KUNST IST…Protokoll einer Verzweiflung

KUNST IST SCHÖN, MACHT ABER VIEL ARBEIT

Ich muss zugeben, dass ich diesen Satz nicht mehr hören kann, auch wenn es der durchweg sympathische und große Karl Valentin mal gesagt haben soll. Ja, ich würde so weit gehen, dass dieser Satz wegen seiner unendlichen Verbreitung und gnadenlosen Überbenutzung in mir inzwischen einen unüberwindlichen Brechreiz erzeugt, der es mir fast unmöglich macht, den Satz niederzuschreiben, so wie ich es gerade eben getan habe. Ein doppelter Whisky musste dabei helfen.

Es ist inzwischen unmöglich, diesem Satz zu entkommen. Schon Kleinkinder werden damit indoktriniert, in Vorwörtern von Klavierschulen und Malschulen. Immer wieder lesen wir es: „KUNST IST SCHÖN, MACHT ABER VIEL ARBEIT“ (würg, noch ein doppelter Whisky).

Mit diesem Satz, der bei näherer Betrachtung eigentlich gerade durch seine Verweigerung jeglicher sinnvoller Aussage über Kunst seine Komik bezieht,  werben allein in München gerade vier verschiedene Ausstellungen, Kunstprojekte und Veranstaltungen auf Plakaten überall in der Stadt. Geht man in einen beliebigen Geschenkeladen oder Museumsshop, oder – wie jeder brave Münchener Klassikliebhaber – zu Kaufhaus Beck, kann man gleich körbeweise Postkarten (mit unterschiedlichsten Motiven) erstehen, die nichts anderes als diesen Satz präsentieren, oder auch – ebenso beliebt und abgedroschen: „Und ich sage: Lebe wild und gefährlich, Arthur“ kombiniert mit irgendeinem Bild von einem kleinen Jungen um 1900,  was uns irgendwie suggerieren soll, dass wir der Spießigkeit entkommen können, wenn wir es uns ganz doll vornehmen. Leider ist aber gerade das noch viel spießiger und verkrampfter – nun ja, wir Deutschen brauchen immer jemanden, der uns befiehlt „locker“ und „wild“ zu sein, weil wir uns das sonst nicht trauen.

Irgendwann stieß mal irgendein Kartendesigner irgendeines Werbepostkartendesignerbüros im Prenzlauer Berg auf diesen zugegebenermaßen in seiner Lakonie genuin witzigen Spruch des großen Valentin und fand, dass das doch so unheimlich dufte in unsere groovy lakonische Zeit passen würde, die ja ohnehin schon längst den Respekt vor irgendetwas verloren hat, am meisten vor der Kunst, denn sonst gäbe es weder „Big Brother“ noch Promis im Urwald die Maden essen, um es mal wieder auf die Titelseite der Neuen Zeitschrift für Musik zu schaffen, äh, der „Bild“-Zeitung natürlich.

Das Schlimmste ist: Der Satz stimmt noch nicht mal, denn erstens gibt sehr viel nicht so schöne Kunst, nein, es gibt auch noch verdammt viel Kunst, die leider GAR KEINE Arbeit gemacht hat, und die es trotzdem gibt. Ja, ich schaue Dich an, Philip Glass.

Wäre es wenigstens so, dass Kunst ganz, ganz, ganz viel Arbeit macht, dann gäbe es nicht so viele Künstler, die sich für Genies halten, weil es eben halt auch nicht allzu anstrengend ist, aus z.B. Vogelscheiße Musik zu machen.

Von Karl Valentin –  den ich bedingungslos verehre – lasse ich mir vieles sagen, nur nicht, wie viel Arbeit Kunst zu machen hat. Das möchte immer noch ich entscheiden.

Noch viel schlimmer als Valentin aber ist der auch oft verwendete Satz „Käme Kunst von Wollen hieße sie „Wunst“. Höhö, selten so gelacht, verdammich noch Mal, ich brat mir’n Storch!

Das ist ungefähr genauso sinnvoll wie zu sagen: „Wäre Sport für die Massen, so hieße er Mord“. Gibt’s auch schon? What the fuck…

Der Valentinsche Satz ist also eine Art Ohrwurm aus Worten, den man nur los wird, indem man ihn gnadenlos variiert…bis er sich selbst ad absurdum führt.

