantik speist und nicht einfach nur neo-romantisch erklingt.
    Die Neue Musik hat oder vielmehr hatte auch einen höchst romantischen Aspekt: das Ideal des Neuen. Das große Problem an der Neuen Musik ist ihr pädagogischer Anspruch. Aber Kommunikation entsteht doch durch Zuhören, nicht durch Belehren. Ich will mich in der Musik wiederfinden, ich möchte etwas über mich und mich in der Welt erfahren. In der kommerziellen Welt will mir ständig etwas verkauft werden, in vieler Kunst ständig etwas beigebracht. Dabei will ich doch bloß, daß mir jemand zuhört. Daß jemand in Resonanz mit mir gerät. Und das kann nur heutige Musik, die aus einem solchen atopischen Bewusstsein konzipiert wurde, einem liebenden Bewusstsein.
    Die vergangene Musik erzählt mir etwas über die Schwingungen, über die Liebe von früher. Das ist auch viel wert: diese Musik erzählt mir, wo ich herkomme, wie ich zu dem geworden bin, was ich heute bin. Aber sie hilft mir fürs heute nicht.

    Möge es viel neue atopische Musik geben.
    Viele Grüße,
    – Mathis

  27. Eberhard Klotz sagt:

    Warum sollte ein träumender Mensch nicht erwachsen sein, lieber Thomas?
    Alle wichtigen Errungenschaften waren zunächst einmal Träume, Gedanken oder phantastische Spinnereien einzelner, zunächst meist als „verrückt“ bezeichneter Leute…
    Hat nun wirklich das Zeitalter der Atopie begonnen? – Ich möchte daran glauben.

  28. Kunsthansi sagt:

    Lieber Moritz!

    Vielen Dank für den Schuh des Manitu, hugh! Dein Text hat mir außerordentlich gefallen. Nicht nur, weil er bei mir keinen Widerspruch auslöst und sich deshalb gut für mich „anfühlt“, sondern weil er von einer Haltung beflügelt ist, die Neue Musik oder einfach jede Kunst haben muss: Mut zur Freiheit. (Keine Freiheit der Beliebigkeit, sondern das Freisein von Regeln. Und ich kenne kaum eine Kunstform, die sich so mit eigenen Reglements selbst gängelt wie die Neue Musik!)

    Ich will eine Kunstmusik hören (und sage das ausschließlich als Hörer, der verstörender Weise auch gerne die Musik der eigenen Zeit hört und eigentlich alles hört, außer „Helene“), die alles darf, aber nichts muss. Ich will eine Musik, die sich alles erlaubt und nichts verbietet. Ich will keine akustischen Materialprüfungen oder Techniksperenzchen, zumindest schon lange nicht mehr.

    Ich will, dass die Komponisten nicht länger in Angst leben, ihre Musik könne Spaß (das Wort an sich ist ja bereits generalverdächtig!) bereiten. Ich will, dass der Hörer auch einmal nur Musik hören kann, ohne im vorab sich groß mit Techniken und musikästhetischen Diskursen auseinandersetzen zu müssen, um die Musik zu hören.
    Und da sagt @Mathis etwas Schönes: Ich will auch eine „Neue Romantik“. Denn wenn Kunst dazu da ist, den Lebenden die Gegebenheiten der eigenen Zeit zu kommentieren, dann ist jede Regel, die man der Kunst auferlegt (und das scheint mir Moritz mit „Stillosigkeit“ und der Rede gegen jegliches „Genre“ gefordert zu haben), die Verhinderung einer Auseinandersetzung außerhalb der informierten Zirkel.

    Dass die „klassische Musik“ tot ist, zeigt sich daran, dass sie keine Kraft mehr hat, einen Skandal auszulösen. Skandal nicht wegen des Radaus, sondern als Zeichen dafür, dass ein Neues so viel Aufbruchskraft hat, dass es satte Gesellschaftsgruppen zu Protesten bewegen kann. Diese Kraft fehlt sowohl der alten wie der neuen Musik, sie ist nur ein (inzwischen kostspieliger) Zeitvertreib für wenige Eingeweihte. Im Grunde genommen findet sie gesellschaftlich nicht statt.
    Denn das durch Stars Heruntergenudeltwerden der Klassiker ist ebenso wenig „wahrhaftig“, wie das immer gleiche Geschrammel und Geschlagwerke der meisten Neuen Werke. Es tut mir leid, @Troubador, aber die Tatsache, dass Klassik und Neue Musik seit 100 Jahren gespielt wird, ist kein Beleg für ihre Lebendigkeit und Relevanz, sondern nur ein Beleg dafür, dass die sich damit umtuende Personengruppe mit viel Aufwand an ihrer Nische festklammert.

