Schlechte Stimmung im Konzertsaal (IV)

Die sieben letzten Thesen zum musikalischen Kulturpessimismus

In satirisch überspitzten, aber auch irgendwie durchaus ernsten Thesen, versuche ich seit Dezember – bisher mit den Folgen I, II und III – zu ergründen, warum es vielen Klassikkonzertbesuchern offensichtlich schwerfällt, ihrer Vorfreude Ausdruck zu verleihen. Anders formuliert: Warum fühle ich mich häufig mit meiner guten Laune, die ich auch optisch, also nach außen kundzutun mich regelmäßig anschicke, so alleine, wenn ich mich – wie ein kleines Kind – beispielsweise auf Mariss Jansons und das Concertgebouw-Orchester freue?

These 4: Die Qualen konzentrierten Hörens
Es ist unüblich, während eines klassischen Konzertes zu tanzen, sich zu unterhalten – oder, wie in Opernhäusern noch um 1730 üblich: zu fummeln und sich gegenseitig Liebesbriefe in das Libretto zu schreiben. Auch essen und trinken sind im Konzert- und Opernhaus unüblich und nicht gerne gesehen. Mindestens zwei Mal 30 bis 45 Minuten still sitzen – und das nach einem womöglich harten Arbeitstag: Das muss nicht unbedingt ein Vergnügen sein. Ist das also der Grund für die vielen verkrampften Gesichter vor einem Konzert? Vielleicht. In Wacken darf, muss man tanzen, Alkohol trinken und sich – bei schlechtem Wetter – lustvoll gemeinsam in die Schlammpfützen schmeißen. Pfützen findet man im Konzertsaal aber nur en miniature in kümmerlichen Kondenswasser-Rinnsalen vor den Blechbläsern. Zu flach und folglich zu gefährlich, sich dort hineinzuwerfen. Bewegungsdrang, Hunger, Durst und die Notdurft: All das wird während der Kontemplation sinfonischer Klänge unterdrückt. Das kann einem schlechte Laune machen. Und die muss – richtig! – natürlich geäußert werden; selbstverständlich auch durch kratzige Fortissimo-Huster ins orchestrale Pianissimo hinein (doch dazu demnächst viel ausführlicher und endgültiger). Ja, wir klassischen Konzertgänger stehen zu unserer schlechten Laune. Diese ist gleichsam tradiert, wir sind stolz auf sie. Und freut sich tatsächlich jemand auf Ouvertüren, Suiten, Solo-Konzerte und Sinfonien und unterhält sich zudem noch angeregt mit seiner attraktiven und jungen Begleitung bis 19.58 Uhr über die Vorzüge des gleich Erklingenden: Dem werfen wir gerne griesgrämige Blicke zu. Auf dass er im Boden versinken und in der Hölle medium rare schmoren möge wie Don Giovanni am Ende von „Don Giovanni“.

These 5: Danach aber mal locker!
Ein klassisches Konzert ist einfach zu steif! Und die erklingende Musik konservativ, verstaubt – dem Tode geweiht. Deshalb brauchen wir nach dem Konzert sofort entspannende Klänge ohne Bedeutung, zu der wir reden, trinken und tanzen dürfen. Nach jedem klassischen Konzert brauchen wir einen DJ im Foyer, gedimmtes Licht und endlich mal lockere Stimmung! Eine Mahler-Sinfonie reicht einfach nicht mehr aus. Sie hat mit unserem Leben halt nichts zu tun! Doch, hat sie natürlich! Aber dieses „Jetzt mal locker!“ ist so peinlich gezwungen. Ich schäme mich häufig. Andererseits: Ingo Metzmacher hatte – nicht als Erster – in der Saison 2007/2008 die Idee, als damaliger Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin normale Konzertprogramme etwas verkürzt anzubieten, sie von den Interpreten humorvoll moderieren zu lassen und den Zuhörern danach eine Lounge-Situation – mit gedimmtem Licht und gelöster Stimmung – mit DJ anzubieten. Wird gut angenommen, ist seitdem eine Dauereinrichtung. Und tatsächlich: Die Stimmung ist schon im Konzert besser, befreiter. Was nur stört, sind diejenigen, die das entweder über Bausch und Bogen verurteilen oder meinen, jedes Konzert müsse ab jetzt so funktionieren. Nein. Wir sollten uns auch ohne DJ nachher vorher auf das Konzert freuen. Weil es etwas zu freuen gibt.

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

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