Ich versuch das mal, Freunde.

Wie wäre es zum Beispiel hiermit:

KUNST IST FREI, MACHT ABER VIEL ÄRGER

Das habe ich Mal anlässlich der „Pussy Riot“-Affäre gedichtet.  Stimmt sogar, außer in Ländern in denen die Kunst so unfrei ist, dass sie noch nicht einmal mehr Ärger machen kann.

Oder hiermit:

KUNST IST DOOF, MACHT ABER AUCH KLUG

Das würde immerhin der Tatsache Rechnung tragen, dass z.B. „Faust II“ eigentlich ein Riesenquatsch ist, es aber klug macht, ihn zu verstehen. Oder wie wäre es hiermit:

IST KUNST SHIT, MACHT SIE DENNOCH OFT KOHLE

Nun ja, meistens ist es eher umgekehrt. „Ist Kunst toll, macht sie eher wenig Kohle“ – aber das klingt nicht so knackig. Oder wie wäre es mit einem eher dadaistischen Ansatz:

KUNST MACHT ARBEIT, IST ABER SINNLOS

Eigentlich ist das nämlich die schreckliche Wahrheit hinter aller Kunst. Aber das ist ja gerade das Schöne daran.

Oder spielen wir mit der Wortstellung:

MACHT IST SCHÖN, ABER ARBEIT IST KUNST

Das könnte ganz gut über einem Gulag stehen, in dem gerade Alexander Solschenitzyn gefoltert wird. Ich weiß jetzt ehrlich gesagt auch nicht, warum ich das gerade schreibe.

KÜNSTLER SIND SELTEN, ARBEITEN ABER TUN VIELE

Ach, schön wäre es, wenn Künstler selten wären – dann hätten wir alle etwas mehr zu tun.

DER WEIHNACHTSMANN IST EINE SCHEISSE, KUNST ABER AUCH

Das verstehen jetzt nur die Kenner der gleichnamigen französischen Filmkomödie.

VIEL ARBEITEN MACHT SCHÖN, WAS AUCH EINE KUNST IST

Charles Dickens würde widersprechen.

ARBEITER UND KÜNSTLER MÜSSEN SCHÖNES MACHEN

Stalins Lieblingssatz.

KUNST BRINGT‘S, DENN NICHT VIEL ARBEITEN MACHT SCHÖN

Das ist ja der Grund, warum wir Künstler geworden sind, oder nicht?

LIEBT DIE MACHT DAS SCHÖNE, ARBEITET DIE KUNST

Mehrere Generationen von Päpsten können sich nicht irren, und die Medicis auch nicht.

VIEL ARBEIT MACHT NOCH KEINE KUNST

Ja, denn am Tor zum Himmel steht kein Engel, der die Länge unserer Partiturseiten misst.

WER ALS KÜNSTLER ARBEITET, IST NOCH LANGE KEIN KÜNSTLER

Und dennoch denken es so viele von sich!

MACHT IST UNSCHÖN, MACHT ABER VIEL HER

Denn gleichzeitig ist sie bekanntermaßen auch sexy.

KUNST MACHT ARBEIT, MANCHMAL ABER AUCH NICHT

Womit wir wieder bei Valentins Dadaismus angekommen sind.

VIELES IST SCHÖN, ABER KUNST IST NOCH SCHÖNER

Und ja, wenn sie denn schön ist, kann das sogar stimmen.

So ich kann nicht mehr. Aber wenigstens ist jetzt dieser schreckliche Satz aus meinem Hirn verschwunden. Bis er mich wieder von  der nächsten Litfaßsäule anspringt, und mir erneut beweist, dass unserer Zeit eben doch nicht viel Neues einfällt.

Und ich sage: lebe angepasst und ungefährlich. Denn das ist die einzige und sublimste Provokation, die uns noch verblieben ist.

Drauf geschissen.