    Es ist schön, wenn der Künstler auch ein intellektuelles Gedankengebäude hat, aus dem heraus seine Kunst entsteht. (Wie sollte der Kunstprozess auch anders möglich sein?) Aber das muss den Rezipienten nicht zwingend interessieren. Eigentlich muss es ihm erst einmal egal sein. In erster Linie muss er in irgendeiner Weise herausgefordert und berührt werden. Wenn nur die intellektuelle Auseinandersetzung überhaupt einen Zugang verschafft, bleibt es Hirnfurz, für den sich nur der Kreis der Eingeweihten interessiert. Und die Mitglieder dieses Zirkels rekrutieren sich dann aus Personen, die beruflich damit zu tun haben: Komponisten, Interpreten, Veranstalter, Verlage.

    Es könnte gelingen, wenn die Beteiligten endlich einmal heraus lugten und sich zaghaft umsähen. Es geht doch auch! Ich kann bei Moritz Eggerts „Atemlos“ staunen, was er dem Interpreten zumutet und werde davon schadenfroh unterhalten. Ich kann bei Ligetis „Grand Macabre“ schallend lachen über die Zotigkeit der Witze. Und ich sehe bei der (selten genug vorkommenden) Aufführung von Zimmermanns „Requiem für einen jungen Dichter“ ganz normale Konzertbesucher neben mir, denen es vor Entsetzen die Tränen in die Augen treibt.
    *DAS* ist der geile Shit! Das muss keinem peinlich sein, im Gegenteil! Denn wenn die Kunst lebendig bleiben soll, dann muss sie etwas hervorrufen, das Leben bedingt: Emotion.

    Deshalb: Stock aus dem Arsch und aus dem Bauch heraus mit Köpfchen!
    Erzählt Geschichten, bringt zum Lachen oder Weinen, macht wütend, macht lächerlich, macht ernsthaft. Aber hört auf mit diesem unsäglich austauschbaren Materialausgewringe! Es langweilt bis zum Abwinken!
    Vielen Dank,
    ein geschundener Hörer, der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat :-)

  29. Thomas sagt:

    Vielleicht liegt es daran, dass ich ein wenig älter bin als ihr, doch diese Beschwörungen von Freiheit, von Grenzüberschreitung, von Träumereien und Experimentieren habe ich in den letzten Jahrzehnten nun schon viel zu oft gehört ohne dass sich daraus irgendetwas fruchtbares entwickelt hätte. Mein Vertrauensvorschuss ist da leider aufbraucht.

    Die Klassische Musik braucht ganz dringend neues Blut, um als Tradition überleben zu können. Sie darf eben nicht als häßliche kleine Schwester am Ende als wunderliche alte Jungfer sterben. Wenn nicht endlich mal einer begreift, dass er für die ganze Familie verantwortlich ist, dass es nicht nur eine individuelle ästhetische Verantwortung gibt sondern auch eine gesamtkulturelle, sehe ich schwarz.

    Und um es auch ganz explizit auszusprechen, und damit wahrscheinlich an das größte Tabu zu rühren. Ja, die Neue Musik muss sich auch an quotenmäßigen und kommerziellen Maßstäben messen lassen. Das heißt natürlich nicht, dass sie mit Popmusik konkurrien soll, doch sie muss einen gleichberechtigen Platz neben historischer Klassik aus eigener Kraft, aus eigener Attraktivität erreichen und nicht einfach nur quasi als Geburtsrecht einfordern.

  30. @Thomas: Das ist ja vielleicht der Kern Deines Missverständnisses (wenn ich das so sagen darf – es soll nicht als Ablehnung jeglicher Kritik an meinen Gedanken aufgefasst werden, dazu hast Du jedes Recht): ich gebe niemandem die „Schuld“ an irgendetwas – wenn ich feststelle, dass die klassische Musik mit 1% zeitgenössische Musik-Anteil nicht mehr als lebendige gegenwartsrelevante Kunst bezeichnet werden kann, dann ist das vor allem erst einmal eine Feststellung. Diese Feststellung fordert künstlerische Konsequenzen, und zwar von mir als Komponisten. Ich kann nicht fordern, dass sich Dinge in der Welt ändern, wenn ich nicht auch mein eigenes Denken ändere. Darum vor allem geht es.

    Es ist also keine Position des Jammerns a la „schade, dass es nicht mehr so ist wie früher“ sondern genau das Gegenteil: „die Welt ist anders geworden, wie könnte die Musik für diese andere Welt klingen?“. Das sind natürlich erst einmal persönliche Gedanken, und ich freue mich vor allem dann, wenn sie eine Diskussion auslösen und bestimmte Dinge einen Widerhall finden, vielleicht auch (und da machen mir viele der Kommentare Mut) weil andere ähnliches empfinden.

