GEMA, Darmstadt, Hosokawa, Flitzer – je 1 Absatz!

Das lesermobilisierendste Schreiben im Badblog ist – einmal dürft Ihr raten – das Thema GEMA! Was immer enthüllt oder verlautbart wird, die Zugriffsstatistik schnellt in extreme Höhen. Zur Zeit wird dies nur von zwei Suchbegriffen getoppt: Barbara Schöneberger, die uns zu Beginn von Patrick Hahns Radiopreis-Artikel anschaut oder Copacabana, von deren Strand uns Moritz Eggert einst anlässlich einer Tournee durch Brasilien als Mitwirkender der berühmten Amazonas-Oper der Münchener Biennale 2010 Bericht erstattete (der numerische „Erfolg“ beider Beiträge hängt wohl mit den Bildern zusammen…). Na, und nun gestern die Universums-GEMA. Eigentlich wollte ich ein paar Gedanken über den ehemaligen Spider-Murphy-Gang-Drummer Franz Trojan zum Besten geben, der inzwischen in einem Wohnwagen haust, derweil sein ehemaliger Band-Kompagnon Günther Sigl mehrfacher Hausbesitzer zu sein scheint, wie die Süddeutsche Zeitung in ihrem letzten Magazin berichtete. Bei Popbands werden Songs ja oft im Kollektiv erarbeitet, hat im Probenprozess jeder seinen Anteil am Werk, mal mehr, mal weniger. Wenn man dem SZ-Magazin folgt, schien Sigl sich durch gute verlegerische Beratung die Aufführungsrechte allein gesichert zu haben. Ob das nun so genau stimmt oder ein anders lief, dies zeigt uns mal wieder, wie reformbedürftig die ehernen Berechtigungsgrundsätze der GEMA sind. Das mögen die Spider-Murphy-Gang-Leute unter sich austragen, gütlich oder schärfer, ober eben auch nicht. Denkt man allerdings an den aktuellen Entwurf für den vierten Armuts- und Reichtumsbericht Deutschland des Bundesarbeitsministerium, nach welchem 10% der Bevölkerung 45% des deutschlandweiten Privatvermögens besitzen, den immer dünner werdenden Anteil der Ärmeren, den schrumpfenden Mittelstand, die düsteren Aussichten auf Altersarmut, die in wenigen Jahrzehnten besonders hart auch die meisten unserer Kunstschaffenden krasser denn je treffen dürfte, fragt man sich, ob die GEMA als Bestandteil des Urheberwahrnehmungsrecht sowie das ganze Urheberrecht nicht extrem solidarischer werden muss. Aber es gibt ja Spannenderes…

Mancher erinnert sich trotz der reisserischeren Themen vielleicht noch an meinen Einsatz für zeitgenössisches Streichquartett-Schaffen. Ich kann vermelden, dass mein eigenes „Erstes“, das mit dem exekutierten Hias samt seinem Volkslied der Haydnzeit, der Gründungsphase jenes Genres, gut uraufgeführt worden ist. Die Frage der Relevanz dieses Genres, ob nun zu erhalten, zu tabuisieren oder zu verändern, habe ich damit wohl nicht verändert. Dennoch auf meine Art einen anderen Weg als reine Materialerweiterung a la Arditti beschritten, ein „Gehen Sie nochmals über Los“ versucht. Wie auch immer – man verzeihe mir die Eigenwerbung – es wird am 15.10.12 im Studio Neue Musik des Münchener Tonkünstlerverbandes mit neuen Streichquartetten von Christoph Reiserer, Volker Nickel und Nicolaus Richter de Vroe sowie einem quartettischen Laptopgitarrenspiel mit den Samplings dieser Stücke durch Gunnar Geisse mit dem XSEMBLE Streichquartett wiederholt. Es sei der Blick aber noch ein wenig weiter in die Vergangenheit gewagt, zu den Darmstädter Ferienkursen 2012, auch so ein Dauerbrenner in der Blogstatistik! Durch ein Veranstaltungs-Posting auf Facebook meines in New York lebenden, mir freundschaftlich verbundenen Kollegen Carl Christian Bettendorf, der die Wochen selbst eigene Streichquartettaufführungen in der dort noch nicht von filmerregten Wahnsinnigen gestürmten deutschen Vertretung hatte, wurde ich auf das MIVOS Quartett aufmerksam. Zu den Ferienkursen reisten sie u.a. mit Jorge Sanchez-ChiongsChromatic Abberation“ für Streichquartett und DJ an. Sanchez-Chiong betätigte während der Darmstädter Aufführung selbst die Turntables. Das Stück beginnt mit massiven, elektronisch verstärkten Schlägen der spieltechnisch verfremdeten Streichinstrumente, die bald auch heftig gestrichen werden. Dazu statt einer Zuspielung die Performance des Komponisten. Das sieht theatralisch gut aus, fügt dem Quartett allerdings auch nicht mehr als eine „coole Ebene“ hinzu, da es ein bisschen anders aus seiner Aktion als das Quartett klingt, aber leider auch nicht mehr. Immerhin hat das Stück eine klare Prozessform: von laut „verfremdet“ zu leise „aufgelöst“. Bemerkenswert allerdings das „Dazu“, also die Hinzunahme eines DS’s, das fast schon extremistisch zu nennende Bemühen, das Genre Streichquartett aufzubrechen. Wenn es strukturell oder gar emotional einen Bruch der Prozessform gegeben hätte, wäre vielleicht wirklich etwas neues entstanden. D.h. nicht, dass ich das Stück für zu schlicht halte. So richtig zündet es nicht, es exerziert brav seine Existenz, steuert der Frage „Quartett nein/ja“ keinen substantiellen Erkenntnisgewinn bei, ausser der Tatsache, dass Streicher und Turntables kombinierbar sind. Schön und gut, dennoch: Jungs, Mädels, die Ihr das Quartett für tot haltet, macht Euch dran und drauf! So mancher von Euch dürfte mehr zu Wege bringen als jene beschriebene Darbietung mir anmutet – ich bau‘ auf Euch!

