Die Replik der alten Herren

Die Ausgabe 85 der „Informationen“ des Deutschen Komponistenverbandes enthält Teile einer andauernden Kontroverse, die thematisch mit Kollege Strauchs letztem Artikel zu tun hat. Was war geschehen? Karl Heinz Wahren hatte 4 Ausgaben vorher gewohnt überschwängliche Artikel zum Gedenken an Norbert Schultze (100. Geburtstag) und Werner Egk (110. Geburtstag) geschrieben.

Was in diesen Artikeln nicht erwähnt wurde, war die Tatsache, dass beide Komponisten – Schultze und Egk – mit Fug und Recht als gefügige wie auch willfährige Mitläufer des Nazi-Regimes betrachtet werden können. Nun ist das – wie auch im vielleicht etwas weniger spektakulären Fall Fortner – durchaus von der Musik und dem sonstigen Wirken dieser Komponisten zu trennen (sonst dürfte man auch keine Musik der dezidierten Antisemiten Hugo Wolf und Richard Wagner, des fanatischen Nazis Pfitzner oder des Frauenmörders Gesualdo aufführen oder hören). Dennoch stellt sich natürlich die Frage, inwieweit ein Karl-Heinz Wahren in der „wir“-Form reden kann, wenn er mit rührigen Worten an „zwei über jeden Zweifel erhabene Künstler“ erinnert und diese im Namen des gesamten DKV würdigt. Egk und Schultze mögen sicherlich eine erwähnenswerte Rolle im deutschen Musikleben gespielt haben, aber „über jeden Zweifel erhaben“ sind sie ganz sicherlich nicht.

Mit Recht begehrten daher Kollegen wie Benjamin Schweitzer und Ludger Kisters dagegen auf und schrieben erzürnte Leserbriefe, die der DKV auch veröffentlichte. Nur um dann wieder altherrenhaft herablassend von dem Zweiergespann Wahren und Bruhn abgewatscht zu werden, die den Kollegen „zu spätes“ Gutmenschentum vorwerfen und dann mit dem Shit-Argument par excellence  kontern, dass es ja wesentlich schlimmere Mitläufer gegeben habe. Dieses Argument kommt immer dann, wenn man keine anderen Argumente mehr hat, denn natürlich gibt es IMMER jemand Schlimmeren. Das macht aber Falsches nicht ungeschehen.

Man kann end- und ergebnislos darüber streiten inwieweit man im Dritten Reich es sich leisten konnte, „Held“ zu sein. Wären wir Heutigen Helden oder Feiglinge gewesen? Man kann diese Frage nicht beantworten,  aber Kritik müssen auch diejenigen üben dürfen, die diese Zeiten nicht selber erlebt haben – ohne sich ständig anhören zu müssen, dass sie ja keine Ahnung davon hätten, wie es „wirklich“ war.

Wie hätte man selber gehandelt? Auswanderung war in der damals wesentlich weniger globalen Zeit ein recht drastischer Schritt, meist musste man dafür auch seinen gesamten Besitz opfern oder Familienmitglieder im Stich lassen. Die meisten blieben und „arrangierten“ sich, manche gingen in die gern zitierte „innere Emigration“ wie Hartmann, andere hielten sich irgendwie über Wasser, weder als Mitläufer noch als Gegner des Regimes. Man darf auch nicht vergessen, dass ein heute eher liebevoll betrachteter Komponist wie Schostakowitsch einem Schwerverbrecher wie Stalin diente, auch wenn er offensichtlich psychisch darunter zu leiden hatte.

