Anders modern? – Gastbeitrag von Steffen Wick

Im April diesen Jahres berichtete ich schon einmal über die Ausschreibung „Andere Moderne“ von Komponistenkollegen Martin Münch. Hier wurden quasi die Geknechteten und Verachteten des Betriebes aufgerufen, ihre „anderen“ Klavierstücke einzureichen um eine Art wohlklingende Gegenwelt zur subventionierten Festivalkultur zu behaupten. Besonders erwünscht waren hierbei Komponisten, deren Werke mal statt als „E“ als „U“ bei der GEMA eingestuft wurden.

Was ich damals nicht schrieb: einer meiner Studenten, der Komponist Steffen Wick, hatte ein Stück bei dem Wettbewerb eingereicht, und zwar hauptsächlich aus Neugier darüber, was man dort an anderen Stücken zu hören bekommen würde. Und weil er tatsächlich schon Diskussionen mit dem Werkausschuss über E und U-Gehalt seiner Werke führen musste (womit er sich in bester Gesellschaft befindet).

Wie es der Zufall (oder das Schicksal?) wollte, wurde er prompt ausgewählt und durfte die Welturaufführung des ersten Konzertes der „Anderen Moderne“ erleben, darunter auch sein eigenes Stück. Wird diese „Andere Moderne“ Darmstadt oder Donaueschingen das Fürchten lehren? Und wenn nicht – was sind die künstlerischen Konsequenzen einer solchen Ausschreibung?
Hierüber berichtet Steffen Wick im folgenden Gastbeitrag:

Das Klinikum Weissenberg und ein Zuschauerauto

Konzertbericht: „Die andere Moderne – Musik für Hörer“

Als junger Komponist schaue ich mir regelmäßig Ausschreibungen von Kompositionswettbewerben an und da ich stilistisch recht unterschiedliche Werke für verschiedene Kontexte ohne dogmatische Genregrenzen von E und U-Musik schreibe, ist mir die Ausschreibung „Die andere Moderne – Musik für Hörer“ (http://blogs.nmz.de/badblog/files/2012/04/Ausschreibung-Auff%C3%BChrungsm%C3%B6glichkeit-beim-Neckar-Musikfestival-120804.pdf) gleich ins Auge gefallen.

Vor allem die Voraussetzung, dass die einzureichenden Kompositionen „der Werkausschuss der Gema in wenigstens einem Fall als U-Musik eingestuft hat, wogegen der Komponist Widerspruch einlegte“, fand ich zugleich amüsant und spannend. Weil ich selbst mit diesem Thema zu tun habe und inzwischen mehrfach mit dem Werkausschuss (zu meiner Überraschung) positiv und konstruktiv streiten durfte, habe ich aus Neugier eine Klavierkomposition eingereicht und siehe da, mein Stück wurde ausgewählt.

Trotz oder gerade wegen der Bedenken, dass es sich um eine Selbstbeweihräucherungs-Veranstaltung handelt (so zumindest liest sich teilweise der Ausschreibungstext), besuchte ich unvoreingenommen das Konzert am 04.08.2012 im Klinikum am Weissenhof, Weinsberg:

Ansprache von Martin Münch (Veranstalter und Leiter des Neckar-Musikfestivals) als Einleitung des Konzerts:
„Die andere Moderne: was ist das? – Sie ist vielseitig, besteht aus verschiedenen Stilen, befindet sich in keiner Zwangsjacke, in einem bestimmten Stil schreiben zu müssen, um ernstgenommen zu werden. Sie ist ohne Ideologien und verzichtet darauf, auf bestimmte Art komponieren zu müssen, wie es in großen Teilen der Avantgarde Pflicht ist…
– Wie macht sich die andere Moderne fest?“

Daraufhin greift der Pianist R. Klaas ein und sagt:
„Das hören wir am besten an – wir sollten hier keine Schubladen aufmachen.“

Münch abschließend (inzwischen schon mit etwas Weihrauch):
„Wenn nun etwas ganz Anderes, Neues entsteht – Sie sind dabei gewesen.“

Was nun folgt sind 28 Klavierwerke von 28 Komponisten in zweieinhalb Stunden. Ich bin der Jüngste mit Jahrgang 1981, wobei der nächstjüngere Kollege schon der Initiator Martin Münch (*1961) ist. Von da an geht es abwärts bis Jahrgang 1914 (sic!), die meisten Werke sind innerhalb der letzten 15 Jahre entstanden.