Jetzt wird wieder mancher Leser „geschwätzig“ nach dem eben vergangenem Absatz aufrufen. So sei auf leisere Musik hingewiesen, die in letzter Zeit ebenfalls mit der Hinzunahme anderer Formen oder gar Künste arbeitet. Wagt Sanchez-Chiong doch erfrischend den Bruch, so geht es bei den letzten Aufführungen des Streichquartetts „silent flowers“ von Toshio Hosokawa schöngeistiger, na, eben typisch japanisch hübsch zu. Sei es bei einer Aufführung durch ein Quartett des Münchener Kammerorchesters in den Münchener Kammerspielen oder einer der letzten des Arditti-Quartetts: Zu den Streichern tritt die vom Nô-Theater inspirierte Performance der Künstlerin Ryoko Aoki. Das sieht bezaubernd aus und geht auch irgendwie zu Herzen, ja, drückt dies mal wieder auf meine schwache Tränendrüse, ob nun geweint oder gelacht – irgendwie wohl Beides. Aber auch hier die Bemühung durch Aufbrechen der reinen Spielsituation der vier Streicher woanders hin zu gelangen. Ich meine allerdings, dass dies uns nicht weiterbringen wird! Gefragt sind nicht innermusikalische Operationen oder aussermusikalische Kostümblätterwälder. Gefragt sind harte Themen! Eben nicht der Schöngeist eines Divertimento als hors d’oeuvre, einer Kassation zum Dessert, Sonatenfugen zum Tee, Luft von anderen Planeten nach der Tagesschau, kein Grido angesichts des Grauens im TV oder Reigen seliger Geister nach Mitternacht, gar zu späterer oder früherer Stunde irgendetwas im Innersten von was oder wem auch immer. Nein, es muss das Leben in die Musik! Der Aufstand, der Untergang, die Hoffnung, der Krieg, der Friede, der Tod und das Leben, die Trauer und die Freude. Also alles Emotionen, Inhalte, die uns Beethoven bescherte und nach der Lyrischen Suite bis auf einen italienischen Brief an Diotima verloren gingen, abgesehen von den verschiedenen Zügen, die Steve Reich oder Brian Ferneyhough jenseits der grossen Wässer anfahren liessen.

Aber die Entwicklung geht wohl mehr in Richtung „wat Grosses“, wenn man an eine mögliche Stockhausen-Renaissance denkt. Demnächst Streicher nicht mehr nur in Helikoptern, sondern sündteuer in den ersten vier privat finanzierten touristischen Weltallraumgleitern? Oder doch meine Idee eines Streichquartetts für zwei in Dreivierteltönen verstimmten Abrissbaggern und einem Streichquartett? Was träume ich. Es wird viel einfacher, ja authentischer. Wenn honorige Ensembles mit Schubert, Brahms oder Bartok auftreten sollten, werden sich junge Menschen auf den Stehplätzen im hinteren Carée des Herkulessaales die Kleider vom Leib reissen und einfach nackt über die Bühne flitzen, auf der schon der jetzige Papst stand, König Ludwig Botschafter empfing oder Karajan und Co. den Stab wedelten. Nachdem die einen unbedingt keine Quartette mehr schreiben wollen, die anderen so weiter machen wie bisher und andere immer noch von den Fussballstadien träumen, übernehmen wir das dortige Zuschauerabenteuer schlicht in den klassischen Konzertsaal und befrieden irgendwie alle Geister! Wer als ist der oder die erste beim Kleider lüpfen? Nimmt sich das untere Foto zum Vorbild, kann man auf zu zweit durch dieses ehrwürdige Genre rennen, das macht es dann einfacher und wenn zwei rennen, werden auch mehr Menschen diese Flitzer sehen, als nur einen, auf den sich nur mit Mühe die höflichen Saalwärter stürzen werden, die ihre Rente aufbessern, nachdem die Gesellschaft, die GEMA, die Schere zwischen Arm und Reich… Ihr könnt ja den Text selbständig in den Kommentaren fortführen, man nehme meine Textbausteine von „Jobcenter“ bis „Darmstadt“!

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
Komponist |

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28 Antworten

  1. Goljadkin sagt:

    Ach, möge das Streichquartett doch in Frieden ruhen. Gattungen kommen und gehen, die vier vernünftigen Personen haben einander doch so ziemlich alles gesagt, was zu sagen ist …

    Goljadkin

  2. Alexander Strauch sagt:

    mh, totgesagte leben länger. egal. das quartett ist in einer gewissen weise tot, in anderer kann sehr wohl weiterleben. immer eine frage des einzelfalles. ach ja, das lied, der song, der beat, der jazz, der pop, die literatur, die politik, die geschichte, das kino (ich gehe über das genre hinaus!) – auch alles tot, sagt mancher. wenn ich genauer wüsste, was SIE eigentlich zu machen, dann könnte ich ihre aussage besser einordnen. ja, das streichquartett im sinne all jener o.g. bsp. sei futsch – es lebe das strAUchquartett – um mal eine total qualifizierte aussage zu treffen, all den totsagenden schlagwortstatements entsprechend. wie gesagt, meine argumentation oben ggf. nochmals checken und ggf. mal differenzierter zu worte…A.S.

  3. 7×8 = (… so früh am Morgen: Taschenrechner muss her: 56, puh, jetzt werden Eure Rechenaufgaben, um hier schreiben zu können immer schwerer…
    Fangt mir bloß nicht demnächst mit komplizierten Algorithmen
    an. Komponisten, die algorithmisch komponieren gibt´s ja zudem schon genug.

    @ Streichquartett: Ich find´s einfach weiterhin eine GEILE Gattung.

    @ Goljadkin: Schade… ;-( Hören wir also nicht bald die „russischen Quartette OPUS….“ von Ihnen ;-) ?

  4. Goljadkin sagt:

    @ Erik Janson:

    Ja klar, wenn die Ardittis sich bald melden, dann mach ich auch mal so ’ne Hinter-dem-Steg-Kratzorgie. Von mir aus mit Zitaten russischer Melodien, wenn’s bei der Vermarktung hilft. Nur aus eigenem Antrieb würde ich mich wohl kaum dazu hinreißen lassen, ein Streichquartett hinzuschreiben. Natürlich ist das Streichquartett eine geile Gattung, aber Versailles ist auch ein geiles Haus und die Pyramiden geile Grabsteine. Nur mit dem Heute haben sie nichts mehr zu tun …

    Goljadkin

  5. Alexander Strauch sagt:

    Sie sagen: „Hinter-dem-Steg-Kratzorgie“. Ist schon typisch, wie Sie Streicher auf eben jene Effekte reduzieren. Was im kleinen Fokus liegt, kann man noch besser im blinden Fleck verschwinden lassen. Sagen wir es mal so: Sie scheinen an den sich selbst beschleunigenden Fortschritt zu glauben. Nach diesem wäre z.B. der Einsatz einer E-Gitarre, ein Relikt des letzten Jahrhunderts, heute bereits wieder verboten, ihr erneiter Einsatz ein Rückschritt, wo doch deren Gejaule so praktisch echt-gesampelt am PC simulierbar wäre.

    Ich möchte nur sagen: Wie meine Polemik Quatsch ist, so sind Ihre Statements schlicht Schwachsinn. Spricht man mit glühenden Machern elektronischer Musik, so lieben die ihre immer seltener werdenden älteren Instrumente. Natürlich sind sie selbst pragmatisch genug, diese als Festplattenplacebo einzusetzen, wenn es nicht anders geht. Sie sprechen aber weder ihren eigenen noch den älteren elektronischen oder akustischen Instrumenten und Besetzungen ihre Daseinsberechtigung ab.