Moritz Eggert

Und wer immer noch nicht genug hat:

...als Aschenbecher

...als Mousepad

...als Bildschirmschoner

...als Lenbachhaus

Moritz Eggert

Komponist

7 Antworten

  1. Franz Kaern sagt:

    Lieber Herr Eggert,
    ja, Sie haben Recht, so manche Sätze gehören mittlerweile einfach verboten, weil sie oft überstrapaziert werden und teilweise schon von Beginn an ein gewaltiges Potential zum Augenrollen mit sich bringen (ich denke da auch an das unselige „Träum nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum“…. Finden viele Pubertierende ja philosophisch genug, um es sich gegenseitig ins Poesiealbum zu schreiben).

    Ich bin Ihrem Link zur Vogelscheißemusik gefolgt und wurde durch das Hörbeispiel dort aber durchaus neugierig auf das Projekt (ich kann Ihrem Text nicht genau entnehmen, wie Sie dazu stehen, ob ironisch distanziert, lächerlich machend oder vielleicht auch mit einem gewissen Interesse). Die Grundidee erinnert ja etwas an den Atlas Eclypticalis von Cage: Auf außermusikalische Weise werden quasi zufällige Tonvorräte gewonnen, aus denen dann Musik werden soll. Der Komponist Jon Hering, der dem Ideengeber Kerry Morrison zugearbeitet hat, hat sich allem Anschein nach durchaus hingesetzt und Mühe gegeben, aus den zufälligen Spots von Vogelscheiße, Verwitterungen und Fahrradspuren auf den ausgelegten Notenblättern richtige Musik zu entwickeln, die mir persönlich interessant genug vorkommt, um sie wirklich als Kunst ernst zu nehmen. Ich habe ein bisschen weiter gegoogelt bzw. geyoutubed, leider scheint es keine komplette Aufnahme des Stückes zu geben, nur Ausschnitte. Der Gesamtverlauf der Komposition würde mich durchaus interessieren, zumindest machen die Häppchen Lust auf mehr.
    Freilich, was man in Ihrem Link da so über die ideellen Hintergründe dieser Vogelscheißenmusik zu lesen bekommt, macht einen durch die zur Schau gestellte political correctness und environmental awareness ein bisschen peinlich berührt. Aber einfach nur als Kunst ohne allzuviel Ballast dieser Art kann mich das Projekt wohl durchaus anziehen. Wir Komponisten suchen immer nach irgendeiner Legitimation für unsere Töne, nach einer Folie, die sie zusammenhält, nach Wegen, überhaupt zu einer Ordnung von Tönen zu kommen. Egal, woher der Stimulus dazu kommt, ob aus einer Fibonaccireihe, aus Sternenatlanten, bird droppings, einer Inventio am Anfang, die dann weitere Töne und Wucherungen an sich lagert, oder was auch immer, nach einer gewissen Materialorganisation fängt dann die Arbeit mit diesem Material an, beginnt die Inszenierung, Kolorierung, Verarbeitung, Präsentation dieses Materials. Ich habe den Eindruck, das hat bei Morrison/Herings Projekt ebenso stattgefunden. Sicher am wenigsten für Morrison, der nur die Idee dazu hatte, mehr für Hering, der mit seinem kompositorischen Kopf den musikalischen Sinn darin zu finden und herauszuholen sich aufmachte. Warum nicht gelegentlich mal solch eine Arbeitsteilung ausprobieren: Ich lasse mir von jemand anderem, der vielleicht selbst gar nichts mit Musik zu tun hat, eine Idee zu einer Musik geben und versuche dann, diese Idee sinnvoll in musikalische Gedanken zu übersetzen. Hätt ich durchaus mal Lust dazu…

  2. Vielen Dank – was meine Meinung zum „Bird Sheet Music“-Projekt angeht, so muss ich sagen, dass eine der schönsten Eigenschaften von Kunst ihre Freiheit ist. Und dazu gehört auch, sich von Vogelscheiße inspirieren lassen zu dürfen. Ob das künstlerisch nun gut oder schlecht ist – das wage ich aufgrund der doch eher spärlichen Ausschnitte im Internet nicht zu beurteilen…
    Und was die Möglichkeit des Teamworks beim Komponieren angeht, so ist das ja im Idealfall schon bei Oper und Musiktheater so – klappt halt leider nicht immer :-)

  3. Dave sagt:

    KEINE KUNST, MACHT ABER NIX!
    (scnr)

  4. @Moritz: Nicht der Inhalt, aber der Stil deines Artikels berührt ein Thema, das mich seit Kurzem wirklich umtreibt: Welche soziale Funktion haben Weblogs eigentlich mittlerweile (sie sind ja nicht mehr wirklich „neu“) bekommen? Stellen sie wirklich eine Art Gegen-Öffentlichkeit dar, die der (Kultur-)Journalismus ernst nehmen, gar fürchten muss? Oder dienen sie lediglich als stets verfügbares verbales Abführmittel?