Rainer Klaas gibt vor jedem Stück eine kurze Einführung:
„Varianten eines nicht erkennbaren 12-Ton-Themas“
„Hommage an Eric Satie“
„klassisch überschaubare, einfach Form“
„Quartenreiche Verbeugung vor Hindemith“
„Bartok hat solche Sachen geschrieben“
„schön zu spielen, angenehm zu hören“

und Stücke mit Titeln wie:
Nr 3 aus „Schnurri träumt“

Es gibt viele Anleihen an Hindemith und Bartok, oftmals (für mich) wenig erkennbaren Gestaltungswillen oder individuellen Stil. Vieles ist teils epigonenhaft, immer wieder bieder und altherrenhaft. Manchen Kompositionen merkt man den Zwang an, in dem sich ihre Schöpfer fühlten: den Wunsch oder Druck, scheinbar vorherrschende Kompositionstechniken zu erfüllen sowie die Suche nach direkter Klanglichkeit und Sinnlichkeit, was mit der Einbindung von Folklore-Elementen, spätromantischen Gesten und Anlehnungen an Jazz oder Tanzformen wie Baccarole oder Habanera mehr oder weniger gut gelingt.

Klaas spielt souverän auch technisch anspruchsvolle und virtuose Kompositionen – eine ziemliche Leistung, 28 Stücke in einem Zweieinhalb-Stunden Konzert zu spielen.

Es sind knapp 60 Leute anwesend, davon ca. 10 anwesende Komponisten. Das Publikum ist fast durchweg älteren Semesters: Patienten des Klinikums, in dem das Konzert stattfindet? Münch leitet dort übrigens seit 1995 den Bereich Musiktherapie.

Meines Erachtens dürften fast alle Werke definitiv nicht nach U eingestuft worden sein von der GEMA. In der Pause spreche ich mit Martin Münch und erhalte die Bestätigung meiner Vermutung:
„Dieses Kriterium haben wir schnell aufgegeben, denn dann hätten wir nur fünf Kompositionen gehabt. Die Ausschreibung habe ich gemacht, da ich eigentlich mit Kollegen in Kontakt kommen wollte, denen es bei der Einstufung ihrer Werke seitens der GEMA ähnlich erging. Einfach so hätte sich sowieso keiner gemeldet.“

Ich stehe vor ihm und versuche über genau dieses Thema zu sprechen, aber es kommt keine Kommunikation zustande.

Ich spreche Münch auf sein Neckar-Musikfestival an und prompt antwortet er: „Ja das veranstalte ich aber eigentlich eigennützig. Ich mache entweder Programme, in denen ich selbst spiele oder bei denen Kompositionen von mir aufgeführt werden oder ich lade Musiker aus dem Ausland ein, die mich dann wiederum bei sich einladen.“

Ich wünschte ich könnte von einem positiveren Konzertabend berichten, denn den ursprünglichen Gedanke der Ausschreibung finde ich nach wie vor spannend und diskussionswürdig: Noch immer gibt es Ein- und Abgrenzungen von zeitgenössischer Kunstmusik, Stilistiken werden zu Dogmen erhoben und Werke oder Komponisten ausgeschlossen, wenn Sie nicht zum jeweiligen Zirkel gehören. Dies wird deutlich, wenn der oder diejenige von Preisen, Stipendien, Aufträgen oder Aufführungsmöglichkeiten ausgeschlossen wird (und ich rede hier nicht vom Futterneid des kleinen Trogs). So hörte ich erst letztens im Rahmen einer Meisterklasse von Wolfgang Rihm wieder von einer Komponistin, dass ein Veranstalter sich weigerte, ihr Werk aufzuführen, da die Gesangsstimme eine melodische Linie enthielt. Als immer noch recht enge Szene gilt z. B. auch Stuttgart. Dies ließe sich fortsetzen…
Ich sehe es als meine Aufgabe an, dass wir „junge“ und junggebliebene Komponisten uns gegen diese immer noch vorhandenen Tendenzen stellen – jeder auf seine Weise und mit seinen Mitteln. Denn Kunst und wirklich Neues kann nur entstehen, wenn Sie frei von jeglichen Einengungen ist und alles zugelassen werden darf.

Das Konzert kann nochmals erlebt werden:

22.09.12 Bad Rappenau, Wasserschloss 19.30 Uhr
Die andere Moderne – komplettes Programm wie in Weinsberg

23.09.12 Heidelberg, Galerie Melnikow, 17 Uhr
Die andere Moderne – 1. Programmhälfte der Premiere und anderes

24.09.12 Mannheim, Musikschule, 20 Uhr
Die andere Moderne – 2. Programmhälfte der Premiere und anderes

Gründer der "Anderen Moderne", Martin Münch

Moritz Eggert

Komponist

1 Reaktion

  1. strieder sagt:

    Lustig, da will man einem angeblichen Gefängnis entrinnen, und mauert sich dann doch selbst wieder ein ;)

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