    Blickt zurück: Ein anfänglich dadistisch, ja futuristisch angehauchter Hindemith hätte sofort seine Bratsche verbrennen müssen, nur noch Trautoniumquartette komponieren dürfen. Letzteres hätte er ggf. sogar getan, genauso wie eben Streichuartette schreiben. Dies als friedlich Erklärung!

    Und nun meine Kriegserklärung! Wer Komponist sein will, muss unabhängig von Auftragslagen durchaus mal den Wunsch haben, ein Quartett zu komponieren, mit welchen Umwegen der Annäherung und Dazu-Nehmens aufbrechender Dinge auch immer. Wer es nicht schaffte, hatte zu wenig Schaffenskraft oder ist schlichtweg kein Komponist. Zumindest sehe ich es als meine vornehmste Pflicht sehr wohl mich darin zu versuchen, wie ich auch sehr wohl in Elektronik und Anderem unterwegs bin, was genauso Kür ist. Wer dies nicht kann, ok. Wer dieses Nichtkönnen zur Maxime erhebt: Lass den Stift o. die Taste in Ruhe, werde Zeitungsausträger! Wozu ich nun Sie zähle, können Sie sich selbst ausrechnen.

    Ich kann nur sagen: soviel Snobismus und Indifferenz wie bei diesem Thema, ja fast diskriminierende Intoleranz hätte ich mir nicht erwartet. Ich sehe keine Argumente, ich spüre nur Dummheit und Leere! Ich argumentier und differnzier mir einen ab, und Ihnen wie so manchen anderen fällt nix, aber auch gar nix ein. O ödes Komponistenland voller unreflektierter Aufgeblasenheit! Man könnte glatt an jenen Schuhen ersticken….

  6. Alexander Strauch sagt:

    Noch was: „Versailles ist auch ein geiles Haus und die Pyramiden geile Grabsteine“. Niemand will heute die nachgeholte Festmusik zur deutschen Kaiserproklamation oder zum Versailler Vertrag schreiben. Hätte die Komposition allerdings was mit einer Umwertung eines Marsches zu tun, könnte man es schon einen Weg finden. Mit den Pyramiden ist es ggf. etwas anderes: Die waren in voraufklärerischer Zeit ziemlich unbekannt, nur schemenhaft um Bewusstsein. Heute allerdings dürften sie im breiten Sinne für die reisende 1. Welt wichtiger sein als Schönberg oder Stockhausen! Das wahnsinnige heute ist gerade die Gleichzeitigkeit all der jetzigen und vergangenen Dinge. Ob man nun ästhetisch dies alles in ein Stück stopft oder kreuz und quer von Situation zu Situation so oder so angeht, ist eigentlich egal, solange ein Bewusstsein für all die möglichen Parallelitäten vorhanden ist.

    Für meinen Teil weiß ich, daß eine Auftrag für Arditti NICHT als Anlass für Quartettschreiben herzuhalten hat. Es muss schon eine künstlerische Präpositionierung dazu gegeben sein. Dann könnte es sogar Spass machen. Ist die Voraussetzung in einem selbst nur der Gedanke das Genre zu schreddern, mag das auch noch ausreichen. Das Problem, warum dies so ist, sagt aber niemand – nicht offen! So kann ich nur mutmassen: Einerseits eine Genervtheit von all den Kursen und der Dominanz dieses Quartetts. Das kann stimmen, schmälert aber unnötig dessen Verdienste. Das wirkliche Problem ist die Haltung all der Komponisten, die eben unbedingt von Arditti gespielt worden sein wollen, um damit in der CV zu prunken. So, Herr Goljadkin, würden dann auch SIE prunken.

    Mir ist dies aber egal! Ich kann nur sagen, dass es tatsächlich schwierig ist, auch nur ein Quartett zu schreiben. Und höchstwahrscheinlich kann ich sogar mein erstes auch gleich wieder einstampfen, weil es nichts Neues hinzufügt, Neues entdeckt. Dies ist aber leider überhaupt kein Grund, in meiner Sicht, eine altes Genre zu benutzen. Für mich geht es dabei um die Aufgabe, doch so dicht als nur mir möglich am Material zu bleiben. Und dies zeichnet ja dieses komische Genre aus, mit der komischen Doppellastigkeit der Violinen statt des klareren Trios: Am Material dranbleiben, sich mit Gegenwärtigem und Gewesenem messen. Bewusst nicht up to date sein, ein Innehalten, ein Abwarten zwischen all den anderen Aufgaben, die zeitgemäßer erscheinen mögen und einem auch eher beschäftigen. Ich kann nur sagen, dass ich trotz eigenem Streicherdasein erst mehr als 15 Jahre dieses hinter mir lassen musste, um mich an ein Quartett zu wagen. Weil ich eben genau weiss und einschätze, was für ein Korsett das sein kann.

    Also klipp und klar: Mir sind all die quartettischen Pflichtschreiber aufgrund eines Wettbewerbs, aufgrund schlichter Finanzlast derjenigen oder auch Ruhmessucht, diesen zu gewinnen, total egal. Es geht hier auch nicht um höher, weiter, schneller! Es geht um Überprüfung des eigenen Schreibens anhand eines klaren Rasters. Man sollte also Quartettschreiben und dessen Spielen nicht mit Fortschritt oder simpler gepflegter Konversation gleichsetzen. Nein, Streichquartett ist wie Schachspielen, immer alt, immer neu, immer etliches gleichzeitig. Und es ist immer mehr als reines In-/Out-Geplänkel. Dies ist immer so vertrackt wie das Outing in jenem gleichnamigen Film.

  7. Goljadkin sagt:

    @ Alexander Strauch:

    Ja, das Ausdifferenzieren, das mögen Sie. Nur die Frage, warum ausgerechnet eine vor beinahe dreihundert Jahren vollkommen zu Recht erfundene Gattung heute noch der Massstab für kompositorisches Können sein soll, das habe ich in Ihren Gedankengängen nicht ausreichend differenziert gefunden. Ich kann ja auch einfach mal behaupten, daß für mich nur der vollgültiger Komponist ist, der Triosonaten schreibt. Letztendlich geht es doch immer darum, das habe ich neulich schon dem Hetzel zu sagen versucht, seine eigenen Blindheiten zu hinterfragen. Und für mich ist das Streichquartett genau so ein blinder Fleck. Alle starren drauf, nur zu sehen gibt es eigentlich seit geraumer Zeit nicht mehr viel. Ja klar, noch ’n Turntable dazu, aber ehrlich gesagt ist das für mich schon kein Streichquartett mehr, genauso wie ich mit dem Soprangesinge bei Schönberg so meine Probleme habe, weil es ist ja dann kein QUARTETT mehr. Man sollte meinen, die Leute könnten inzwischen nicht nur bis zwölf sondern wenigstens bis vier zählen.