    Ausgelöst wurde diese Grübelei durch einen: – Blogartikel der SPD-Vorstandsreferentin für Soziale Medien, Teresa Maria Bücker. Sie schreibt:

    Mit einem Blog schließe ich ein emotionales Abonnement.

    Journalismus sei etwas ganz anderes.

    Im ungünstigsten Fall hieße das: bei den radikalsubjektiven BloggerInnen konsumiert man gerne deren üppig dargebotene Gefühlswelt, aber seriöse Meinungsbildung (ich rede nicht vom Einholen von Sach-Informationen oder gar Investigation, das kann ein Blog für gewöhnlich ohnehin nicht leisten!) läuft weiter über die etablierten journalistischen Angebote (ob online oder offline, spielt hier jetzt mal keine Rolle).

    Wenn ich das BBOM der vergangenen eineinhalb Jahren Revue passieren lasse, so erscheint mir vor allem eines auffällig: Auslöser fast aller Artikel ist meist irgendeine Art von Frustration, die dann von den Kommentatoren jeweils entweder kritiklos akklamiert oder mit ätzender Schärfe niedergemacht wird (ich nehme mich da selbst nicht aus!). Eine mit Sachargumenten geführte Diskussion dagegen entsteht eher selten.

    Wie ist dein Eindruck? Was ist der BBOM eigentlich? Ist er nur ein wohfeiler Kummerkasten für Komponisten Neuer Musik oder will er, wie T. M. Bücker über ihre Gründe, Blogs zu lesen, schreibt, „intellektuell anregen, Begeisterung auslösen für Ideen, Gedanken“?

  5. man kann valentin für seinen spruch dankbar sein! irgendwie naiv und hübsch, eben poesiealbum, likebutton, katze. er reisst aber auch genau die trennlinie zwischen dem arbeit macht frei sprüchlein-grusel an kz-toren. alles für die katz‘. letztlich: museumsshopniveau. wunst und hurz sind da ex negativo viel besser, wie eben frustration als ex negativo prinzip, ähnlich dem aussschlussprinzip der neuen musik zu tiraden führt. gehört alles irgendwie nicht zusammen… oder: sprüche in den giftschrank und nur kleinkindwitze wie zwei häuser spielen fussball geltenlassen.

  6. @Stefan: Es stellt sich natürlich die Frage, was genau der Begriff „seriöse Meinungsbildung“ eigentlich bedeutet. Im Druckjournalismus gibt es da „Bild“ und „Gala“, die ich jetzt nicht unbedingt damit assoziieren würde. Auch die anerkannten Tageszeitungen wie FAZ, SZ, etc. haben oft relativ klar umrissene politische Positionen, die sich an eine bestimmte Leserschaft wendet, die dann diese Meinungen bestätigt haben will. Ist das dann seriösere Meinungsbildung als ein Blog?
    Eines ist nicht besser als das andere – natürlich lebt auch der Blog von der Meinung seiner Autoren, denn wenn man keine Meinung zu irgendetwas hat, muss man auch über nichts schreiben. Genauso wie eine Tageszeitung kann aber ein Blog z.B. auf ein Thema aufmerksam machen (was wir hier ständig tun) – da ist also dann nicht nur unsere Meinung von Belang, sondern auch das eigene Nachforschen. Was mir persönlich am Medium Blog gefällt ist die Möglichkeit, auch literarische Experimente zu machen, die in solcher Form in keinem Druckmedium möglich sind, hiervon hatten wir in letzter Zeit einiges.
    „Seriöse Meinungsbildung“ ist denke ich von der eigenen Ethik abhängig, diese Meinung zu bilden. Und wenn man eine solche Ethik hat, wird man sich immer möglichst vielseitig informieren – und dazu gehören inzwischen eben auch absolut gleichwertig Blogs.

    Moritz Eggert

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