Aber all das heißt natürlich nicht, dass man einer allzu beschönigenden und vollkommen bejahenden Affirmation von Künstlern, die fröhlich in die Propaganda-(Schultze) und Funktionärs-(Egk)Maschinerie der Nazis integriert waren und diese auch bewusst zu ihrem eigenen opportunistischen Erfolg nutzten (hier wären natürlich auch wesentlich prominentere Namen wie Karajan oder Strauss zu nennen) unbefragt als Mitglied des DKV unterstützen muss. Und man wundert sich natürlich, dass mancher vor allem deswegen abgefeiert wird, weil er als Funktionär den jetzigen Funktionären auf ihrem Weg half, und manch anderem wie Hartmann (den Benjamin Schweitzer richtig als Beispiel anführt) in den Seiten der DKV-Informationen eher selten bis gar nicht gedacht wird. Vielleicht weil er nicht genug in Verbänden rumgeschaftelt hat?

Die Vergangenheitsbewältigung beim DKV wie auch bei der GEMA ist eine noch recht junge Angelegenheit. Als ich in die GEMA mit damals 18 Jahren eintrat, waren die Mitgliedernachrichten voll von endlosen Porträts von Schultze, der irgendwelchen anderen Funktionären die Hand schüttelte. Das war ungefähr so spannend zu lesen wie das Telefonbuch von Castrop-Rauxel. Kein kritisches Wort war zu lesen, erst hinter vorgehaltener Hand erfuhr ich von Kollegen wie Engelmann oder Kühnl, dass Schultze nicht unumstritten sei. Zu seinem Geburtstag schrieben damals viele Freunde und Kollegen einen von der GEMA finanzierten und veröffentlichten Variationsband über „Lilli Marleen“. Hätten sie auch Variationen über „Bomben auf Engeland“ geschrieben, auch ein Lied von Schultze?

Inzwischen hat sich sowohl bei der GEMA als auch beim DKV sehr viel zum Positiven verändert – die Vergangenheit wird thematisiert und es gibt Dokumentationen die es so vorher nicht gab. Natürlich ist das notwendig und richtig, auch um das Vertrauen der jungen Mitglieder zu gewinnen. Und natürlich ist auch die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit ein nicht kleines Thema.

Gerade deswegen nerven aber eben die erneuten erbosten Repliken von Christian Bruhn in der neuen Ausgabe, der natürlich als Funktionär par excellence IMMER das letzte Wort in einem Verbandsorgan haben wird, egal wie sehr die Jungen „aufmucken“. Das Ganze kommt bei allem Respekt über die vielen Verdienste von Bruhn rüber wie das selbstgefällige Gehabe von „Alten Herren“ (manch einer würde vielleicht böse „Alte Säcke“ sagen), die der Jugend stets jegliches Sachverständnis absprechen.

Selbst auf die wirklich sehr wohlüberlegte und keineswegs eine Seite bevorzugende Antwort des Musikwissenschaftlers Albrecht von Massow muss Bruhn noch eins draufgeben. Dabei hatte Massow nichts weiter getan, als Bruhns Argumentation, dass die Musik von Schultze ja nach wie vor die Herzen berühre (was nicht jedem gelänge, vor allem nicht den Neutönern – so deutet Bruhn es unverhohlen an), als „prekär“ zu bezeichnen. Was von Bruhn natürlich sofort als Angriff auf die U-Musik und damit auf ihn selber missverstanden wird.

Und da haben wir sie wieder, die gefürchtete U gegen E-Diskussion des Komponistenverbandes. Und auch wieder die Solidarität der alten Herren… nämlich dann wenn schon wenige Seiten später im selben Heft Bruhn eine ganzseitige Eloge über seinen alten Kumpel Karl-Heinz Wahren vom Stapel lässt, die mit den unfreiwillig komischen Zeilen „Musik, kreiert von Karl Heinz Wahren, erklingt wohl noch in hundert Jahren“ endet. Na dann: Prost! Auf Karl Heinz!

Solidarität unter Kollegen und Interessenverbände sind wichtig, keine Frage. Aber manchmal wundert man sich schon, ob nicht vielleicht doch ein bisschen zu bierselig an Stammtischen zusammengesessen wird, man sich dabei des Funktionärsdaseins freut und sich gegenseitig mit den Worten „ach, war doch alles nicht so schlimm damals“ und „Der Schultze, das war doch ein Bombentyp“ auf die Schulter klopft.