    Aus dieser Haltung stammt also die Kritik an der hohlen Parade der Eitelkeiten, die heute als „klassische Musik“ durchgeht, und dass eben ständig – immer verzweifelter – behauptet wird, wie wunderbar sie aber doch ist. Anstatt, dass man sich darüber Gedanken macht, wie eine wirklich lebendige „klassische Musik“ aussehen könnte – die wäre ja durchaus möglich.

    Ich selber bin übrigens in keiner Weise über die Ausstrahlung meiner Arbeit oder die Möglichkeit, künstlerisch freie Projekte zu entwickeln frustriert – der Text ist also kein Schrei nach „hört mir doch endlich zu!“. Man hört mir ja durchaus zu, und das empfinde ich auch als große Verantwortung.

  31. Eberhard Klotz sagt:

    Habe gestern Nacht mit einem Kollegen noch über das Thema diskutiert. Er meinte, man würde mittlerweile schon über „historische Aufführungspraxis“ bei der Musik zwischen 1950 und 1990 sprechen. Es sei nötig, die Studio – Werke etwa von Karlheinz Stockhausen auf „Originalinstrumenten“ der Zeit zu interpretieren.

    Das heisst, die originalen Steckdosen, Kabel, Mischpulte, Mikros, Bildschirme, Aufnahmegeräte etc. der Zeit um 1960 oder 1970 zu verwenden. Es sei ein Unding, die Werke heute zum Teil mit heutigen technischen Geräten darzustellen, also auf „modernen Instrumenten“, wenn man so will, da sie den originalen Klang der Zeit verfremden und nicht authentisch vermitteln würden. Das grosse Problem ist aber, dass diese Elektronik heute nicht mehr gebaut wird und zum Teil gar nicht mehr existiert. Da die technische Entwicklung immer schneller voranschreitet, betrifft das auch schon Kompositionen, die Elektronik verwenden, nach dem Jahr 2000.
    Was meint ihr dazu?
    Hier ein Link zu einer historischen Aufnahme von Stockhausen aus den sechziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts, also vor rund 50 Jahren:

    http://www.youtube.com/watch?v=EhXU7wQCU0Y

  32. @alle: Was in der obenstehenden Debatte bisher so gar nicht zur Sprache kam, ist die Tatsache, dass Moritz‘ Text sehr gut an die institutionenkritische Debatte innerhalb der Neuen Musik der letzten Jahre anschließbar ist: Man denke nur an Michael Rebhahns Vortrag „Hiermit trete ich aus der Neuen Musik aus“, an künstlerische Strömungen wie Diesseitigkeit und Neuer Konzeptualismus, oder auch an Patrick Franks Versuch, den eKomponisten als „Entrepreneur“ neu zu definieren. Nicht zu vergessen Harry Lehmanns Buch „Die digitale Revolution der Musik“ (das besser „Die digitale Revolution der *Neuen Musik*“ hätte heißen sollen), wo all diese soziokulturellen Verwerfungen ganz gut auf den Punkt gebracht werden.

    @Moritz: „Atopie“ ist dahingehend eine etwas unglückliche Formulierung, da sie ja „Ortlosigkeit“ bzw. „Nicht-Ort“ bedeutet. Irgendwie bin ich da, was die Zukunft der Kunstmusik betrifft, gar nicht so pessimistisch wie du, Moritz. Der (soziokulturelle) „Ort“ ernstzunehmender Kunstmusik im 21. Jahrhundert wird aber wohl tatsächlich kein institutioneller mehr sein (also die Musikhochschule z. B.), sondern mehr und mehr lediglich in der Vernetzung (ob nun digital oder nicht) aktiver Einzelner bestehen. Diese sollten den Mut haben, sich durchaus auch als „Gatekeeper“ zu verstehen, d. h. durch ihr kritisches Urteil zu entscheiden, was gut ist – und was nicht. Eine tatsächlich lebendige (und auch ziemlich „anti-fragile“) Kunstmusik im 21. Jahrhundert kann ich mir tatsächlich nur so vorstellen: als ein von Institutionen unabhängiges Netzwerk produktiver Individuen, die sich für die Arbeit des jeweils anderen interessieren und es auch bewerten. Zugang zu diesem Netzwerk bekäme man ausschließlich durch die Qualität seiner Arbeit, Ausbildungsgänge („Aber ich habe doch bei XX studiert!“) oder institutionelle Zugehörigkeit („Aber ich habe doch einen Lehrstuhl für Komposition in YY!“) spielten dabei keine Rolle. Zwangsläufig würde sich so – ganz allmählich – ein echter „A-Topos“ bilden, ein virtueller Nicht-Ort kunstmusikalischer Autonomie sozusagen, die sich dennoch als durch und durch vernetzte begreift.