    Dauernd wollen Sie irgendwas umwerten, die Tonalität, das Streichquartett, Märsche … Warum denn bloß? Warum nicht einfach für genau das Ensemble schreiben, das für den jeweiligen musikalischen Gedanken genau das richtige ist. Wenn ich jetzt einen Streichquartettgedanken hätte, wer weiß … aber vielleicht bin ich ja auch einfach zu doof für dieses „Schach“ oder ich bin einfach kein Streichquartett-Typ. Sind wir mal ehrlich, Schumann war auch keiner, Brahms, naja, solala, Verdi, ganz schön, aber extratoll isses auch nicht, Cherubini hat auch ein paar ganz nette gemacht, mag ich eigentlich ganz gerne, aber die allerhöchste Beethoven-Spätquartett-Existenz-Tiefe haben sie auch nicht. Und auch die von Mozart sind allerhöchstens gut gemeint, kein Vergleich mit Haydn, der eben ein Streichquartett-Typ war, ’s gute Wolferl halt nicht so arg. ‚S andere Wolferl aus Karlsruhe müht sich ja auch so mit den Quartetten ab, nur so richtig verstehe ich nicht was das soll. Die klingen ja alle gleich. Halt irgendwie beethoven-existenzialistisch. Man bedient sich also einer geliehenen Morphologie, warum, frage ich? Jeder hat da so seine eigenen kleinen In-die-Tasche-Lügen, bei Ihnen ist es eine irgendwie magische Kraft, die von diesen vier zusammengeleimten Holzstücken auszugehen scheint und einen zur „Überprüfung des eigenen Schreibens“ zwingen soll. Schön wär’s, dann hätte ich mir in den letzten Jahren nicht so viele beinahe ausnahmslos bescheidene Quartette anhören müssen. Wenn das der Grund ist, warum man weiter Quartette machen sollte, dann wäre es besser, keine mehr zu machen. Voilà, Argument ausgeführt.

    Goljadkin

    P.S.: Sie werden lachen (oder auch nicht), wissen Sie, was ich zur Überprüfung des eigenen Schreibens mache? Ich komponiere ab und zu mal eine Fuge. Wenn schon Korsett, dann aber richtig, so daß man kaum noch Luft holen kann. Und wenn dann das Gehirn wieder freigeblasen ist, dann wende ich mich wieder meinen fortschrittsgläubigen Stücken zu.

  8. Alexander Strauch sagt:

    Es is‘ mit Ihnen wie immer: Ihre Insel, meine. Das Problem liegt in den Begriffen:: Morphologie und Besetzung?! Zwar bedingt Besetzung mitunter den Klang, ein sehr dickes Parameter. Aber unter Morphologie verstehe ich die Ergebnisse von Regeln zwischen Motiv und „subkutanem“ Zusammenwirken eher kleinteiliger Kräfte. Schön, dass Sie die Vorbildebene so hoch hängen – mir genügt da irgendwas zwischen Schumann und Cage. Mein Problem ist, dass ich wie so oft mir kaum vorstellen kann, wie Sie klingen könnten. Mir ist das mit Ihnen auf Dauer zu anonym. Ihr gutes Recht, geheim zu bleiben. Wenn es allerdings um mehr als nur Schlagzeilen geht, Begriffsverwirrung herrscht, wäre es manchmal wohltuend, Sie in die richtige Ecke einordnen zu können. Momentan frage ich mich nur noch, sind Sie ein Ricordi-Russe oder Sikorski-Serbe? Oder doch was Namenloseres? Eigentlich unwichtig! So wie jetzt, könnte Ihre Musik für mich wie Modern Jazz Quartet oder Geräuschspektralismus sein, 2 weit entfernte Dinge. Ja, sind Sie der neue Beethoven oder der heimlich-schlaue inkarnierte Taneyev? Keine Ahnung… Das mag Sie jetzt amüsieren. Ich fühl‘ mich aber von Mal zu Mal mehr verarscht, wenn man nicht ansatzweise Sie einordnen kann. Ein Armutszeugnis, gerne. Manchmal hilft aber die Klischeekiste. Ehrlich gesagt: ein nölender Jetzt-DJ-Darmstädter ist mir verständlicher als Sie. Sind Sie gar Gott?!?!

  9. Goljadkin sagt:

    Also das mit meiner Musik, das müssen Sie sich so vorstellen: Ligeti trifft eines Tages Bernhard Lang und sagt zu ihm: „Mensch Bernhard, das mit den Loops ist schon irgendwie cool, voll zeitgeistmäßig und so, das Wiederholungsprinzip ins Extrem getrieben, macht ja schon Debussy, aber Dein Deleuze geht mir unheimlich auf den Sack. Ist ja nicht so, daß Du den entdeckt hättest. Außerdem scheint mir, daß das mittlerweile so eine Masche von Dir geworden ist, immer wenn sich irgendwas loopt, dann denkt man, ach Gott, jetzt fängt der Lang wieder an, ne halbe Stunde rumzueiern. Denk doch mal weiter, denk doch mal „outside the box“, hm?“ – Darauf Bernhard Lang: „Weiß nicht, Gigi, klar, Du bist eher der konzise-Formen-Typ, das hat schon auch was, aber manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich beim Hören Deiner Musik immer auf die Pointe warte. Und ich gebe unumwunden zu, daß mich das von Zeit zu Zeit nervt. Das ist irgendwie voll 20. Jh. Findste nicht auch?“ – Und daneben stand ich und hab mir so meinen Reim auf diesen Dialog gemacht. Und in einer anderen Ecke standen hälsereckend, um was von dem Gespräch mitzubekommen, Schumann und Bernd Alois Zimmermann und haben mir immer eifrig zugenickt, als wollten sie mich ermutigen. So, da haben Sie meine selbstgebastelte Ahnengalerie. Hilft Ihnen nicht weiter? Vielleicht folgendes:

    Goljadkin

  10. @Alexander Strauch

    Goljadkin ist ganz sicher nicht Gott, aber vielleicht einfach ein Troll (also laut Wikipedia eine „Person, die Kommunikation im Internet fortgesetzt und auf destruktive Weise dadurch behindert, dass sie Beiträge verfasst, die sich auf die Provokation anderer Gesprächsteilnehmer beschränken und keinen sachbezogenen und konstruktiven Beitrag zur Diskussion darstellen“)?

    Hm, nun gut, das ist etwas hart, ich differenziere: Goljadkin ist ein „Neue-Musik-Troll“.

    Tja, das klingt jetzt ja fast noch gemeiner … fast, als ob ich Goljadkin auf seinen „blinden Fleck“ aufmerksam machen wollte! Nein, das kann ich nicht tun, das kann einfach ich nicht online stellen! – Oh, ist schon raus!