Wobei…mit letzterem hätte man ja sogar irgendwie recht.

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

6 Antworten

  1. Ein Beitrag dem inhaltlich nichts hinzu zu fügen ist.
    Ja, die Diskussion und das Forum um die Vergangenheitsbewältigung muss weiter gehen. Die Generationen der 30+ und 40+ und tw. 50+ müssen mehr gehört werden bzw. mehr gestalten und die Älteren sollten einfach mal mehr zuhören.
    WIR ALLE sind der DKV. Man kann nur hoffen und wünschen, dass sich jüngere Komponisten nie abschrecken lassen und sagen: jetzt erst recht: engaieren, eintreten, drin bleiben etc.

    In diesem Sinne, schönen Restsonntag,

  2. Nachtrag: und natürlich die 20+-Leute, die braucht der DKV auch, unbedingt!

  3. In der „Zeit“ Nr. 17 von 1969 findet sich ein interessanter Beitrag des Aufklärers Fred K. Prieberg, der etliche Musikerbiografien der NS-Zeit erforschte. Es geht um die einstweilige Verfügung Egks gegen ein Buch von Konrad Boehmer, im welchem dieser Egk seine NS-Verstrickungen vorwarf. Da dieser Artikel von einem kompetenten Forscher knapp gehalten ist, kann er allen als gute Information zu Egk dienen.

    Auch wenn google-books so eine Sache ist, kann man dort doch was interessantes sehen. Es gibt in Thomas Eickhoffs Studie „Politische Studien einer Komponisten-Biographie im 20. Jhd. – Gottfried von Einem“ auf S. 67 und 68 einen Abdruck eines Sitzungsdokuments des „Vergabeausschuss für Staatszuschüsse zur Verteilung an Komponisten“ im Jahre 1942, im welchem zuerst Boris Blacher vorgeschlagen worden ist, damals stolze 2000 RM zu erhalten. Auf der Liste finden sich auch Pepping, Trapp, Orff, Distler, Strauss und Pfitzner. Handschriftlich ist allerdings Blacher durchgestrichen worden, mit der Bemerkung „Vierteljude“, am Ende des Dokuments wurde dies durch die links gut erkennbare Handschrift von Werner Egk sanktioniert.

    Nach eigenen Angaben hatten beide zwar ein gutes Verhältnis, komponierten nach dem Kriege gar gemeinschaftlich, so war Blacher trotz späterer Inschutznahmen Egks durch ihn oder seine Wahl zum Hochschulschef in Berlin als eine Art Wiedergutmachung doch lt. Gottfried von Einem gefährdet: „Natürlich war er das , und wie, dadurch – was ich nicht wusste – , dass er Jude war.“ Es bleibt auch offen, ob Blacher je von der Listenstreichung erfuhr. Auf alle Fälle zeigt dieses Dokument einzigartig die machtvolle Position Egks, die Verstrickung durch z.B. durch die Sanktionierung der Streichung. Ach ja, zuletzt sei der Spiegel von 1947 nicht vergessen, mit einem Bericht vom Spruchverfahren gegen Egk, wo er angab, mit von Einem und Blacher ein Widerstandsnest gebildet zu haben…

  4. In der „Zeit“ Nr. 17 von 1969 findet sich ein interessanter Beitrag des Aufklärers Fred K. Prieberg, der etliche Musikerbiografien der NS-Zeit erforschte. Es geht um die einstweilige Verfügung Egks gegen ein Buch von Konrad Boehmer, im welchem dieser Egk seine NS-Verstrickungen vorwarf. Da dieser Artikel von einem kompetenten Forscher knapp gehalten ist, kann er allen als gute Information zu Egk dienen.

