Niemand hat die Absicht, die Kultur zu marginalisieren!

Anders als mir, antwortet Peter Boudgoust den 160 Dirigenten, die ihm via FAZ einen offenen Brief zukommen ließen.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/gegen-die-fusion-der-swr-orchester-ein-offener-brief-von-hundertsechzig-dirigenten-12660917.html

Seine offene Antwort erfolgt im SWR-Unternehmensweb:
http://www.swr.de/unternehmen/zukunft/-/id=9883304/nid=9883304/did=12378154/muipv8/index.html

So klingt entschlossenes Nichteingehen auf Argumente. Was mich an der Antwort von Herrn Boudgoust weniger entsetzt, sind die Krokodilstränen, die Eleonore Büning in seinem Brief ausmacht. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/fusion-der-swr-orchester-da-weint-das-krokodil-12664766.html

Sondern dieser Walter Ulbricht-Gestus. Nein, niemand hat die Absicht die Kultur klein zu sparen. Nein.

„Kultur wird in unseren Programmen weiterhin eine große Rolle spielen – sogar eine noch größere als bisher.“

Hierzu muss man wissen, dass in Rundfunkanstalten, wenn man etwas wegrationalisieren will, zunächst einmal neue Abteilungen gegründet werden. (Mit neuen Abteilungsleitern etc.) Diese Abteilungen heißen dann „Produktion Musik“ oder „Aktuelle Kultur“ oder „Musik und Radiokunst“ etc. (Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen mit bestehenden, in Gründung befindlichen oder bereits abgeschafften Hauptabteilungen in real existierenden Rundfunkanstalten wären rein zufällig und sind vom Autor weder intendiert noch beabsichtigt.) Der SWR eröffnet 2016 seine Abteilung Klangkörper und Festivals. Halleluja!

Lesen wir mal weiter, was für Trostpflaster Herr Boudgoust so klebt:

„Schließlich planen wir beispielsweise im Zuge der Neuausrichtung des SWR Fernsehens einen Relaunch unseres Kulturmagazins und auch in unserer verlängerten Nachrichtensendung werden kulturelle Themen zukünftig eine noch größere Rolle spielen. Das heißt, wir rücken die Kultur in die Mitte unseres Programms und erreichen damit deutlich mehr Menschen als bisher.“

Darauf freue ich mich schon, auf den großartigen Beitrag über das http://www.schweinemuseum.de/ oder vom Jahrestreffen der „Fansinger“

Was Boudgoust hiermit noch einmal unterstreicht, dass es ihm künftig offenkundig nicht darum geht, mit Kultur-Produktionen nach vorne zu gehen, sondern ÜBER Kultur zu berichten. Wann geht das den Rundfunkräten mal auf, dass dazwischen ein fundamentaler Unterschied besteht? Ob man selbst ein einstündiges Musikwerk produziert, aufführt, sendet – was für ein Schatz das ist! – oder ob man es in 2.30 Minuten abhandelt. (Mit Backstage-Bericht aus der Garderobe der Solistin.)

Gewöhnunsbedürftig ist insbesondere seine Auslegung des folgenden Satzes aus dem SWR Staatsvertrag:

„Seine Angebote haben der Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Er hat Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten.“ Vom Unterhalten von Orchestern ist nirgendwo die Rede.

Ja, das stimmt. Aber die Orchester waren bisher die allerbilligst Begründung für Intendanten und Hörfunkdirektoren, die Erfüllung ihres Kulturauftrages zu unterstreichen. Jetzt geht es dann nämlich ans eingemachte, wenn die Formulierung „insbesondere zur Kultur“ erfüllt werden soll. Dann müssen sie nämlich wirklich ihr Programm umkrempeln.

Ich weiß, es ist gehässig. Und es ist mir zuwider, weil ich ja eigentlich daran glaube, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine verdammt gute Idee war. Nein, anders: Ich wäre ein anderer Mensch, hätte es den nicht gegeben, die Welt wäre eine andere, insbesondere die Musikwelt! Aber auf die Verfassungsklage zur Haushaltsabgabe warte ich inzwischen gespannt.

Übrigens gibt es auch Neuigkeiten aus dem WDR. Tom Buhrow, der neue Anchorman an der Spitze des Senders, der leitende Nachrichtensprecher, hat seine Nominierung für den Posten des Hörfunkdirektors vom Teleprompter abgelesen: Es handelt sich um Valerie Weber. http://www.radioszene.de/62257/valerie-weber-als-wdr-hoerfunkchefin-wdr-mitarbeiter-amused.html Sie ist derzeit Chefin der Antenne Bayern und gründet ihre Karriere auf Telefonspielen und Radiowitzen. Als WDR Hörfunkdirektorin wären ihr künftig die Klangkörper des WDR unterstellt.

phahn

Musikjournalist, Dramaturg

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