„die fette seele“ der stuttgarter musikhochschule

Die totale Vermischung dank Vollhochschule: Alte Musik trifft neue Musik in der Produktion die fette seele von Klaus Lang nach Cavalieris Rappresentatione di anima et di corpo, die heute Abend in Schwäbisch Gmünd Premiere haben wird.

Guten Abend auch, lange nichts voneinander gelesen, es tut mir leid, liebe Bad Blogger, das mit dem „Schreiben über“ und dem „Schreiben an“ geht nicht so gut zusammen, ach, wen interessiert das jetzt, ich schreibe und zwar über das, was euch auch gerade bewegt.

Denn NOCH haben wir hier in BaWü quicklebendige Hochschulen und das schreibe ich jetzt mal aus eigener Anschauung und vollkommen voreingenommen. Wie ihr ja wisst, bin ich derzeit an der Oper Stuttgart Dramaturg und in Stuttgart gibt es eine städtebauliche Besonderheit. Was heißt eine: tausend! Aber die, die ich meine, ist die folgende. Getrennt von einer absolut lebensbedrohlichen, vierspurigen Stadtautobahn – keine Metapher – liegen in Stuttgart die Musikhochschule und die Staatstheater ganze 150 m Luftlinie voneinander entfernt.

Zahlreiche junge Musikerinnen und Musiker unseres Staatsorchesters haben irgendwann während ihres studiums den Sprung über die Straßenseite geschafft, – genau genommen, den Gang durch die Unterführung – erspielen sich Aushilfsstellen, erhalten später gelegentlich gar eine Stelle, herausragende Musiker unseres Orchesters lehren an der Hochschule, das Opernstudio der Oper kooperiert mit der Hochschule etc. mit anderen Worten: die Wege sind kurz, die Möglichkeiten Musik auf hohem Niveau nicht nur zu studieren, sondern auch zu erleben und mitzugestalten sind mannigfaltig, was will man mehr?

Ich hätte da so ein Beispiel. Gerade komme ich nämlich von der Generalprobe eines Musiktheaterstücks, das morgen Abend seine Uraufführung erleben wird. es heißt: die fette seele und wurde komponiert von klaus lang. aufgeführt wird es ausschließlich durch studierende der stuttgarter musikhochschule und zwar von den sängern des studios für neue stimmkunst und musiktheater sowie mitgliedern des studios für alte musik und des studios für neue musik (instrumentalisten) unter der gesamtleitung von professor angelika luz. Das mit den studios ist so ein spezialisierungsding, das mit den masterstudiengängen einherging, aber der ganze zuschnitt des hier beschriebenen projekts ist ganz offensichtlich von vorne bis hinten darauf bedacht, das fachidiotentum hinter sich zu lassen.

Das Wort Projekt sollte ich jedoch sogleich durch Produktion erstzen, denn während das Projekt etwas nur entworfenes ist, ist diese produktion mit der premiere heute, am 31. Juli 2013 und einem dreivierteljahr der harten arbeit für die sänger schon ziemlich reale wirklichkeit.

was passiert? der komponist klaus lang hat sich emilio de cavalieris rappresentatione di anima et di corpo vorgenommen, ein geistliches spiel, in dem allegorische gestalten um den direktesten weg in den himmel ringen, bedrängt natürlich von den vergnügungen der welt, aber weise geleitet vom „guten rat“, „dem verstand“, dem „schutzengel“ etc. ein echtes gegenreformatorisches lehrstück zur verbreitung katholischer verhaltensregeln. vermutlich vergessen, wenn, ja, wenn es nicht eines der allerersten gedruckten zeugnisse der frühbarocken bemühungen um das musiktheater wäre, in dem erstmals der text zum motor der musik wird und über dessen (erhoffte) aufführungsbedingungen wir aus einem ausführlichen begleitschreiben sehr vieles wissen. daher ein musikhistorisch interessantes werk, das sicherlich manchem musikwissenschaftler noch in hundert jahren anlass zu der frage geben wird, ob das denn nun das erste opernhafte oratorium oder die erste oratorische oper sei … jeder, der klaus lang ein wenig kennt, weiß, dass diesem freien geist alles was mit der anbetung von hinweisschildern zu tun hat, ein graus ist. und so hat er in „die fette seele“ cavalieris Rappresentatione sukzessive übermalt, er hat ihn „verlängert“, wenn das wortspiel gestattet ist, wobei er ihn glücklicherweise verkürzt hat. in unterschiedlichen dichtegraden wird cavalieris musik von langs musik überlagert, wobei diese überlagerungen ihrerseits auf einer analyse von cavalieris stück beruhen. man hört also gleichzeitig eine „klingende analyse“ – und eine faszinierende anverwandlung des stücks, in der die mitteltönige Stimmung der Vorlage zu faszinierenden Ausflügen in neue Klangwelten bieten.

ein echt „fettes“ stück, das mit seinen transparenten raumklängen tatsächlich ekstatische wahrnehmungen produzieren kann, es ist in mancher hinsicht bewusstseinserweiternd und wer es einmal gehört hat, möchte nie wieder den dritten akt von cavalieri im original hören, den zweiten schon gar nicht, und den ersten nicht ohne das vorspiel von klaus lang.

dieser tolle komponist hat also so ein tolles stück für die musikhochschule stuttgart geschrieben, damit die sänger des studios für stimmkunst ihre fähigkeiten ausfahren können und mit den musikern des studios für alte musik ein crossover im besten sinne produzieren können.

dieses stück ist nun alles andere als eine „hochschulproduktion“, als ein klassenabend: es ist eine professionelle aufführung, die professionellen standards genüge tut. in der kein sänger sich hinter neuton-manierismen verstecken kann, dafür gibt es viel zu viele klare, einfache töne zu singen. eine große herausforderung ist es gleichwohl und zwar nicht nur zum auswendig lernen.

und warum erwähne ich das? wo ich doch befangen bin als dramaturg dieser produktion, die von alexander charim inszeniert wird in der ausstattung von ivan bazak?

weil mir diese produktion als eines der positiven beispiele ins auge sticht, wenn es um die frage geht: wozu brauchen wir „vollhochschulen“ mit vielen unterschiedlichen zweigen? eine solche produktion wäre nicht möglich, müssten die beteiligten zwischen mannheim und stuttgart hin- und herdüsen. (nach schwäbisch gmünd, wo morgen die premiere ist, fährt wenigstens noch ein regionalexpress …) die reine logistik würde es verunmöglichen. es ist dies ein beispiel, wie das nebeneinander unterschiedlicher spezialisierungen an einer hochschule gewinnbringend eingesetzt werden kann – um nicht nur kunst zu lehren, sondern ein künstlerisches werk zu schaffen.

und wenn ich da an die hotline-millionen denke: wie viele fette seelen ließen sich davon füttern, mein lieber herr gesangsverein. kunst gibt’s noch nicht im callcenter.

phahn

Musikjournalist, Dramaturg

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