    Auch wenn google-books so eine Sache ist, kann man dort doch was interessantes sehen. Es gibt in Thomas Eickhoffs Studie „Politische Studien einer Komponisten-Biographie im 20. Jhd. – Gottfried von Einem“ auf S. 67 und 68 einen Abdruck eines Sitzungsdokuments des „Vergabeausschuss für Staatszuschüsse zur Verteilung an Komponisten“ im Jahre 1942, im welchem zuerst Boris Blacher vorgeschlagen worden ist, damals stolze 2000 RM zu erhalten. Auf der Liste finden sich auch Pepping, Trapp, Orff, Distler, Strauss und Pfitzner. Handschriftlich ist allerdings Blacher durchgestrichen worden, mit der Bemerkung „Vierteljude“, am Ende des Dokuments wurde dies durch die links gut erkennbare Handschrift von Werner Egk sanktioniert.

    Nach eigenen Angaben hatten beide zwar ein gutes Verhältnis, komponierten nach dem Kriege gar gemeinschaftlich, so war Blacher trotz späterer Inschutznahmen Egks durch ihn oder seine Wahl zum Hochschulschef in Berlin als eine Art Wiedergutmachung doch lt. Gottfried von Einem gefährdet: „Natürlich war er das , und wie, dadurch – was ich nicht wusste – , dass er Jude war.“ Es bleibt auch offen, ob Blacher je von der Listenstreichung erfuhr. Auf alle Fälle zeigt dieses Dokument einzigartig die machtvolle Position Egks, die Verstrickung durch z.B. durch die Sanktionierung der Streichung. Ach ja, zuletzt sei der Spiegel von 1947 nicht vergessen, mit einem Bericht vom Spruchverfahren gegen Egk, wo er angab, mit von Einem und Blacher ein Widerstandsnest gebildet zu haben…

  5. Ach, und ich vergass aus Wikipedia und der englischsprachigen IMD zu zitieren:
    1.) IMD: Soundtrack zu „Jungens“ aus dem Jahre 1941, ein Film der heute ein Vorbehaltsfilm wie z.B. Jud Süss ist.
    2.) Wikipedia: “ Im Mai 1941 zeichnete er verantwortlich für die Musik zum HJ-Film (Staatsauftragsfilm) Jungens mit dem Marsch der deutschen Jugend zu einem Text von Hans Fritz Beckmann („Fahren, Fahren wir, Die Fahne weht voran! Groß-Deutschland heißt unser stolzes Schiff, drauf stehn wir, Mann für Mann“).“ Klingt wie „Fahne hoch“ – es ist so widerlich!!

    3.) Und dass es wirklich ein Vorbehaltsfilm ist samt dem „wunderbaren“ Inhalt dieses Staatsauftrags – von wegen Widerstandskämpfer, Herr Egk – hier: „In Jungens muss ein junger Lehrer und HJ-Führer in einem ärmlichen Fischerdorf erst das Vertrauen der verwilderten Jugendlichen für die Ziele der Hitlerjugend gewinnen, bevor er die Vorherrschaft eines gefährlichen Schmugglers und „Volksschädlings“ brechen kann. Eingebunden in die Krimi-Handlung ist die ausführliche Schilderung des HJ-Dienstes und eines HJ-Festes in den Dünen.“

    Ich kann mich nur noch dafür einsetzen, dass Werner Egk als Ehrenmitglied des DKV gestrichen wird, dafür entweder/o./u. Henze, Brandmüller und sofern mal DKV-Mitglied K.A. Hartmann Ehrenmitglied posthum werden bzw. Ehrungen nach diesen Namen geschaffen werden. Es ist ein kompletter Neuanfang in dieser vonnöten. Falsche Vorbilder: WEG DAMIT!

  1. 24. Oktober 2014

    […] mit seiner Filmmusik zur regimetreuen Jugendbildung beitrug – wer da noch Ehrungen auch in Institutionen des Musiklebens aufrechterhält und Egk verteidigt, Prost, Mahlzeit, denn dieses NS-Engagement relativiert alles spätere im Leben Egks, der, s. […]

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