    „Der Hetzel“ (von Goljadkin dankbarerweise auf den eigenen blinden Fleck [„unkünstlerisches Denken“] aufmerksam gemacht)

  11. Goljadkin sagt:

    @ Stefan Hetzel:

    Nana, warum denn gleich so eingeschnappt. Mit Beleidigtsein ist man hier immer schnell bei der Hand, dabei habe ich hier noch nie jemanden beleidigt. Den Vorwurf des „unkünstlerischen Denkens“ habe ich so nicht gemacht, ich habe nur festgestellt, daß es in meinen Augen unkünstlerisch ist, reale Instrumente durch ihre Samples zu ersetzen. Wie der Name Sample schon sagt, handelt es sich um eine „Probe“ vom Echten. Wenn man mit dem Sample als Medium keinen eigenständigen Umgang übt, dann ist das unkünstlerisch, oder, etwas milder ausgedrückt, uninteressant. Ich frage mich immer, wozu man eine VSL-Einspielung vom Sacre braucht, wenn es doch so viele wunderbare Aufnahmen davon gibt. Gut, als Showcase für das, was heute technisch möglich ist, ja, aber das ist dann ja höchstens eine Ingenieursleistung (nichts gegen Ingenieure), aber sicherlich keine Kunst. Genausowenig hat es mit Kunst zu tun, wenn man seine unaufgeführten Orchester- oder Ensemblestücke in Logic eintippt und mit Samples abspielt. Nimmt man den Sampler als Instrument ernst (ja, sorum wird ein Schuh draus), dann darf man ihn nicht als tumben Sklaven einsetzen, sondern muss ihn eben genau als Instrument begreifen, mit spezifischen Möglichkeiten, Grenzen usw. So wie es z.B. Nancarrow mit dem Player-Piano gemacht hat, was ja im Grunde nur eine frühe Vorform eines Klaviersamplers ist.

    Goljadkin

  12. @Goljadkin

    Unsere Kommentare oben haben sich zeitlich überschnitten – das Web ist schnell.

    Habe mir Ihr „Shift 1“ eben angehört: Was wollen Sie eigentlich, Sie haben’s doch drauf! Sehr schöne Prozess-Komposition, zwei, drei lyrische Stellen haben mich echt verblüfft und bewegt.

    Nun will ich mich auch nicht lumpen lassen und hab ein, was Besetzung und Dauer betrifft, vergleichbares Stück aus meiner Produktion ebenfalls auf soundcloud platziert, und zwar hier.

    Mein Traum geht in Erfüllung: Komponisten argumentieren in Musik statt in Worten :-)

  13. Alexander Strauch sagt:

    @ hetzel/goljadkin: Beides passable Stücke, manches darin sehr schön. Dennoch kehre ich zu Worten zurück! Würde man jetzt die Kette mit ähnlichen Stücken hier fortsetzen, hätten wir irgendwann Saxofon plus 2. Das würde einem durch die Anreicherung von doch ähnlichen Klangansätzen, Formabläufen auch irgendwann mächtig nerven und zu Diskussionen über die Überflüssigkeit jenes von mir unterstellten Genres führen. Aber ist es nicht so, dass wir all der Bagatellen und Fragmente, der 10 Minuten Stücke für Orchester, Flöte-Solo mit/ohne Schlagzeug, Elektronik, Saxofon-Impros, Klarinetten-Impros, Quartette, Klaviertrios, Klavierstücke, Für Stimme solo, etc., usf., usw., überdrüssig sind? Es geht der Blick für das einzelne Stück unter. Deshalb führen Genrediskussionen als reine Form-Diskussion zu kaum etwas. Es ist eher die Institutionsfrage (Danke Johannes K.!): All diese Formate werden entweder von begeisterten Musikern wie den wenigen und sehr prominenten Quartetten angeboten und promotet. Oder jene Festivals und Wettbewerbe, die die anderen Formate/Genres bedienen, fordern. Wir sind eben immer den Fesseln ausgeliefert, die sich uns in der Realität bieten, sei es eine Ausschreibung, ein Auftrag mit seinen Möglichkeiten und Grenzen. Oder schlichtweg die Bekanntschaft mit Instrumentalisten, für die man dann eher als für andere Besetzungen komponiert. So findet man oft unglaublich engagierte Ensembles vor, ist aber doch wieder an deren Vorgaben gebunden, wie shift I wohl an eine nicht endlos denkbare Besetzung gebunden sein dürfte, wie auch Stefans Stück.

    Es ist also piepschnurzegal, welches Genre bedient wird. Wenn man es tut, dann sollte man es so redlich wie möglich tun oder gar dafür ein wenig brennen. Dem Institutionellem dahinter wird man kaum entkommen. Aber man muss ja auch nicht zuvörderst z.B. für die Ardittis schreiben. Ich sage nur, käme JACK, lieber Goljadkin, dann würde ich ggf. richtig schwach werden!!

    Apropos: Ich habe den Eindruck, shift I letzthin, vor ca. 2-3 Wochen live gesehen zu haben…

    Gruß,
    Alexander Strauch

  14. @Alexander Strauch:

    Auch auf die Gefahr hin, dass du (und diverse andere vermutlich auch) jetzt gleich wieder die Augen verdrehen wirst, aber ist der ePlayer nicht ein gangbarer Ausweg für den intrinsisch motivierten, aber institutions-strangulierten bzw. szene-limitierten Komponisten? Gut, es klingt halt nach Tütensuppe, aber Architekten basteln doch auch erst mal 3D-Simulationen ihrer Entwürfe am Rechner, mit denen sie dann ihre potentiellen Auftraggeber erst mal überzeugen müssen, bevor die sie ihr Geld verbauen lassen, oder? Nichts anderes ist ja der ePlayer – ein Pappmodell dessen, was sein soll (welches allerdings von einem wesentlich größeren Teil von Menschen bewertet werden kann als eine Partitur! Ein Gutteil der hier immer wieder anzutreffenden Fundamentalopposition gegen die ePlayer-Technologie scheint mir daher zu kommen, dass jedermann mit deren Hilfe auch komplexeste neue, unaufgeführte Stücke erst mal hören kann, wie „unvollkommen“ auch immer. Aus meiner Sicht ist das ein Stück Demokratisierung eines einstmals elitären Entscheidungsprozesses, andere, v. a. natürlich die „Professionellen“, mögen es als Verlust von Exklusivität bedauern. Außerdem wäre dann endgültig Schluss damit, Entscheidungsträger durch möglichst „professionell“ aussehende Monster-Partituren zu beeindrucken, nur um von der evtl. Dürftigkeit der musikalischen Substanz abzulenken)! Die entsprechende Hard- und Software vorausgesetzt, lieber Alexander, kann also heute jeder Komponist für jede beliebige Besetzung beliebig lange Stücke komponieren und – und das ist neu – diese auch selbst zum Klingen bringen. Welchen Weg diese Musik dann in der „Kohlenstoffwelt“ nimmt – das ist natürlich eine andere Frage. Fakt ist: keine kann sich 2012 mehr darauf hinausreden, sie würde ja so gerne ein Streichquartett komponieren, aber das mit den Ardittis ist ja sowieso unrealistisch, also lassen wir’s lieber gleich, denn drunter mach ich’s ja nicht (womit ich jetzt nicht dich meine natürlich).

