Links liegen lassen – Musikeraufregung über neuen LEXUS-SPOT

Was gibt’s schöneres als mit einem temporär angeeignetem Pseudo-SUV zum Beispiel durch die Mark Brandenburg zu gondeln: leere Strassen, endlose Wälder, querendes Wild. Und Klassikgedudel. Natürlich nur über UKW. Alle Jahre wieder erfreut das den sonst autolosen Komponisten. Ansonsten werfe ich vor dem inneren Auge jedem auf innerstädtischen Fuss- und Radwegen parkendem SUV ein Bröcklein von dem Stein in die Frontscheibe, der mir ab und an vom Herzen fällt. Mit Netzfelslein arbeiten sich aktuell erboste Klassikfans an einem Werbespot der australischen Nippon-Dependance der Automarke Lexus ab: Unter „This is the new Lexus NX TVC“ fährt ein neuer Lexus, manchmal Herbstlaub in Slow-Motion aufwirbelnd, durch eine angelsächsische Luxuslandschaft. Untermalt wird dies durch eine reine Streicherversion der Orchestereinleitung zum zweiten Satz von Mozarts C-Dur-Klavierkonzert KV 467. Ein paar Laubkurven weiter zieht der Fahrer seine Augenbrauen hoch. Nun sieht man auf den Rücksitzen ein Streichtrio, aus einer biederen Bratsche, einem freundlichen ergrauten Cello und einem grossbrilligen Geiger formiert. Nun wird auch klar, warum Mozart zuvor so steril klang: das Trio wird man schlichtweg mit sich selbst gedoppelt haben, leicht verzögert. Billige Elektronik trifft auf billig eingekaufte Live-Musik. Der Fahrer komplimentiert das verdutzt nur noch pling-plang-plongende Trio in die Luxuslandschaft hinaus, übrigens akustisch der progressivste Moment. Dann der muskalische Absturz: bumm-bamm kawummt rumble-jumbelnder Afrobeat aus der Autostereoanlage. Die drei klassischen Musiker rennen verzweifelnd fidelnd chancenlos dem lächelnd dahinbrausenden Lexusfahrer hinterher. Zuletzt haucht eine durschnittsmännliche Stimme: „This is the pursuit of perfection“. Prost, Mahlzeit.

ps
Temporär angeeignetes Pseudo-SUV im Hof der Musikakademie Rheinsberg in Brandenburg

Laut STERN sollen angeblich Klassikfreunde nun Lexus hassen. Oder laut Badischer Zeitung hinkt Lexus anderen Luxusmarken immer weiter hinterher und fischt nun in seichteren Gewässern. Immerhin hat Lexus Australia im Gegensatz zu den anderen Commercials auf seinem Youtube-Kanal die Kommentar- und Thumbs-Up-&-Down-Funktionen bei diesem Werbefilm geblockt. Gab es bereits einen Shitstorm von Liebhaberinnen von professionellen Frackträgern? Immerhin mokierte sich der australische Cellist Paul Ghica: „ … You should be helping people in your community, or at least leaving them alone… not harming them. And you certainly have harmed classical musicians here.“ Herrje! Muss ich nun ohne UKW-Klassikgedudel durch märkischen Sand radeln, denn Ohrstöpsel sind Radlern ja eigentlich untersagt? Soll ich auf koreanische Pseudo-SUV’s, einmal im Jahr verzichten, abgesehen von umweltmoralischen Gründen, die man mir gerne vorhalten möge, weil SUV und Klassik nun einen Boykott wie Pelztiermode verlangen? Die besten Kommentare auf den Artikel des Cellisten beziehen sich übrigens auf die billige, verkürzte Mozartinterpretation. Oder die Tatsache, dass man die Musiker rauswerfen musste, damit überhaupt noch ein paar Takte später der Klaviersolist samt Toypiano auf den engen Rücksitzen platziert werden kann. Das eigentliche Zuckerl dieser bereits so oft verwendeten Mozartmusik wie Orffs „O Fortuna“ Carmina-Burana-Anfang sind die Holzbläservorhalte. Allein deren Fehlen wäre ein Grund, die Musikkreativen samt muckender Musiker dieses Spots auf einer ätzenden Ruhrpottautobahn auszusetzen.

