Je später der Abend (Belgisches Videotagebuch Teil 5, „The Tragedy Of A Friendship“)

 Je später der Abend

Es wird ein langer Abend, so viel steht schon mal fest. 3 ½ Stunden wird „Tragedy Of A Friendship“ wohl dauern, auch wenn wir uns bemühen, die Szenen  zu straffen, Übergänge zu glätten und das Tempo anzuziehen. Aber es ist eines der Geheimnisse des Theaters, dass man wie bei einer Hydra an einer Stelle kürzt und es dennoch an anderer länger wird. Und wenn man es genau nimmt, ist Jan Fabres Arbeit auch kein „Theater“ im landläufigen Sinne, eher eine ganz eigene Form von visuell orgiastischer Performancekunst.

Und diese braucht Zeit. In einer der extremsten Szenen wird quasi ein sich langsam aufbauender gemeinsamer und dennoch individueller und einsamer Sexualakt aller Darsteller auf mehr als 15 Minuten ausgedehnt, dazu durchgehend wechselnde Musik, kein Text, wechselnde Phasen der Erregung, Ekstase und Erschöpfung. Quasi ein komplettes Lebensdrama – eine solche Szene wirkt nur, wenn sie lang ist, würde man es 2 Minuten machen, wäre es Karikatur, so wird es existentiell.

Ich bin schon jetzt sicher, dass das viele auch überfordern wird. Momentan schließen wir Wetten darauf ab, bei welcher Szene potentiell das meiste Konfliktpotential mit einem konservativen Publikum vorhanden ist. Immerhin handelt es sich um ein Opernabo! Andere wiederum werden genau dieses in der Zeit gedehnte Agieren als richtige Interpretation des komplexen (oder ist er in Wirklichkeit unglaublich simpel?) Wagnerschen Kosmos erkennen und goutieren. Langweilig ist das Ganze jedenfalls nicht – mal von der ästhetischen Bildergewalt abgesehen gibt es genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet, auch erfrischend komische und sogar alberne Szenen. Die Bandbreite des Lebens eben.

Tatsächlich wird hier dem Theater das Theater ausgetrieben, die Tragödie gelebt und nicht vorgeführt. Auch wenn es inhaltlich um Romantik geht, wird versucht, der Romantik die Romantik auszutreiben. Gesprochene Texte werden nicht „gespielt“ (was in falschem Pathos resultieren könnte), sondern sie werden aus einer erlebten Extremsituation heraus gesprochen.

Diese Radikalität wird auch auf die Musik Wagners angewendet – jeglicher Orchesterbegleitung beraubt, werden die Arien quasi des Zaubers entkleidet – zurück bleiben seltsam fragmentarische Skelette, die sperrig im Raum stehen. Was man auch merkt: Wagner ist kein großer Melodiker. Ihren satten und aufgereizten Harmonien beraubt wirken die Gesangslinien skelettiert und abgestorben, ein durchaus interessanter Effekt.

Nicht, dass es meiner eigenen Musik anders ginge – nachdem ich die letzten Tage stundenlang mit meinem sehr fähigen Assistenten Maarten Buyl (selber Komponist) zusammensaß, und irgendwie versuchte, anhand von unvollständigen und zum Teil aufführungstechnisch fehlerbehafteten Videos ein Konzept für die Anwendung meiner Musik zu entwickeln, wird nun dieses Konzept wieder den Begebenheiten der Szenen untergeordnet. Manchmal macht es einen riesigen Unterschied aus, ob Musik zum Beispiel laut oder sehr leise eingespielt wird. Wird getanzt, kann es gar nicht laut genug sein, wird gesprochen, muss es runtergeschraubt werden. Dann gibt es wieder Szenen, bei denen zu laute Musik auch eine zu traditionelle Theatralik erzeugen würde. Andererseits versuche ich der sich bisher eingebürgert habenden „Ausblenden und Einblenden mitten in musikalischen Phrasen“-Praxis einen Riegel vorzuschieben, und möglichst richtige „Enden“ für Musikeinsätze zu finden. Dann stellt sich plötzlich raus, dass meine Schätzung nicht dem Tempo der Schauspieler entspricht – dann muss die Szene wieder mehrmals geprobt werden, damit diese das Timing verinnerlichen.

All dies ist mühsam, aber natürlich auch faszinierend – denn je mehr es gelingt, die Dinge richtig zusammenzufügen, desto mehr wird ein „Stück“ draus.

Meine endlose Bewunderung gilt allerdings den Darstellern: Das Ganze ist nicht nur lang, sondern auch physisch und mental für absolut alle anstrengend. Hinter der Bühne ist die Hölle los – in Minutenschnelle finden Verwandlungen und Kostümwechsel statt, auf der Bühne wiederum muss sofort die notwendige Gravitas da sein. Jan gibt sich nicht gerne mit halben Sachen zufrieden – die Konzentration muss in jeder Szene stimmen. So wird zum Beispiel 1 Stunde lang ein Übergang geprobt, bis wirklich alle im selben Moment aufgestanden sind. Am Ende sagt keiner mehr etwas, die Szene wird so lange wiederholt, bis sie automatisiert ist.

Noch 6 Tage bis zur Premiere. Wären es doch nur 60! Aber das wäre auch nicht gut – das Ding muss jetzt raus.

Die Spannung steigt.

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

3 Antworten

  1. Deine Theremin-Musik zum Video erscheint mir bizarr und fremdartig.

  2. @Stefan: Das verstehe ich als Kompliment :-)

  3. @Moritz: Exakt so war’s auch gemeint :-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.