  15. Alexander Strauch sagt:

    @ Stefan: Ad eplayer: Ich benutzte gar 2mal synthetische Chöre, synthetische Sprechstimmen, Trashsynthesizer, allein, gemixt mit Gesang und Instrumenten etc. Allerdings wollte ich das dann auch, mag es auch zuletzt aus einer Not entstanden sein. Jetzt war es mir aber tatsächlich mal nach Streichquartett. Der Nachteil dabei ist, dass es viel zu aufwendig wäre, das zu synthetisieren, wo es mir um live gespielt ging. Habe tatsächlich ein wenig die Finale-Zwölfton-Voreinstellung zur mikrotonalen Simulation verändern wollen, es über Logic gelöst, aber nur für ein paar Takte. Hat geholfen, war dann aber auch gut, da mir der Rest dann vertraut war.

    Kommt man vom Mixen, kann ein ePlayer DER Weg sein. Kommt man vom Schreibtisch, vom Instrument, kann es eine von vielen Möglichkeiten sein, die schlicht zum Bestehenden hinzutritt, ohne viel Aufhebens. Ich rege mich v.a. um den philosophischen Suppentext auf. Die Suppe wäre ohne ihn mir bekömmlicher!

  16. Goljadkin sagt:

    Das ehrt mich aber ganz dolle, daß Sie mein Stück „passabel“ finden und gar „manches sehr schön“, Herr Juryvorsitzender Strauch. An diesem Freudentage werde ich mich in aller Gemütlichkeit hinsetzen und ein Glas Schnaps trinken, vielleicht bei einem schönen Teelicht, und dann lasse ich die Glücksexplosion nochmal innerlich passieren, die mein Ego beim Lesen Ihrer wohlmeinenden Worte auf’s dreifache aufgebläht hat. Vom Schnaps angewärmt, beginnen die Worte vor meinen Augen zu verschwimmen, ich beginne zu zweifeln, stand da nicht „gar nicht mal unpassabel, manches darin auch unschön“, oder doch „Gott ist das alles scheiße, wenn man es mit meinen Spektralismus-Streichquartett-Neubelebungsversuchen vergleicht, aber ich lass die armen Idioten mal, ich mach mal den lieben Kompositionsprofessorenonkel, das kommt bestimmt gut“. Dann taumle ich ins Bett und schlafe unruhig, träume von Arditti-meets-JACK-Orgien, in denen sehr viel Kolophonium verbraucht wird, und am nächsten Morgen beschließe ich, den ganzen Scheiß hinzuschmeißen und Pizzabote zu werden. Alles nur wegen Ihnen, Herr Strauch.
    Was dann weiter noch kommt, mit Institutionen und so, das ist irgendwie „the bleeding obvious“.

    miesepetrig

    Goljadkin

  17. Goljadkin sagt:

    @ beide Herren: Was sollen denn die dauernden Anspielungen mit den Ardittis, muss ich jetzt schon wie der Lücker jedesmal „Satire“ hinschreiben?

  18. Alexander Strauch sagt:

    @ goljadkin: Hoffe, der Kater ist verflogen – wobei ich die Katze fliegen sehen möchte. Spass beiseite: Hängen Sie sich nicht an „passabel“ auf! Ich bin tatsächlich nicht vom Stuhl gefallen, als ich Ihr Stück wieder hörte. Nehmen Sie es mir nicht übel! Mir gefällt der absolute Anfang, weil der so schön los will und doch stockt, dann seine Wendung in den Fluss nimmt. Manches verhalteneres Stocken und dann wiederum ganz woanders sich hinwenden hätte mich vllt. im Prozess mehr begeistert. Wenn ich nicht ganz falsch hinhörte, sind es dann weniger Wendungen aus dem Anfang heraus als Schnitte, die andere Perspektiven eröffnen. Diese wiederum haben dann doch was Unerwartetes, gerade weil sie Assoziationen an was Nahes und Entferntes auslösen, wie in sek. 50. Das Sacre-ähnliche Motiv bei 1:30 sowie seine leicht kp.-artige Fortspinnung, da tritt der Kp. mir zu stark ins Visier. Die Exaltationen des Sacre-Ähnlichen bei ca. min 3 finde ich, wie später das Stocken bei 3:40 sehr anregend. Das zwar überspitzte dennoch Spielmusikartige bei ca. 4 min., s. Kp.! Bei 5 verliert es sich eigenartig, wirkt später der Wiederaufgriff des sacreartigen sehr gut. Irgendwie vermisse ich aber den Anfang und kann mich ab 6:30 nicht so Recht mit dem weiteren Verlauf anfreunden. Den Abgesang finde ich bezaubernd, ehrlich!

    Wie Sie sehen, so eine Sache mit mir. Bin wohl schon so Neue-Musik-verseucht, verstockt, dass ich förmlich Sehnsucht nach ewiger Tasterei habe. Ich hatte mir nach Ihren Aufbrüchen nach Musik erweiterter Lebendigkeit tatsächlich irgendwas jenseits von Bernhard Lang, Georg F. Haas und W. Rihm – deren bester Momente – vorgestellt, haben Sie meine Erwartungen schon auch hoch geschraubt, weshalb ich nicht enttäuscht wurde, aber meine Erwartungen auch nicht ganz anders unerfüllt, dennoch nicht neu geweckt worden sind. Sie nahmen durchaus eine hohe Position ein, mit der Sie mein Quartett-Blagen beiseite stellten. Ich stelle mir Musik eben gerne erstmal als durchaus schmerzend vor, träume von einer seltsamen Rauheit, durch den Raum gehen müssen, auch Unliebsamen zum Trotze, nicht immer mit „Schönheit“ entschädigt. Das soll keine Kraft, ja Kraftmeierei ausschliessen, ich will sogar Tempo, Härte, tendiere da aber oft ins einfach nur Ätzende.

    Am Gelingen dessen und auch dessen Scheitern, Ersteres erwünsche ich mir, Letzteres muss ich oft akzeptieren, daran messe ich natürlich auch Ihr Beispiel. Finde auch „seltsame Rauheit“ vor, hätte mir strengere Arbeit von Anfang ausgehend erwartet. Aber da müssen wir auch nicht unbedingt zusammenkommen. Schon gar nicht erwarte ich, dass Sie meine Musik mögen! Es geht mir hier nur um die Frage, jenseits von Festschreibungen von Zustandsberichten und Aversionen gegen institutionell strapazierte Genres, darauf hinzuweisen, dass Abneigung und Situationsschilderungen kein Grund sind, trotzdem nach seinem Weg in gerade jenen Genres zu suchen, besonders wenn man es eben unbedingt möchte, ja erträumte, wie ich mit dem Gestreiche.