Ich denke, dass dieser Spot nicht das Ende von klassischer Musik bedeuten wird. Wer genauer hinsieht, bemerkt, dass Lexus immerhin vor einiger Zeit eine billig australisierte verpopptploppte Version von Mozarts später G-Moll-Sinfonie einsetzte, als wollte man mit dem Dadel-Da, Dadel-Da, Dadel-Da-Da, Da-Da-Daa, Da-Da-Daa, Da-Da-Da-Da das Intro zu Raumschiff-Enterprise und Neuer Deutscher Welle am anderen Ende der Welt kreuzen. Jetzt soll aus Upperclass-Luxus nicht nur ein Proll-Lexus werden, sondern man wechselte von der inzwischen von den Gründern verlassenen Mutterwerbeagentur Saatchi & Saatchi zum Folgeunternehmen der Saatchi-Erfinder M&C Saatchi. Nur so nebenbei. Wäre das Klassikleben in Australien nicht so vielmehr in den Kinderschuhen verhaftet wie zum Beispiel in den eine lebendige Klassikszene besitzenden US-amerikanischen Grossstädten, könnte einem wirklich egal sein, was sich so auf dem Känguru-Kontinent ereignet. Klassische Musiker zu Strassenmusikern zu degradieren, um anstelle dessen unterkomplexe Krachmucke in einem hochtechnisierten Auto abzuspielen, damit für sein Statussymbol zu werben, ist dennoch nicht nett.

Wer erinnert sich nicht im Zuge der Kontroversen um kostenlose Downloads zwischen Piratenautritt und GEMA-Schelte an Kommentare, die subventionierter bzw. teurer Kunstmusik und deren Musikern und Komponisten wieder den Status von Vogelfreien wünschten, mit denen eben jeder Prolet verfahren kann wie ein hoher Herr der Blutgerichtsbarkeit? Dann kann einem die Einfallslosigkeit von M&C Saatchi schon leid tun. Allerdings müssen sich dann eben auch all die kurzsichtig Werbemusik muckenden Musiker fragen lassen, für wie viel Geld sie bereit sind, ihren Berufsstand der vollkommenen Lächerlichkeit preiszugeben, gerade wenn eben so subästhetisch wie hier im Lexus-Spot Musik gemacht wird. Im Gegensatz dazu ist dann der Afrobeat tatsächlich besser musiziert und produziert. Und wie gesagt, am Besten ist zu guter Letzt das Plingplanplong der auf die Strasse gesetzten. Also übt sogar mehr zeitgenössische Musik, damit wenigstens Eurer Rauswurf aus Autos oder Konzertsälen auf höchstem Niveau musikalisch kommentiert wird. Im Übrigen: ich würde mit meinem Billig-SUV an Euch vorbeirauschen wie man schlechten Strassenmusikern aus dem Weg geht. Nur mit Lachenmanns „Reigen seliger Geister“ oder „Ferneyhough 6“ hättet Ihr eine Chance bei mir. Aber wer spielt dann die zweite Geige – an der mangelt’s ja schon. Zuletzt sei noch auf ein MashUp des Spots hingewiesen: statt Mozarts Klavierkonzert erklingt Ravels Streichquartett, wobei hier wieder die zweite Geige fehlt. Statt dem Afrobeat dann Aquas „Barbie Girl“, was den Prollluxus dieses Lexus richtig erfasst. Hier noch eine Veräppelung, die erst gegen Ende überrascht – ein Dank an Leser Eberhard Klotz für diesen Hinweis (s. Kommentare). Also ruhig Blut, eigentlich alles ziemlich lustig.

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
Komponist |

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2 Antworten

  1. Eberhard Klotz sagt:

    Eine weitere Satire dazu auf youtube:
    http://www.youtube.com/watch?v=Jmscl-dhVpw&feature=youtu.be

    Vielleicht kann es jemand in den Text oben verlinken?

  2. Eberhard Klotz sagt:

    Habe noch eine andere Idee, wie wir den Film verändern können.
    Leider war es mir technisch nicht möglich, die alte Tonspur zu überspielen und die neue, bessere Version auf den Film zu übertragen und auf youtube zu stellen. Vielleicht gibt es hier einen technisch begabten Menschen, der dies tun könnte?
    Wäre lustig:
    Die drei Streicher spielen ein abartig schlechtes Arrangement zu einer Pop – Schnulze (Arrangements von der Art, mit welchen sich die heutigen Musikverlage über Wasser halten…) Das Ganze schlecht gespielt. Er wirft sie hinaus, lässt die Stereoanlage laufen und lächelt überlegen: Es erklingt Bergs Lyrische Suite in bester Interpretation.

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