    Schüchterne Ansätze hierfür sehe ich bereits, doch die immer noch starke Institutionalisiertheit der Kunstmusik hierzulande steht dieser Entwicklung massiv im Weg. Offenbar meinen immer noch viele komponierende Nachwuchskräfte, durch ästhetische Bravheit gegenüber diesen Institutionen (=Komponieren wie Lachenmann / Spahlinger / Ferneyhough etc.) diese einmal jobmäßig beerben zu können. Das halte ich aber für einen Trugschluss (abgesehen davon, dass es charakterschwach ist).

  33. Saitenhieb sagt:

    Sollte sich nun wirklich nach fast 60 jährigem Erstarren ein neues, freieres Denken an den Institutionen
    der Neuen Musik etablieren? Ich habe schon fast nicht mehr daran geglaubt und komme mir nun vor,
    wie die Russen, als bei ihnen nach Jahren der Betonpolitik irgendwann das politsche Tauwetter begann.
    Frühling liegt in der Luft, in der Wüste ist eine grüne, blühende Oase erschienen. Nun sind wieder Farben, Schönheit,
    Sinnlichkeit, Spiel und Freude in der Musik erlaubt, der Beton öder, langweiliger Klangflächen zerfällt.
    Egal ob es „Atopie“ oder anders heisst, wichtig ist nur, dass etwas Neues begonnen hat.

  34. @Stefan:
    Eigentlich müsste Dir „atopisch“ gerade als Internet-Affiner gefallen, denn das Internet ist ja auch ortlos (und das ist seine Stärke). In der altgriechischen Bedeutung taucht das Wort „atopos“ zum ersten Mal in einer Beschreibung (durch Plato) des Philsophen Sokrates auf. Sokrates ignoriert die herrschenden Gepflogenheiten und redet lieber mit einem Nachbarn als mit dem heldenhaften Kriegsheimkehrer – Plato beschreibt das als „atopisch“ und meint damit eigentlich „außerordentlich“, „ungewöhnlich“.
    Der größte Fehler der „kleinen Schwester“ ist, dass sie zwar das „Außergewöhnliche“ beansprucht, durch ihre Institutionalisierung aber inzwischen vollkommen gewöhnlich geworden ist, fast wie ein Handwerk. Daher finde ich „Außerordentlichkeit“ oder das aus dem Rahmen Fallende ein ganz wichtiges Attribut.
    Ich sehe Ortlosigkeit als Stärke, nicht als Rückzug.
    Gestern habe ich länger mit Harry Lehmann geredet, dessen Texte wir hier bald veröffentlichen, und da ist vieles auf der selben Linie, auch was die Notwendigkeit neuer Verortungsbegriffe angeht. Ich denke mal wir fühlen alle dasselbe und benennen es unterschiedlich, aber es liegt definitiv in der Luft, was ich sehr spannend finde.

  35. @Moritz: Der US-amerikanische Musikpublizist und Komponist Kyle Gann, dessen Blog „PostClassic“ ich seit Jahren kenne und schätze, schreibt über dieses Projekt Folgendes, was ganz gut in deine „atopische Agenda“ passt:

    „So classical music is dead, they say. Well, well. This blog will set out to consider that dubious factoid with equanimity, if not downright enthusiasm.

    This is a blog mostly about composed music of the last few decades, with a focus on that coming from the ‚Downtown‘, minimalist, and post-Cage directions. The opinions expressed here, and the readers sought, admittedly lie far outside the mainstream conventional wisdom of ’20th-century music‘.

    If you are the kind of musician who thinks that new music should have a modicum of pitch complexity, if you use ’not really serious‘ as a pejorative, if you look down your nose at music that ‚panders‘ to the audience, please go elsewhere. For instance, if it will offend you that we may exalt Erik Satie as a composer above Elliott Carter, please repair to some other web site and regard us no further.

    This is a place to gather for people who think that brand-new music can sometimes be joyous, clear, seductive, ingratiating, and/or simple, and still well-worth listening to and exploring.“

    http://www.artsjournal.com/postclassic/

  36. Immer wieder interessant, Deine Fünde, Stefan!

  37. Hier noch ein lustiger Link, der zeigt, dass sich Zwölftonmusik und Neue Musik doch nach den Gesetzen des US-Kapitalismus vermarkten lassen…

    http://www.youtube.com/watch?v=LACCAF04wSs

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