    Darüberhinaus sind heute wirklich sowieso alle Topoi erfüllt. Also letztes freimachen, gerade von Gegnerschaft zu Pathos und Quartett, Angst vor Elektronik und Performance, Literaturoper und Regietheater, und einfach machen, keine neuen Tabus in die Welt setzen, um sich abzugrenzen. Zwar grenze ich mich durchaus in meiner Kritik von Ihrer Musik ab. Aber wie gesagt: sehr schön an manchen Stellen, insgesamt passabel, akzeptabel, auf gar keinen Fall zu tabuisieren! Machen Sie einfach weiter, Sie sind schon gar nicht so sehr auf dem Holzweg. Und Buschwerk, Sträucher am Rande, werden Sie auch nicht mehr als dabei pieksen! Corraggio!

  19. Goljadkin sagt:

    Da haben Sie mich aber irgendwie missverstanden, Herr Strauch. Ich habe mich gar nicht am Inhalt des Begriffes „passabel“ aufgehängt, sondern eher an der – im Englischen gibt es den schönen Ausdruck – „patronizing“ Haltung, die hinter dieser Begriffswahl steht. Es ging ja beim Upload des Stücks erstmal nur darum, sozusagen Waffengleichheit herzustellen. Ich wollte gar nicht irgendeine detaillierte Kritik oder Lob, sondern meinem Ärger über die (Achtung Anführungszeichen!) „hinterhältige“ Wortwahl Luft machen. Daß die Musik Ihren Erwartungen nicht gerecht wird, geschenkt. Daß das Stück nicht die neue Große Fuge ist, naja. Daß wir ästhetisch und inhaltlich wohl recht weit auseinanderliegen, okay. Aber „passabel“? Ich bitte Sie, „passabel“ ist ’ne Wurststulle vom Bäcker, „passabel“ ist man angezogen oder auch nicht, „passabel“ ist der Radioempfang vom DLF bei mir Zuhause. Ach Gott, ich merke gerade, wie ich mich da in was reinsteigere. Vielleicht haben Sie’s ja auch einfach nur so gemeint, wie Sie’s geschrieben haben. Sei’s drum.

    Goljadkin

  20. Christian Mangold sagt:

    Ich finde das Stück „shift 1“ von Erich Hermann nicht schlecht. Etwas komisch ist allerdings die Mischung von kieksendem Saxophon und sauberem Klavier. Stefan Hetzels Improvisation hat mir gut gefallen.

  21. @Christian Mangold: Herzlichen Dank, dem Saxofonisten Markus Zitzmann gebührt allerdings ein mindestens ebenso großer Anteil am Gelingen.

    @Goljadkin:

    Genausowenig hat es mit Kunst zu tun, wenn man seine unaufgeführten Orchester- oder Ensemblestücke in Logic eintippt und mit Samples abspielt.

    Ich kann mich da nur wiederholen: Die 3D-Simulation eines Gebäudes (wenn sie gut gemacht ist) kann einen deutlichen Hinweis darauf geben, ob die Ideen des Architekten etwas taugen oder nicht – und das kann auch ein interessierter Laie beurteilen. Konstruktionspläne (bzw. Partituren) aber schon viel weniger. Ob eine brillante 3D-Simulation „Kunst“ sein kann, ist allerdings eine ganz andere Frage. Ich glaube: prinzipiell ja.

    Nimmt man den Sampler als Instrument ernst (ja, sorum wird ein Schuh draus), dann darf man ihn nicht als tumben Sklaven einsetzen, sondern muss ihn eben genau als Instrument begreifen, mit spezifischen Möglichkeiten, Grenzen usw.

    Aber das ist doch eine komplett andere Baustelle! Man könnte fast glauben, Sie halten mich für unfähig, zu begreifen, dass man mit gesampelten Klängen auch anders umgehen kann (granularsynthetisch z. B.). Als langjähriger Praktiker in der Komposition Elektroakustischer Musik kann ich da allerdings nur müde lächeln (sorry, das klingt jetzt etwas grob, aber ihre Polemik zwingt einen halt zur Deutlichkeit).

    @Alexander Strauch:

    Der Nachteil dabei ist, dass es viel zu aufwendig wäre, das zu synthetisieren, wo es mir um live gespielt ging.

    Gut, dass du immer ein Streichquartett an der Hand hast, das dir zeigt, wie’s klingt: Ich nämlich nicht. Dem ePlayer sei Dank macht mir das jetzt immer weniger aus. Wo ist das Problem?

    Kommt man vom Mixen, kann ein ePlayer DER Weg sein.

    Ich komm zwar nicht vom Mixen, sondern von der Improvisierten Musik und vom Jazz, aber trotzdem danke für dieses Zugeständnis.

    Ich rege mich v.a. um den philosophischen Suppentext auf. Die Suppe wäre ohne ihn mir bekömmlicher!

    Dann wart mal ab – das wird noch viel schlimmer, wenn demnächst Harry Lehmanns musikphilosophisches opus magnum Die digitale Revolution der Musik bei Schott erscheint!

  22. Alexander Strauch sagt:

    @ Hetzel: Zum Philosophischen! Grds. begrüsse ich ja den Ruf, die Feststellung nach dem Anwachsen, dem Bedürfnis nach klaren, sozialen, politischen Inhalten. Wahnsinn, wenn das die Nischenfreudigkeit mehr und mehr beseitigen würde. Was mich allerdings an Lehmanns Betrachtung verzweifeln lässt – ja, richtig pathetisch – , ist der Rückschluss aus seiner Ist-Beschreibung eines künstlerischen Soll-Zustandes. Im Prinzip ist das Wasser auf die Mühlen, der kuratierenden Vorsicht-mit-der-Jugend Rufer. Sind diese doch besonders wg. der strengen Blicke der öffentlichen Geldgeber so übervorsichtig und riskieren nur noch von Mentoren x-fach abgesicherte grössere Unternehmungen mit jüngeren Künstlern. Es gibt löbliche Ausnahmen! Die meisten Konzert- und Musiktheaterveranstalter, die doch den Nachwuchs ranlassen, geben diesen selbst nach besten Absicherungen nur ihre kleinen Bühnen. Man ist verurteilt, deren wunderbare Apparate höchstwahrscheinlich erst als Methusalem benutzen zu dürfen.

    So konzentriert man sich auf Alternativen. Mach‘ ich ja auch. Arbeitet mit wenigen Musikern, Sängern, mit wenig Geld, setzt verfügbare Elektronik ein. Das setzt natürlich auch kreatives Potential frei. Ja, es bringt wahrhaft Neueres hervor, zumindest Inhaltlicheres, als die meisten Orchester- und Opernveranstaltungen erzeugen. Die verstehen unter Inhalt ja v.a. das Wiederkäuen der alten Dramenkonstellationen, instrumentalen Gefühlsorgien. So sehr die Grenzen heute zwischen freier Szene und festem Haus verlaufen, so unterschiedlich sind dann doch die Ansätze. Ich für meinen Teil finde die Apparate der festen Häuser doch sehr interessant und meine, dass diese sich wieder, ja stärker denn je öffnen müssen. Sie verschliessen sich aber immer mehr. Gerade, weil z.B. die Politik zwar Offenheit abverlangt, aber auf keinen Fall finanzielle, gleichgesetzt unkalkulierbaren jungen künstlerischen Risiken eingehen möchte, ein Misserfolg gerade durch Öffnung zur Mittelstreichung führt. Das ist absurd, man sollte die Nähe meiden, könntest Du jetzt sagen.

    Aber wie gesagt, diese Apparate haben doch was für sich! Im Bereich der Kultur, der zeitgenössischen Musik erreicht man zwar auch Leute durch Öffnung Richtung Popkultur. Sui generis Interessierte an Kultur holt man aber doch eher aus den bewährten Schlachtschiffen der Hochkultur. So sind insgesamt Konzerte einer auf Neue Musik ausgerichteten Orchester-Konzertreihe besser besucht als dann doch das Clubkonzert. Der Club zieht wenn dann genau die hochkulturell oder im Sinne der freien Szene intellektuellen Zuhörer. Ich hatte letzthin ein Planungsgespräch mit dem Betreiber eines aufs Experiment ausgerichteten Clubgründers in München. Nicht mit dem Berghain wirklich zu vergleichen, aber für München DER global player. Am liebsten würde er einen neuen, geschlosseneren Club gründen, da die jetzt aufgebaute Kundschaft letztlich seinen Wagnissen nicht folgen will. Explizit sagte er, wie wichtig es sei, dass ich mein eigenes Publikum in den Club mitbrächte. Dorthin, wo wir gerade die Rettung oder besser Öffnung der Neuen Musik in eine andere Zukunft sehen.

    Das ist ein Spielfeld, aber eben nicht die Hauptbühne! Und diese zieren sich, verweigern sich, machen sogar auf „Club“. Aber nicht mit den scharfen Inhalten und Tönen, die wir dann doch so pflegen, so oft wir uns auch von ihnen distanzieren mögen, den Ausstieg erklären, um dann doch ein Re-Entry in genau der klassischen Nische der Neuen Musik zu betreiben. So spielt das sich-selbst-klein-machen den Argumenten der festen Häuser und alten Festivals geradewegs in die Hände: Die mögen zwar verstärkt nun kleine Ensembles herein lassen. Ihre Orchester werden sie aber beim geringsten öffentlichen Zweifel dem Nachwuchs vorenthalten. Und im Prinzip zementiert Lehmann dies mit seiner Argumentation: Der zwar kreative, aber doch schlechte Zustand, das ewige Prekariat wird zur Maxime erhoben. Der Zustand wird von ihm richtig erfasst, sieht er genau, wie eher „naive Moderne“ die Hauptbühnen erhalten, dominieren. Aber er fordert sie nicht für seine Schäflein, er lässt auf ihren kargen Weiden darben, zieht einen Zaun um sie, damit sei seinem nostalgischen Denkerpathos nicht entschwinden können. Das ist zwar freundlich gemeint. Letztlich wird die Neue Musik samt ihrer dramaturgischen Probleme fixiert: Bitte keine Neue Musik, aber nur auf Höhe der Neuen Musik, am besten mit Neuer Musik. D.h., in Loslösung durch einen unglaublich erweiterten Materialbezug, was ich auch sehr schön finde, wird dann doch wieder auf die Neue Musik zurückverwiesen: Die Öffnung der Postmoderne wird für sich reklamiert, aber genau deren Offenheit geht wiederum baden, in dem neue Ausschlüsse formuliert werden, wie eben dann Lehmanns Umkreis Quartett und Orchester verflucht. Aufgrund derer Institutionalisierung in der Neuen Musik Radiowelt wohl zurecht. Als ernstgemeinste Genres aber total falsch! Ich sage: Lasst uns mit der neuen Offenheit und der alten Härte genau diese Felder zurückerobern! Scharfe, brutale Inhalte auf den grossen Bühnen, verzweifelt durch die Clubs gestählt, aber nicht in den Gassen eines Kiezes, nein, auf den Foren der polis ausgerufen. Gerade weil es nur diese ewigen Zehnminüter in der Orchesterliteratur gibt, jene Literaturopern, eben doch neue, ganz andere, weitere Sinfonien, grössere Opern, erhabenere Quartette – nicht in Länge oder Pathos. Aber eben mit der Aufgeladenheit von 178 E-Gitarren. Jetzt müssen wir sie sampeln, ist uns das grosse Forum verschlossen. Dennoch müssen wir genau dorthin, all die austreiben, die uns hindern, da hin zu gelangen. Aber was wird getan: Brav deren Vorsicht in die Arme gespielt. Die lassen nur die Braven ran, aber nicht mehr die Tapferen!!

    Wichtig ist

  23. strieder sagt:

    Nur so am Rande: Architekten, welche 3D Renderings machen, sind mir noch nicht begegnet.

    Normalerweise läuft es eher so ab: Ein Bauzeichner macht nach den Vorgaben eines Architekten 2D-Pläne, welche dann anhand der Pläne wiederum von CG-Artists http://surrealstructures.com/architectural-visualization/ fotorealistisch (wenn sie gut sind – oder sehr gut wie im Beispiel oben) umgesetzt werden.

  24. strieder sagt:

    @ hufner: Wieso kann man hier eigentlich seine Beiträge nicht mehr editieren? anmerkung strauch an john: habe es editiert! ja, hufi – das selbsteditieren der kommentatoren vermisse ich als solcher z.b. wenn ich Moritz kommentiere.

  25. Hufi sagt:

    Wo kämen wir da hin. Dinge geschehen und Dinge geschehen nicht. Es ist doch einerlei, bin ich jetzt schon Editionsleiter?

  26. hufi sagt:

    Man muss es mal testen. Jetzt geht es wieder. Irgendwie war da ein Update dieser Funktion eingespielt, obwohl das Update nicht funktioniert. So ist das Leben. Gut, dass ich die alte Version noch vorrätig habe.

  27. Alexander Strauch sagt:

    Lieber Hufi – Danke!

  28. Alexander Strauch sagt:

    Super, es funzt! – wirklich eine Wohltat, wenn Kommentare orthographisch korrigierbar sind! Ein Sonnabendkuss nach K.M.!

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